Erstmals leben auf unserem Planeten mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Der Dorfaktivist Tapio Mattlar zeigt, wie man in Finnland mit dieser Herausforderung umgeht.
Spuren einer neuen Kultur:
Ein Viertel der westlichen Gesellschaften ist bereit, neuen Werten zu folgen (www.kulturkreativ.net). Die Kerngruppe dieser so genannten kulturell Kreativen schafft die Bausteine einer neuen, integralen Kultur, die auf Nachhaltigkeit setzt. Mit dieser Artikelreihe lade ich ein, über eine Welt nachzudenken, die von den kulturell Kreativen mitgeprägt wird. Diesmal richte ich den Blick nach Finnland. Die hervorragenden Sozialsysteme der skandinavischen Länder bei gleichzeitig sehr hohem Lebensstandard sind bekannt. Auch dass die dortigen Schulen im internationalen Vergleich ganz vorne liegen, ist seit Finnlands wiederholtem PISA-Spitzenplatz mittlerweile sogar von deutschen Kultusministern zur Kenntnis genommen worden. Der Blick über die Ostsee lohnt sich aber auch in anderer Hinsicht: Kleine Gruppen von Idealisten haben es geschafft, eine Bewegung dörflicher Eigeninitiative ins Rollen zu bringen, die dem Leben in den Dörfern fast überall zu neuer Blüte verhalf und schließlich einen regelrechten Landboom ausgelöst hat – ließe sich so das düstere Schicksal insbesondere der ostdeutschen Städtchen und Dörfer abwenden? Der folgende Artikel gibt die Rede des finnischen Dorfaktivisten Tapio Mattlar [ungekürzt!] wieder, die er vergangenen März auf der Konferenz der Alternativen Nobelpreisträger in München hielt. Jochen Schilk
Erst im 14. Jahrhundert begann die Umformung der Natur der finnischen Wildnis in Kulturland durch die ersten Dorfsiedlungen. Zweihundert Jahre später gab es im ganzen Land kleine Dörfer, und diese stellten die kleinsten Verwaltungseinheiten dar. Sie bildeten die Basisstruktur des Landes noch bis zum Jahr 1865, als ein neues Gesetz die Gemeinden zur untersten Verwaltungsebene machte. Dennoch blieben die Dörfer selbstverständlich wichtige Basiseinheiten, wenn sie auch ihren offiziellen Status verloren hatten. Traditionelle Feste und das jeweilige lokale Kulturerbe trugen dazu bei, die gemeinschaftliche Atmosphäre in den Dörfern zu erhalten.
Der Prozess der Verstädterung setzte in Finnland später als in den meisten anderen westeuropäischen Ländern ein. Als Finnland nach dem zweiten Weltkrieg weite Gebiete an die Sowjetunion verloren hatte und die Regierung neue Wohnungen für über 400000 Flüchtlinge finden musste, weil diese es vorzogen ihre Häuser zu verlieren als unter einer fremden Regierung zu bleiben, wurden diese fast alle auf dem Land angesiedelt. Statt Flüchtlingslager zu errichten, suchte man als Unterbringungsmöglichkeit zunächst Familien, deren Häuser noch intakt waren. Eine extensive Landreform ermöglichte schließlich die Ansiedlung der Flüchtlinge: Das zur Verfügung stehende Land wurde unter ihnen aufgeteilt. Die Dörfer bekamen auf diese Weise viele neue Einwohner, und dies trug bis in die 60er-Jahre hinein zu einem starken und unabhängigen Dorfleben bei.
Dennoch kam auch ab Mitte der 60er-Jahre in Finnland die Meinung auf, modernes Leben sei nur in den Städten möglich, und die Dörfer würden deshalb wohl früher oder später aussterben. Das städtische Leben galt allgemein als zeitgemäß und schick, das Bauernleben auf dem Land als überholt. Die lokalen Behörden investierten folglich nicht mehr in die Dörfer und begannen sich auf die erwartete große Wanderung in die Städte und Städtchen einzustellen. Doch die fand niemals wirklich statt. Die Finnen bemerkten nämlich bald, dass das Leben in einem winzigen Wohnblock-Appartement keinesfalls ihren Vorstellungen von hoher Lebensqualität mit ausreichend Platz entsprach.
Die intensive Periode der Urbanisierung dauerte deshalb nur ein knappes Jahrzehnt bis in die Mitte der 70er-Jahre hinein. Dann verlangsamte sich der Prozess und kehrte sich bald ganz um: Seitdem sind jedes Jahr mehr Menschen von den Städten aufs Land gezogen als umgekehrt. Finnland ist noch immer das provinziellste Land der Europäischen Union.
Als ich Anfang der 80er-Jahre mit meiner Familie von Helsinki in ein kleines Dorf 200 Kilometer weiter nördlich – 70 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt – zog, schienen die Zukunftsaussichten für die ländlichen Regionen noch nicht allzu rosig. Der ökonomische Wert der Landwirtschaft und anderer traditioneller Methoden des Broterwerbs schwand dahin, und neue Berufsfelder schienen nur in den Städten zu entstehen. Von Dingen wie Computern oder dem Internet wagten wir auf dem Land nicht einmal zu träumen. Dennoch war man in vielen Dörfern – und auch in meiner Familie – zuversichtlich, früher oder später Möglichkeiten zu finden, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und den dörflichen Lebensraum erhalten zu können.
Selbstbestimmt handeln
Zu dieser Zeit meldeten sich einige aktive und stolze Dörfer zu Wort: Sie wollten ihren schleichenden Tod nicht hinnehmen. Es entstanden erstmals Dorfkomitees, die das Dorfleben auch ohne die Unterstützung der lokalen Behörden entwickeln wollten. Davon angeregt, bildeten sich in den späten 70er- und 80er-Jahren über 3000 Dorfkomitees im ganzen Land. Dieses eindrucksvolle Beispiel für die Selbstorganisation eines Volkes wurde Finnish Village Action Movement genannt, was man mit „Finnische Dorfinitiativen-Bewegung “ übersetzen könnte. Zu Beginn waren diese Komitees vollständig unabhängig und vertraten zum Teil sogar anarchistisches Gedankengut. Sie gehörten keiner Organisation an und lehnten es auch ab, sich als offizielle Körperschaften eintragen zu lassen. Das mag der Grund dafür gewesen sein, dass Gemeindepolitiker und Verwaltung ihr Treiben oftmals mit Argwohn betrachteten. Die Dorfaktivisten hatten in der organisierten Gesellschaft den Ruf von Rebellen, denn neben ihren Versuchen, das kulturelle und traditionelle Leben wiederzubeleben und gemeinschaftliche Dorfverschönerungsmaßnahmen zu initiieren, galten ihre Aktivitäten anfangs vor allem dem Widerstand gegen staatliche Kürzungen bei der ländlichen Infrastruktur.
Später erfuhren die Dorfkomitees mehr und mehr Akzeptanz als legale Bestandteile der Gesellschaft – was ihrem Wunsch nach Integration durchaus entsprach. Die meisten Komitees haben sich mittlerweile als dörfliche Entwicklungsgesellschaften eintragen lassen, was ihnen unter anderem die Möglichkeit eröffnete, legal mit Geld umzugehen und Entwicklungsprojekte in der Region voranzutreiben. Dies wurde insbesondere nach Finnlands EU-Beitritt im Jahr 1995 bedeutsam, weil seitdem Fördergelder für dörfliche Entwicklungsprojekte zur Verfügung standen.
Die einzelnen Dorfkomitees und -gesellschaften haben darüber hinaus auf der lokalen und auf der nächsthöheren kommunalen Organisationsebene ko-operative Strukturen geschaffen, die auch regionale Projekte, Aktivistentreffen und die Wahlen zum „Dorf des Jahres“ organisieren. Zudem gibt es auch auf nationaler Ebene eine Organisation namens Suomen Kylätoiminta ry, die „Dorfinitiativen Finnlands“, geschaffen von verschiedenen nationalen Vereinen. Sie unterstützt die Arbeit der Dorfkomitees und die mit ihnen kooperierenden Organisationen. Im Village Action Movement waren im Lauf der Zeit 40 000 Aktivistinnen und Aktivisten engagiert, die auf diese Weise das Leben von über zwei Millionen Menschen in so unterschiedlichen Bereichen wie Kultur, Freizeit, Kommunikation, Dienstleistungen, Hausbau und wirtschaftlicher Entwicklung positiv beeinflusst haben.
In einem Land wie Finnland, das über eine hohe Lebensqualität und ein starkes soziales Netz verfügt, sehen sich Dorfbewohner normalerweise kaum mit ernsthaften ökonomischen Schwierigkeiten konfrontiert, die sie zwingen würden, in städtische Gebiete abzuwandern. Zwar gibt es auf dem Land weniger Jobs und Dienstleistungsangebote als in der Stadt. Auch sind die Distanzen oft sehr groß und die Straßen schlecht, insbesondere im Norden Finnlands. Doch besitzen heutzutage fast alle Dorfbewohner Autos, Mobiltelefone, Computer mit Internetanschluss, Digitalfernsehen ebenso wie alle anderen „Unverzichtbarkeiten“ des modernen Lebens. Die größten Probleme sind denn auch eher mental begründet: fehlender zwischenmenschlicher Kontakt, wenig Unterhaltung und vielleicht eine gewisse monatliche Schwankung des Einkommens.
Globalisierung versus Regionalisierung
Die Auswirkungen der Globalisierung sind gewaltig, und auch die finnischen Dörfer sind nicht abgelegen genug, um davon verschont zu sein. Die Umstände verändern sich – allerdings in beide Richtungen: Einige Dinge wandeln sich zum Besseren, einige zum Schlechteren. Die Dorfaktivisten sagen: „Wenn der Wind des Wandels weht, sollte man keinen Windschutz bauen, sondern Windmühlen!“ Wir Bewohner der finnischen Dörfer haben stark vom Globalisierungsprozess profitiert. Zum Beispiel hat uns das Internet einige Dienstleistungen wiedergebracht, die wir in den 80er- und 90er-Jahren verloren hatten, wie z.B. das dörfliche Zweigstellensystem der Banken. Heute können wir uns per Online-Banking um unsere finanziellen Angelegenheiten kümmern, ohne in die nächste Stadt fahren zu müssen. Es bekümmert uns auch kaum noch, dass örtliche Postämter geschlossen wurden, seitdem wir von zu Hause aus E-Mails in die ganze Welt versenden können. Wir haben dank dem Internet, der Mobiltelefone und anderer neuer Technologien sogar neue Dienste hinzugewonnen. Wenn die Welt kleiner wird, rücken auch die abgelegensten Ortschaften mental näher an die Zivilisation. Dabei bleiben sie jedoch physisch abgelegen genug, um ihren Bewohnern immer noch Ruhe, frische Luft, genug Platz und Natur bieten zu können.
Ein unschöner Aspekt der Globalisierung ist fast überall, dass multinationale Konzerne wie zum Beispiel McDonalds kleine lokale Unternehmen vom Markt verdrängen. Doch sind diese Multis kaum an Gebieten interessiert, in denen zu wenig Menschen wohnen. Ich bin ziemlich sicher, dass McDonalds in unserem 200-Seelen-Dorf niemals ein Hamburger Restaurant eröffnen wird, sodass der einzige Laden und die einzige Kneipe weiterhin regionale Produkte ohne internationale Konkurrenz verkaufen können. Die größten Bedenken gegen die Globalisierung gibt es in Finnland vermutlich unter den Landwirten. Wegen des nördlichen Klimas können sie ihre Produkte niemals so billig produzieren wie ihre Kollegen in den südlichen Ländern. Dennoch sind die finnischen Konsumenten soweit sehr loyal gegenüber ihren Bauern gewesen, indem sie die lokalen Lebensmittel auch dann den importierten vorzogen, wenn jene billiger sind. Für einige Konsumenten ist das vor allem eine Frage der Qualität. Im nördlichen Klima brauchen die Bauern weniger Chemikalien als im Süden und die extrem langen Sommertage lassen die Pflanzen vitaminreich und aromatisch werden. Wenn die finnischen Landwirte weiterhin auf die Qualität ihrer Produkte setzen, werden sie wohl keine Probleme haben, auf dem globalisierten Nahrungsmittelmarkt konkurrieren zu können.
Die besondere Bedeutung der regionalen Identität
Die Finnen besitzen eine überaus starke nationale Identität. Das wird sicherlich einer der Hauptgründe sein, warum Finnland in internationalen Vergleichen oft so erfolgreich abschneidet. Das Land ist wirtschaftlich eines der leistungsstärksten und am wenigsten von Korruption betroffenen der Welt. Und auch das Erziehungssystem liegt im internationalen Vergleich bekanntlich ganz weit vorne. Unsere nationale Identität beruht dabei stark auf der finnischen Sprache, die sich von den anderen europäischen Sprachen sehr stark unterscheidet. Sie gehört nicht zur indo-europäischen Sprachgruppe, sondern gemeinsam mit dem Estnischen, dem Ungarischen sowie den Sprachen der Samen und einiger Minderheitensprachen in Russland zur finno-ugrischen Sprachgruppe. Finnisch unterscheidet sich so stark vom Englischen, dass moderne international gebräuchliche Ausdrücke für gewöhnlich nicht in unsere Aussprache oder Grammatik passen. Offenbar befürchten etwa einige Franzosen, dass Englisch die französische Sprache langsam „erobern“ könnte, doch in Finnland kommt das gar nicht in Frage. Da wir in unserer Sprache solche Laute und Buchstaben wie b, c, d, f, g, q, w, x und z nicht kennen, müssen wir neue finnische Begriffe für fast alle neuen Erfindungen bilden. Zum Beispiel hat das englische Wort Computer in fast allen Sprachen Eingang gefunden, nicht jedoch im Finnischen. Wir nennen Computer tietokone, eine Wissens-Maschine.
Auf der anderen Seite sind die regionalen Identitäten in Finnland eher schwach ausgebildet. Das mag daran liegen, dass die finnische Kultur vergleichsweise jung ist. Während der letzten Eiszeit konnte man so weit nördlich kaum überleben und nachdem das Eis geschmolzen war, dauerte es eine ganze Weile, bis die ersten dauerhaften Bewohner hier siedelten. Auch dauerte es einige Zeit, bis die finnische Sprache geschrieben wurde. Als eine junge literarische Sprache schreiben wir Finnisch noch immer genau so, wie es ausgesprochen wird und die Dialekte in den verschiedenen Landesteilen liegen ziemlich nahe bei der geschriebenen Sprache. Ich schätze, die finnischen Menschen fühlen sich selbst in erster Linie als Finnen, ganz unabhängig davon, in welcher Region sie leben.
Mir scheint allerdings, dass eine allzu große regionale Identität auch gar nicht erstrebenswert ist, weil sie leicht in einen weltabgewandten Lokalpatriotismus umkippen kann, der alle neuen Einflüsse ablehnt. Das wäre nicht typisch für Finnland. Wir Finnen lassen uns gewöhnlicherweise von neuen Dingen inspirieren und adaptieren technologische Innovationen rasch für den allgemeinen Gebrauch. Respekt zu haben gegenüber alten Traditionen oder gegenüber der Weisheit alter Menschen ist in Finnland nicht besonders verbreitet – vielleicht sogar zu wenig verbreitet. Doch diese Mentalität lässt die ganze Gesellschaft inklusive der ländlichen Dörfer fortschrittlich und flexibel sein.
Auch Rassismus und ultra-konservative Werte sind in Finnland nicht sonderlich populär. Bei den letzten Wahlen hatten wir eine Reihe ultra-konservativer Parteien, mit derselben Programmatik wie die erfolgreichen nationalistischen Parteien in Belgien, Dänemark, Frankreich oder Deutschland. Doch keine von ihnen schaffte es, einen Kandidaten in das Parlament zu bringen. Die finnische Art zu Denken ist ziemlich liberal und egalitär und vielleicht ist auch hierfür unsere Sprache verantwortlich. Im Finnischen gibt es nur ein Wort – hän – für sie und ihn. Wenn Finnen Englisch oder eine andere Sprache sprechen, die hier unterscheidet, machen sie deshalb häufig Fehler mit er oder sie, ganz einfach weil sie es nicht gewohnt sind, auch dann das Geschlecht einer Person mitzudenken, wenn es eigentlich keine Rolle spielt. Es mag deshalb kein Zufallsein, das Finnland als erstes europäisches Land das Frauenwahlrecht einführte und die Gleichberechtigung heute sehr weit verwirklicht ist. (Sie mögen es mir vielleicht nicht glauben, aber in der Alltagssprache benutzen wir nicht einmal das Wort hän – wir sagen se [= es] wenn wir über Männer, Frauen, Tiere oder Dinge reden. Falls ein Land eines Tages das Wahlrecht für Tiere einführt, dann sicher Finnland!)
Der Erfolg dörflichen Engagements
Von den 4000 finnischen Dörfern haben bislang 3900 in Eigeninitiative ein Dorfkomitee oder eine Dorfgesellschaft ins Leben gerufen. Nicht alle, aber doch die meisten haben Erstaunliches bewirkt. Was mit einer kleinen Graswurzelbewegung begann, hat in verschiedenen Dörfern ganz unterschiedliche Formen angenommen – je nach den Umständen der Dörfer und Bedürfnissen der Bewohner. Es scheint so, als läge das Rezept für den Erfolg der Komitees vor allem in der Fähigkeit der Menschen zur Zusammenarbeit begründet, ohne dass sie dabei vordergründig eigennützige Motive verfolgen. Eine solche Haltung hat unter den ländlichen Bewohnern Finnlands eine lange Tradition – was vermutlich auch maßgeblich zur Gründung und raschen Verbreitung der Bewegung beitrug. Die Dorfkomitees waren Ausdruck der Überlegenheit des kleindimensionierten Kollektivismus gegenüber dem reinen Individualismus.
Noch im 19. Jahrhundert war ein langer kalter Winter für viele Finnen lebensbedrohlich, wenn sie es im Sommer nicht geschafft hatten, einen ausreichenden Vorrat an Nahrung für Familie und Vieh anzusammeln. Unter diesen harten Bedingungen lernten die Nachbarn, einander zu helfen. In den Dörfern war deshalb das Wort talkoot von großer Bedeutung. Man könnte es als „freiwillige gemeinnützige bzw. gemeinschaftliche Arbeit“ übersetzen. !v-(In der ehemaligen DDR gab es hierfür wie in den anderen sowjetischen Satellitenstaaten den Ausdruck „Subbotnik“, doch war diese Art gemeinschaftlich-gemeinnütziger Arbeit mehr parteiverordnet als freiwillig. In Südamerika ist diese Kooperation als „Minga“ bekannt; Anm. Jochen Schilk)-v! Indem sie Talkoot ausriefen, schafften es unsere Vorfahren, die Ernte rechtzeitig einzufahren, Straßen und Zäune zu bauen, Dorfschulen zu etablieren und zahllose weitere wichtige Projekte zu realisieren.
Seitdem Traktoren und Erntemaschinen einen großen Teil der Arbeit auf den Höfen erledigen, war die Talkoot-Tradition vom Aussterben bedroht, doch mit der Bewegung der dörflichen Eigeninitiativen erhielt die schöne Idee eine neue Bedeutung. Nun wird in den Dörfern Talkoot ausgerufen, um Kulturhäuser oder Sommertheater zu errichten, die Umwelt schöner und attraktiver für Touristen zu machen, Kindertagespflege und Altenpflege zu organisieren, Wassersysteme zu bauen – oder was auch immer gerade anliegt. Das Prinzip des Talkoot besteht darin, dass niemand für die Arbeit bezahlt wird, aber derjenige, der das Ereignis vorbereitet und davon profitiert, für das leibliche Wohl der Arbeiter sorgen muss (wobei meist das traditionell selbstgebraute Bier sahi serviert wird.) Heute wird mitunter Talkoot nur aus dem Grund ausgerufen, den dörflichen Gemeinschaftsgeist zu stärken und die Freude zu spüren, die entsteht, wenn man gemeinsam etwas Sinnvolles schafft.
In der Ortschaft Eskola haben die Einwohner einen alten Lokschuppen zu einem Gemeindehaus umgebaut. Dann begannen einige, in diesem Haus Essen und Veranstaltungen für die Alten zu organisieren. Später entschied das Dorfkomitee, im Gemeindehaus einen Kindergarten einzurichten und rings um das Haus weitere Häuser für Familien und Angestellte zu bauen. Der Mahlzeitendienst für die Senioren und der für die Kinder wurden dann zusammengelegt. Heute will keiner von den Alten in Eskola mehr in das Altersheim des Landkreises umziehen; sie möchten alle so lange wie möglich in ihrem eigenen Dorf bleiben.
Die gegenwärtige Rolle der EU
Wenn die Dorfkomitees in den Anfangsjahren der Bewegung Geld für ein Projekt brauchten, riefen sie auch hierfür Talkoot aus. Einige Dörfer unterhalten noch heute ihr eigenes Sommertheater, in dem sie mit selbstgeschriebenen Stücken erstaunliche Geldmengen für die Dorfentwicklung einnehmen. Der Ort Kaivola im süd-westlichen Finnland ist ein Beispiel dafür, wie aus einer Dorftheatergruppe heraus die Initiative für ein Dorfkomitee entstand. Die Theatergruppe hatte zunächst das Ziel, die Renovierung einer Windmühle zu finanzieren. Nach der Realisierung dieses Projekts wollte man aber das Theaterspielen nicht aufgeben und hat seitdem mit den Vorführungen das Geld für verschiedene andere Dorfaktionen gesammelt. Dazu gehört unter anderem der Kauf von 20 Hektar Land für ein Dorfhaus und als Baugrund für neue Siedler.
Heute gibt es allerdings diverse EU-Förderprogramme, die den Dorfgesellschaften nicht unerhebliche finanzielle Unterstützung für ihre Projekte bieten. Das Wichtigste in dieser Hinsicht ist das LEADER-Programm und seine finnische Variante POMO. Die Dorfgesellschaften waren sofort nach dem finnischen EU-Beitritt 1995 bereit, diese Gelder mit ihren Projektideen abzurufen – während andere Beitrittsländer noch lange überlegten, wie sie diese Angebote in Anspruch nehmen könnten. In meinem Dorf hatten wir Ende der Neunziger Jahre alleine fünf solcher Projekte: ein Projekt, um den Tourismus anzukurbeln, eines, um den Badestrand auf Vordermann zu bringen, ein weiteres, um aus dem Sommerfest ein nationales Sommerfestival entstehen zu lassen, ein Naturlehrpfad-Projekt und ein Projekt zur Pflege des Dorfbilds.
Dabei hat sich in vielen Dörfern Finnlands erwiesen, dass Geld nicht unbedingt immer glücklich macht. Während die Aktivisten jahrelang fast ohne jede Hilfe von außen die unterschiedlichsten Vorhaben verwirklicht hatten, ließen die zum Teil recht umfangreichen Geldsummen aus den Förderprogrammen mitunter neue Probleme erst entstehen. Die Dorfbewohner waren nämlich nicht länger interessiert, sich an Talkoot zu beteiligen, wenn an diesem Projekt auch bezahlte Leute mitarbeiteten. Da wurden schnell Zweifel laut, ob das viele Geld wirklich in der bestmöglichen Weise ausgegeben worden war oder ob einige Arbeiter nicht zu viel Aufwandsentschädigung erhalten hatten. In einigen Dorfgesellschaften wurde so viel gestritten, dass die Projekte komplett scheiterten. Mittlerweile haben die meisten Dörfer jedoch gelernt, den Fördergeldern gegenüber eine entspanntere Haltung einzunehmen, so dass derartige Schwierigkeiten abgenommen haben.
Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union hat jedoch nicht nur Geld gebracht, sondern hat den Dörfern und der ländlichen Politik auch eine neue Art zu denken auferlegt. Zum Beispiel stehen Umweltfragen heute viel mehr im Mittelpunkt als zuvor. Wir haben in Finnland keine größeren Umweltprobleme, und das mag ein Grund gewesen sein, warum die Regierung dörfliche Umweltprojekte vor 1995 kaum unterstützt hat. Nun, da diese Fragen mehr Bedeutung erlangt haben, steht auch mehr Geld dafür zur Verfügung. Auf meinem eigenen Hof arbeiten wir schon seit Jahren nach ökologischen Prinzipien. Unser besonderes Augenmerk gilt dabei dem Erhalt unserer traditionellen Kulturlandschaft, die wir durch den Einsatz von Sägen und Schafen von Überwucherung freihalten. Während die finnische Regierung solche Aktivitäten niemals in irgendeiner Weise gefördert hat, tut die EU dies sehr wohl.
Auf meinem eigenen Hof arbeiten wir schon seit Jahren nach ökologischen Prinzipien. Unser besonderer Augenmerk gilt dabei dem Erhalt unserer traditionellen Kulturlandschaft, die wir durch den Einsatz von Sägen und Schafen von Überwucherung freihalten. Während die finnische Regierung solche Aktivitäten niemals in irgendeiner Weise gefördert hat, tut die EU das sehr wohl. Wir sind sehr froh darüber und hoffen, dass das auch in Zukunft so bleibt.
Ein Netz aus dezentralen Einheiten
Während der vergangenen Jahre hat es einen konstanten Zustrom neuer Bewohner in die ländlichen Regionen Finnlands gegeben. Viele von ihnen sind in der Stadt geboren, so dass man nicht von Rückkehr sprechen kann; sie teilen vielmehr die Überzeugung, dass die Lebensqualität auf dem Land höher ist als in der Stadt. Kürzlich druckten die Zeitungen eine Statistik zu den innerfinnischen Wanderungsbewegungen des vergangenen Jahres. Der größte Verlierer war demnach die Hauptstadt Helsinki (minus 1462 Einwohner). Die Gewinner waren die Dörfer um die Städte.
Familien, die ihre städtischen Wohnungen verkaufen, um aufs Land zu ziehen, folgen der starken Vision, dass es lohnenswert sei, das Landleben lebendig zu erhalten. Die Orte im Umkreis der Städte erfreuen sich großer Beliebtheit, zumal viele neue Dorfbewohner nach wie vor in der Stadt arbeiten. Doch auch die sehr weit abgelegenen Dörfer – wie dasjenige, in dem ich lebe – haben neue Bewohner hinzugewonnen.
In einer Hinsicht ist es allerdings etwas unglücklich, dass sich die neuen Landbewohner über das ganze Land verteilen. Für sie wäre es einfacher, all die neuen, für das Landleben notwendigen Fähigkeiten gemeinsam zu erlernen. Doch die meisten der stadtmüden Menschen träumen von einem Leben in einem großen alten Landhaus – und davon gibt es in einem Dorf meist nicht viele zu kaufen. Deshalb sind wir weit verstreut lebenden neuen Landbewohner gezwungen, per E-Mail und über Mailinglisten zu kommunizieren. Manchmal treffen wir uns auch auf Versammlungen oder besuchen uns gegenseitig.
Es gibt auch einige internationale Netzwerke, wo man in Kontakt mit Menschen kommen kann, die Ideen für ein anderes Leben auf dem Land vertreten. Eines davon ist das Global Ecovillage Network, Sektion Europa (www.gen-europe.org). In Finnland gibt es zudem einen Verband der Kommunen und Gemeinschaften, zu dem auch unsere Farm gehört – auch wenn wir nur im Sommer so etwas wie eine Gemeinschaft sind, wenn es für alle Interessierten möglich ist, gegen Kost und Logis auf unserem Land zu arbeiten. Über die Jahre hatten wir so eine ganze Menge arbeitende Gäste aus Finnland und dem Ausland. Es ist immer interessant, mit diesen Gästen über die unterschiedlichen Lebensstile innerhalb der modernen Gesellschaft zu sprechen.
Die Menschen, die aufs Land ziehen, bewegt eine große Bandbreite an Motiven. Einige wollen sich so weit wie möglich selbst versorgen, einige möchten Reitpferde halten, manche wollen so oft es geht angeln oder jagen, und wieder andere wollen einfach ihre Kinder in einer gesunden Umgebung aufwachsen sehen. Alle verbinden sie jedoch zwei gemeinsame Gedanken: Sie sind nicht bereit, wirtschaftliche Werte über ihre Lebensqualität zu stellen, und sie glauben nicht, dass Zentralisierung in einer modernen Welt notwendig ist.
Zentralismus kann mitunter aus finanziellen Gründen vernünftig erscheinen, aber er kann für Menschen auch beklemmend und gewaltsam sein. Umfragen haben gezeigt, dass heute die Hälfte der finnischen Stadtbevölkerung von einem Leben auf dem Land träumt und dass von diesen ungefähr zehn Prozent ihren Traum innerhalb der nächsten Jahre wahrmachen wollen. Die meisten von denen, die nicht aufs Land ziehen möchten, verbringen zumindest ihre Ferien dort. In Finnland haben wir mehr Sommerferienhütten als irgendwo sonst auf der Welt, und manche Dörfer verdoppeln während der Saison ihre Einwohnerzahl. Der Verband der Dorfkomitees in meiner Region hat nun eine Kampagne gestartet, um den Leuten zu helfen, ihren Traum von einem Leben auf dem Land wahrzumachen. Ihr Motto lautet: Das Glück lebt auf dem Land!
Die Aufgaben wandeln sich
1992 wurde der finnischen Bewegung der dörflichen Eigeninitiativen der Alternative Nobelpreis dafür verliehen, dass diese einen „dynamischen Weg zur Wiederbelebung ländlicher Gegenden, zur Dezentralisierung und zur Ermächtigung des Volkes (empowerment of the people)“ aufgezeigt habe. Die finnischen Dorfaktivisten setzen noch immer in den Dörfern Dinge in Bewegung, wenn sich auch ihre Projekte von denen aus den Anfangsjahren unterscheiden. Heute unterscheiden sich die Aktivitäten in den Dörfern kaum von Entwicklungsprojekten jeder anderen regionalen Nicht-Regierungsorganisation. Dennoch herrscht in den unabhängigen Dorfgesellschaften noch immer ein ganz besonderer, anarchischer Geist. Wenn wir eine gute Idee haben, können wir theoretisch gleich morgen früh mit der Umsetzung beginnen, ganz ohne irgendwelche Planungstreffen und ohne irgendjemanden um Erlaubnis bitten zu müssen. Das ist ein großer Unterschied zu bürokratischen Gesellschaften, die landesweiten Vereinigungen angehören. Dieser besondere Geist der dörflichen Eigeninitiativen könnte durchaus auf andere Länder übertragbar sein, und wir hatten schon oft Gäste aus Schweden, Estland und anderen Ländern, die mit eigenen Augen sehen wollten, was wir in unseren Dörfern so auf die Beine stellen. Dennoch scheinen die speziellen Umstände in Finnland so einzigartig, dass es wohl schwierig wäre, unseren Ansatz an einem anderen Ort exakt zu kopieren. Die Formen der jeweiligen Aktivitäten sollten von Land zu Land neu gefunden werden, damit sie tatsächlich den dringendsten Bedürfnissen der Dorfbewohner entsprechen.
Das Allerwichtigste ist dabei, dass die Menschen, die in den Dörfern leben, tatsächlich überzeugt davon sind, dass die Zukunft ihres Ortes gut sein wird, wenn sie heute anfangen, gemeinsam dafür zu arbeiten. Sie dürfen nicht darauf hoffen, dass Hilfe von außerhalb kommt, denn diese Hilfe kommt vielleicht nicht rechtzeitig vor dem Aussterben des Dorfes. Sie müssen deshalb anfangen, ihre Probleme selbst zu lösen – wenn sie dabei später Hilfe erhalten, ist das immer noch eine schöne Überraschung. Eine Gruppe kann dabei naturgemäß viel mehr erreichen, als ein oder zwei Menschen alleine. Am Anfang muss deshalb eine Idee oder ein Traum stehen, für dessen Verwirklichung viele Menschen bereit sind, sich einzusetzen. Dann sollte ein Plan gemacht werden, wie das Ziel erreicht werden kann, und schließlich sollte regelmäßig daran gearbeitet werden, zum Beispiel ein- oder zweimal die Woche.
In meinem Dorf sind wir nun dabei, Material für eine Dorfchronik zu sammeln. An jedem zweiten Samstag treffen wir uns und sichten alte Fotos, Landkarten und anderes Material, das wir von Dörflern und Ex-Dörflern bekommen haben. Bei diesen Treffen lesen wir auch Erinnerungen aus dem Dorfleben vergangener Tage und diskutieren, welche davon wert sind, in unserer Chronik abgedruckt zu werden. Das alles macht eine Menge Spaß, und ich freue mich schon sehr darauf, das Buch in Händen zu halten, wenn es im Sommer 2006 veröffentlicht wird .´
Übersetzung aus dem Englischen: Jochen Schilk.
Tapio Mattlar ist Journalist, Herausgeber einer Zeitung, Landwirt und Musiker. Als einer der bekanntesten Dorfaktivisten nahm er 1992 im Namen der Bewegung den Alternativen Nobelpreis entgegen. Mit seiner Frau, der bekannten finnischen Sängerin Marja Mattlar, hat er drei Kinder. http://www.vuorenk.pp.fi/tapio/
Das Village Action Movement im Netz
http://www.maaseutuplus.net
http://www.rightlivelihood.org/recip/village-action.htm
http://www.lal.dk/rural-movements-of-europe.pdf
http://www.mmm.fi/english/agriculture/rural_areas/
http://www.A4_Kaksip._Englanti.pdf
http://www.nivala-haapajarvi.fi/nn/links.php
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