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erschienen in Ausgabe 140  PDF-Version (236.13 KB)
Aufstieg und Absturz der argentinischen Tauschmärkte: Zukunftswerkstatt für deutsche Regionalwährungen?

In der deutschen Diskussion um regionale Währungen wie den „Chiemgauer“ findet eines der lehrreichsten Beispiele für die Praxis solcher Geldmodelle zu wenig Beachtung: die informellen Tauschmärkte mit eigener Geldschöpfung in Argentinien. Ihr rasanter Aufstieg und der nachfolgende Absturz bilden ein reiches Erfahrungsfeld, aus dem wichtige Lehren für die Schaffung nachhaltiger Regionalwährungen gezogen werden können.


Stellen Sie sich vor: Sie gehören zur demnächst absehbaren Mehrheit unserer Gesellschaft, den Arbeitslosen und Unterbeschäftigten. Der Euro hilft Ihnen nicht, weil Hartz IV zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist, und die Europreise klettern weiter. Also gehen Sie zum Regionalmarkt und lassen sich Ihren Startkredit in Regiowährung ausbezahlen. Niemand fragt, ob Sie „kreditwürdig“ oder „qualifiziert“ sind. Sie brauchen auch keinen Businessplan, keinen Unternehmens- und Steuerberater, noch nicht einmal einen Gewerbeschein. Es gibt auch keine Steuererklärungen, keine Vorschriften und Abgaben. Sie fangen einfach an und verkaufen, was Sie können und was gefragt ist: Speisen, Getränke, Selbstgemachtes, Dienstleistungen. Sie wissen, wer was wie und wo herstellt. Was Sie kaufen und anbieten, essen, tragen und benutzen, schmeckt, ist gesund, schön und macht Freude. Sie lernen viele Menschen kennen, sie lernen viel über sich selbst und die anderen. Sie lernen, was auf dem Markt geht und was nicht. Qualität und Fairness sprechen sich herum und werden belohnt. Sie merken: Handeln (im doppelten Wortsinn) ist spannend, macht Freude und Freunde und lohnt sich in vielfacher Hinsicht …
Diese Erfahrungen konnten Millionen Menschen in Argentinien machen; die informellen Tauschmärkte mit eigener Barwährung haben ihnen in einer verheerenden Wirtschaftskrise das Überleben erleichtert.
In Deutschland gibt es bisher nichts Vergleichbares, sondern nur ein schmales Spektrum von Regional-währungen: mangels Barzahlung, Märkten und Läden nur schleppend laufende Tauschringe, regelmäßig entwertete, eurobasierte „Chiemgauer“ oder „Berliner“ und selbst geschöpfte Regiogelder, die ebenfalls auf dem regulierten, durch Zinsen, Steuern und Abgaben abgemolkenen Euro-Markt basieren.

Vom Musterknaben zum Sozialfall

Im Jahr 1998 war im Anlegermagazin „Börse online“ über Argentinien als „attraktive Anlagechance“ zu lesen. Eine „vorbildliche Öffnung für den Weltmarkt“ und „konsequente Haushaltskonsolidierung“ verbunden mit weiteren Reformen ließen eine „Fortsetzung des Wachstumskurses“ erwarten.
Sieben Jahre später klingt das Sprichwort unserer Großeltern, „reich wie Argentinien“, wie ein Hohn. In den Jahren des Grauens ab Ende 2001 kam über die Argentinier ein veritabler ökonomischer Super-GAU mit galoppierender Inflation, Ausradierung des Mittelstands, Unterversorgung mit Nahrungsmitteln, Plünderungen, Run auf die Banken und einem Beinahe-Staatsbankrott.
Die Zeitbombe begann 1991 zu ticken. Argentinien hatte den Krieg um die Falkland-Inseln, die Militärdiktatur und eine Hyperinflation überstanden. Nach der Währungsreform wurde der neue Peso im Verhältnis 1:1 an den US-Dollar gekoppelt, um die Inflation in den Griff zu bekommen und das Vertrauen internationaler Investoren zu gewinnen. Dies geschah fast auf dem Tiefststand des internationalen Dollarkurses.
Man hoffte, so genug internationale Investitionen anzuziehen, um der chronisch defizitären Wirtschaft eines Schwellenlandes beizukommen, das einst über eine beachtliche industrielle Basis verfügte, die aber durch fehlende Investitionen, Dollarbindung und Konkurrenzdruck des Nachbarn Brasilien weitgehend zerstört worden war.
Zwar stellte sich ein bemerkenswerter Wirtschaftsaufschwung ein, doch die Rohstoffpreise verfielen weiter, und der Dollar begann zu steigen. Dies belastete die Handelsbilanz zunehmend und trieb den Peso immer weiter in die Überbewertung. Im November 2001 begannen die verzweifelten Sparer, ihre Pesos von den Banken abzuheben und in Dollars zu tauschen. Um nicht zusammenzubrechen, schlossen die Banken die Schalter und rationierten die Auszahlungen. Doch die Dollarreserven der argentinischen Zentralbank schmolzen weiter dahin. Wegen der Dollarbindung musste sie die umlaufende Pesomenge entsprechend reduzieren, was der Wirtschaft die Luft abschnürte. Im Dezember 2001 wurde der Peso vom Dollar abgekoppelt und verlor binnen weniger Monate fast 75 Prozent seines Werts. Die Staatsfinanzen brachen mit der Wirtschaft zusammen, und der Staat stellte seine Zahlungen in Peso weitgehend ein. Die argentinische Zentralbank beschränkte die Geldmenge extrem; sie betrug pro Kopf schließlich nur noch ein Viertel von derjenigen in Großbritannien. Als erstes Land in Friedenszeiten musste Argentinien seinen ausländischen Schuldendienst einstellen (und konnte ihn nach langen Verhandlungen erst im letzten Mai wieder aufnehmen).
In der Folge gingen die argentinische Staatsregierung, die Provinzen und Kommunen dazu über, vorwiegend in Bonos zu bezahlen, verzinste Zahlungsversprechen auf Pesos, die irgendwann einmal einlösbar sein sollten, aber nie die Akzeptanz und Kaufkraft „richtiger“ Pesos erreichten.
Zwischen Oktober 2000 und Oktober 2002 stieg die Zahl der Armen von 28 auf 58 Prozent und die Zahl der in extremer Armut Lebenden von 9 auf 25 Prozent. Das Durchschnittseinkommen der Argentinier sackte durch Massenarbeitslosigkeit und Lohnsenkungen ins Bodenlose, während die Lebenshaltungskosten allein im Jahr 2002 um mehr als 70 Prozent anstiegen. Dies führte zu einer dramatischen Verschlechterung des Lebensstandards; Nahrungsmittel, Artikel des täglichen Bedarfs, Telefon, Wasser, Strom waren für weite Bevölkerungsteile fast unerschwinglich geworden.
Von Anfang an zeitigte die neoliberale Öffnung Argentiniens zum Weltmarkt die typischen Folgen der Globalisierung: zunehmende Verarmung besonders des Mittelstands, sinkende Realeinkommen, steigende Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, gesellschaftliche Polarisierung. Parallel dazu formierte sich jedoch eine ökosoziale Bewegung, zunächst vor allem getragen von der Nicht-Regierungsorganisation „Programa de Autosuficiencia Regional“ (PAR), dem „Programm für regionale Selbstversorgung“.

Die Explosion des „Trueque argentino“

Am 1. Mai 1995 organisierte das PAR im Stadtteil Bernal von Buenos Aires in einer Garage den ersten nachbarschaftlichen Tauschmarkt mit etwa 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Zahlungen erfolgten anfangs nach dem Mutual-Credit-Prinzip der Tauschringe, d.h. jeder Nutzer bekam ein Konto mit dem Kontostand Null und einem einheitlichen Kreditlimit und addierte auf Formblättern seine Ausgaben und Einnahmen, die dann in einer Zentralstelle auf den Konten gebucht wurden. Dies wurde mit der schnell wachsenden Zahl der Nutzer und Umsätze bald zu einer enormen Arbeitsbelastung, und man ging dazu über, statt geldloser Buchungen Coupons zur Barverrechnung einzuführen. Dies vereinfachte und beschleunigte den Kauf und Verkauf erheblich.
Die Kombination aus niedrigschwelligem, informellem und unreguliertem Markt ohne Steuern und Abgaben, aus Barverrechnung und zunehmender Verarmung sorgte dafür, dass die die Zahl der Nodos (Knoten) genannten Tauschmärkte schon 1998 auf 17 anstieg. Vier Jahre später, 2002, war mit etwa 5000 Knoten ein landesweites Red (Netz) mit mehreren Millionen Teilnehmern entstanden.
Der Trueque (Tauschhandel) wurde durch Abkommen mit staatlichen Stellen zusätzlich unterstützt, die diesen wirtschaftlichen Wildwuchs nicht nur tolerierten, sondern auch förderten, indem sie z.B. bei der Beschaffung von Örtlichkeiten und Genehmigungen zur Abhaltung der Märkte halfen.

Die Neuerfindung des Markts

Zu Beginn achtete man verstärkt darauf, dass sich in den Tauschmärkten nicht dieselben Muster und Prozesse wie im formalen Markt wiederholten: Anonymität, Spekulation, Betrug, Akkumulation von Geld, Macht und Kapital. Im großen, formellen Markt ist diesen Erscheinungen nur durch Regulierung, Bürokratisierung und staatlichen Zwang beizukommen.
Generell wollen Tauschmärkte die dunklen Seiten der Marktwirtschaft durch Überschaubarkeit, persönliche Vertrauensbeziehungen und soziale Kontrolle bannen, wozu regelmäßige Gruppenrituale und Gesprächsrunden dienen, in denen u.a. „gerechte“ Preise für begehrte Güter wie z. B. Grundnahrungsmittel festgesetzt und wirtschaftliche Grundkenntnisse vermittelt werden. Auch die Argentinier verstanden sich als Prosumidores, als gleichzeitige Produzenten und Konsumenten (Prosumenten) in Personalunion, was bedeutet, dass keine Zahlungsmittel akkumuliert, sondern der erwirtschaftete Ertrag sofort wieder konsumiert werden sollte, um das Zahlungsmittel im Fluss zu halten und die Anhäufung von Macht und Kapital zu verhindern, getreu dem Motto „Tauschen statt Gewinn machen“. Man gab sich eine Reihe von Regeln, u.a. ein Zwölf-Punkte-Programm analog dem der anonymen Selbsthilfegruppen.
In einem gemeinsamen Rollenspiel wurden in den Gruppen Aufgaben und Funktionen zugeteilt und nach dem Rotationsprinzip weitergegeben. So sollten die Prosumenten den fairen Umgang mit Macht einüben. Armut wurde als schlichtes Missverständnis aufgefasst: „Arm ist, wer mit dem unzufrieden ist, was er besitzt und widerwillig nach dem strebt, was er begehrt und nicht zu verdienen glaubt“. Man verstand sich als „Bewusstseinsarbeiter“ und praktizierte, was man erkannt hatte: dass Solidarität das beste Geschäft ist und Wohlstand ein Ausgangspunkt und kein Ziel, dass man wohlhabend ist, indem man seine Fähigkeiten, Ideen und Beziehungen erkennt und nutzt. Es ging um nichts Geringeres, als dieses „Paradigma der Fülle“ in seinem täglichen Verhalten als Prosument umzusetzen und eine solidarische Ökonomie der Fülle mit sozialer Währung ohne Spekulation, Polarisierung und Machtmissbrauch zu schaffen, also den Markt gleichsam neu zu erfinden.
Die Tauschmärkte wurden überwiegend von Frauen ab 40 und ihren Kindern getragen, was die solidarische Ökonomie auch zur praktizierten „weiblichen“ Wirtschaft machte und als Gegenmodell zum patriarchal geprägten neoliberalen Kapitalismus etablierte.

Niedergang durch Größe

Doch die Dinge entwickelten sich anders: Die Massen-verarmung, die sich parallel zu dem sich seit 1998 beschleunigenden wirtschaftlichen Abschwung in ungeahntem Ausmaß ausbreitete, sorgte für einen dramatisch zunehmenden Andrang Notleidender in die Tauschmärkte. Gleichzeitig gab es auf Seiten des PAR Bestrebungen, den Tauschhandel landesweit zu vereinheitlichen. Nodos, die bisher unabhängig waren, sollten sich organisatorisch an das vom PAR favorisierte „globale Tauschnetz“ (Red Global de Trueque, RGT) anschließen und die PAR-eigenen Tauschcoupons namens Crédito übernehmen. Zusätzlich zeichnete sich eine Institutionalisierung und Hierarchisierung des RGT ab. Es entstanden „Räte“ und „leitende Gruppen“, die auch über die Emission der Créditos entschieden und deren basisdemokratische Kontrolle fragwürdig war.
Um dem Andrang gerecht zu werden und das System des globalen Tauschnetzes landesweit zu verbreiten, entschied man sich für ein „soziales Franchising“. Dazu wurden in den jeweiligen Knoten Organisatoren benannt, die an neue Prosumenten jeweils 50 Créditos für 2 Pesos verkauften, wobei der Crédito im Wert dem Peso entsprechen sollte, aber nicht eintauschbar war.
So wurde die Registrierung neuer Nutzerinnen und Nutzer und die Verausgabung von Créditos recht großzügig gehandhabt. Es kam zu Mehrfachregistrierungen, massenhafter Fälschung und unkontrollierter Über-emission.
Das rasante Wachstum des RGT auf mehrere Hunderttausend Nutzer erreichte schnell eine Größenordnung, die dieselben Schattenseiten hervorbrachte wie der ebenso anonyme formelle Markt: Spekulation, Polarisierung, Missbrauch, Betrug und – einhergehend mit zunehmender Intransparenz und fehlender sozialer Kontrolle – ein schneller Vertrauensverlust in das System und den Crédito selbst.
Mit der Anonymisierung der Tauschmärkte entstand verstärkter Regulierungsbedarf, der einerseits intern mit einem immer dichteren Regelwerk, andererseits auch von den Behörden durch zunehmende Kontrollen und Vorschriften bedient wurde. Auch insofern wurde der Trueque der formellen Wirtschaft immer ähnlicher und somit unattraktiver.

Idealisten, Pragmatiker und der Staat

Im RGT selbst regte sich Protest gegen die zunehmende Intransparenz, Hierarchisierung und „Vermachtung“ des Systems. Schließlich kam es zum Eklat, als die Leitungsgruppe ohne demokratischen Prozess den Verkauf von 50 weiteren Créditos pro Nutzer verfügte. Diese Entfremdung führte schließlich zur Abspaltung des „solidarischen Tauschnetzes“ (Red de Trueque Solidario, RTS) vom RGT.
Innerhalb des RTS versucht man seitdem, der reinen Lehre der solidarischen Ökonomie treu zu bleiben und Basisdemokratie sowie strikte Abgrenzung vom Staat und der formellen Ökonomie zu üben, wogegen man beim RGT sehr viel pragmatischer auch gemischte Preise aus Créditos und Pesos zulässt sowie „richtige“ Unternehmen in die Tauschmärkte integriert. Bis heute tobt zwischen den einstmals befreundeten „Pragmatikern“ und den sozialen „Bewusstseinsarbeitern“ eine mit religiösem Eifer ausgetragene Rivalität.
Obwohl der Crédito im Wert immer dem Peso entsprechen sollte, waren die Preise in den Nodos von Anfang an erheblich höher als im formellen Markt. Zudem waren die Tauschmärkte stets von der Pesowirtschaft abhängig, da die meisten Grundstoffe und Produktionsmittel, die von den Prosumenten benutzt wurden, nur gegen Pesos zu haben waren.
Die latente Inflationsneigung des Crédito entwickelte sich durch Überemission, Missbrauch, Fälschung und Vertrauensverlust zu einer galoppierenden Inflation, und als auch die Pesopreise der Grundstoffe explodierten, brach die Kaufkraft des Crédito zunächst innerhalb des RGT völlig zusammen.
Die kleineren, noch unabhängigen Tauschmärkte blieben vor allem auf dem Land wegen der besseren Selbstversorgung mit Grundstoffen, der höheren Transparenz, stärkeren sozialen Kontrolle und knapperen Geldschöpfung zunächst von der Hyperinflation verschont. Da die Créditos des RGT aber fast überall akzeptiert wurden, führte deren Flut bald auch dort zum Vertrauensverlust in die unabhängigen Tausch-währungen.
Ein weiterer Rückschlag für die Tauschmärkte war die Einführung einer staatlichen Minimalunterstützung für Haushaltsvorstände, die dazu führte, dass viele vorher völlig mittellose Argentinier fortan den Tauschmärkten fernblieben, da der Trueque immer auch als Zeichen sozialen Abstiegs angesehen wurde. Dies macht die starke Bevorzugung „richtigen“ Geldes und „richtiger“ (industrieller) Produkte bei weiten Teilen der Bevölkerung deutlich.
Zudem zeichnet sich in Argentinien eine wirtschaftliche Stabilisierung ab, und sobald sich in der formellen Wirtschaft wieder mehr Erwerbsmöglichkeiten in Pesos ergaben, wurden die Tauschmärkte für die meisten Nutzer schlagartig unattraktiv.

Erfahrungen und Konsequenzen

Ironischerweise brach also weniger als ein Jahr nach dem Crash der argentinischen Wirtschaft auch der Tauschhandel zusammen. Vor allem
-die Inflationierung der Pesopreise,
-die Abhängigkeit der Tauschmärkte von Produkten des formellen Pesomarkts,
!die Überflutung der unabhängigen Tauschmärkte durch die Créditos des übermächtigen RGT,
-das unkontrollierte Anwachsen des RGT zu einem intransparenten, anonymen, missbrauchsanfälligen und nur durch staatsähnliche Strukturen regulierbaren System sowie
-die Einführung einer minimalen staatlichen Geldleistung für Arme haben dem idealistischen Projekt der Neuerfindung des Markts schweren Schaden zugefügt.
Das argentinische Drama macht deutlich, dass eine Regionalwährung gegenüber der Landeswährung möglichst wenig Nachteile und möglichst viele Vorteile aufweisen muss, um sich gegenüber der schieren Größe des formellen Markts zu behaupten. Die Regiowährung sollte über eigene Läden und regelmäßige Märkte verfügen, die möglichst auch die Versorgung mit Grundstoffen sicherstellen, indem Gartenbau, Tierhaltung, Forst- und Landwirtschaft sowie Handwerk und Recycling einbezogen werden.
Um den Regionalmarkt niedrigschwellig zu halten und den Nachteil des eingeschränkten Angebots und niedriger Produktivität zu kompensieren, sollte er weitgehend unreguliert und steuer- und abgabenfrei bleiben, wozu eine bestimmte Größe nicht überschritten werden dürfte. Erfahrungswerte aus Argentinien zeigen, dass ausreichende soziale Kontrolle und Selbstregulation nur bis zu einer Größe von rund 200 Mitgliedern gewährleistet sind, andererseits mindestens 50 Mitglieder mit möglichst unterschiedlichen Angeboten notwendig sind, um die Teilnahme an solch einem Markt attraktiv zu gestalten.
Die Geldschöpfung stellt für die „Zentralbank“ die enorme Versuchung dar, auf der einen Seite mit aus dem Nichts geschöpftem Regiogeld selbst einzukaufen und andererseits Regios bzw. für Regios eingekaufte Waren gegen gesetzliches Zahlungsmittel zu verkaufen. Die Schaffung von Vertrauen in die Geldmacher, demokratische Kontrolle und Transparenz sind für die Bewahrung des Geldwerts wohl mindestens genauso entscheidend wie die richtige Geldmenge.
Die Verhinderung von Betrug und Missbrauch ist ohne staatsähnliche, kostenträchtige, intransparente, anonyme und bürokratische Strukturen nur innerhalb einer sich selbst regulierenden, überschaubaren Gemeinschaft möglich, die von unmittelbaren sozialen Bindungen zusammengehalten und kontrolliert wird, d.h. wo sich Fehlverhalten nicht lohnt, weil es sofort persönliche Konsequenzen hat (Verlust von Vertrauen und sozialer Akzeptanz) und man nicht in der Masse untertauchen kann. Auch Preisspekulation lohnt sich in einem solchen Zusammenhang kaum, da dem monetären Gewinn sozialer Prestigeverlust gegenübersteht.
Eine Regionalwährung sollte auch unkomplizierte Barzahlung ermöglichen, wobei die Fälschungssicherheit des Zahlungsmittels gewährleistet sein muss.
Eine gravierende Schwäche des Tauschhandels liegt in der fast ausschließlichen Subsistenz, d.h. es kann aufgrund fehlender Investitionen nur genutzt und konsumiert werden, was ohnehin schon vorhanden ist. Nachhaltige Entwicklungsprozesse sind praktisch ausgeschlossen, zumal aufgrund der Abhängigkeit von der formellen Wirtschaft die Vergabe von Krediten in Landeswährung notwendig wäre (z.B. Kleinkreditprogramme), um Produktionsmittel und Grundstoffe einzukaufen. Die Bildung von Kapital ist auch deshalb stark erschwert, weil die Bildung von Gewinnen und Ersparnissen erklärtermaßen unerwünscht ist, was auch zur Folge hat, dass Leistungsträger der informellen Ökonomie fernbleiben und es dieser somit auch an Dynamik und Innovation mangelt.
Wie in vielen anderen Ländern (z.B. USA, Kanada, Japan, Frankreich, England, Neuseeland, Australien) erkannte man auch in Argentinien seitens der staatlichen Stellen, dass durch unregulierte wirtschaftliche Selbstorganisation und Selbsthilfe dem Staat einerseits Steuern und Abgaben entgehen, er beim Beharren auf lückenloser Regulierung und Beitreibung von Steuern und Abgaben aber auf wesentlich höheren Kosten sitzen bliebe, die durch Kriminalität, Erkrankung, sozialen Zerfall und Radikalisierung sowie vom Staat aufzubringende Leistungen, Programme und Maßnahmen zur Kontrolle, Alimentierung und Therapierung immer größerer Bevölkerungsteile entstehen.
Andererseits findet informelles Wirtschaften nur statt, wenn es unreguliert und von Tributforderungen freigestellt bleibt. Zusätzliches informelles Wirtschaften erhöht die Konsummöglichkeiten in offizieller Währung und somit die Einnahmen aus Verbrauchssteuern.
Durch selbstorganisiertes Wirtschaften können die aus dem sozialen Netz Herausgefallenen wieder Eigeninitiative, Kreativität und wirtschaftliche Fähigkeiten einüben. Und nicht wenige machen sich später im formalen Markt selbständig und schaffen mittelfristig weitere Arbeitsplätze. So kann wirtschaftlicher „Wildwuchs“ auch den Neustart einer havarierten regulierten Ökonomie erleichtern.

Deutschland –
reif für Regionalwährungen?


Unreguliertes regionales Wirtschaften mit Komplementärwährungen könnte im Ernstfall eines gesamtwirtschaftlichen Crashs auch im wohlregulierten Deutschland den Zusammenbruch staatlicher Strukturen verhindern helfen. Obwohl das Ausmaß der argentinischen Krise das der „großen Depression“ in Deutschland mindestens erreichte, sind Argentinien Faschismus, Diktatur oder Krieg nach Ende 2001 erspart geblieben.
Die Fixierung der deutschen Geldreformbewegung auf den „Killerzins“, auf Deflation und Geldhortung als Wurzeln allen Übels blendet die Strangulierung von Kultur und Wirtschaft durch Überregulierung, Steuer- und Abgabendruck vollständig aus.
Seit der endgültigen Aufhebung der Goldbindung der Geldschöpfung sind Papier- und erst recht elektronischem Geld keine mengenmäßigen Beschränkungen mehr auferlegt, folglich gibt es keinen objektiven Grund für irgendeinen Geldmangel und entsprechend auch nicht für irgendeine Geldrendite wie den Zins.
Dennoch wird immer noch konsequent die Machtfrage ausgeblendet, wer welches Geld wie und wofür schöpft, wer die Spielregeln des Geld- und Kreditsystems festsetzt und für wen eigentlich welche Regeln gelten (siehe hierzu auch den Artikel „Das Schuldgeldsyndrom“ in KursKontakte Nr. 138).
Allgemeine Preisdeflationen sind im stofflosen Kreditgeldsystem nicht mehr aufgetreten (auch in Japan muss man eher von Preisstabiliät sprechen), und alle seitdem abgelaufenen wirtschaftlichen Crashs gingen mit dramatischen Warenpreisinflationen einher.
Gegen das aus der Zeit des Goldstandards stammende Konzept der Umlaufsicherung spricht auch, dass die nicht umlaufgesicherten argentinischen Créditos trotz extremem Geldmangel (explodierende Warenpreise bei fallenden Arbeitseinkommen) in einer Hyperinflation untergegangen sind.
Zudem stellt sich die Frage, ob bei Erwerbslosen die breite Akzeptanz einer Regionalwährung erreicht werden kann, solange staatliche Sozialleistungen ein erträgliches Auskommen ermöglichen. Auch ist offen, ob ein umlaufgesicherter Euro in der Verkleidung als „Chiemgauer“ oder „Berliner“ jene, die es sich leisten können, auf die eingetauschten Euros zu verzichten und in teuren Ökoläden einzukaufen, dazu bringt, noch schneller zu konsumieren und härter zu arbeiten.
Zeigen Banken, Medien und Regierende nur deshalb gewisse Sympathien für eurobasierte Regionalwährungen, weil damit Zinsen, Steuern und Abgaben in Euro eventuell wieder reichlicher fließen und Staat und Banken weiter wachsen können – bis zur nächsten Belastungsgrenze der produktiv Wirtschaftenden?
Ist es im Sinn der Nachhaltigkeit, vom ganz und gar nicht nachhaltigen Euro-System abhängige, beschönigend „regional“ genannte Währungen überregional zu „franchisen“, die durch eine Umlaufsicherung auch das geldbedürftige Volk für eine hypothetische Geldhortung strafen, die es mangels Einkommen überhaupt nicht vornehmen kann?
Brauchen wir neue staatstragende und staatsähnliche Monokulturen – oder nicht vielmehr eine evolutionäre Vielfalt an sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Modellen menschlichen Maßes, damit wenigstens nicht alle die gleichen Fehler machen? ´


Literatur
Friederike Habermann: Aus der Not eine andere Welt. Gelebter Widerstand in Argentinien. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2004, 18,95 Euro.
Ulrich Brand, Marlis Gensler, Stefan Thimmel: Argentinien & Uruguay, Länderkunde und Reisehandbuch für Kulturreisende und Naturreisende, pmv Peter Meyer Verlag, 1999, 19,95 Euro
Colectivo Situaciones: ¡Que se vayan todos! Krise und Widerstand in Argentinien. Hrsg. Ulrich Brand, Übersetzung: Stefan Armborst, Verlag Assoziation A, Berlin–Hamburg–Göttingen, März 2003, 14 Euro

Eberhard Hierse beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Geld- und Bankensystemen, Kapitalmärkten und den Auswirkungen von Spekulation. Kontakt: e.hierse@gmx.de>


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Hierse, Eberhard

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