Artikel
Kulturkreatives Spektrum (108)
Andere Welten (55)
Freie Gesundheitsberufe (22)
eurotopia (166)
Matriarchale Perspektiven (35)
Holon (77)
Editorial (30)
Briefe aus Amerika (6)
Anders Lernen (47)


Ausgabe 166 (12)
Ausgabe 165 (12)
Ausgabe 164 (12)
Ausgabe 163 (13)
Ausgabe 162 (13)
Ausgabe 161 (15)
Ausgabe 160 (12)
Ausgabe 159 (11)
Ausgabe 158 (13)
Ausgabe 157 (11)
Ausgabe 156 (15)
Ausgabe 155 (13)
Ausgabe 154 (12)
Ausgabe 153 (16)
Ausgabe 152 (12)
Ausgabe 151 (13)
Ausgabe 150 (14)
Ausgabe 149 (14)
Ausgabe 148 (16)
Ausgabe 147 (13)
Ausgabe 146 (13)
Ausgabe 145 (13)
Ausgabe 144 (11)
Ausgabe 143 (13)
Ausgabe 142 (12)
Ausgabe 141 (13)
Ausgabe 140 (15)
Ausgabe 139 (14)
Ausgabe 138 (12)
Ausgabe 137 (11)
Ausgabe 136 (14)
Ausgabe 135 (12)
Ausgabe 134 (8)
Ausgabe 133 (6)
Ausgabe 132 (9)
Ausgabe 131 (9)
Ausgabe 130 (10)
Ausgabe 129 (8)
Ausgabe 128 (9)
Ausgabe 127 (8)
Ausgabe 126 (6)
Ausgabe 125 (8)
Ausgabe 124 (9)
Ausgabe 123 (6)
Ausgabe 122 (7)
Ausgabe 121 (7)
Ausgabe 120 (3)
Ausgabe 119 (5)
Ausgabe 118 (1)
Ausgabe 115 (1)
Ausgabe 114 (11)

Zuletzt besucht
Artikel: Das andere Japan

Artikel: Eine erstarkende Region

Artikel: Der Hohe Fläming

Artikel: Konvergenz/Für das Zusammenwirken der Visionen

Artikel: Bildung ist frei!


Über uns
Impressum
Überall (un-)erreichbar
erschienen in Ausgabe 140  PDF-Version (245.08 KB)
Über die schleichende Entkoppelung von Informationen und sozialer Kompetenz

Die Zeiten haben sich gewandelt: Während man bis vor einigen Jahrzehnten technischen Neuerungen oft mit Ängsten und Befürchtungen begegnete, heißt man sie heute als Zeichen für Fortschritt und wirtschaftlichen Aufschwung fast überall kritiklos willkommen. Wer sich der Entwicklung nicht anpasst, gilt als rückständig und nicht zukunftsfähig. Doch gerade in dieser Zeit ist der Bedarf an bewussten Entscheidungen für oder gegen den Einsatz solcher Möglichkeiten wichtiger denn je. Michael Heidenreich stellt dies am Beispiel der neuen Medien dar.


Innovativ, modern, zukunftsweisend – Was neu ist, ist gut und öffnet neue Märkte, hält unsere kränkelnde Marktwirtschaft am Leben. In der Zeit wirtschaftlicher Flaute gilt: Wer jetzt nicht mit der Entwichklung Schritt hält, verliert! – Ein Druck, der in der Wirtschaft seine Wurzeln hat, aber auch in Schulen, Universitäten und allen anderen Bereichen des Lebens seine Spuren hinterlässt. Die Frage nach Sinn oder Unsinn einer jeden Innovation wird selten gestellt, und wer es dennoch tut, wird oft belächelt.
Immerhin – in den letzten Jahren erreichte uns doch wieder eine Neuentwicklung, die die Gemüter bewegt und Fragen aufwirft. Eine Innovation, deren mögliche Konsequenzen so weitreichend sind, dass Kritik wieder salonfähig wurde: die Gentechnik.
Wir stehen vor Fragen, die gestellt werden müssen, nicht allein in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen, sondern vor solchen, die jede/r auch für sich selbst beantworten muss. Stellt man sie nicht, ist an eine wirkliche Wahlfreiheit bald nicht mehr zu denken: von großen gesellschaftlichen Entscheidungen bis hin zu scheinbar harmlosen Details, von der Einführung der Gentechnik in der Landwirtschaft über die Nutzung von elektrischem Strom bis hin zum Alltagsgebrauch von Computer, Internet, E-Mail.
Computer, Internet, E-Mail, Handys – Leitbilder für Modernität und Fortschrittlichkeit, Entwicklungen, die nie im Mittelpunkt gesellschaftpolitischer Diskussionen standen, auch wenn sie uns im Alltag gegenwärtig weit mehr beeinflussen als die Gentechnik und vermutlich auch weit häufiger Gesprächsthema sind. Errungenschaften, die sehr wohl Kritiker fanden, deren Einfluss aber stets begrenzt blieb.
Menschen wie ich, für die der Gebrauch solcher Medien zum Alltag gehört, machen sich selten Gedanken über ihre ’Nebenwirkungen? – schließlich schaffen die damit einhergehenden neuen Möglichkeiten und Arbeitserleichterungen eine gewisse Bequemlichkeit, das Gefühl, die Welt ließe sich vom Schreibtisch oder vom Telefon aus erkunden, verstehen und kontrollieren.
Ich gehöre zu der ersten Generation, die mit dem Computer aufgewachsen ist. Ich wurde schnell mit dem Gebrauch der Technik vertraut und habe sie in den vergangenen Jahren ausgiebig genutzt. Vielleicht ist es gerade dieser ausgiebige Gebrauch, der mich in den letzten Jahren zum Nachdenken angeregt hat. Am Beispiel einiger ausgewählter Medien möchte ich verdeutlichen, dass die neuen Möglichkeiten auch eine oft missachtete Kehrseite haben, die vor allem im zwischenmenschlichen Austausch spürbar wird.

Das Handy …

Das kleine klingelnde Etwas verbreitete sich binnen weniger Jahre explosionsartig über nahezu die gesamte moderne Welt. Die heute allgegenwärtigen SMS-tippenden Menschen stellen eine Entwicklung dar, die man verschieden deuten kann: 1. Man denkt aneinander. 2. Man teilt so wenig gemeinsame Erfahrungen, dass es nichts gibt, was man einander zu sagen hat ? aber man bleibt ja in Kontakt. 3. Es fehlt an der Zeit oder an der Motivation, sich mit dem anderen ausgiebiger auseinanderzusetzen.
Zur Frage der Erreichbarkeit: Früher musste man hoffen, dass derjenige, den man erreichen wollte, zufällig gerade zuhause war. In der heutigen Zeit, wo unterwegs sein trendy ist, ist es möglich, mobil zu sein und dennoch überall mit Freunden und Kollegen in Kontakt zu bleiben. Die gewonnene Freiheit geht jedoch auf Kosten der Verbindlichkeit, denn es ist nicht mehr nötig, sich um Erreichbarkeit zu bemühen. Vor allem aber entsteht das Gefühl, das persönliche Umfeld folge mir überall hin, und die Notwendigkeit, sich auf die Bedingungen am neuen Ort wirklich einzustellen, entfällt. Dank des Handys ist es mittlerweile möglich geworden, dass sich der Arbeitsalltag außerhalb des Büros ins übrige Leben fortsetzt ? dies nicht selten ungewollt, aber unvermeidbar.
Das Gefühl, sich an einem bestimmten Ort oder zu einer bestimmten Zeit von den alltäglichen Belastungen und Verpflichtungen frei machen zu können, entfällt ? denn jederzeit könnte das Handy klingeln. Der gutgemeinte Ratschlag, man könne es doch einfach ausschalten, ist leider nur theoretisch ein Ausweg.
Sicherlich gibt es Situationen, in denen das Handy nützlich ist, z.B. auf Reisen, wo man einander Ankunftszeiten mitteilen kann – aber hat sich dieses Problem vorher nicht auch irgendwie lösen lassen? Vielleicht musste man ein bißchen länger warten, ein bisschen geschickter und vorausschauender planen?

… und die E-Mail

Was anfangs nur Fachleuten vorbehalten war, hat sich rasant verbreitet und gehört heute zum Alltag vieler Menschen. Vieles läuft über E-Mail ? von kurzen Informationen, Terminabsprachen etc. über Datenaustausch, dienstliche Absprachen bis hin zu persönlichem Briefverkehr. Die E-Mail mag dabei nicht allein den Postweg, sondern auch das Telefongespräch, manchmal gar eine persönliche Begegnung ersetzen.
Die Vorteile liegen auf der Hand ? es ist bequem! Ein paar mehr oder minder wohlüberlegte Zeilen, ein Klick, und der Inhalt trifft nahezu in Echtzeit beim Gesprächspartner ein. Adressen können automatisch gespeichert werden, und der Zugang zum eigenen EMail-Postfach ist weltweit an jedem vernetzten Computer möglich, sogar über das Handy.
Als besonders hilfreich erweist sich der E-Mail-Austausch bei Terminabsprachen, Ankündigungen, Abstimmungen etc. ? mühsames Durchklingeln und Hoffen, dass der andere gerade erreichbar ist, entfällt. Dabei kümmert es die meisten Versender solcher E-Mails wenig, dass es auch immer noch Menschen gibt, die über keinen eigenen Internetzugang verfügen. Kann man erwarten, dass der Empfänger täglich seine E-Mails abruft? Oder liegt dies nicht in seinem eigenen Ermessen? Oder ? um die Frage noch weiter zu fassen: Ist jede/r verpflichtet, über ein E-Mail-Konto zu verfügen? In vielen Organisationen und Einrichtungen, etwa an der Universität, gilt diese ungeschriebene Verpflichtung bereits ? wer keine E-Mail-Adresse besitzt, wird in vielen Fällen uninformiert bleiben.
In anderen Fällen wird die E-Mail weit über kurze Mitteilungen und Datenaustausch hinaus angewendet ? teils beruflich, aber auch privat. Während reine Brieffreundschaften, über große Distanzen geführt, einst den Ruf von etwas Besonderem hatten, sind EMail-Kontakte heute weitgehend zum Alltag geworden. Schon aufgrund der häufigen Wohnortswechsel ergibt es sich oft, dass Freundschaften per E-Mail weitergeführt beziehungsweise erhalten werden. Sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld gilt hierbei oft: Mit dem Schreiben einer E-Mail ist die ’Pflicht? getan, der Kontakt bleibt erhalten.
Nicht selten vergeht viel Zeit mit dem Verfassen zahlloser E-Mails an unterschiedliche Empfänger ? was Argumenten widerspricht, welche die E-Mail als große Zeitersparnis loben. Denn: Wo früher wenige intensive Briefkontakte oder ausgiebige Telefonate geführt wurden, werden heute eine Vielzahl oberflächlicher E-Mail-Kontakte aufrechterhalten. Die Oberflächlichkeit ergibt sich dabei schon aus der Zahl der zu bewältigenden E-Mails. Die größere Reichweite geht auf Kosten der Intensität ? und auf Kosten der Individualität ? zum Beispiel durch den Wegfall der Handschrift im Briefkontakt, der Sprachmelodie im Telefongespräch und den spontanen Reaktionsmöglichkeiten.
Es ist in erster Linie die Praktikabilität, die diese Nachteile aufzuwiegen scheint. So wird es immer gebräuchlicher, einander E-Mails zu schreiben, statt zu telefonieren. Einerseits gibt es mehr Bedenkzeit, andererseits entfällt die lästige Notwendigkeit, sich auf den Gesprächspartner einzustellen.

Und das Internet, ganz allgemein …

Seine Einführung eröffnete völlig neue Welten. Es wurde möglich, Informationen weltweit allen verfügbar zu machen, die Zugang zu einem Computer mit Internetzugang haben. Dies nicht allein in passiver Form, wie es auch schon das Buch ermöglichte, sondern auch interaktiv. Und vor allem ? das Ganze ohne notwendige Ausbildung, Kapitaleinsatz und dritte Personen. Einzig entsprechende Anwendungskenntnisse sind vonnöten. Es entstand eine Freiheit, die man außerhalb des Internets vergeblich sucht. Binnen weniger Jahre explodierte die Zahl der Internetseiten bis zu einer völlig unüberschaubaren Vielfalt. Heute gleicht das Internet einem interaktiven Buch mit unendlichen Seiten und zahllosen Verfassern, jedoch ohne redaktionelle Prüfung. Wer in seinen unendlichen Weiten surft, verliert schnell das Zeitgefühl.
Dass der Mensch die auf ihn einströmenden Informationsfluten – die in der Regel inhaltlich doch besser sind als ihr Ruf – kaum verarbeiten kann, merkt man schon an der Leere oder Lustlosigkeit, die sich nach exzessivem Internetsurfen einstellt: Der Kopf ist voll, der Geist leer. Die bruchstückhaft vorgefundenen Informationen lassen sich nur schwer zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Die Vielfalt des Informationsangebots verleitet außerdem dazu, Inhalte zu überfliegen, statt sie wirklich durchzulesen – es gibt ja sicher irgendwo noch was Besseres º
Ich möchte auch erwähnen, dass die heute verbreitete Kombination aus Einsamkeit, Zeitüberfluss, Sehnsüchten und einem Internetanschluss bei vielen Menschen dazu führt, das Internet zu einem entscheidenen Bestandteil des Lebens zu machen: Hier werden Freundschaften geschlossen, Gespräche geführt, manchmal Geld verdient – leider jedoch meistens ohne Bestand in der Realität.
Der Vorteil einer steigenden Informationsvielfalt und -zugänglichkeit wird kompensiert durch Nachteile wie abnehmende Informationstiefe und -wertschätzung, geistige Überbelastung, Grenzverlust.
Ich könnte die Reihe der Anwendungsmöglichkeiten fortführen, denke aber, dass bereits deutlich wurde, dass auch im Fall der neuen Medien gilt: hier ein Gewinn, dort ein Verlust. Der Verlust ist in vielen Fällen nicht der Entwicklung als solcher anzulasten, sondern vielmehr der Tatsache, dass man bei allem Fortschrittsglauben oft den Menschen und seine Art zu fühlen, zu denken und zu handeln außer Acht lässt. Sicherlich konnte die Einführung von Computer, Internet, E-Mail und Mobiltelefonie zahllose neue Möglichkeiten erschließen, Arbeitserleichterungen schaffen und den weltweiten Informationsaustausch erleichtern. Andererseits lässt sich aber nicht leugnen, dass diese Entwicklung von einer Zunahme der Menge und Mittel bei gleichzeitiger Abnahme der Verwertbarkeit, Verbindlichkeit und Persönlichkeit geprägt ist. Dass dabei der Wert und die Wertschätzung der Informationen auf der Strecke bleibt, kann sich jeder erschließen.
Die Frage, ob die neuen Medien unterm Strich tatsächlich einen Verlust oder einen Gewinn darstellen, ist durchaus legitim ? man sollte sich jedoch darüber bewusst werden, dass die Zukunft, die uns der Markt diktiert, keineswegs die Zukunft sein muss, die auch den Menschen weiterbringt. Ich möchte an dieser Stelle dazu anregen, sich einmal Gedanken zu machen, welche Verluste wir durch den Zugewinn neuer Entwicklungen schon haben hinnehmen müssen, und stelle die Frage ’Fortschritt oder Rückschritt – und vor allem: wohin?“ in den Raum. ´

Michael Heidenreich ist kein uralter, wegen Technikfeindlichkeit und sattsam bekannten radikalen Ansichten längst abgehakter Mahner. Er ist 24, Student in Kiel und engagiert sich in der Gemeinschaftsbewegung.


  Autoren

Heidenreich, Michael

Partner
sge-button
© by Human Touch Medienproduktion GmbH, info@kurskontakte.de