Ein Grundsatzpapier der Konzeptgruppe Wirtschaft von Dynamik5 Schweiz, Teil 2
Die Konzeptgruppe Wirtschaft von Dynamik5 in der Schweiz hat in über drei Jahren den Entwurf einer neuen kooperativen Wirtschaftsordnung erarbeitet. Wir stellen ihn hier in einer mehrteiligen Serie vor. Wir betrachten den Text ausdrücklich als eine Baustelle, auf der man Bauteile im Dialog entfernen und hinzufügen kann. Der Entwurf ist wie folgt gegliedert: 1. Begründung, 2. Werte, 3. Reformen, 4. Umsetzung, 5. Schlussbemerkungen.
Welche Werte liegen unserem Modell zugrunde?
Unser wichtigstes Anliegen ist das Wohlbefinden aller Menschen im Einklang mit der Natur. Darunter verstehen wir, dass sich die Wesen in einem subjektiv angenehmen Zustand befinden. Das beruht auf einer harmonischen Berücksichtigung ihrer gegenwärtig wichtigen Bedürfnisse und wird nicht mit schädlichen Wirkungen auf Dritte oder auf die Zukunft erkauft.
Wir meinen, dass die folgenden sieben Qualitäten für den Aufbau einer kooperativen, das heißt dem Wohlbefinden aller gleichermaßen dienenden Wirtschaft besonders wichtig sind: 1) liberal,
2) evolutiv,
3) volldemokratisch,
4) liebevoll,
5) ganzheitlich gerecht,
6) ökologisch und
7) sozial.
Liebevoll sein ist die Essenz der andern sechs Qualitäten und steht darum in der Mitte. Es meint eine Haltung des Wahrnehmens, Akzeptierens, Wertschätzens und Förderns von sich selber, den übrigen Menschen, der Natur und allen anderen Ausdrucksformen des Lebens. Es beinhaltet eine Verbundenheit mit allem, insbesondere mit allen fühlenden Wesen und das Bedürfnis, diesen Überleben und Entfaltung in Harmonie zu ermöglichen. Um auch in konflikthaften Situationen zuverlässig liebevoll sein zu können, müssen wir Selbständigkeit, Selbstgefühl, Mitgefühl und Verhandlungsgeschick entwickeln. Es kann aber auch bedeuten, nicht anders beendbare Gewalt mit Gewalt zu stoppen. Liebevoll sein bedeutet also, mit allem verbunden zu sein statt etwas auszugrenzen.
Liebevolle Haltung steht im Zentrum
Volldemokratisch sein meint, die Betroffenen in allen Lebensbereichen frei und gemeinsam entscheiden zu lassen. Dies ist besonders wichtig in der Wirtschaft und damit hinsichtlich der Lebensgrundlagen. Dazu gehört einerseits wieder die Entwicklung individueller Fähigkeiten wie den unter ’liebevoll? genannten. Andererseits braucht es dazu demokratische Strukturen in allen Gruppierungen und auf allen politischen Ebenen. Volle Entwicklung von Demokratie bedeutet weiter, wichtige Entscheidungen mit qualifizierten Mehrheiten bis hin zum Konsens zu fällen. Eventuell ist es auch sinnvoll, unmündige Mitbetroffene durch ’Fürsprecher? vertreten zu lassen. Demokratisch leben heißt also, die Selbstverantwortung aller zu fördern und Fremdbestimmung zu beenden.
Ganzheitlich gerecht sein meint, alle Wünsche wahrzunehmen und die sich widersprechenden auszubalancieren. Es bedeutet, Geben und Nehmen, Nutzen und Lasten oder Möglichkeiten und Einschränkungen unter Berücksichtigung aller wichtigen Aspekte einer Situation ausgewogen zu verteilen. Innerpersönliche, zwischenmenschliche und politische Kämpfe haben oft damit zu tun, dass bestimmte Anliegen nicht erkannt oder als weniger berechtigt als andere angesehen werden. Ganzheitlich gerecht sein bedeutet die Anerkennung aller in einer Situation wirksamen Anliegen und die Suche nach Lösungen, die allen Beteiligten möglichst viel von dem bringen, was sie sich wünschen. Dies ist oft spannungsvoll und schwierig und damit eine Übung verlangende Kunst. Ganzheitlich gerecht sein bedeutet also, Balancen herzustellen und Schieflagen zu beenden.
Zwei besonders wichtige Aspekte ganzheitlicher Gerechtigkeit sind die Qualitäten chancengerecht und leistungsgerecht. Chancengerecht sein meint, allen ähnliche bildungsmäßige und materielle Startchancen oder allenfalls nachträgliche Entwicklungshilfe zu bieten. Dies beinhaltet individualisierte Bildungsangebote, die sowohl besonderen Talenten wie besonderen Handicaps gerecht werden. Es bedeutet, dass alle einen angemessenen Anteil am Volksvermögen und gleichen Zugang zu natürlichen Ressourcen erhalten.
Leistungsgerecht sein meint, alle die angenehmen und unangenehmen Früchte des eigenen Tuns und Lassens selber ernten und je nachdem genießen oder ausbaden zu lassen. Nicht leistungsgerecht und deshalb abzuschaffen sind in diesem Sinn besonders leistungslose Erträge aus Besitz. Diese spielen im kapitalistischen Wirtschaftssystem eine große Rolle und sind eine Hauptursache seiner innerhalb des Systems unlösbaren Probleme.
Die übrigen vier Qualitäten sind sozusagen die sekundären Elemente, aus denen sich ? eingebettet in die drei erstgenannten ? eine harmonische Lebensweise ’fabrizieren? lässt. Es sind zwei sich gegenseitig ergänzende Gegensatzpaare, und sie haben Verbindungen mit eher linken bzw. rechten und weiblichen bzw. männlichen Vorlieben. Für ein friedliches Zusammenleben brauchen wir sie alle und damit auch eine Aussöhnung zwischen linken und rechten sowie weiblichen und männlichen Werten. Damit sie ihre Wirkung entfalten können, müssen wir sie liebevoll, demokratisch und gerecht ausbalancieren:
Liberal sein meint, allen Individuen so viel Freiheit wie möglich zu lassen, damit sie so leben können, wie sie wollen. Sie sollen ihrer Eigenart entsprechend ihr Überleben sichern und ihre Wünsche verfolgen können. Damit dies möglich wird, müssen alle lernen, selbstverantwortlich zu sein und ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen als maßgebenden Kompass zum eigenen Wohlbefinden. Dies ist ein Entwicklungsprozess, der uns zu einer immer differenzierteren und tieferen Wahrnehmung unseres Innenlebens führt. Liberal sein bedeutet weiter, selber über die eigenen Lebensgrundlagen verfügen zu können. Dies entspricht dem lebensdienlichen Anliegen der Liberalen nach möglichst viel Spielraum für Selbstverwirklichung.
Was jedoch passiert, wenn man nur diesen liberalen Pol beachtet, hat Reinhard Fendrich beschrieben:’Aber frei sein heißt auch, was man leicht vergisst, dass der Starke den Schwachen frisst.? Um nicht in diese ’Freiheitstrunkenheit? und damit soziale Blindheit zu verfallen, wie sie in letzter Zeit unter dem Einfluss neoliberalen Denkens wieder stärker um sich gegriffen hat, braucht es den sozialen Gegenpol.
Vermeintliche Gegensätze integrieren
Sozial sein meint, allen soviel Rücksichtnahme wie nötig zuzumuten, damit auch die Mitmenschen so leben können, wie sie wollen. Auch sie sollen gleichberechtigt ihr Überleben sichern und ihre Wünsche verfolgen können. Damit dies möglich wird, müssen alle lernen, mitfühlend zu sein, das heißt wahrzunehmen und zu respektieren, was die anderen fühlen, wollen und brauchen. Auch dies ist ein Entwicklungsprozess, der sich kontinuierlich ausweitet und anfänglich nur die eigene Familie, später die persönlich bekannten Menschen und schließlich die ganze Menschheit betrifft. Weiter heißt sozial sein, die andern über ihre eigenen Lebensgrundlagen verfügen zu lassen. Dies entspricht dem ebenso lebensdienlichen Anliegen der politischen Linken nach Beschränkung der eigenen Freiheit dort, wo sie die Freiheit der anderen unangemessen beschneidet.
Ökologisch sein meint, die Natur einschließlich unseres Körpers gesund zu erhalten. Sie soll geschont, gepflegt und nachhaltig genutzt werden in voller Wertschätzung ihrer Kostbarkeit an sich und als Basis für unsere Erfahrungen in dieser Welt. Dazu gehört insbesondere nachhaltiges Wirtschaften, das die gesamten kurz- und langfristigen Folgen für Natur und Gesundheit in seine Entscheidungen einbezieht und deren Erhaltung sichert. Dies geht nicht ohne Schonräume und Schonzeiten, die der Regeneration dienen.
Auch eine ökologische Orientierung braucht einen Gegenpol, ohne den unser Leben stagnieren würde. Diesen nennen wir evolutiv.
Evolutiv sein meint, die allem Lebendigen innewohnende und letztlich unwiderstehliche Kraft zur Weiterentwicklung zuzulassen und zu fördern. Es bedeutet, mit unserem zu Fantasie und Inspiration fähigen Geist neue Methoden, Einrichtungen und Erfahrungsmöglichkeiten zu erfinden, die unser Leben komfortabler, anregender, vielfältiger, intensiver und befriedigender machen. Dazu können auch Widerstand und Wettbewerb beitragen, sofern sie nicht schwächere Teilnehmer marginalisieren oder die Natur schädigen. Evolutiv ist auch die Entwicklung der Fähigkeiten und Institutionen für eine kooperative Art des Zusammenlebens.´
Den vollständigen Text finden Sie unter
http://www.dynamic5.org.
Kontakt: wirtschaftsgruppe@dynamic5.org>
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