Die Bedeutung der Regionbewegungen in den Zeiten der Globalisierung. Von Elsbeth Seiltz
Vor 10 Jahren galt es als äußerst konservativ, im Globalisierungstrend von Regionalität zu reden. Heute liegt Regionalität im Trend. Vor 10 Jahren glaubten viele Verantwortliche in der Politik und Wirtschaft noch, dass die Globalisierung immer mehr Arbeitsplätze schaffe und dass für Konsumentinnen und Konsumenten ein niedriger Preis das entscheidende Kriterium für Kaufentscheidungen sei.
Heute wissen wir es ein wenig besser: Die Globalisierung trägt auch zur Vernichtung von Arbeitsplätzen bei, weil im globalen Business nur noch die nackte Rendite zählt und der Mensch und seine Bedürfnisse kaum noch eine Rolle spielen.
Durch diese Entwicklungen geht die Vielfalt der Regionen mit den jeweiligen Besonderheiten und Stärken in vielen Bereichen wie der Kulturlandschaft, der Dorfgemeinschaften und sozialen Netze, der Erzeugung und Verarbeitung z.B. von Lebensmitteln, erneuerbaren Energien und der damit verbundenen Dienstleistung aus Handwerk und Handel und damit auch der Lebensqualität verloren. Die Regionen werden abhängig von globalen Strukturen und verlieren ihre eigenen Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.
Ein neues Denken und Handeln
Ein ganzheitliches, nachhaltiges Denken und Handeln umfasst daher weit mehr als nur wirtschaftliche Aspekte. Menschen tragen füreinander und für ihre Umwelt eine soziale, moralische sowie ethische Verantwortung – zu ihrem Wohl und dem Gemeinwohl der Region, in der sie leben.
Bei unserer Regionalbewegung geht es um dieses ganzheitliche, nachhaltige Denken und Handeln, denn darauf gründet sich die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen. Lebensgrundlagen sind für uns nicht nur Wasser, Luft, Boden und Energie, sondern auch regionale Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen für jeden, faire Preise auf allen Stufen, gesunde Nahrung, eine lebens- und liebenswerte Kulturlandschaft sowie ein respektvoller Umgang mit den Mitmenschen und der Natur.
Potenziale und Ziele
Wenn wir in der Regionalbewegung nur das Instrument für die Errichtung von Wirtschaftskreisläufen zur Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen sehen, ohne gleichzeitig die Verantwortung für die -Erhaltung der Lebensgrundlagen zu übernehmen, also ohne einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, wird sich unsere Regionalität nicht von der derzeitigen Globalität unterscheiden – und die Regionalbewegung wird in Deutschland nichts erreichen.
Wenn wir aber in unserer Regionalbewegung ganz bewusst bereit sind, die Erhaltung der vorher beschriebenen Lebensgrundlagen als Basis für unser Handeln zu nehmen, wird sie erfolgreich sein. Wir müssen wieder lernen, auf unsere Fähigkeiten und unser Land bzw. unsere Region zu vertrauen. Identifizieren wir uns mit unserer Region und entwickeln wir einen Stolz darauf, dann sind wir auch bereit, etwas für deren Erhaltung zu tun, was auch zum Gemeinwohl und zur Entwicklung einer aktiven Bürgerbewegung beiträgt.
In der Satzung unseres neuen Bundesverbands steht deshalb: Der Verein bezweckt den nachhaltigen Schutz und die nachhaltige Bewahrung und Verbesserung der natürlichen Lebensgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen in den regional abgegrenzten Gebieten, aus denen die Vereinsmitglieder kommen.
Eine Philosophie verkaufen
Als Vorsitzende des Netzwerks UNSER LAND mit zehnjähriger Erfahrung spreche ich hier nicht aus der Theorie, sondern aus der Praxis heraus. Wir haben bei UNSER LAND die Erfahrung gemacht, dass die Erhaltung der Lebensgrundlagen als oberstes Ziel die Basis unseres Erfolgs ist. Die Lebensmittel sowie die erneuerbare Energie gelten bei uns als Träger dieser Idee. Nicht die Vermarktung der Produkte steht im Vordergrund unserer Öffentlichkeitsarbeit, sondern die Verbreitung der Idee. Dies räumt uns z.B. eine ganz besondere -Position beim Lebensmitteleinzelhandel ein. Bestätigt wurde uns dies mit der Feststellung eines Verhandlungspartners: „Ihr verkauft keine Produkte, ihr verkauft eure Philosophie, die ihr tagtäglich in der Umsetzung in unseren Supermärkten und in der Region lebt, wodurch sie glaubwürdig ist.“
Mittlerweile erkennt der Lebensmitteleinzelhandel die Regionalität als neue Vermarktungsstrategie an und ist dabei, mit einem enormen Werbeaufwand eigene Regionalmarken zu kreieren. Das gelungene Erscheinungsbild der neuen Coop-Marke „Unser Norden“ bestätigt dies. Woher diese Lebensmittel tatsächlich kommen, und ganz besonders, ob sie den Menschen, die sie erzeugen und verarbeiten, einen fairen Preis bieten, wird nicht gefragt. Im Vordergrund steht nur die Vermarktung dieser Produkte. Dies kann nach Auffassung unserer Regionalbewegung nicht der Weg sein, um Verantwortung für die Erhaltung der Lebensgrundlagen in den Regionen zu übernehmen.
Regionale Solidargemeinschaften
Nehmen wir zum Vergleich die Milchpackung von UNSER LAND. Sie ist nicht Teil eines Vermarktungskonzepts für regionale Milch, sie ist vielmehr Träger der Idee von UNSER LAND: Sie beinhaltet
-Richtlinien zur Verwendung ausschließlich heimischer Futtermittel mit gentechnikfreiem Saatgut,
-faire Preise für Milchbauern und die Molkerei,
-dadurch Erhalt und teilweise Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region,
-kurze Transportwege,
-Kommunikationsmedium zwischen Erzeuger und Verbraucher,
-Erhalt unserer wunderschönen Kulturlandschaft, die von den Milchbauern geschaffen wurde und gepflegt wird.
All diese Informationen können Verbraucher auf der Milchpackung nachlesen.
Hinter unseren Produkten stehen Menschen. Das machen wir immer wieder sichtbar und kommunizieren es gegenüber dem Verbraucher. Durch Info- und Presseaktionen, Internetseiten usw. bekommt er Informationen darüber, wer seine Milch, seine Nudeln oder sein Brot herstellt.
Damit die Botschaft den Verbraucher erreicht, arbeiten engagierte Menschen in unserem Netzwerk in Solidargemeinschaften zusammen. Diese Solidargemeinschaften haben alle eine gemeinsame Basis: Sie sind aus den Bereichen Handwerk/Handel, Landwirtschaft, Kirche, Umwelt und Verbraucher zusammengesetzt. Gemeinsam helfen alle in sehr kreativen Info-Aktionen mit, die Idee weiterzutragen. Nachweislich tragen diese Informationen von Mensch zu Mensch deutlich zur Umsatzsteigerung bei. Auch hierzu möchte ich den Regionalmanager einer großen Handelskette zitieren: „Wir hätten euch nie zugetraut, trotz der fairen Preise im Premiumbereich einen so beachtlichen regionalen Marktanteil zu erreichen. Die Art und Weise, wie ihr dies den Verbrauchern vermittelt, hat den wesentlichen Beitrag dazu geleistet.“
Alle unsere Lebensmittel aus der Regionalbewegung müssen unverwechselbar sein. Sie müssen -unsere Botschaft zur Schaffung von Arbeitsplätzen in der -Region, für menschlichen Umgang miteinander und Verantwortung für die Lebensgrundlagen mitteilen. Insofern ist die Fragestellung meines Beitrags „Was kann die Regionalbewegung in Deutschland erreichen“ nicht ganz vollständig. Sie muss um den wichtigen Nebensatz „… wenn sie ihr Vereinsziel – die Erhaltung der Lebensgrundlagen – ernst nimmt“ ergänzt werden.
Das Wuppertaler Institut hat in der 2004 erschienenen Studie „Empathie, Verantwortlichkeit und Gemeinwohl“ festgestellt: „Wenn nur der Individualnutzen zählt, entstehen Absatzhemmnisse. Verfolgen die Konsumenten nur ihren unmittelbaren eigenen Nutzen, so gehen ihre Bezüge und Beziehungen zum sozialen Umfeld, den Tieren und den Produkten verloren. Diese Beziehungen sind die Hauptursache für die Attraktivität von Regional-produkten. Ein Gemeinwohlnutzen ohne Bezüge zum eigenen Leben wird von den Konsumenten als wenig attraktiv erlebt.“
Was ich über die Unverwechselbarkeit der Lebensmittel gesagt habe, gilt ebenfalls für alle Bereiche der erneuerbaren Energie. Im Netzwerk UNSER LAND wurde das Ziel zur Erreichung der Energiewende in einem Zeitraum von 30 Jahren so formuliert: Wir wollen diese Energiewende durch die schrittweise Reduzierung des Energieverbrauchs, durch den Einsatz der jeweils innovativsten Technologien und durch die nachhaltige Nutzung aller heimischen Ressourcen erreichen.
Wir bauen auf die Kreativität und die vielfältigen Kompetenzen der Menschen vor allem aus Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Gewerbe, Industrie, Dienstleistung, Kommunen und Kirchen. Wir brauchen die Unterstützung aller verantwortungsbewussten Bürgerinnen und Bürger im Landkreis. Damit erhalten wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen und sichern die regionale Wirtschaftskraft mit dem Ziel einer Verbesserung der Lebensqualität. Die Regionalbewegung, wie wir sie alle verstehen sollten, baut auf die Menschen ihrer Regionen.
Meine Überzeugung
Ich möchte meine Ausgangsfrage „Was kann die Regionalbewegung in Deutschland erreichen?“ mit meiner eigenen Überzeugung beantworten: Wenn wir gemeinsam den Weg der Regionalbewegung in der Absicht gehen, Verantwortung für die Erhaltung der Lebensgrundlagen zu übernehmen und dies auf die jeweilige Region und ihre Menschen kreativ zugeschnitten umsetzen, werden wir in der Lage sein, auf der ökonomischen Seite ein regionales Wirtschaftswunder auszulösen. Der Bundesverband der Regionalbewegung hilft dabei mit, dass sich die Regionen gegenseitig beim Aufbau von ideellen Netzwerken sowie professionellen und sozialen Wirtschaftsstrukturen unterstützen. Trauen wir uns das zu! ´
Elsbeth Seiltz, ehemalige Unternehmerin, ist die 1. Vorsitzende des bayerischen Dachvereins UNSER LAND e.V. und Mitglied im Vorstand des neu gegründeten Bundesverbands der Regionalbewegung, hier besonders für Fragen der Wirtschaftlichkeit von Regionalbewegungen zuständig. Sie wurde 2003 vom WWF Deutschland und der Zeitschrift „Capital“ als Ökomanagerin des Jahres mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, gehalten auf dem 2. Bundestreffen der Regionalinitiativen am 8. April 2005 in Feuchtwangen.
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