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Impressum
Der Hohe Fläming
erschienen in Ausgabe 140  PDF-Version (177.63 KB)
Wie eine sozial und kulturell lebendige Region entsteht. Ein Interview mit der Schauspielerin und Sängerin Barbara Stützel.

Ein wichtiger Bereich, in dem die regionale Vernetzung hier im Hohen Fläming gut funktioniert, ist die Kultur. Barbara, du bist Schauspielerin und Sängerin, lebst in der ZEGG-Gemeinschaft und hast begonnen, dich auch für regionale Kultur einzusetzen. Warum?

Barbara Stützel: Wir leben hier rund 80 Kilometer südwestlich von Berlin in einer ländlichen Region, in der es erst einmal nicht viele Kulturangebote gibt. Für viele Menschen ist gerade das Kulturangebot einer der Gründe, in einer Stadt zu wohnen, denn Kulturveranstaltungen gehören zur Lebensqualität. Man wird durch Theater, Ausstellungen, Musik inspiriert. Gleichzeitig sind dies auch auch soziale Treffpunkte. Man trifft seine Nachbarn im Theater, im Konzert und tauscht sich hinterher darüber aus. Wo solche Treffpunkte entstehen, da leben Menschen gerne. Mein Ziel ist, dass Kunst und Kultur auch hier in der Region wieder ein fester Bestandteil des Lebens werden und dass so unsere ländliche, eher strukturschwache Region ein Anziehungspunkt für viele Menschen wird.

lWelche Rolle spielt es für dich, dass du in einer Gemeinschaft lebst?

Wir haben hier mit 80 Menschen seit vierzehn Jahren eine bestimmte Lebenskultur aufgebaut. Musik, Kunst, Tanz und Theater spielen in unserem Alltag eine große Rolle (siehe auch KursKontakte 138, Seite 36). Und ein Lebensexperiment wie das ZEGG zieht natürlich auch bestimmte Künstlernaturen an. Von daher empfinde ich in unserer Gemeinschaft ein großes Potenzial an Kreativität und ein hohes Interesse an Kultur. Neben der Offenheit für künstlerische Belange ist Gemeinschaft aber auch organisatorisch ein Geschenk. Für viele aufkommende Probleme gibt es unkomplizierte Lösungen, sei es, dass man einen Tontechniker braucht, einen Fotografen, jemanden für Catering oder auch nur Flipcharts oder große Kaffeekannen, die Gemeinschaft ist für mich auf vielen Ebenen eine unterstützende Kraft im Hintergrund.
Zudem haben sich um das ZEGG herum in den letzten Jahren andere Gemeinschaften entwickelt und viele alternativ denkende Menschen angesiedelt. So ist ein großer Freundeskreis entstanden, der auch über das Internet vernetzt ist (siehe unter www.flaemingnet.de), so dass wir für Veranstaltungen und Projekte auf eine relativ leichte Art und Weise eine große Gruppe Menschen erreichen.
lKannst du etwas zu diesem Freundeskreis sagen – was verbindet diese Menschen?
Viele von ihnen praktizieren eine ökologisch und -sozial nachhaltige Lebensweise, d.h. sie konsumieren bewusster und suchen für die unterschiedlichsten Lebensbereiche selbstbestimmte Organisationsformen. So hat sich eine freie Schule und ein Waldkindergarten gebildet, ein Tauschring und eine Initiative für eine Regionalwährung, eine landwirtschaftliche Erzeuger-Verbraucher-Kooperative. Es gibt Gruppen der Artabana Gesundheitskasse, ein Info-Café, das aktiv gegen rechte Tendenzen hier in der Region auftritt, Projekte für erneuerbare Energien u.v.m. Vielen Menschen gemeinsam ist eine geistige Offenheit für neue gesellschaftliche Entwicklungen und die Bereitschaft, sich für ihre Belange und Interessen einzusetzen.

lUnd was ist im Bereich der Kultur in letzter Zeit entstanden?

Eine Initiative, die sich gebildet hat, ist die „Kunstperle Fläming“, ein Zusammenschluss von 25 Künstlern und Kulturschaffenden, der zweimal im Jahr Ausstellungen und Performances organisiert. Am 6. November letzten Jahres fand z.B. die Veranstaltung „Grenz-Fälle“ statt, eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema „15 Jahre Mauerfall“. Die bildenden Künstler schufen eigens dazu Bilder und Installationen; Deutsche aus Ost und West haben sich zu einer Performance über ihre Biografien zusammengetan, und das Thema wurde mit musikalischen und dramaturgischen Mitteln dargestellt. Für diese Aktivitäten hat unsere Künstlerinitiative von der Gemeinde Wiesenburg eine ehemalige Reithalle direkt am Schloss zur Verfügung gestellt bekommen und in Eigenarbeit renoviert.
Eine Gruppe von Schauspielern hat in einem alten Kulturhaus in Niemegk das „Neue Volkstheater Fläming“ gegründet und bringt neben eigenen Stücken und Projekten interessante Menschen in die Region. Die erste Spielzeit fand unter dem Titel „Treibstoff Heimat“ statt. Es gab neben einer Eigenproduktion zum Thema, Filmen und Lesungen auch Schreibwerkstätten und Workshops, damit Kultur nicht nur konsumiert, sondern auch von jedem erzeugt werden kann. Und derzeit bildet sich ein Netzwerk der Fläming-Musiker, das am 1. Mai 2005 zum ersten Mal ein Musikfestival veranstaltet hat.

lBesteht denn von Seiten der Bevölkerung Interesse an mehr Kultur, und was interessiert die Künstler an der -Region?

Wir haben das Glück, dass wir relativ nahe an der Hauptstadt leben; man ist von hier aus in einer Stunde in Berlin. Aber die Mieten z.B. für Ateliers etc. sind wesentlich erschwinglicher als in der Hauptstadt. Das hat einige Künstler bewogen, sich in der Region anzusiedeln und sich von hier aus nach Berlin zu bewegen. Auch viele Musiker und Schauspieler haben hier ihren Lebensmittelpunkt. Gleichzeitig ist es ja so, dass die Hauptstadt kulturell so überfrachtet ist, dass man inzwischen sogar leichter hier etwas anbieten kann. Die Dankbarkeit zumindest eines Teils des Publikums ist höher. Und jene, die es sich abgewöhnt haben, kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, müssen wieder gewonnen werden. Das ist auch eine interessante Her-ausforderung.

lGeht man als Gemeinschaftsmensch anders an so eine Netzwerkarbeit heran?

Ich glaube ja. Für uns in der Gemeinschaft ist es ein hoher Wert, dass jede Person den Platz findet, der ihr die Möglichkeit bietet, ihre ureigensten Potenziale zur vollen Entfaltung zu bringen, also die Fähigkeiten, die nur diese Person hat und die sie zu etwas Besonderem machen. Wir versuchen, uns gegenseitig immer wieder dabei zu unterstützen. Und es gibt bei uns ein hohes Bewusstsein dafür, wie notwendig diese Unterstützung ist, auch wenn wir sie selbst noch nicht immer leisten können. In der normalen Konkurrenzgesellschaft ist es hingegen anders: Oft versuchen Menschen, einander auzustechen. Und gerade bei stark ausgeprägten Individuen ist es nicht einfach, sich gegenseitig in seiner Kraft wahrzunehmen und zu akzeptieren.
Künstler sind von Natur aus ausgeprägte Individuen. Es gehört ja quasi zur Rolle eines Künstlers, seine individuellen Besonderheiten auszugestalten, nur so entsteht künstlerische Innovation. Im Zusammenkommen der Künstler Netzwerkarbeit zu machen, heißt demzufolge, dass man hier besonders die Fähigkeiten braucht, sich als starke unterschiedliche Individuen gegenseitig akzeptieren zu lernen, damit Kooperation und Unterstützung entstehen kann. Ich glaube, dass wir hier unsere langjährigen Erfahrungen im Gemeinschaftsaufbau gut nutzen können und dass wir auch durch diese Erfahrungen eine bestimmte soziale Verantwortung haben, Kooperation statt Konkurrenz zu fördern und auch zu vermitteln, wie man synergetische Effekte erreicht und die Fähigkeiten der einzelnen so zusammenfügt, dass sie sich ergänzen und verstärken.

lErreicht das die Menschen hier im Fläming, die nicht in Eurem Freundeskreis sind, und wenn ja, wie geschieht das?

Für viele Veranstaltungen und Initiativen gibt es inzwischen Kooperationen mit Menschen außerhalb des „Freundeskreises“. Und wir geben durch die Art des Umgangs miteinander und der Organisation der Region Impulse. Ein Beispiel ist das Regionaltreffen, das im Juni zum dritten Mal stattfand. Zweimal fand es in unserer Gemeinschaft und dann in Wiesenburg in der ehemaligen Reithalle statt. Die Lokale Arbeitsgruppe Fläming-Havel (LAG) war schon zum zweiten Mal Mitorganisator, so dass wir auch durch EU-Gelder Unterstützung bekamen, und es kommen inzwischen auch Menschen aus der Stadt- und der Kreisverwaltung, Naturschutzverbände sowie Kleinunternehmer, interessierte Bürger etc. zu uns. Als Konferenzmethode hatten wir die Open-Space-Methode gewählt, die mit ihren unkonventionellen Strukturen für viele ungewohnt ist (z.B. ist man aufgefordert, nur dort zu sein, wo es einen wirklich interessiert, und Arbeitsgruppen bei Langeweile sofort zu verlassen). Die Rückmeldungen waren durchweg positiv; viele haben die Konferenz trotz der Themenfülle als wenig anstrengend erlebt und sich untereinander unabhängig von Rollen und Funktionen über gemeinsam wahrgenommene Interessen kennengelernt und neue Projekte geplant.

lWas ist für dich die schönste Zukunftsvision deiner Arbeit?

Für die kulturelle Arbeit könnte ich es so formulieren: Überall im Hohen Fläming gibt es kleine Veranstaltungsorte, Ausstellungen, Musik-, Tanz- und Theateraufführungen. Es ist üblich, am Wochenende dorthin zu gehen, um sich geistig inspirieren zu lassen. Die Künstler können alle von ihrer Kunst leben und schaffen es, zu den drängenden Fragen unserer Zeit immer wieder auf verschiedenste Art zusammenzukommen und gemeinsam Aktionen zu machen, die mal anregen, mal provozieren, aber immer berühren und mehr Wahrnehmung und Kontakt ermöglichen, so dass eine sozial und kulturell lebendige Region entsteht. ´


Barbara Stützel ist Psychologin, lebt seit fünf Jahren in der ZEGG-Gemeinschaft und ist im Hohen Fläming als Sängerin und Schauspielerin sehr aktiv. Ihre letzte größere Produktion war das Stück „Heim kehren“ im „Neuen Volkstheater Fläming“.



  Autoren

Stucki, Ramona

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