Julia Kommerell berichtet über die Gründung des Bundesverbands
Wie ist die Regionalbewegung entstanden und was hat sie in den letzten Jahren geleistet? Warum ist jetzt ein Bundesverband sinnvoll?
Es begann 1999 mit einem „langen Weg der kurzen Wege“, einer Hand- und Landwerkerwanderung quer durch die Bundesrepublik, organisiert von der fränkischen Regionalinitiative „Artenreiches Land – lebenswerte Stadt e.V.“. Dabei wurden die vielfältigen Produkte der jeweiligen Region präsentiert, um die Besonderheit jeder Region sichtbar und die Verantwortung für ihren Erhalt jedem schmackhaft zu machen. Aufgrund des großen Erfolgs entstand die Aktion „Tag der Regionen“ zu Erntedank im Oktober – zuerst nur in -Bayern und Nordrhein-Westfalen. Zusammen mit der westfälischen Bürgerinitiative „Lebenswertes Bördeland und Diemeltal e.V.“ wurde der Tag organisiert. Ab 2002 wurde der „Tag der Regionen“ bundesweit gefeiert. Im letzten Jahr nahmen schon mehr als 450 Initiativen an über 700 Orten und Hunderttausende von Besuchern teil. Die Aktionen reichen vom Frühstück auf dem Bauernhof über Radtouren durch die Region, globalisierungskritische Mahnaktionen, Infoveranstaltungen bis zur Aktion „Pflanzenöl im Tank“ und Fairtrade-Einkaufsmöglichkeiten.
Die Chancen regionaler Wirtschaftskreisläufe
Es geht dem „Tag der Regionen“ in erster Linie um Bewusstseinsarbeit: Die Menschen in unserem Land sollen erkennen, dass regionale Wirtschaftskreisläufe vielfältige Chancen für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen bieten, indem sie
!Arbeitsplätze und Lehrstellen in der Region durch dezentrale Strukturen sichern, denn wenn ich nicht den Handwerker aus der Region beschäftige, geht vielleicht auch mein Arbeitsplatz verloren,
!durch den Kauf regionaler Produkte oder Dienstleistungen die Kaufkraft in der Region lassen,
!vielseitig strukturierte, stabile, ökologisch orientierte Klein- und Mittelstandsbetriebe erhalten, die von den globalen Märkten meist unabhängiger bleiben können als die großen Betriebe,
!für Transparenz und Kontrollierbarkeit der Produkte und Dienstleistungen sorgen – nicht nur nach gesundheitlichen, sondern auch nach sozialen Maßstäben,
!gesunde Produktvielfalt und -qualität erhalten, Verpackungs- und Konservierungsstoffe reduzieren,
!durch kurze Wege und weniger Verpackung Energie und Ressourcen einsparen und außerdem mehr Frische auf den Tisch bringen,
!die gewachsene Kulturlandschaft erhalten (oder wiederherstellen), die Landwirtschaft stärken und für eine artgerechte Tierhaltung einstehen,
!durch flächenschonende Anbauweisen und Unabhängigkeit vom Saatgut von Großkonzernen wie Monsanto die Artenvielfalt erhalten und zurückerobern,
!die Lebensqualität am Wohnort verbessern, eine Kultur der Nachbarschaft wiederbeleben,
!den nachbarschaftlichen Kontakt, Zusammenhalt und das bürgerliche Engagement fördern,
!das Verständnis und das Engagement auch für die selbständige Entwicklung der Regionen in anderen Teilen der Welt fördern. Nur miteinander können sich die Regionen gegen die Macht der transnationalen Konzerne entwickeln.
Inzwischen hat sich ein bundesweites Aktionsbündnis aus Organisationen vielfältiger Ausrichtung gegründet, das den „Tag der Regionen“ koordiniert. Schirmleute sind neben der Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft Renate Künast die jeweiligen Ministerinnen und Minister der Länder in den Ressorts Landwirtschaft, Umwelt, Ernährung und Verbraucherschutz.
Nach kaum fünf Jahren ist die Regionalbewegung schon eine Bundesbewegung geworden. 2004 traf man sich zum ersten Bundestreffen und arbeitete dort die „Feuchtwanger Charta” als eine Art Grundsatzpapier aus. Im April 2005 war es dann soweit, dass auf dem 2. Bundestreffen ein Bundesverband gegründet werden sollte.
Gründung des Bundesverbands der Regionalbewegung
Die Tagung fand in Feuchtwangen, einem kleinen fränkischen Städtchen statt. Über 200 Menschen aus der ganzen Bundesrepublik kamen dort zusammen. Auf dem Markt der Möglichkeiten gab es Produkte aus dem Elbe-Elster-Land, Saale-Unstrut -Wein, Emmer-Getreide aus dem Fränkischen. Es präsentierte sich der Dachverband UNSER LAND rund um München, die Katholische Landjugend-Bewegung, die eine sehr überzeugende Jugendarbeit leistet, ein -Oikokredit-Gepa-attac-Stand, sogar die Kunst von der Küste war vertreten. Es war zu spüren, dass hier Menschen zusammenkommen, die mit viel Engagement für ihre Sache einstehen und mit Freude und einem gewissen Stolz das Erreichte präsentieren. Alle kennen den langen Atem, den man in Sachen Regionalarbeit braucht, und stehen für die Überzeugung ein, dass das eine Richtung ist, die in Zeiten der Globalisierung Hoffnung macht.
Als Vortragende tummelten sich Politiker und Professoren, Geistliche und Unternehmer auf der Tagung, von denen leider nicht viel Neues kam. Dass die Regionalbewegung eine wichtige Bewegung ist, wussten wir schon. Gerne spannt die Politik dieses Pferd für sich ein, denn das kommt gut an. Vieles vom Gesagten kann man jedoch nicht ernstnehmen, wenn man auf die Realpolitik der Parteien schaut, die immer noch stark auf die globalen Märkte ausgerichtet ist und die Gentechnik und Agrarfabriken fördert.
Der Bundesverband hat sich gegründet, um genau dort Lobbyarbeit zu leisten: auf Länder-, Bundes- und EU-Ebene. Den jetzt im Vorstand sitzenden Vertretern und Vertreterinnen ist zuzutrauen, dass sie deutliche Worte finden, wenn sie mit Politikern zu tun haben. Der interessanteste Teil der Tagung war, als sich die neuen Vorstandsmitglieder und neu geworbenen Mitglieder in ihrer Vielfalt und dem sichtbaren Elan vorstellten.
Als ich das „Ökodorf Sieben Linden“ vorstellte, herrschte gespannte Aufmerksamkeit im Saal. Es war zu spüren und den anschließenden Nachfragen zu entnehmen, dass der ganzheitliche und der gemeinschaftliche Ansatz des Ökodorfs die Menschen berührte und begeisterte – sofern er sich im alltäglichen Miteinander positiv auswirkt. Das Motto des letzten Regionaltreffens „Nachbar, wir brauchen uns!“ bekam eine tiefere Bedeutung.
Ich sehe es als meine Aufgabe an, Gemeinschaften stärker in die regionale Arbeit einzubinden und gemeinschaftliches Zusammenwirken in der Region zu fördern, um so den Geist und die Praxis der gegenseitigen Unterstützung zu erweitern und zu vertiefen. ´
Julia Kommerell ist als Illustratorin und Redakteurin im Ökodorf Sieben Linden tätig und vertritt das Ökodorf im neu gegründeten Bundesverband der Regionalbewegung. Sie organisiert den „Tag der Regionen“ im Ökodorf am 1. und 2. Oktober 2005 mit regionalem Markt der Möglichkeiten und den Themenschwerpunkten regenerative Energie und Waldkindergarten.
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