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Brief aus Amerika
erschienen in Ausgabe 136
Die weißgelockte Haarpracht des Redners lässt an die majestätische Perücke eines englischen Lords erinnern. Aber Daniel Sheehan verkörpert die oppositionelle US-Denk-Elite. Der Staranwalt studierte in Harvard, klagte erfolgreich in einem Musterprozess gegen die Regierung auf Herausgabe der Pentagon-Papiere, erstritt die Initiierung landesweiter Umweltschutzgesetze und engagierte sich im jüngsten Präsidentenwahlkampf als führender Stratege der Demokraten. Sein Vortrag an diesem Abend handelt von der (bis dato untergründigen) Verstrickung von „Quantenphysik und moderner politischer Theorie“. Gleich zu Beginn erwähnt Sheehan nebenbei – offenbar nur für den deutschen Zuhörer erstaunlich – die Selbstverständlichkeit von außerirdischen Intelligenzen. Wer heute noch die Realität von UFO-Kontakten leugne, so der eloquente Verfassungsrechtler, lege dieselbe starrsinnige Blindheit an den Tag, mit der die Regierung Bush die globale Erwärmung in Abrede stelle.
Im Auditorium der kleinen örtlichen Universität lauscht ein mehr als 200-köpfiges Publikum – Familienväter, Senioren, hippieske Jungmänner und zahlreiche bunt bis dezent gekleidete Frauen aller Altersstufen – mit offensichtlicher Begeisterung den Worten des Redners. Der endet seine Ausführungen mit einer kürzlichen Begebenheit aus Harvard. Bei der Verabschiedung des von allen hoch geachteten Rektors wurde dieser gefragt, welche Idee er für die wichtigste hielte, der er in seiner langen Laufbahn begegnet sei. Der Rektor antwortete mit dem Hinweis auf ein kürzlich entdecktes neues Gen, das die biologische Entsprechung der derzeitigen Transformation hin zu einem erweiterten, intuitiveren Bewusstsein sein könnte.
Ja, wo sind wir denn hier? Nun, es ist normaler Dienstagabend im Städtchen Ashland im kleinen nordwestlichen US-Bundesstaat Oregon. Kulturkreative Gegenwart an der bekanntlich allem Neuen aufgeschlossenen Westküste der Vereinigten Staaten. Ashland hat 22000 Einwohner. Der zwischen piniengesäumten Hügelketten und einzelnen schneebedeckten Vulkankegeln gelegene Ort ist landesweit bekannt für sein erstklassiges Shakespeare-Theater. Dessen Programm ruft jedes Jahr rund 300000 Besucher in die Stadt. Die kann davon leben. Von dem Strom an Kultur(be)suchern profitiert auch die große Zahl der hier ansässigen innovativen Unternehmer und Forscher, spirituellen Heiler, experimentellen Künstler, ökologischen Einrichtungen und lokalpolitischen Alternativ-Initiativen. Rund 7000 bis 8000 Ashlander zählen schätzungsweise zur kulturkreativen Minderheit. So gesehen ist die Stadt fast Musterbeispiel für die prozentuale Verteilung der neuen und bislang noch weitgehend unerkannten Bevölkerungsgruppe. Kaum mehr zu übersehen ist jedoch in Ashland, wie diese engagierte Minderheit das politisch-kulturell-spirituelle Feld des Ortes entscheidend mitprägt. Und wohl auch den unausgesprochenen Teil seiner Anziehung und seiner Dynamik bewirkt. Wobei diese Eigenschaften vielleicht nicht von ungefähr hier Tradition haben, galt die Region doch den früher hier lebenden Indianern als Heilungs-Kraftplatz.
Zu dem Vortrag von Daniel Sheehan an der Universität der Kleinstadt – übrigens der einzigen Hochschule Amerikas mit einem eigenen „Indianer-Lehrstuhl“ – hatte die „Metaphysical Library“ eingeladen. Die mit einem Seminarraum und modernen Medien ausgestattete Bibliothek liegt mitten im Ort. Sie wirbt mit Autoaufklebern wie „Making Metaphysics Mainstream“ und „Unseen Forces“ für ihre Veranstaltungen. Letztere behandeln alternativ-lokalpolitische Themen ebenso wie esoterische und (nach deutschen Begriffen) grenzwissenschaftliche Bereiche. Aber auch das Schwarze Brett der regulären städtischen Bibliothek ist übersät mit Einträgen, die hierzulande viele Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes umgehend die nächste Sektenberatungsstelle benachrichtigen ließen.
Nun ist Ashland nicht gleich Amerika. Das besteht immer noch zu großen Teilen aus traditionellem bis modernem Bus(c)h-Land. Aber Ashland ist ein wachsender Teil der Neuen Welt. Es steht für das kreative Wachsen einer neuen, ganzheitlicheren Kultur – in einem in Deutschland noch wenig erprobten, aber außerordentlich befruchtenden Neben- und Miteinander von undogmatisch-spiritueller Praxis und politischem, ökologischem, kulturellem und nicht zuletzt ökonomischem Engagement und Experiment.
Es ist weitgehend die gleiche Zielgruppe, die sich in Ashland langfristig für Ökoinitiativen und spontan im Wahlkampf engagiert; die sich an Universitäten wie in der „Metaphysical Library“ gleichermaßen über innovative Ansätze und Entwicklungen informiert, und die in der – wieder nach deutschen Maßstäben – gigantisch sortierten und zugleich außerordentlich herzlich geführten Food-Cooperative biologische und „fair gehandelte“ Lebensmittel und Haushaltswaren kauft.
Transformation ist das Motto, unter dessen Dach sich hier politische, ökologische, wirtschaftliche und spirituelle Interessen kulturkreativ vereinen. Wobei eben nicht (nur) legendäre amerikanische Fortschrittsgläubigkeit vorherrscht, sondern eine Art qualitativer Quantensprung in Bewusstsein und Lebensstil ins Visier kommt. Genau auf diesen Zusammenhang hatte Daniel Sheehan mit dem Thema seines Vortrags gezielt.
Was sich die landesweite Bewegung der ökologisch-radikalen und zugleich spirituell offenen „Bioneers“ auf die Fahnen geschrieben hat, wie das Modell einer neuen und ganzheitlichen Community-Aktivierung seinen Weg entlang der Westküste findet, und warum sich amerikanische Präsidentschaftsbewerber öffentlich auf Sri Aurobindo beziehen, soll in weiteren Briefen aus Ashland berichtet werden.

Wolfgang Schmidt-Reinecke, studierte Publizistik, Geschichte und Ethnologie. Er lebt und arbeitet als freiberuflicher Publizist, Fundraiser und PR-Berater im Bereich Verbände, Agenturen und Nonprofit-organisationen.


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Schmidt-Reinecke, Wolfgang

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