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Brief aus Amerika
erschienen in Ausgabe 137
Matrix war Kult im letzten Jahr. Im Cyberspace und in vielen Ländern wurde über die Ebenen der computergesteuerten (und von Hollywood animierten) Bewusstseinswelten vor und hinter der Leinwand spekuliert. Viele sahen in der erfolgreichen Trilogie ein kunstvolles spirituelles Gleichnis. So auch der Bewusstseinsforscher und Philosoph Ken Wilber, der die DVD-Fassung des Films ausführlich kommentierte. Hollywood reagierte gleichfalls. New Age-Themen sind jetzt gefragt, in den Sümpfen Floridas werden derzeit mit großem Aufwand die „Prophezeiungen der Celestine“ in Szene gesetzt. Mit noch größerem (Werbe-)Aufwand soll die illustrierte spirituelle Message anschließend ein Millionenpublikum erreichen.
Der sympathisch wirkende, rundliche Endfünziger in dem mit intellektuellem Flair eingerichteten Frühstückscafé in Ashlands Mainstreet verzieht dazu ablehnend das Gesicht. Stephen Simon ist ein erfolgreicher ehemaliger Hollywood-Regisseur, dessen romantische Reinkarnations-Erzählung „What dreams may come“ (deutsch: „Hinter dem Horizont“) einen Oscar für Gestaltung erhielt. Stephen ist ausgestiegen aus Hollywood und hat sich, wie viele Kalifornier, im nördlich gelegenen Oregon und dort in der (Kultur-)Krea-tivenhochburg Ashland angesiedelt. Stephen erzählt uns, dass er von hier ausgehend ein landesweites Netzwerk zum Thema „Spiritueller Film“ aufgebaut hat. Es richtet sich sowohl als Austauschforum an Filmschaffende als auch als DVD-Vertriebsangebot an interessierte Zuschauer (www.spiritualcinemacircle.com). Stephen hält nichts von „Pop-Spirituality“. Quantität aus Hollywood, Qualität in Ashland. Sein neuester Film ist eine Geschichte mit „Indigo“-Thematik. Hauptdarsteller ist sein Ashlander Wohnnachbar Neale Donald Walsch, Bestseller-Autor göttlicher Gespräche.
Cultural Creatives at their best auch in anderen Teilen der Westküste. Im kalifornischen San Rafael tagten im letzten Oktober die „Bioneers“, eine seit 1990 bestehende ökospirituelle Organisation mit Ausstrahlung ins ganze Land. Das Programm der Tagung liest sich wie aus dem integralen Handbuch: Kultur, Ökologie, Politik, Wissenschaft und undogmatische Spiritualität in kunstvoller Balance (www.bioneers.org/conference2004/index.php). „Coming from the mountain – spiritual and social action“ lautet etwa ein Beitrag. Brückenschlag zwischen nabelkreisendem New Age und linkszielender Gesellschaftsveränderung. Schamanismus und Solarenenergie, Bürgerrechte und alternative Medizin in einem Atemzug. Vorgestellt und diskutiert wurden neue Entwicklungen wie „Biomimicri“ bzw „Biomimetic“. Gemeint ist eine Art ganzheitlicher Technologie, die sich bei der Gewinnung von industriellen Materialien die Natur direkt zum Vorbild nimmt. Spinnennetze statt High-Tech-Faser. Die Bioneer-Konferenz versammelte die Crème kulturkreativer US-Medien, darunter die Privatstation New Dimension-Radio (www. newdimension.org) und die Internetaktivisten von www.moveOn.org. Angesichts einer in vielen Teilen des Landes wie gleichgeschaltet wirkenden Mainstream-Presse bilden diese engagierten Kommunikatoren für Millionen Amerikaner – wie zuletzt im Wahlkampf – primäre kulturkreative Informationsquellen.
Diese jüngste Wahlschlacht – die teuerste der US-Geschichte – ist zwar seit November letzten Jahres offiziell abgeschlossen, aber die Untersuchungen über angebliche Manipulationen im entscheidenden Bundesstaat Ohio fanden auch mit dem Jahreswechsel kein Ende. Auf dicht gedrängten Veranstaltungen wurden massive Vorwürfe über Betrügereien fast im „alt-ukrainischen Stil“ erhoben. So wie es aussieht, hat dieser Verdacht aber kaum eine Chance, endgültig geklärt zu werden. Sicher ist nur, dass es der liberalen Hälfte der amerikanischen Bevölkerung auch Wochen und Monate nach der Wahl außerordentlich schwerfällt, ihren neuen alten „Landesvater“ zu akzeptieren. Fest steht auch, dass Bush schon jetzt der am meisten verhöhnte Präsident der US-Geschichte ist. In der größten Buchhandelskette des Landes, Barnes and Noble, findet „Bush Bashing“ weiterhin seinen offenen Ausdruck. Mit hierzulande ungewohnter Unverblümtheit wird Bush in Buchtiteln und Waschzetteln schlichtweg als der „größte Idiot“ bezeichnet, den die USA je zum Boss hatten. Weitere staunenswerte Titel lauten etwa: „The Bush Hate Handbook“ mit der Unterzeile: „Bush hating is a demanding vocation. Beginners simply hate …“ oder einfach: „Bush Lies“. Kultur-Kreative in Ashland und anderswo geben sich verzweifelt über ihre Landsleute, die trotz der offensichtlich mit dieser Regierung einhergehenden materiellen Verschlechterungen (etwa im Gesundheits- und Bildungsbereich) bei der Wahl bigotten und von Sicherheitsdenken getriebenen Erwägungen den Vorzug gaben.
Offenbar wird damit auch der entscheidende Unterschied in einer nur von säkularem Standpunkt aus bestehenden Gemeinsamkeit von Kultur-Kreativen und traditionell Religiösen: So wie bei letzteren Spiritualität vor allem starre Moral und Gut-Böse-Denken bedeutet, so verbinden Kultur-Kreative mit ihr lebendige und authentische Erfahrungen jenseits von Glauben und Dogma.
Diese Spiritualität ist es auch, die Stephen Simon als Vision für seine Filme nimmt. Für Hollywood mögen Matrix und Mel Gibsons blutrünstige Jesus-Darstellung auf derselben (Markt-)Schiene liegen. Tatsächlich aber sind jene Filme nur dazu geeignet, den gegenwärtigen Abgrund zwischen dem fundamentalistischen und dem zukunftsorientierten Amerika zu verdeutlichen. ´

Wolfgang Schmidt-Reinecke studierte Publizistik, Geschichte und Ethnologie. Er lebt und arbeitet als freiberuflicher Publizist, Fundraiser und PR-Berater für Verbände, Agenturen und Nonprofit-organisationen.


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Schmidt-Reinecke, Wolfgang

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