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| Brief aus Amerika |
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Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis das spezielle Leistungsangebot einer ganzheitlichen Autowerkstatt seinen Weg in die Welt fand. Vielleicht existieren solche Betriebe auch schon anderswo, aber es ist gewiss kein Zufall, dass einer davon im kulturkreativen US-Westküsten-Städtchen Ashland seine Dienste anbietet. Alle Leistungen dieser Werkstatt sind -„ehrlich“ kalkuliert und ökologisch in jeder Hinsicht vorbildlich. Kunden sollen in der „mit Herz betriebene Garage“ Einblick erhalten in die „innere Haltung und Philosophie“ des Betriebs und des Meisters, die selbstverständlich auch bei Reifenwechsel und Motorüberholung zum Tragen kommt.
Das „Green Book“ von Ashland, eine Art Branchenbuch, offeriert auch sensiblere Dienstleistungen. Zum Beispiel professionellen Beistand beim Schreiben eines spirituellen Tagebuchs. Die ganze Region ist überhaupt so entwickelt, dass hier eine Immobilienmaklerin laut eigener Werbung hauptsächlich mit ökologisch wirtschaftenden Bauernhöfen handeln kann. Das Angebot an Heilern im Großraum Ashland stellt nach Aussage der hier lebenden New Age-Altmeisterin Jean Houston die größte Dichte in ganz Amerika dar: Wachträumen, Sakral-Theater, schamanistische Rituale, Aura-Lesen und die ganze Palette der integrierten Körper-, Seele- und Geist-Techniken sind hier vertreten. Das weitestgehende Angebot stammt von einer kleinen Gruppe von Heilern, die ihre Klienten nicht nur bei der Entwicklung eines neuen Bewusstseins, sondern des ultimativen Wandels des ganzen Körpers begleitet (from Transformation to Transmutation). Ashland zieht dank dieser vielfältigen Angebote und seiner einzigartigen Theaterlandschaft viele zahlende Besucher und vermögende Neusiedler an. Trotzdem trifft man auch hier unvermittelt auf große Armut (nach neuesten Schätzungen leben mehr als 20% aller amerikanischen Kinder unterhalb der Armutsgrenze!). In Stadt und Region haben deshalb viele der erwähnten – und oft selbst nicht allzu betuchten – Anbieter so wie an anderen Orten der Welt ein bargeldloses Tauschsystem entwickelt. In Ashland liest sich das dann: Ökologische Autoreparatur gegen professionelles Aura-Reading, geomantische Gartengestaltung für Body-Mind-zentrierte Tiefenmassage.
All das verlangt gute Kommunikationsmedien. Im südlichen Teil Oregons ist die „Sentient Times“ tonangebend, die „Zeitschrift für bewusste Unterscheidung – Alternativen für die individuelle und gesellschaftliche Transformation“. In einer ihrer jüngsten Ausgaben berichtet sie über den neuen Kultfilm „What the Bleep Do We Know?!“. Es ist dies ein kaum zu übersetzendes Wortspiel, wobei „Bleep“ das akustische Lösch- und Zensursignal im US-TV meint, wenn an unpassender Stelle „anstößige Wörter“ fallen. Der zweistündige Film bildet ein cineastisch innovatives Gesamtkunstwerk aus Spielhandlung, Animation sowie Interviews mit hochkarätigen Wissenschaftlern und Bewusstseinforschern. Im Mittelpunkt von Handlung und Aussagen stehen zeitgemäße Erkenntnisse über die neurophysiologische und philosophische Subjektivität unserer Welt- und Selbsterfahrung (im Gegensatz zum Objektivitäts-Dogma herkömmlicher Wissenschaft). Es wäre aber kein amerikanischer Film, wenn er nicht vor allem den praktischen Nutzen der neuen Erkenntnis sehen würde: Wir können im weit größerem Maß positive und verändernde Mitgestalter unserer Realität und unseres Schicksals sein, als es uns traditionelle Religion und Wissenschaft weismachen woll(t)en … Der beispiellose Erfolg des Films in Amerika (auch in Mainstream-Kinos) beweist, wieviele Menschen dort für diese Botschaft bereit sind. Sicherlich wird er auch seinen Weg in deutsche Kinos finden.
Magazine wie die Sentient Times gibt es vor allem in den „blauen“ Küstenstaaten. Meist klären sie schonungslos auf über die tatsächlichen und vermuteten Machenschaften der gegenwärtigen US-Regierung. Deren Treiben zeichnet in der Sicht der alternativen Medien das Bild eines schon nahezu faschistischen Landes. Wobei eben die Existenz der oppositionellen Stimmen beweist, dass noch Hoffnung besteht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Kulturkreativer Hoffnungsträger ist zum Beispiel die landesweit verbreitete Monatszeitschrift (übersetzt) „Utne – Eine andere Art, das Leben zu lesen“, die regional erschienene Artikel zu brennenden Themen auswählt und wiedergibt. Zu den kontrovers diskutierten Topthemen zählt weiterhin die Spaltung des Landes in ein religiös-konservatives und ein säkular-liberales bzw. kulturkreatives Lager. Immer wieder wird dabei der Unterschied zwischen konservativ-strenger Religiosität und undogmatisch-neuer Spiritualität kargestellt, in den Worten des US-Philosophen Ken Wilber: um der Verwechslung von prärationalem Glauben und transpersonalem Bewusstsein vorzubeugen. Erstaunliche Utne-Meldung am Rande: Es gibt eine neue Bewegung: die „Asexuellen“. Jenseits irgendeiner Moral propagieren deren Anhänger ein sexfreies Leben als selbstgewählte Lebensform (www.asexuality.org). Ein weiteres Beispiel dafür, wie eine früher -religiös begründete Vorschrift heute in zwangloser Form eine neue Bedeutung erhalten kann.
So gesehen, spiegeln das vielgestaltige Ashland und andere Orte Amerikas das ur-amerikanische Experimentieren mit freien spirituellen Bewusstseinsformen auf einer zeitgemäßen Ebene wider. Mit all seinen exotischen Blüten und fundamentalistischen Abgründen. Aber immerhin werden in den Staaten die entscheidenden Fragen nach dem Woher, Wohin und Warum einerseits zwar noch (in alter dogmatischer Form), andererseits bereits wieder (in neuer aufgeklärter Weise) gestellt. ´
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Autoren |
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Schmidt-Reinecke, Wolfgang
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Partner
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