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| Brief aus Amerika |
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Die Stadt Ashland im US-Bundesstaat Oregon – in diesen Briefen als kulturkreative Referenz dienend – ist ein Herz-Zentrum. New-Age-Vertraute wissen, dass Orte mit energetischer Ausrichtung auf das Herz-Chakra besondere Qualitäten im emotionalen Bereich aufweisen. Auch sind sie meist spiritueller, „seelischer“ orientiert. In der Tat gestehen sogar notorisch nüchterne Beobachter wie die Chicago Tribune oder die New York Times Ashland im Landesvergleich eine bemerkenswert freundliche und gewinnende Ausstrahlung zu. Besucher sind neben der landschaftlichen Schönheit der Region („Mischung aus Toscana und Skandinavien“) und der ebenso attraktiven Kunst- und Kulturlandschaft („2. Platz unter den kleinen Kunst-Städten Amerikas“) von der überdurchschnittlichen Herzlichkeit der Menschen in den Läden und auf den Straßen angetan.
Als Gründe, warum manche Orte, Regionen oder Länder als Herz-Zentren gelten, werden durchaus unterschiedliche und sich sicherlich oft ergänzende Faktoren genannt. Auf entsprechende geomantische Potenziale des Ortsgeists, in Erde und Klima Ashlands deutet zum Beispiel hin, dass der Ort schon lange vor Mitte des 19. Jahrhunderts, d.h. dem Zeitpunkt, zu dem weiße -Kolonialisten aus dem Osten des Kontinents erstmals diesen Teil Amerikas besiedelten, von einheimischen India-nerstämmen als heiliger Ort betrachtet wurde. Sie kamen hierher, um Heilung zu suchen – oder um hier an einem angemessenen Ort zu sterben.
Von der aktiven kulturkreativen Minderheit des heutigen Ashland war schon in anderen Briefen die Rede. Stil und Umgangston dieser aus allen Altersstufen stammenden Mitbürgerinnen und -bürger bilden einen weiteren Faktor, der zum unverkrampft-freundlichen Erscheinungsbild der Stadt beiträgt. Kulturkreative Offenheit: kein wertgebundener Konservativismus, aber auch kein wertfrei (wertlos?) geführtes Yuppie-Leben.
Nur folgerichtig also, dass in Ashland eine Bewegung ins Leben gerufen wurde, die mittlerweile auch in anderen Teilen der Westküste lebhafte Resonanz erfährt. In-My-Village (ab Ende August: www.inmyvillage.org) will neue Formen „postfamiliärer Freundesgruppen“ für Singles und Städter schaffen. Traditionelle Familien und Sippen werden als im Niedergang begriffen angesehen, an ihre Stelle sollen nach der Vision der Village-Initiatoren sogenannte Heart Circles treten.
Dies sind idealerweise drei bis fünf Menschen, die nicht zusammenleben, aber sich mindestens einmal wöchentlich treffen, telefonieren und sich gegenseitig unterstützen und austauschen. Keine „Selbsthilfegruppen“ für spezifische Probleme, sondern eher eine Qualität der Vertrautheit und wechselseitigen Unterstützung, wie sie tradionellerweise Familien und Sippen eigen ist. Der initiatorische Findungsprozess dieser Kleingruppen geschieht im Rahmen von Workshops, die Interessierten auch gleich das erforderliche Rüstzeug für die neuen Solidargemeinschaften vermitteln. Die einzelnen Herz-Zirkel treffen sich von Zeit zu Zeit mit anderen Gruppen und lassen so ein gemeinsames „Village“, d.h. eine neue soziale Einheit inmitten existierender Kommunen, Städte und Regionen entstehen.
Eine andere Ashlander „Herz“-Initiative hat heute schon weit über 30000 Mitstreiter in der ganzen Welt. Bill Kauths schamanistisch inspiriertes New Warrior -ManKind Project (www.mkp.org) propagiert und lehrt eine neue Art von rauher, aber herzlicher Verbundenheit zwischen Männern. Sie wird wie in In-My-Village durch anfängliche Workshops erfahrbar gemacht und langfristig durch regional organisierte Männergruppen in den Alltag integriert. New Warriors bzw. Warrior Monks meint „Krieger“, die sich vor allem der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Schatten stellen und die auch spirituelle Werte wieder in ihr männliches Rollenbild integrieren (ManKind – Menschheit – ist ein Wortspiel, das auch die Bedeutung „liebenswürdiger Mann“ – kind man – beinhaltet).
In-My-Village und ManKind Project haben gemeinsam, dass sie sich als Not- und Geburtshelfer in einer immer orientierungsloser werdenden und gefährlichen Abgründen entgegentreibenden (US-)Zivilisation verstehen. Dieses düstere Bild hat sich für viele liberale und kulturkreative Amerikaner mehr als ein halbes Jahr nach der von ihnen als nahezu traumatisierend erlebten Wahlniederlage gegen die fundamentalistische Rechte noch weiter verstärkt. Die ungebrochen auf Wachstum und militärische Stärke setzende Politik der neuen alten Regierung lässt viele skeptische Beobachter ökologische oder terroristische Desaster als fast unvermeidlich in naher Zukunft erscheinen.
Das neue Schlagwort heißt denn auch Building Lifeboats (Rettungsboote bauen). Sowohl In-My-Village als auch ManKind Project verstehen sich mit ihren jeweiligen Ansätzen nicht nur als visionäre Zukunftsmodelle, sondern konkret als Teil eines gesellschaftlichen und persönlichen Arche-Noah-Baus in bedrohlicher Übergangszeit. Eine Fülle politischer, sozialer und spiritueller Informationen und Anregungen bietet in dem Zusammenhang Bill Kauths Internetseite http://sacredlifeboats.com/.
Zum Schluss noch ein Hinweis auf die neueste herzchakrenorientierte Unternehmung Ashlands: Die „Gespräche mit Gott“ von Neil Donald Walsch, einem der zahlreichen hier ansässigen New-Age-Prominenten, werden derzeit in dem malerischen Oregonstädtchen verfilmt.
Wolfgang Schmidt-Reinecke (wjsr@gmx.net) studierte Publizistik, Geschichte und Ethnologie an der FU Berlin (MA 1979). Er arbeitet als freiberuflicher Pub-lizist, Fundraiser und PR-Berater im Bereich Dritte Welt, Verbände, Agenturen und Nonprofit-Organisationen und lebt derzeit hauptsächlich in Ashland.
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Schmidt-Reinecke, Wolfgang
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