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Editorial
erschienen in Ausgabe 141
Liebe Leserinnen,liebe Leser,

Huracán, „der Einbeinige“, der Schöpfergott der Maya, weste in Gestalt des Windes in den Nebeln, die über den primordialen Fluten lasteten. Unaufhörlich wiederholte er das Wort „Erde“, so lange, bis das feste Land aus den Meeren aufstieg. Huracán, das „Herz des Himmels“, Gucumatz, der Former, und die Großeltern Xpiyacoc und Xmucane versuchten, Menschen zu machen, zuerst aus Lehm, dann aus Holz. Sie sollten sprechen, die Götter unterhalten und ernähren. Es misslang, und der dritte Versuch aus dem Mark von Korallenbaum und Schilfrohr ging gleichfalls fehl: Auch die dritte Menschheit hatte keine Seele und keinen Verstand und sprach nicht mit ihrem Schöpfer. Darum fiel Huracán über sie her und vernichtete sie mit Sturm, Flut und Regen. Auch die Tiere groß und klein rächten sich für erlittenen Missbrauch. Selbst die Steine und Stöcke, die Gegenstände des Hauses, sogar die Mahlsteine kamen und schlugen ihren Herren ins Gesicht. So gingen die dritten Menschen unter. Es heißt, ihre Nachkommen seien die Affen, die in den Wäldern hausen; nachzulesen im Popol Vuh.
Letztens habe ich mein Wissen über die Wirbelstürme in Atlantik und Pazifik aufgefrischt; Google verhilft über „Hurricane“ oder „Tropical Storm“ zu ungeahnten Einsichten. Katrina und Rita sorgten ja für großes Aufsehen. (Zeitgleich haben, von den Medien kaum beachtet, in Japan, in Bangladesh und Indien, in China oder soeben in Nordvietnam ähnlich verheerende Stürme ebenfalls Millio-nen von Menschen in die Flucht geschlagen, -Tausende von Opfern gefordert und Hunderttausende genauso vor das Nichts gestellt wie die Einwohner von Biloxi, Holly Beach oder der ärmeren Viertel von New Orleans.)
Zur Tragik, die solche Katastrophen für die betroffenen Menschen bedeuten, ist an anderen Orten genug gesagt. Ich staune über die perfekte Vorhersage, die ausgefeilten -Katastrophenpläne, Evakuierungsschemata etc., die alle öffentlich zugänglich sind. Nichts kommt hier überraschend, in den betroffenen Regionen der Erde gehören die gewaltigen Wirbelstürme in der warmen Jahreszeit zu den normalen Wetterereignissen.
Mich fasziniert das Phänomen der Wirbel-gestalten an sich. Örtlich erscheint die Luft chao-tisch. Die Stabilität jener riesigen tropi-schen Wirbelsys-teme erweist die -Atmosphäre als Ganze jedoch als kohärentes, langsam strömendes Organ des Erdkörpers. Das hohe Maß an Selbstorganisation und Ausdauer, das in der zum Wirbel geordneten Bewegung steckt, Lebensbogen und -Auswirkung einer derart unaufhaltsam revolvie-renden Raum- und -Zeit-struktur drängen zum Vergleich mit der menschlichen -Geschichte: Blutige Verhee-rung hat bisher die länderbreiten Schneisen sozialer Zyklone markiert. Wie wird sich der jüngste Wirbel des fortschreitenden globalen Wandels entwickeln? Sieht Huracán uns diesmal als Menschen mit Seele und Verstand?

Herzlich, Ihr
Johannes Heimrath


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Heimrath, Johannes

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