Immer mehr Amerikaner scheinen endlich die offensichtliche Wahrheit begriffen zu haben, dass Gott nichts anderes ist als lebendige Energie, die durch alle Zeiten strömt und die quer durch alle Geschlechter, Länder und Moden genossen werden sollte wie ein langgezogener und zärtlicher Zungenkuss!“ Keine tantrische New-Age-Poesie, sondern Zitat aus einem kürzlichen Leitartikel des San Francisco Chronicle, eine der großen US-Tageszeitungen.
Immer mehr Amerikaner scheinen endlich die offensichtliche Wahrheit begriffen zu haben, dass Gott nichts anderes ist als lebendige Energie, die durch alle Zeiten strömt und die quer durch alle Geschlechter, Länder und Moden genossen werden sollte wie ein langgezogener und zärtlicher Zungenkuss!“ Keine tantrische New-Age-Poesie, sondern Zitat aus einem kürzlichen Leitartikel des San Francisco Chro-nicle, eine der großen US-Tageszeitungen. Ein leidenschaftliches Statement der Westküste gegen die Bigotterie und den Fundamentalismus der amerikanischen Rechten, die zumindest an der Oberfläche das Land und die Medien beherrschen.
Tatsächlich aber, so belegt eine aufsehenerregende Newsweek-Untersuchung (auf die sich auch der Kommentator bezieht), vollzog sich in den USA in den letzten Jahrzehnten ein unerkannter Wertewandel. 79 Prozent der Amerikaner bezeichnen sich nicht länger in erster Linie als religiös, sondern als spirituell. Sie meinen damit eine unmittelbare Beziehung zu „Gott“, Spiritualität definiert sich hier als gemeinsamer und religionsübergreifender Urgrund aller organisierten Religion. Diese 79 Prozent sagen konsequenterweise, dass jeder Mensch, unabhängig von seinem religiösen Glaubensbekenntnis, „Erlösung“ oder „Erleuchtung“ erlangen bzw. in den „Himmel“ gelangen kann. Das ist schon überraschend in einem Land, in dem eine politisch herrschende Minderheit zumindest in der Öffentlichkeit ein enges und christliches Weltbild vertritt. Doch sogar 68 Prozent dieser Evangelikalen halten es für möglich, dass auch andere religiöse Überzeugungen zum Heil führen können (der Papst zum Beispiel will das immer noch nicht glauben).
Amerika ist seit seiner Gründung eine gläubige Nation. Auch heute gibt es praktisch in jeder Stadt unzählige Sekten und Denominationen. Neu ist aber, dass trotz oder vielleicht gerade wegen der gegenwärtigen glaubensideologischen Zuspitzung immer mehr Bürger sich freischwimmen von den Fesseln dogmatischer Religion und eine „universale Spiritualität“ entdecken. Amerikaner, so die Untersuchung, wechseln nicht nur Partner, Jobs und Häuser, sondern auch ihre religiösen Gemeinschaften mehrmals im Leben. Von den Amerikanern geht nur noch jeder Fünfte in kirchliche Gottesdienste, jedoch versammeln sich viele zunehmend in frei organisierten spirituellen Massenversammlungen. Zwei Drittel aller US-Bürger beten gleichwohl jeden Tag für sich alleine und ein Drittel meditiert täglich. Viele sehen „Gott“ sowohl im Transzendenten als auch – sich schrittweise offenbarend – in dieser Welt (philosophischer Fachausdruck: Panentheismus). Spiritualität wird mit „Selbstverwirklichung“ in Beziehung gesetzt. Die Befragung offenbarte zudem, dass die meisten der individualistischen Gottsucher politisch und ökologisch aktiv werden und Spiritualität und Wissenschaft als vereinbar erklären. Paul Ray, Soziologe und Entdecker der „KulturKreativen“, lässt grüßen …Noch einmal aus dem erwähnten Leitkommentar (der doch in Inhalt und Form so undenkbar wäre in der „Süddeutschen“ oder „Frankfurter Rundschau“ unseres so zaghaft gewordenen Deutschlands): „Was das ‚Göttliche‘ betrifft, so scheint es heute so zu sein, dass wir (Amerikaner) uns eher öffnen als verschließen, mehr entdecken als verstecken, eher experimentieren und vertrauen und das neue Geheimnis öffentlich dem Mond entgegensingen – als dass wir uns in die Ecke drücken und voller Furcht vor dem übermächtigen göttlichen Schatten dem Tod entgegentreiben, ohne zu bemerken, dass unsere kosmischen Fesseln längst gelöst sind!“
Der bemerkenswerte Artikel ist nachzulesen auf
http://sfgate.com/cgi-in/article.cgi?file=/gate/archive/2005/08/26/notes082605.DTL
Die vorhin zitierte Newsweek-Untersuchung steht unter
http://www.beliefnet.com
Beliefnet.com ist übrigens mit mehr als fünf Millionen Abonnenten die größte interreligiöse Website. Der Artikel erwähnt aber auch eine Homepage mit dem seit Jahren völlig unveränderten Webcam-Livebild eines Altars und einer Monstranz: Diese virtuelle Internet-Anbetungsseite wird pro Jahr 2,5 Millionen Mal aufgesucht! Brandneu und aufwendiger ist da die interspirituelle Website http://www.integrativespirituality.org. Sie bietet die vielleicht deutlichste Entsprechung zu dem neu dokumentierten Wertewandel.
Passend zu diesem ambivalenten Amerikabild noch das Neueste aus dem kleinen Oregon-Städtchen Ashland. Dazu muss man wissen, dass das ganze Land derzeit eine Welle der Militarisierung der Polizei erfährt. Auslöser ist die Regierung, die sowohl in ihrer Außen- als auch in ihrer Innenpolitik auf martialisches Law and Order setzt.
Eine Reihe Ashländer Polizisten wandte sich also kürzlich öffentlich an die Stadt, um sich über ihren Chef, den örtlichen Polizeipräsidenten zu beschweren. Er sei zu nachgiebig, zu entscheidungsschwach und überhaupt ein „Weichei“! Sie forderten seine Ablösung. Daraufhin bildeten sich in der ganzen Stadt Protestgruppen, Demonstrationen und Kundgebungen zugunsten von Michael Bianca, dem Polizeiboss. Gerade seine kluge und verständnisvolle Entscheidungsweise wurde gerühmt. Eben nicht blinde Action, sondern angemessener Einsatz mit Mitgefühl und Psychologie.Und Erstaunliches wurde über seine Person berichtet: Der oberste Ordnungshüter, so erzählte einer, ging einmal in voller Uniform zu einem schwerkranken Freund, holte eine Flöte aus der Tasche und spielte eine halbe Stunde voller Hingabe zu dessen Heilung. So ein Polizeichef, das meinten die kundgebenden Ashländer einstimmig, sei genau der ihre. Ashland bräuchte keine taffen L.A.-Cops … War da nicht mal so ein kleines Dorf in Gallien?! ´
Wolfgang Schmidt-Reinecke (wjsr@gmx.net) studierte Publizistik, Geschichte und Ethnologie an der FU Berlin (MA 1979). Er lebt in Ashland und arbeitet als freiberuflicher Pub-lizist, Fundraiser und PR-Berater.
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