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Wo die Schmetterlinge starben
erschienen in Ausgabe 141  PDF-Version (244.44 KB)
Irma Fäthke berichtet über ein Versöhnungs-Retreat in Auschwitz.

Seit 1996 organisiert die Peacemaker--Gemeinschaft jedes Jahr eine mehrtägige Meditation auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Ausch-witz--Birkenau. Juden, Buddhisten, Christen, Moslems und Konfessionslose treffen sich dort, um die Heiligkeit des Ortes und die Leiden der Opfer zu würdigen und so zur Versöhnung und Heilung beizutragen. Irma Fäthke erlebte, wie unter den Teilnehmenden tiefe Verbundenheit entstand.


Ich hatte mich zusammen mit einer Freundin aus dem Ökodorf Sieben Linden zum Retreat im November 2004 angemeldet. Mit großer Unsicherheit reiste ich zum ersten Mal nach Oswiecim (Auschwitz) in Polen. Was würde ich dort erleben, was empfinden, welchen Menschen begegnen? Wie würde ich mit der Last deutscher Vergangenheit umgehen?
„Wo die Schmetterlinge starben“ ist der Titel eines Buchs über die Kinder von Auschwitz, das mich nun schon zwei Monate begleitet. Ich habe es immer noch nicht zu Ende lesen können. Von 100 000 Kindern haben 180 diese Hölle überlebt. Am 27. Januar 1945 hat die Rote Armee Auschwitz befreit. Die Kinder kamen ihnen eng aneinander gedrängt, Hand in Hand, entgegen. Damals wurden sie befreit, aber nicht von den Bildern, Ängsten und Schmerzen erlöst, die sie für immer aufgenommen haben.

Der größte Friedhof der Welt

Auschwitz-Birkenau und das dortige staatliche Museum ist wohl das größte Mahnmal und der größte Friedhof der Welt. Uns BesucherInnen werden Dokumentarfilme von der Befreiung gezeigt, von Menschen, die überlebt haben und von Bergen von Leichen, die beerdigt werden mussten. Niemand im Publikum unterdrückte die Tränen und das verzweifelte Schluchzen. Wir spürten, dass noch viele Millionen Tränen geweint werden müssen, um das Menschenleid in Auschwitz und den anderen über 8000 Konzentrationslagen zu beklagen.
In den Räumen des Museums sind die letzten Hab-seligkeiten der Getöteten ausgestellt. Sie waren zur Wiederverwertung für die deutsche Bevölkerung und die Wehrmacht bestimmt. Kleider, Koffer, Brillen, Krücken, Gebisse, Goldzähne, Zahnbürsten, Spielsachen …
Hinter Glas lagern Berge von Haaren, die den Frauen vor und nach dem Tod abgeschnitten wurden. Inzwischen sind sie grau geworden. Aus ihnen wurden Stoffe gewebt und Filzpantoffeln gefertigt. Wir erhielten die Information, dass auch in Rosshaarmatratzen und Kissen Haare der Jüdinnen verarbeitet wurden. Ich besitze ein Rosshaarkissen aus meinem Elternhaus, und ich glaube, dass es noch aus der Kriegszeit stammt.
Die Villa des Lagerkommandanten Rudolf Höß lag nur 100 Meter vom ersten Krematorium entfernt. Er pflegte ein friedliches, liebevolles Familienleben. Der Kapellmeister des Lagerorchesters Adam Kopycinski erinnert sich: „Das Konzert vor der Villa Höß war für uns ein makabres Erlebnis, weil nur 100 Meter entfernt von uns der Kamin des Krematoriums den süßlichen Gestank verbrannter Leichen ausstieß.“ Für Frau Höß und die Kinder war alles sichtbar, riechbar, hörbar – auch die Schüsse an der Todeswand, an der 30000 Exekutionen stattfanden.
Mich bewegen diese Berichte besonders stark, da meine Mutter in der bündischen Jugendbewegung der „Artamanen“ Rudolf Höß und seiner Familie begegnet ist. Sie hatten dieselben „Ideale“ über Landarbeit und Siedeln geteilt. Meine Eltern konnten mit uns Kindern nie über die Massenmorde in den Konzentrationlagern sprechen. Stattdessen schilderten sie uns die Greueltaten der Russen und die Vertreibungen aus den Ostgebieten. Von Deportationen in den Tod haben sie, wie -Millionen andere Deutsche, „nichts gewusst“.
Eine deutschsprachige polnische Fremdenführerin begleitet uns durch das Lager Birkenau. Was mag in der ernsten, freundlichen Frau vor sich gehen, wenn sie Tag für Tag von den Frauen und Kindern erzählt, die nackt im Wald warten mussten, ehe sie zum „Duschen“ in die Gaskammern getrieben wurden, oder von der Asche der Millionen toten Menschen im Teich und auf den -Feldern? Die ZuhörerInnen haben alle Tränen des Schmerzes, des Kummers und der Empörung in den Augen. Sie berichtet uns vom Leben und Sterben in den Baracken, von der „Sauna“, den Gaskammern und dem Krematorium, das im Oktober 1944 gesprengt wurde. Einige Häftlinge hatten aus dem nahegelegenen Arbeitslager der IG Farben Sprengstoff organisiert. Sie haben das Krematorium gesprengt und wurden vor den Augen der anderen Häftlinge umgebracht.
Immer wieder fragten vor allem jüngere TeilnehmerInnen nach dem Widerstand im KZ.

Das Retreat als Raum der Verarbeitung

Jeden Morgen treffen wir uns in Kleingruppen zu den sogenannten Councils, den Rundgesprächen. In meiner Gruppe sind Menschen aus Israel, Ungarn, Italien, USA, Polen, Holland und ich aus Deutschland. Wir sprechen über unsere Gefühle, Ängste, nächtlichen Träume, Schmerz, Wut, Angst, aber auch von der Hoffnung und unserer Verantwortung für diese Welt.
Wir erinnern uns an die Sprachlosigkeit unserer Eltern: Die einen schwiegen als Opfer, die das Leid immer noch erdrückte, und die anderen schwiegen als Täter, Mitläufer und Zuschauer, weil sie ihre Beteiligung und Mitschuld verbergen mussten.
Zum ersten Mal begegnete ich Jüdinnen und Juden zu denen ich von der tiefen Scham sprechen konnte, die ich über die Verbrechen empfinde, die in deutschem Namen begangen wurden. Mein Leben lang war mir meine Nationalität als Deutsche unangenehm, und ich bezeichnete mich lieber als Weltbürgerin.
Die persönliche Frage „Warum bist du nach Ausch-witz gekommen?“ stand im Vordergrund dieser Mitteilungsrunden. Wie andere Frauen und Männer in der Gruppe, so bin auch ich auf der Spurensuche meines Lebenswegs. Es gilt, die vielen Tabus und das Schweigen der Kindheit zu durchschauen. Wir, die Nachkommen, haben die Verpflichtung, eine Lösung zu finden, die nicht im Vergessen liegen darf, vor allem dann, wenn keine Zeitzeugen mehr leben.
Heute tut es mir unendlich leid, dass ich mit meinen Eltern keine Trauerarbeit leisten konnte. Kann ich es heute stellvertretend für sie tun?

Meditation an der Selektionsrampe

Täglich gehen wir durch das Tor von Auschwitz-Bir-kenau. Für Millionen deportierte Männer, Frauen und Kinder gab es hier kein Zurück mehr.
Es gruselt mich zutiefst, und ich versuche, Gefühle und Erinnerungen an die Zeitzeugenberichte, die vielen Bücher und Dokumentationen, die ich gelesen habe, zu unterdrücken. Wir gehen auf die Selektionsrampe zu. Hier standen die SS-Ärzte, die mit einem Fingerzeig nach rechts oder links über Leben und Tod entschieden. Hier stand auch Dr. Mengele, der nach Zwillingen Ausschau hielt. Am Ende der Schienen, wo Millionen Menschen aus den Viehwaggons hinausgetrieben wurden, war der Tod in den Gaskammern und das Krematorium „Ziel“ einer tagelangen, qualvollen Reise.
Wir lassen uns auf der Selektionsrampe zur Meditation nieder: 50 Menschen aus aller Welt, die in Ausch-witz ihre unbeantworteten Lebensfragen betrachten. Einige nehmen schon zum neunten Mal teil. Die Schritte zur Heilung und Aussöhnung mit diesem Ort können nur sehr langsam und behutsam sein, und vielleicht kann das Trauma eines Tages transformiert werden.
Nach der Meditation verlesen täglich acht TeilnehmerInnen lange Namenslisten von Menschen, die in Auschwitz ankamen und registriert wurden. Von der SS-Lagerbürokratie gibt es endlose Listen von Jüdinnen und Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, russischen Kriegsgefangenen und politischen Häftlingen aus ganz Europa, Menschen, die in Auschwitz ermordet wurden. Alle Häftlinge bekamen – wenn sie auf der Selektionsrampe „Glück“ hatten – eine Nummer auf den linken Unterarm tätowiert. Das bedeutete, sie waren noch für Arbeiten, für medizinische Versuche oder für das Bordell der SS zu gebrauchen. Es waren 10 bis 20 Prozent der Ankommenden. Von da an existierten sie bis zu ihrem Tod nur noch als Nummern.
Durch das Verlesen konnten wir ihnen ihre Namen wieder zurück geben. Es war sehr bewegend, steht doch hinter jedem Namen ein Leben, das gewaltsam beendet wurde. Mir war es wichtig, zuerst den Vornamen der Toten zu nennen. So haben wir in dieser Woche rund 2000 Namen erinnern können.
Es ist unvorstellbar, dass Auschwitz so ausgebaut wurde, dass Rudolf Höß und seine 7000 SS-Aufseher bis zu 20000 Menschen täglich in den Tod treiben konnten. Vor Ort, die Krematorien, die Schornsteine, die Gaskammern sehend, ist es mir nicht gelungen, diese deutsche Vernichtungsmaschinerie zu begreifen – ich wollte nur noch aus diesem Alptraum aussteigen, verdrängen und vergessen. Wozu war ich hier?
Einen Abend lang haben wir uns in einer der Baracken aufgehalten. Fünfzig Menschen saßen bei Kerzenschein zusammen, die Nacht war gespenstisch, kühl, undurchsichtig. Lange Zeit schwiegen wir, hörten in der Stille die Signale der Züge, das Rattern der Räder, das Schreien von Menschen. Für die Toten wurden jiddische Lieder gesungen, einige sprachen über ihre Erinnerungen und Geschichten, die sie von ihren Eltern im Gedächtnis hatten. Ginni aus den USA erzählte von ihrem Vater. Er beschrieb einen Wachhabenden, der durchaus menschlich war und eine Mahlzeit mit ihm teilte. In solchen Holzbaracken waren bis zu 800 Häftlinge eingezwängt, davor dienten sie als Pferdeställe für 52 Wehrmachtsrösser.

Die Begegnung mit Zeitzeugen

In einem Franziskanerkloster besuchten wir die Gemäldeausstellung des polnischen Künstlers -Marian Ko´lodziej. Nach dem Krieg war er Bühnenbildmaler im Theater von Warschau. Mir waren seine Plakate zu „Anatevka“ und „The Fiddler on the Roof“ bekannt. In Schwarzweiß malt er seine Erinnerungen an die Jahre im Konzentrationslager. Es sind Bilder über das Grauen, vollkommene Darstellungen der schlimmsten Alpträume der Menschheit vom Leben und Sterben.
Als elfjähriger Junge wurde Marian als Häftling Nr. 432 nach Auschwitz gebracht. Er war im polnischen Widerstand aktiv gewesen. Vor zehn Jahren erlitt er einen Schlaganfall. In der Zeit danach, als er noch nicht wieder sprechen konnte, begann er, seine Erlebnisse von Auschwitz zu malen. Fünfzig Jahre hatte er geschwiegen, selbst seiner Frau gegenüber.
Ohne jegliche Feindseligkeit sprach Marian über seine Vergangenheit. Er erwähnte das Beispiel eines SS- Offiziers, an dem er Menschlichkeit gefühlt und Tränen gesehen hatte, als dessen eigener Sohn durch einen Unfall ums Leben gekommen war.
Er sagte: „Die einzige Möglichkeit, am Leben zu bleiben, ist zu handeln. Werde niemals zu einem Roboter. Diese Monster, die ich gemalt habe, gibt es in jedem von uns. Deshalb ist es wichtig, einen inneren Maßstab zu haben und jede Handlung genau abzuwägen. Lass niemals das Feuer ausgehen, bleibe immer menschlich und arbeite für die Zukunft der Menschheit.“
Gleichzeitig sprach er auch resigniert: „Das Morden hat nie aufgehört. Die Todesfabriken sind modernisiert, auf Computer umgestellt. Die abscheuliche Apokalypse dauert fort.“ Marian und seine Frau begleiteten uns die restlichen Tage durch das Retreat. Ist seine innere Haltung das Geheimnis seines Überlebens?
Marian und seine Frau stiegen mit uns auch auf den SS-Wachturm. Dort gedachte Rabbi Ohad von der israelischen Hamakom-Gemeinschaft in einer Zeremonie der Seelen der Mörder und Täter. Er bat um Transformation, wenn die Seelen es erlauben und wünschen. Jede und jeder von uns sprach für sich und Angehörige einen Wunsch, ein Gebet. Vom Wachturm aus konnte ich im Sonnenuntergang die unendliche Ausdehnung dieses Lagers sehen. An Auschwitz und anderen Tatorten faschistischen Rassenwahns wird klar, dass die Schreckensherrschaft der Nazis nicht ohne die starke kollektive Verleugnung, das Schweigen und die Mittäterschaft der deutschen Gesellschaft geschehen konnte. Aber auch nicht ohne die Komplizenschaft und die Zustimmung der übrigen Welt. Es gab die stumme Beteiligung der Zuschauerinnen und Zuschauer und die aktive der Wachmannschaften, der Eisenbahner, Weichensteller, Polizisten, Ärzte, Juristen (sowohl Männer als auch Frauen) und vor allem die der vielen bekannten Industriebetriebe. Zyklon B wurde von der Firma Degesch geliefert, die mehrheitlich im Besitz der Firmen IG Farben und der Degussa war.

Die Verantwortung der Lebenden

Das Abschlussritual fand am „Ascheteich“ statt, in dem die Reste von Hunderttausenden von Menschen versenkt wurden. Wir versammelten uns, um das Kaddish, das jüdische Gebet, und die Gebete der anderen Religionen für die Toten zu sprechen. Kerzen für Freunde und Verwandte, die Auschwitz nicht überlebt haben, wurden aufgestellt und folgende Schlussgedanken verlesen:„Das Grab hat nicht das letzte Wort. Wir glauben daran, dass Gott die Opfer nach ihrem Tod nicht im Stich lässt. Aber auch hier auf Erden darf der Tod von Auschwitz nicht das letzte Wort haben. Aus den Knochenresten, die aussehen wie Samenkörner, muss neues Leben entstehen. Auschwitz muss ein Ort werden, der der Welt die Würde jedes einzelnen Menschen bewusst macht und uns in unsere große Verantwortung für den Frieden ruft. So wie einmal aus ganz Europa Menschen nach Auschwitz in den Tod fuhren, so muss die Botschaft von der unverletzbaren Würde aller Menschen in die Welt hinausgetragen werde. Wie es einmal viele Soldaten des Todes gab, so sind wir heute gerufen, unser ganzes Leben einzusetzen für Frieden, Versöhnung und Solidarität. Wenn wir dafür unser Leben geben, geben wir nicht mehr, als alle Opfer gegeben haben.“
Abends wurde Shabbat gefeiert, ein verbindendes und fröhliches Abschlussfest für diese Woche.
Aufgewühlt und erschöpft tauchte ich wieder ins Ökodorf Sieben Linden ein. Am ersten Abend erzählten Mechthild und ich von unseren Erfahrungen und Eindrücken. Die Anteilnahme der Gemeinschaft tat gut.
Das Wissen um diesen und ähnliche Orte in ganz Europa darf weder verleugnet noch vergessen werden. Das Thema SS-Staat darf niemals in Archiven verschwinden, es ist ein Synonym für Unmenschlichkeit und fabrikmäßigen Massenmord.
Auch heute noch schaut die Welt nahezu tatenlos dem Massensterben zu, z.B. in Afrika oder den Folterungen in Guantanamo und Abu Ghraib. PolitikerInnen nehmen Terrorkriege gegen Terror billigend in Kauf. All dies findet heute öffentlich statt. Friedenspolitik sollte von jeder und jedem von uns als Verantwortung aus der Vergangenheit verstanden und nicht der Rhetorik gewählter PolitikerInnen überlassen werden.
Es gilt, wach zu sein – auch für die Generationen nach Auschwitz. Wenn gefolterte, unterdrückte und verfolgte Flüchtlinge in Deutschland und Europa keinen Schutz mehr finden, verliert unsere Gesellschaft ihre Werte und ihre Glaubwürdigkeit.
Ich bin dankbar für dieses Retreat und werde wieder daran teilnehmen. Viele neue Fragen tauchen auf, und ich habe wohltuend gespürt, dass ich mit der Erinnerung an Auschwitz nicht alleine bin. ´


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Fäthke, Irma

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