Benjamin von Mendelssohn engagiert sich in der Friedensarbeit des Heilungsprojektes 1 in Tamera.
Ich erinnere mich noch genau, wie schockiert ich von der Lebensgeschichte des jungen israelischen Soldaten war, der vor einigen Jahren als Gast nach Tamera kam. Ein ganz normaler Gast – bis auf die Tatsache, dass er schon Menschen getötet hatte und sein bester Freund direkt neben ihm von einer Landmine zerfetzt worden war. Aber ist er denn anders als ich?
Ich erinnere mich noch genau, wie schockiert ich von der Lebensgeschichte des jungen israelischen Soldaten war, der vor einigen Jahren als Gast nach Tamera kam. Ein ganz normaler Gast – bis auf die Tatsache, dass er schon Menschen getötet hatte und sein bester Freund direkt neben ihm von einer Landmine zerfetzt worden war. Aber ist er denn anders als ich?
Der junge Soldat hat jetzt sein Land verlassen. Er wird nie wieder ein Gewehr anfassen. Aber er erinnert sich noch gut daran, wie er zum Soldaten erzogen wurde, wie es zur Ehre jedes jungen Mannes gehörte, sein Land zu verteidigen. Erst durch den Schmerz erkannte er, dass ja auch auf der anderen Seite Menschen sind, Menschen wie er.
Wenn ich seine Lebensgeschichte und die aktuellen Schmerzen und Ängste, die in Palästina und Israel gelitten werden, an mich heranlasse, und dann noch weiter das Elend der Welt – die Schmerzen von Kindern, die in diesem Moment qualvoll sterben – dann braucht meine Empörung einen Kanal. Dann wird sie zum Motor meines revolutionären Mitgefühls. Wenn ich ganz verstehe, wie tief ich selbst an diesem Leid beteiligt bin, ist meine Antwort nicht die Rache. Aber auch nicht das Schweigen. Statt dessen ist es die Stimme des Friedens, die für alles Leben Partei ergreift. Aus dieser Kraft heraus baue ich an der positiven Perspektive. Aus dieser Kraft heraus soll das erste Friedensforschungsdorf im Nahen Osten entstehen – als Stützpunkt eines planetarischen Netzwerks von Friedensdörfern. Und weil Israel fester Bestandteil des globalen Machtkartells und Brennpunkt der Weltöffentlichkeit ist. Deswegen ist der Nahe Osten strategisch ein entscheidender Punkt für die globale Friedensarbeit.
Entwicklung des Projekts
Im Herbst 2000 – nach dem Ausbruch der zweiten Intifada auf dem umstrittenen Tempelberg Jerusalems – wurde die Friedensarbeit in Israel-Palästina zu unserem außenpolitischen Hauptfokus. Sabine Lichtenfels, Mitbegründerin Tameras und Schirmherrin der Nahost-Arbeit, versandte im Neujahr 2001 eine Friedensmeditation, die uns ein Netzwerk von Aktivisten eröffnete. Seit dieser Zeit bereisten Sabine Lichtenfels, Vera Kleinhammes und ich als Mitarbeiter Tameras immer wieder das Land mit der Frage: Wie können wir hier einen sinnvollen Friedensbeitrag leisten?
Daraus entstanden konkrete Initiativen, verbindliche Netzwerkkontakte und Freundschaften.
In Tamera selbst haben wir drei Friedenscamps veranstaltet, an denen insgesamt über 70 palästinensische, israelische und internationale Friedensarbeiter teilnahmen. Wir waren von vielen der Lebensgeschichten so berührt, dass wir das Erfahrene in dem Theaterstück „Wir weigern uns, Feinde zu sein“ umsetzten.
Mit einer Gruppe von jungen Friedensschülern aus Tamera nahmen wir 2003 zeitweise an der palästinensischen -Olivenernte teil. Jeremy Milgrom von den „Rabbis für Menschenrechte“ führte uns in die Wirklichkeit palästinensischer Bauern ein, die zwar reichlich Olivenbäume besitzen, diese aber wegen der Nähe zu einer jüdischen Siedlung aus „Sicherheitsgründen“ nicht ernten durften. Auf derselben Reise organisierten wir ein Friedenskonzert im jüdisch-arabischen Dorf Neve Shalom/Wahat Al Salam (siehe Interview auf der folgenden Seite).
Die Mitbegründerin dieses Dorfs, Evi Guggenheim, schrieb nach ihrem Besuch in Tamera: „Es reicht nicht, sich zu treffen und zu sagen: Wir sind alle Menschen, wir wollen uns offen begegnen, akzeptieren und gegenseitig zuhören. Es ist eine Tatsache, dass Israelis und Palästinenser in unserem Land in einer sehr ungleichen Situation leben. Wenn man diese Tatsache nicht offen und klar benennt, macht man nicht wirklich Friedensarbeit.“
Evi Guggenheim findet es wichtig, unser Theaterstück nach Israel und Palästina zu bringen, und versprach, uns bei der Organisation der Tournee mitzuhelfen. Ich bin froh, dass das Theaterstück als positiver Beitrag empfunden wird, und freue mich auch, wenn das soziale Wissen, das im Projekt der Heilungsbiotope in den letzten Jahrzehnten erarbeitet wurde, ein Beitrag im Friedensnetzwerk sein kann.
Ziel unserer Arbeit ist längerfristig die Planung und Umsetzung eines dem Heilungsbiotop vergleichbaren Friedensmodells im Nahen Osten: das Friedensforschungs-Dorf. Dazu besuchten wir immer wieder auch die spirituelle Lebensgemeinschaft Hamakom um Rabbi Ohad Ezrahi am Toten Meer. Er sucht und praktiziert mit seinen Schülern die Erneuerung des jüdischen Glaubens. Dessen tiefe Wurzeln sind für die Gruppe eine Quelle des Friedens. Die Frage, wie man den Frieden auch politisch umsetzt, ist jedoch noch nicht beantwortet. Nach dem Friedenscamp im Sommer 2004 in Tamera, an dem Rabbi Ohad und einige Mitglieder von Hamakom teilnahmen, ist er zu unserem engsten Kooperationspartner geworden und damit auch der erste Träger für die Idee des Friedensforschung-Dorfs.
Das Friedensforschungs-Dorf
Das Friedensforschungs-Dorf (FFD) ist als Platz der Forschung und des Studiums zur Ausbildung von Friedensarbeitern konzipiert. Es ist von dem Gedanken getragen, dass der Erhalt und die Pflege des Landes das verbindende Ziel von Israelis und Palästinensern ist. Gemeinsam mit internationalen MitarbeiterInnen wenden sie sich den Themen zu, die neue Antworten für den Aufbau eines komplexen Friedensmodelles erfordern: Ökologie, Permakultur, Ernährung, nachhaltige Energien, Solar Village, Wasserforschung, Gemeinschaftsaufbau, das Aufwachsen von Kindern, Liebe und Sexualität, Architektur, Kunst, Heilung, spirituelle Lebenspraxis, Konfliktlösung.
Die Mitarbeiter und Studenten des FFD werden inmitten ihrer Innovationen leben. Das reale Gemeinschaftsleben ist essenzieller Bestandteil des Studiums und liefert kontinuierlich den Stoff für neue Fragestellungen und Lösungsansätze.
Besonders hervorheben möchte ich hier die Erfindungen des „Solar Power Village“ des Solartechnologen Jürgen Kleinwächter, die zur Zeit in Tamera als 1:1-Modell aufgebaut und erprobt werden. Es ist der technologische Kern eines Dorfmodells, das mit Solarenergie ohne die Hilfe von Großindustrie weitgehend energie- und nahrungsmittel-autark funktionieren soll. Es wäre eine Antwort auf viele brennende Fragen in Krisen- und Trockengebieten. Gerade im Nahen Osten, wo Wasser und Energie immer auch Streitfaktoren sind, könnte der Erfolg dieses Prototyps einen großen Schritt Richtung Lösung bedeuten. Die gemeinsame Arbeit an diesem Modell aus der Erkenntnis heraus, dass in einem ökologisch zerstörten Land weder Israelis noch Palästinenser leben können, ist bereits ein Teil der Heilung.
Unterstützung
Für die Realisierung braucht diese Idee öffentliche Unterstützung. Das große anvisierte Gefäß wäre eine durch die UN geschützte Freizone zur „gesamtmenschheitlichen Erforschung nachhaltiger Lebensmodelle“. Auf dieser Linie kooperieren wir mit Pia Gyger und Niklaus Brantschen, den Gründern des Lassalle-Instituts in der Schweiz. Sie konzentrieren sich auf ihr Projekt „Jerusalem – Stadt zur Erlernung des Friedens in der Welt“ im Rahmen der UN. Ein solch groß angelegtes universitäres Projekt wäre zusammen mit der Erarbeitung des gelebten Friedens im Friedensforschungs-Dorf eine wirksame Friedenskraft.
Von der palästinensischen Seite der Friedensarbeit weiß die Welt wenig. Wenn ich versuche, mich in die palästinensischen Friedensarbeiter, die wir kennen, hineinzuempfinden, dann beeindruckt mich am tiefsten ihre Entscheidung gegen die Gewalt – trotz der Unterdrückung und Schikane, die sie jeden Tag erfahren. Für diese Entscheidung braucht es eine sehr große Kraft. Ein Beispiel ist Sami Awad vom Holy Land Trust in Bethlehem. Auf unserer letzten Reise Oktober 2004 faszinierte mich seine differenzierte politische und menschliche Schau. Mich beeindruckt, wie engagiert er sich für andere Erziehungs- und Ausbildungsmöglichkeiten einsetzt, weil er weiß, dass hier die Keimkraft in jungen Menschen für ein besseres Morgen geschützt werden muss. Für ihn ist Gewaltlosigkeit mehr als ein Seminarthema in den Schulen. Es muss das grundlegende Prinzip aller Unterrichtung sein. Dafür brauchen die Lehrer selber am meisten Ausbildung. Er sagt auch, dass Palästinenser mehr tun müssen, als das Ende der Besatzung fordern: „Wir müssen schon jetzt – in der Vision – die Alternative aufbauen.“ Wie tief auch die deutsche Geschichte in den komplexen Seelenhintergrund dieses Konfliktes hineinragt, wurde mir noch einmal im Gespräch mit Ernest Goldberger, Autor des Buchs „Die Seele Israels“, bewusst. Kollektivtraumata werden von Generation zu Generation weitergegeben. Opfer werden zu Tätern und wieder zu Opfern in einer endlosen Spirale der Gewalt. Bis eine Person, eine Gruppe, ein Land, diese Kette durchbricht und beginnt, für die Alternative zu arbeiten. Selbst aus einer Familie stammend, die das Judentum in Deutschland entscheidend geprägt hat, ist ein Beitrag zur deutsch-palästinensisch-israelischen Heilung ein persönlicher Auftrag an mich.
Geistiger Hintergrund
„Warum setzt ihr euch gerade für den Frieden im Nahen Osten so stark ein?“ werden wir immer wieder gefragt.
Für unsere Arbeit heute ist das Heilige Land ein strategisch entscheidender Punkt für die Friedensarbeit. Wenn hier eine Weichenstellung in Richtung Frieden gelingt, ist etwas für den Frieden auf der Welt gelungen.
Sowohl kulturgeschichtlich als auch aktuell politisch war und ist der Nahe Osten immer Brennpunkt des menschheitlichen Ringens um Gottesnähe. Seit dem Aufkommen der drei großen monotheistischen Religionen genau in diesem Teil der Erde bedeutet das auch die ständige Frage, welcher Gott nun vorherrscht. Das ist eine Frage von Krieg oder Frieden.
Das Wunder Mensch aber steht über der Institution der Religion. Mit oder ohne Gott ist das reale friedliche Miteinander von Menschen unausweichlich der Ausgangspunkt einer globalen Friedenskultur. Deren überreligiöse Inhalte kommen im folgendem Zitat von Dieter Duhm, dem Mitbegründer des Heilungsbiotopes I Tamera, zum Ausdruck:
„Das Königreich Gottes auf Erden, welches Jesus gesehen hat, vollzieht sich zwischen Menschen. Der Gott, welcher der Inbegriff der Liebe ist, verwirklicht sich zwischen Menschen. Das ‚himmlische Jerusalem’ vollzieht sich auf der Erde, auf den Hügeln und Tälern unseres Planeten. Das Heilige Land wird aus dem Material der Erde gebaut. Die große Botschaft, auf die Millionen so lange gehofft haben, verwirklicht sich durch die Arbeit und die Freude menschlicher Hände und Leiber! Das ist die Wendung im religiösen Denken, die wir heute vollziehen müssen.“
Weiche Macht für den Frieden
„Wenn Frauen sich auf ihre Macht besinnen, würden sie nicht länger ihre Söhne und Männer in den Krieg ziehen lassen“, sagt Sabine Lichtenfels. Der Aufbau einer weichen Macht – d.h. einer Macht ohne Herrschaft und Unterdrückung – ist ihr Lebensthema. Diese Kraft sucht und findet sie im Kleinen, in der Polfunktion der Frau im Gemeinschaftsaufbau, und im Großen durch politische Aktionen, die spirituelle und politische Kraft zusammenführen. Im Heiligen Land, wo Elohim Eloha vom Thron vertrieb, der strafende Vatergott also die nährende Muttergöttin zurückdrängte, ist auch die Keimkraft für eine neue Vermählung angelegt, die ein Zeitalter der Partnerschaft einleitet.
Auf Seiten der Männer denke ich wieder an den jungen Soldaten. Wir lernen es früh, was es bedeutet, Mann zu sein. Wir lernen es kaum, was es bedeutet, Mensch zu sein. Wie wäre es, all unsere männliche Kraft – in Körper und Geist – für den Schutz dieses Planeten einzusetzen?
Oder ich denke an Tom, einen Aktivisten des International Solidarity Movement. Er lag mit Kopfschuss im Koma, weil er sich unter israelischem Beschuss schützend vor palästinensische Kinder gestellt hatte. Als ich bei ihm im Krankenhaus war, ging mir die Frage nicht aus dem Kopf: Wie sähe dieser Mut und diese Unbedingtheit aus, wenn sie über den Widerstand hinaus für ein neues Leben eingesetzt würden? Oder – vielleicht utopisch: Wie wäre es, wenn die geballte Kraft von 140000 jungen US-Soldaten im Irak für den Aufbau neuer, autarker Modelle eingesetzt würde?
In Tamera haben wir ein Denkmal „Für alle, die den Kriegsdienst verweigern und dem Leben dienen“ gebaut. Die Kraft und auch der Abenteuergeist junger Männer müssen in einer neuen Friedensbewegung Platz haben. Das neue Abenteuer heißt: Peace in Action.
Die nahe Zukunft
Der Aufbau einer stabilen Kerngruppe für das Friedensforschungs-Dorf hat nach wie vor Priorität. Zu diesem Zweck fand im Mai 2005 ein Gemeinschaftskurs speziell für Teilnehmer aus Israel/Palästina in Tamera statt. 2005 kommen die ersten jungen Palästinenser und Israelis nach Tamera, die dort für einen mindestens dreimonatigen Ausbildungs-Aufenthalt leben.
Zur Zeit wird der erste Sol-y-Adobe-Dom in Tamera aufgebaut. Dieser Prototyp kombiniert eine effiziente und nachhaltige Lehmbauarchitektur mit Grundelementen des Solar Village und einem Permakulturdesign auf kleinstem Raum. Der zweite Prototyp soll 2006 im Nahen Osten verwirklicht werden.
Der Höhepunkt unserer Aktivitäten ist in diesem Jahr die „Politische Pilgerschaft“ durch Israel und Palästina im November 2005. Sie kombiniert das oben beschriebene Theaterstück mit der spirituellen Praxis des Pilgerns. Mit palästinensischen, israelischen und internationalen Friedensarbeitern werden wir in etwas über 3 Wochen ca. 300 km gehen und rund 10 Theatervorstellungen geben. Im Anschluss ist in Tel Aviv ein Seminar von Sabine Lichtenfels und Jürgen Kleinwächter zum Thema „Gemeinschaftsaufbau, Friedensarbeit und Solartechnologie“ geplant. ´
Weiterführende Informationen
Tamera ist ein Friedensforschungsprojekt im Süden Portugals, das seit über zehn Jahren an der Erforschung und dem konkreten Aufbau eines umfassenden, strukturell gewaltfreien Kulturmodells arbeitet. Der entstehende Prototyp eines solchen Modells wird Heilungsbiotop genannt. Das in Tamera beheimatete Institut für Globale Friedensarbeit (IGF) vernetzt in der Welt existierendes Friedenswissen mit den Ergebnissen der sozialen Forschung Tameras. Außerdem baut es eine globale Lobby für den „Plan der Heilungsbiotope“ sowie den Aufbau lebbarer Friedensmodelle als Alternative zur Selbstzerstörung des weltweiten Kapitalismus auf.
Kontakt:
Tamera, Monte do Cerro, P-7630 Colos, Portugal, Tel. (0351) (283) 635306, tamera@mail.telepac.pt, www.tamera.org, www.prvme.org, www.sabine-lichtenfels.de
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