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Das Friedensdorf Neve Shalom
erschienen in Ausgabe 141  PDF-Version (114.9 KB)
Leila Dreger sprach mit den Gründern Evi Guggenheim und Eyas Shbeta.

Die Schweizerin und Israelin Evi Guggenheim und der Palästinenser israelischer Staatsangehörigkeit Eyas Shbeta, gehören zu den Pionieren von Neve Shalom/Wahat al-Salam (Oase des Friedens), einer jüdisch-palästinensischen Dorfkooperative bei Ramallah. In dem zweisprachigen Dorf teilen sich Juden/Jüdinnen und PalästinenserInnen Land, Macht und Alltag in gegenseitigem Respekt. Mittlerweile ist das Dorf auf fast 50 Familien angewachsen. Das Dorf sieht sich als Modell für ein friedliches Zusammenleben im Nahen Osten. Die Schule von Neve Shalom ist die größte trireligiöse Schule in Israel und wird von ca. 300 Kindern besucht. In der 1979 gegründeten Friedensschule haben bereits mehrere hundert Erwachsene eine Ausbildung in Konfliktmanagement absolviert. Zehntausende von Jugendlichen und Erwachsenen haben dort Kurse belegt.



Leila Dregger: Mit welchen Träumen habt ihr angefangen? Welche davon sind wahr geworden, welche nicht?

Evi Guggenheim: Es begann 1977 mit einem Sommercamp, bei dem eine erste Gruppe über den Traum sprach, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der Juden und Palästinenser wirklich gleichberechtigt zusammenleben. Dieser Traum ist wahr geworden. Ich hätte niemals gedacht, dass wir ein so großes Dorf aufbauen würden, denn die Bedingungen, unter denen wir anfingen, waren primitiver als sie es in Eu- ropa sind. Es gibt auch Dinge, die ich mir anders wünschen würde. Die Gemeinschaft ist sehr groß geworden. Wir haben zwar immer noch ein positives Gemeinschaftsleben, aber ich wünschte, die neueren Leute würden die Art von Zusammensein erleben, die wir am Anfang genossen. Andere Dinge, wie der Kindergarten oder die Schule, sind dafür viel größer geworden, als wir jemals geplant hatten, und haben eine große Wirkung nach außen. Mehr als 90 Prozent der Kinder kommen aus umliegenden Dörfern. Auch die Friedensschule hat sich sehr weit entwickelt. Enttäuschend ist allerdings, dass all unsere Arbeit auf die politische Situation immer noch viel zu wenig Einfluss hat. Man arbeitet und arbeitet, und dann kommt ein politisches Ereignis, das fast alles zunichte macht.

Eyas Shbeta: Mein Traum ist ein großes Neve Shalom, das ganz Israel und Palästina umfasst. Ich glaube daran, dass alle an einem Ort zusammenleben werden. Wenn eine kleine Gruppe wie Neve Shalom das kann, dann können es alle.

Leila Dregger: Wie kamt ihr dazu, ein solches Projekt zu starten?

Eyas Shbeta: Ich bin als Flüchtling aufgewachsen, Haus und Ländereien wurden meiner Familie weggenommen. Ich begann, die Menschen, die mir das angetan hatten, persönlich zu hassen.
Doch der grenzenlose Hass auf beiden Seiten und die unerträgliche Realität eines Kampfs, in dem sich zwei Völker um dasselbe streiten, brachten mich zu der Einsicht, dass zuerst ich mich verändern muss, verzichten lernen muss, und dass auch die andere Seite verzichten lernen muss. Ich wünschte mir, dass Juden und Palästinenser zusammen leben können. Unsere Geschichte zeigt uns, dass es unser Schicksal ist, zusammen zu leben und nicht einer neben dem anderen. Zusammenleben umfasst sehr viele Aspekte: zusammen arbeiten, auf derselben Augenhöhe miteinander sprechen, verzichten, den anderen akzeptieren, ihn verstehen … Dieser Wille hat uns alle in Neve Shalom zusammengebracht.

Evi Guggenheim: Ich bin als Teil der jüdischen Minderheit in der Schweiz aufgewachsen. 1973 wanderte ich nach Israel aus und begann dort, an der Universität zu studieren. Dort lernte ich auf einmal arabische Studenten kennen. Plötzlich fühlte ich mich betrogen, weil man mir nichts darüber gesagt hatte, dass Israel auch von Palästinensern bewohnt wird. Ich hatte geglaubt, ich käme in das Land der Juden. An der Universität wurde mir langsam bewusst, dass durch die israelische Staatsgründung ein großes Unrecht am palästinensischen Volk begangen worden war. Es war ein schwieriger Prozess des Erwachens. Ich wusste irgendwann: Wenn ich in diesem Land guten Gewissens leben möchte, muss ich etwas dafür tun, dass Juden und Araber in Frieden miteinander leben können.
lWie wirkte die zweite Intifada auf eure Arbeit?

Evi Guggenheim: Während der zweiten Intifada war jeder in Neve Shalom gegen die Gewalt, alle gegen die Besatzungspolitik der israelischen Regierung, alle gegen Selbstmordattentate. Also demonstrierten wir auch alle zusammen. Anders war es in der Zeit des Golfkriegs. Plötzlich gab es Palästinenser, die sich über die Angriffe Saddam Husseins auf Israel freuten. Ich konnte das als Jüdin absolut nicht verstehen, es anfangs auch nicht ertragen, das zu hören. Doch ich habe dann mit ihnen gesprochen und konnte verstehen, dass Palästinenser eine gewisse Befriedigung verspürten, dass die Menschen in Tel Aviv endlich einmal selber erleben, was es heißt, wenn Bomben das eigene Haus zerstören – etwas, was die Palästinenser ja während der ersten Intifada selber oft erlebt hatten. Wenn man miteinander spricht, beginnt man zu verstehen.

Leila Dregger: Was ist das Besondere an eurer Friedensschule?

Evi Guggenheim: Es gibt viele jüdische Friedensorganisationen, die menschliche Begegnungen zwischen beiden Seiten veranstalten. Selten jedoch sind dies gleichberechtigte gemeinsame Projekte von Juden und Palästinensern. Neve Shalom ist der einzige Ort, in dem beide Seiten real in einer Gemeinschaft zusammen leben. Daher haben wir sehr viel innere Arbeit zu den Themen geleistet, die dabei auftauchen: Mehrheit und Minderheit, Machtverhältnisse usw. Es braucht mehr Projekte, deren Management und Leitung gleichermaßen von beiden Seiten bestimmt werden.

Eyas Shbeta: Das Leben in einer Gemeinschaft ist sowohl aus politischen als auch aus persönlichen Aspekten zusammengesetzt. In der Gemeinschaft werden immer wieder persönliche Probleme in politische Fragen umgewandelt, um persönliche Themen zu kaschieren. Man sagt dann nicht: dies ist ein Machtkampf zwischen zwei Männern, die beide dieselbe Führungsposition wollen, sondern man macht es zu einem jüdisch-arabischen Konflikt. Wir haben mit der Zeit gelernt, das zu erkennen, und fallen nicht mehr so schnell darauf herein. Anfangs haben sich beide Seiten immer in die politische Diskussion gestürzt, weil wir ja politisch interessierte Menschen sind.

Leila Dregger: Wie seht ihr die israelische Friedensbewegung?

Eyas Shbeta: Die meisten jüdischen wie auch arabischen Organisationen arbeiten nur mit Bedingungen: „Wenn du mir dies gibst, gebe ich dir jenes. Nur, wenn du dies tust, rede ich mit dir …“ Das ist keine Arbeit, bei der man den anderen wirklich akzeptiert. Ich bedaure auch, dass Friedensarbeit in den letzten Jahren immer mehr zum Business wird, wo es um Infrastruktur, Geld und Macht geht, was manche als Sprungbrett für ihre politische Karriere benutzen. Echte Friedensorganisationen gibt es sehr wenige, und sie haben nicht viel Macht.

Evi Guggenheim: Als echte Friedensbewegung sehe ich die vielen kleinen Gruppen an, die immer noch aktiv sind: Women in Black, Ta’ayush, Gush Shalom, Rabbis for Human Rights … all diese radikalen Gruppen, die wirklich an Gleichberechtigung und Koexistenz glauben. Nicht eine Koexistenz, in der man sagt: „Ich gebe dir Frieden, aber ich werde dir sagen, wir er funktioniert.“ Genau das hat die „Pseudo-Friedensbewegung“ getan. Ich habe die Hoffnung und das Gefühl, dass diese echten Friedensgruppen zur Zeit an Stärke gewinnen, auch wenn sie noch nicht stark genug zusammenarbeiten. Doch das wird sich bald ändern. Beide Seiten haben einfach genug gelitten, und die ökonomische Situation wird immer schlechter.

Leila Dregger: Müsste man nicht weitere Friedensdörfer aufbauen, auch in Palästina?

Evi Guggenheim: Natürlich, aber es gibt ja bisher kein Palästina, sondern nur besetzte Gebiete. Unter diesen Bedingungen kann man kein Friedensdorf aufbauen, weil man nichts selber entscheiden und durchführen kann. Es ist alles der Willkür der Besatzungsmacht unterworfen.

Leila Dregger: In Tamera habt ihr die Studenten der hiesigen Friedensschule Mirja kennengelernt. Was sind eure Eindrücke?

Evi Guggenheim: Es beeindruckt mich sehr, wieviele Ausdrucksformen sie mit großem Talent anwenden: Theater, Musik, Sprache, Tanz. Ich bin auch vom breiten Spektrum und der großen Perspektive beeindruckt, die sie für die Friedensarbeit haben. Das ist sehr schwierig, wenn man in einem Krisengebiet lebt. Dort ist man so sehr mit den Themen des Konflikts beschäftigt, mit Machtverhältnissen, Gleichberechtigung, Gewalt, Identität, dass man glaubt, dies wären die einzigen Themen, die zählen. Wenn man nicht in einem Krisengebiet lebt und dennoch Friedensarbeit leistet, hat man einen viel weiteren Blick auf die Perspektiven des Friedens. Ich danke dafür, dass ihr hier die Chance nutzt und die Energie aufbringt, an dieser größeren Perspektive zu arbeiten. Und ich bin dankbar, dass sich die jungen Leute hier so sehr für unser Land und unseren Konflikt interessieren. Dass sie uns besuchen und so viel Anteil nehmen. Sie können uns viel geben, denn wir brauchen diese größere Perspektive, damit wir uns erinnern, dass Frieden mehr bedeuten kann, als dass zwei Nationen zusammenleben, ohne sich zu bekämpfen.

Eyas Shbeta: Für mich war es sehr wichtig zu hören, wie diese ganze Idee von Tamera entstanden ist, wie sie sich entwickelt hat, welche Schwierigkeiten ihr in den letzten 25 Jahren durchlaufen habt. Ich hatte gedacht, in einer Gruppe von Deutschen muss das Zusammenleben einfach sein, die haben nicht diese Art von Konflikten zu bewältigen. Aber ich habe jetzt gesehen, dass Gemeinschaft auch innerhalb einer Nationalität sehr, sehr viel Arbeit bedeutet. Die Beständigkeit, mit der diese Arbeit hier von einigen Leuten geleistet wurde und wird, beeindruckt mich sehr. Ich gehe von hier stärker nach Hause, als ich hergekommen bin. Ich sehe, dass man aus Nichts Großes schaffen kann und fühle mich mit dieser Arbeit nicht mehr alleine. ´



Leila Dregger arbeitet für das Institut für globale Friedensforschung (IGF).




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Dregger, Leila

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