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Paradigma-Pioniere
erschienen in Ausgabe 141  PDF-Version (194.78 KB)
Zusammenschluss transmaterialistischer Wissenschaftler: Jochen Schilk stellt das Scientific and Medical Network vor.

Die meisten der kulturell-kreativen Vordenker und Aktivisten weisen in ihrer Biographie einen Punkt auf, an dem sie die nichtmateriellen Aspekte der Wirklichkeit anerkannten. So begannen sie zu verstehen, dass die vorherrschende materialistische Weltsicht ursächlich verantwortlich ist für die meisten unserer ökologischen, sozialen und spirituellen Probleme. Die gesamtgesellschaftliche Überwindung des „reduktionistischen“ Paradigmas erscheint deshalb vielen Denkern aus gutem Grund entweder als Bedingung oder zumindest als Nebenprodukt einer integralen Kultur. Im nachfolgenden Beitrag stelle ich eine Organisation vor, die den ersehnten wissenschaftlichen Paradigmenwechsel seit über drei Jahrzehnten an vorderster Front vorantreibt: Das Scientific and Medical Network.


Das Jahr 1973 weist für die sich abzeichnende, jedoch noch lange Zeit unentdeckte gesellschaftliche Strömung der kulturell Kreativen eine vermutlich bedeutsame Parallelentwicklung in Nordamerika und Europa auf. Zum einen gründete sich auf Initiative des im Weltall spirituell erwachten Astronauten Edgar Mitchell das Institute of Noetic Sciences IONS mit Sitz in Kalifornien: Wissenschaftler sollten hier ebenso wie interessierte Laien ein Forum bekommen, um über noetische* Fragen zu diskutieren, die damals noch weniger als heute von der etablierten Wissenschaft aufgegriffen wurden, weil sie jenseits des reduktionistischen Paradigmas führen und deshalb eine Art Tabu darstellen.
Und auch in der alten Welt fragte sich damals eine Reihe von Forschern, warum es nicht möglich sein sollte, auf einem hohen akademischen Niveau über solche Erfahrungen zu sprechen, die nicht mehr unter rein materialistischen Gesichtspunkten zu erklären waren. Es schien an der Zeit, den Alleinerklärungsanspruch der materialistischen Wissenschaft in Frage zu stellen. Ebenfalls im Jahr 1973 riefen sie deshalb mit dem -Scientific and Medical Network ein Forum für all diejenigen Kollegen ins Leben, die über die materiellen Grenzen der Welt hinausdenken wollten und die offen waren für neue Sichtweisen und Werte.
Die beiden Organisationen ganzheitlich denkender Forscher gründeten sich unabhängig voneinander. Bei allen inhaltlichen Übereinstimmungen ist jedoch zu bemerken, dass sich das in England sitzende Scientific and Medical Network (SMN) im Gegensatz zum kalifornischen IONS von Beginn an als ein rein akademisches Forum verstand: Nichtakademiker sind nach wie vor von der Vollmitgliedschaft ausgeschlossen.
Bernhard Harrer, ausgebildeter Meteorologe, Bewusstseinsforscher, Betreiber der Internetdatenbank www.datadiwan.de zu naturheilkundlichen Themen und bis vor kurzem als Webspezialist im Vorstand des SMN tätig, meint über den Wert des Netzwerks in den Anfangsjahren: „In einer Welt, die nicht offen war für weiterführende Gedanken, gehörte ein internes Diskussionsforum zu den ersten Schwerpunkten. Es war damals sehr leicht, sich als Wissenschaftler ins Abseits zu manövrieren, wenn man in der Öffentlichkeit über die eigenen spirituellen Erkenntnisse gesprochen hat. Deshalb schien es zunächst einmal sehr wichtig, einen geschützten Raum zu bieten. Die Veranstaltungen, auf denen man Gleichgesinnte treffen und neue Thesen in den Raum stellen konnte, waren folglich nur für Mitglieder zugänglich.“ Bald trat man jedoch mit gestärktem Selbstvertrauen nach außen, so etwa mit einer fortgesetzten Reihe von halb-öffentlichen Konferenzen an verschiedenen Universitäten. Anlässlich einer solchen Konferenz in Kiew hat Bernhard Harrer das SMN vor sieben Jahren kennen- und schätzen gelernt. „Ich war sehr überrascht von der dort herrschenden Offenheit, von der Kompetenz und Herzlichkeit der Leute. Und ich war begeistert von der Art des wissenschaftlichen Austauschs!“ Harrer hat zwar die Gründungsphase des Netzwerks nicht miterlebt, aber er hatte Gelegenheit, eines der Gründungsmitglieder, George Blaker, persönlich kennenzulernen. Blaker wurde 1912 am Fuß des Himalaya geboren, studierte in Eton und Cambridge und war später für den britischen Auslandsdienst unter anderem in Ägypten und Indien beschäftigt. Er hatte Mahatma Gandhi getroffen und war ein weltoffener und humanistischer Mensch, der auf seinen Reisen herausfand, dass die Welt größer und komplexer ist als das, was an den Unis gelehrt wird. Es waren Leute wie er, Wissenschaftler und Professoren, die das Netzwerk gegründet haben. Sie verband der Anspruch, ihr eigenes Interesse an einer erweiterten Weltsicht und die gründliche Prüfung von Weltsichten und wissenschaftlichen Erkenntnissen auch an junge Leute weiterzugeben.
Aus diesem Grund ist das Netzwerk als gemeinnützige Organisation mit Bildungsauftrag eingetragen. Ein schönes Produkt dieses erzieherischen Anspruchs ist die Veranstaltungsreihe Practical Wisdom in Education. Bei diesen Wochenendkursen für Jugendliche und junge Studenten war jeden Abend ein anderer Wissenschaftler eingeladen, zunächst einen kurzen Einführungsvortrag zu halten und der Gruppe dann mit dem eigenen Wissen und der eigenen persönlichen und spirituellen Erkenntnis Rede und Antwort zu stehen. Noch bis zum nächsten Vormittag konnten sich die jungen Leute inspirieren lassen und ihr bisheriges Weltbild hinterfragen. Durch direkte Interaktion und künstlerische Methoden kamen viele innere Prozesse in Bewegung.

Kulturell-kreative Essentials

Zu den bislang angeklungenen Absichten des SMN kommen noch zwei weitere Punkte, die beide die Einordnung als eine ur-kulturell-kreative Pionierorganisation unterstreichen: Da ist etwa das erklärte Ziel der „Integration intuitiv erlangter Einsichten mit rational-wissenschaftlicher Analyse“ sowie das der „Förderung des Respekts für die Erde und ihre Gemeinschaften“, wozu es insbesondere einer spirituellen und ganzheitlichen Herangehensweise bedürfe. – Ein hoher theoretischer Anspruch, der sich jedoch auch in der Praxis niederschlägt: Eine der drei jährlichen SMN-Konferenzen führt unter dem programmatischen Titel Mystics and Scientists jeweils Mystiker mit einem Teil der etwa 2000 Wissenschaftler aus 50 Ländern zusammen, die sich dem Netzwerk angeschlossen haben. Hier ist der Ort, um wichtige Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erörtern: Was kann von dem, was Mystiker erleben, wirklich bedeutend sein für die Menschen? Was ist nur individuell oder gar bloß Verblendung? Und andersherum: Was von den neuen wissenschaftlichen Ansätzen ist wirklich nützlich; was ist nur Machbarkeitswahn?
In Zusammenarbeit mit dem Institute of Noetic Sciences IONS richtet das SMN alle zwei Jahre eine Konferenz unter der Überschrift Beyond the Brain (abwechselnd mit Spirituality and Health) aus. Es ist erfreulich zu hören, dass die beiden verwandten Organisationen kooperieren! Doch das ewige „Suhlen im eigenen Saft“ führt nicht unbedingt zu einer Änderung der wissenschaftlichen Rahmenbedingungen. Gibt es denn darüber hinaus Anlässe, die zu kontroversen Diskussionen mit solchen Wissenschaftlern einladen, die noch dem reduktionistischen Paradigma verhaftet sind? Auch hier gibt es positive Entwicklungen: Seit zwei Jahren ist das Scientific and Medical Network auf dem größten wissenschaftlichen Ereignis der British Association of Sciences vertreten, wo es einen ganzen Tag zu seinen Themen gestaltet. Dies wird zunehmend auch von einer interessierten Presse aufgegriffen, die die erweiterte Sicht der Wissenschaft im ansonsten sehr geschlossenen Weltbild der englischen Wissenschaftsszene inzwischen entdeckt hat …

Bewusstseinsforschung – kein New Age

Worum aber geht es konkret? Das vom Scientific and Medical Network gepflegte komplementäre wissenschaftliche Weltbild betrifft unter anderem die Themen Bewusstseinsforschung und Nahtod-Erlebnisse: Reicht die individuelle Identität über Geburt und Tod hinaus? Bleibt das menschliche Bewusstsein jenseits des Gehirns erhalten? Und das neue Weltbild fragt auch nach den Grenzen der Medizin, so nach dem Unterschied zwischen ganzheitlicher Heilung und medizinischer Reparatur bzw. Symptombeseitigung. Es benennt die konträren Weltbilder von ganzheitlicher Medizin und Biotechnologie, und es umfasst Alchemie, Homöopathieforschung und philosophische Fragen nach der Realität von Zeit und Raum. – All das sind Themen, wie sie auf den verschiedenen Foren des SMN diskutiert werden. Dabei soll es grundsätzlich keine Grenzen geben, denn das Netzwerk gibt sich offen gegenüber allen Fragen, die von seinen Mitgliedern eingebracht werden. Es besteht auch keine Beschränkung auf rein wissenschaftliche oder medizinische Fragen, wie der Netzwerkname vielleicht suggerieren könnte; vielmehr ergeben sich oftmals auch Schnittpunkte mit Themen wie Ökologie, Ethik und Verantwortung in der Wirtschaft, Partizipation in der Demokratie, staatliches Gesundheitswesen und individuelle Freiheit, Psychologie, Philosophie, theologische Fragestellungen usw. Offizielle Beschränkungen bestehen nur hinsichtlich der Art der Beschäftigung mit einer Frage: „Es gibt im SMN eine Abgrenzung gegenüber New-Age-Strömungen“, stellt Bernhard Harrer fest, „Es kann nicht darum gehen, die materialistische Sicht durch eine rein religiöse oder esoterische Sicht zu ersetzen!“ Diese Haltung spiegeln die Statuten des Netzwerks, die die Herangehensweise der Arbeit innerhalb des SMN regeln:
„Das Netzwerk ist keinem Dogma und keinem Glaubensbekenntnis verbunden. Es möchte zu intellektueller Einsicht ermutigen und ist kritisch gegenüber haltlosen und sensationsheischenden pseudo-wissenschaftlichen Behauptungen. Das Netzwerk hat sich der Suche nach Wahrheit verschrieben, ganz gleich, wohin diese Suche führen mag, denn es will den intellektuellen Horizont der Wissenschaft und der Gesellschaft insgesamt erweitern. Das Netzwerk möchte zu beständiger Forschung an den Grenzgebieten menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrung ermutigen und schließlich durch erzieherische Programme die Ergebnisse solcher Forschung weitestmöglich verbreiten.
Während es unnachgiebig notwendige Fragen zur Natur des Lebens und der Rolle des Menschen stellt, bleibt das Netzwerk immer
– offen für neue Beobachtungen und Einsichten,
– streng in der Einschätzung von unbewiesenen Hinweisen und Ideen,
– empfindlich, was die Anerkennung der Pluralität möglicher Standpunkte und Sichtweisen betrifft, sowie
– den höchsten wissenschaftlichen und ethischen Standards verpflichtet!“
Um seine Mitglieder nicht bloß anlässlich der jährlichen internationalen Tagungen und über das Internet zusammenzubringen, ist das Netzwerk in verschiedene regionale (UK) bzw. nationale Gruppen unterorganisiert. Seit sechs Jahren veranstaltet auch eine deutsche Landesgruppe ein bis zwei jährliche Workshops zu einem Schwerpunktthema. Diese Tagungen finden auf Deutsch statt; in der Schweiz existieren jeweils eine deutsch- und eine französischsprachige Gruppe.
Eine wichtige Funktion erfüllt das Scientific and Medical Network immer schon hinsichtlich der Möglichkeit, unkonventionelle wissenschaftliche Thesen und Ergebnisse zu publizieren. Dies geschieht auf internationaler Ebene durch das Scientific and Medical Network Journal und seit einigen Jahren selbstverständlich auch über das Internet. Die deutsche Landesgruppe ist bemüht, die interessantesten englischsprachigen Beiträge ins Deutsche zu übersetzen und auf ihrer Website zu veröffentlichen. Als Alternative zum englischen SMN-Journal gestaltet eine Redaktion aus deutschen Mitgliedern zudem jeweils eine Reihe eigener Seiten in der Zeitschrift Tattva Viveka, die ebenso wie die Zeitschrift KursKontakte/eurotopia der „Mediengruppe Kulturell Kreative“ angehört.
Seit der Gründung des Scientific and Medical Network sind nun über dreißig Jahre vergangen. Die Frage liegt nahe, ob die Arbeit dieser und inhaltsverwandter Organisationen tatsächlich Früchte trägt – was im Fall des SMN nicht nur an den sicherlich faszinierenden und hoffnungsvollen Ergebnissen einzelner assoziierter Forscher zu messen ist, sondern eben auch daran, ob das erklärte Ziel, den Alleinvertretungsanspruch der materialistischen Wissenschaft in Frage zu stellen und das Weltbild der Menschheit in Richtung Ganzheitlichkeit zu erweitern, nähergerückt ist.

Mission erfüllt?

Auf die Frage, wie denn der Fortschritt des Paradigmenwechsels von einem Mitglied des Netzwerks eingeschätzt wird, erklärt Bernhard Harrer, dass sich tatsächlich einiges getan habe: Man könne nun über viele Themen diskutieren, die es damals, Mitte der Siebziger Jahre, so gut wie gar nicht gab. Auch freut er sich, dass es mittlerweile für sehr viele dieser Themen eigene Fachgesellschaften gibt, die sich zum Beispiel ganz medizinischen Aspekten verschrieben haben oder ausschließlich Fragen zu Ethik oder Grenzwissenschaft erörtern: „Ich beobachte das SMN ja erst seit sieben Jahren, die Grenzgebiete der Wissenschaft jedoch schon seit zwanzig Jahren. Einen großen Fortschritt sehe ich in dem Sinn, wie die Themen öffentlich wahrgenommen werden. Viele Themen haben begonnen, sich praktisch umzusetzen, etwa in der Ökologie-Bewegung und in der Naturheilkunde-Szene. Was nach wie vor wichtig ist und was durch das Internet auch sehr viel einfacher geworden ist, ist das Thema des Netzwerke-Knüpfens. Das SMN wurde ja lange vor dem Internet-Zeitalter gebildet.
Seit 1973 ist einiges passiert, was heute selbstverständlicher ist. Gute Beispiele sind auch Rupert -Sheldrake, der lange Jahre Mitglied des SMN war, oder John Eccles und Ilya Prigogine – das sind alles Wissenschaftler, die zunehmend gehört werden. Sicherlich, sie sind nicht allgemein akzeptiert, so wie Eccles Theorie, wonach das Bewusstsein und Gehirn etwas verschiedenes sind, zwar nicht akzeptiert ist, aber doch breit diskutiert wird in der Welt.“
Auf der Liste der herausragenden Mitglieder des Scientific and Medical Network findet sich übrigens auch Dr. Edgar Mitchell – jener Raumfahrer, der 1973 das Institute of Noetic Sciences IONS begründete, nachdem er vom erhabenen Anblick seines Heimatplaneten vom All aus zutiefst berührt worden war. Willis Harman, ebenfalls Mitbegründer des IONS, übernahm zu Beginn der gemeinsamen Konferenzreihe zur Bewusstseinsforschung Beyond the Brain („Jenseits des Gehirns“) sogar das Amt des SMN-Vizepräsidenten. ´

*„noetisch“ wird abgeleitet vom griechischen Wort für intuitives Wissen und Erkenntnis; es meint hier vor allem die Wissenschaft von den inneren Erfahrungen (Bewusstseinsforschung) als Erweiterung bisheriger Forschungsbereiche. Das mittlerweile 30000 Mitglieder in aller Welt zählende IONS war bereits vor genau drei Jahren Gegenstand dieser Artikelreihe (siehe Archiv unter www.kurskontakte.de, Ausgabe 123).


Weiterführende Informationen:
http://www.scimednet.org
(Scientific and Medical Network international);
http://www.smn-germany.de
(Scientific and Medical Network Deutschland);
http://www.tattva-viveka.de
(ZeitschriftTattva Viveka mit Nachrichten des SMN-Deutschland);
http://www.datadiwan.de
(Bernhard Harrers Datenbank zur Naturheilkunde);
http://www.noetic.org (Institute of Noetic Sciences IONS)

Im Archiv der Zeitschrift KursKontakte (unter www.kurskontakte.de) finden sich außerdem der erwähnte Artikel zum IONS (Ausgabe 123)
http://www.kurskontakte.de/article/show/article_40d7e70438075.html
sowie die Übersetzung eines viel diskutierten Artikels aus dem SMN-Journal zum Thema „Wie Heilung geschieht“, von David Hodges und Tony Scofield (Ausgabe 115):
http://www.kurskontakte.de/article/show/article_4336fde77d947.html


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Schilk, Jochen

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