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Über uns
Impressum
Die Föderation von Damanhur
erschienen in Ausgabe 142  PDF-Version (218.9 KB)
Die Föderation von Damanhur ist eines der größten Gemeinschaftsprojekte in Europa. Die Mitglieder nehmen für sich in Anspruch, ein revolutionäres Modell für nachhaltige Veränderung zu entwickeln. Christine Schneider gibt einen Überblick über Leben und Politik in der Gemeinschaft.
Die aufwendig gestaltete Tempelanlage in einem Berg, an der 16 Jahre lang im Geheimen gebaut worden war, machte Damanhur weltbekannt. Und doch wissen viele bis heute nicht viel mehr von Damanhur, als dass man dort ungewöhnliche spirituelle Forschungen betreibt. Über die sozialen und politischen Aktivitäten dieses Projekts ist wenig bekannt.
Damanhur liegt in einem vergessenen Tal der Piemonteser Vor-alpen, nahe dem Gran Paradiso Nationalpark in Nord-italien. Landflucht und Vergreisung sind seit Jahrzehnten dramatisch. Es gibt weder Infrastruktur noch Arbeit, um die jungen Generationen zu halten. Bis heute fehlen in weiten Teilen des Tals Elektrizität, Telefon, Wasseranschluss. Ende der 70er-Jahre kamen „Fremde“ aus dem 40 Kilometer entfernten Turin ins Tal, kauften ein erstes Grundstück und begannen ein gemeinschaftliches Experiment, das sich in den inzwischen vergangenen 30 Jahren zu einem der größten Gemeinschaftsprojekte Europas entwickelt hat.



Ein neues Zivilisationsmodell-n!

Die Idee ist von Anfang an ehrgeizig, umfassend: Sie ist nicht nur ökologisch, nicht nur spirituell oder sozial – es geht um ein neues Zivilisationsmodell, das alle Aspekte integrieren soll. Wir Damanhurianer verstehen uns als eine Föderation zahlreicher Gemeinschaften und haben auch eine eigene Verfassung. Heute leben 600 Damanhurianische Bürger in dieser Föderation von 40 Gemeinschaften. Jede Gemeinschaft umfasst jeweils ca. 20 Personen, die in verschiedenen Gemeinden des Tals und der angrenzenden Ebene angesiedelt sind. Weitere 400 Mitglieder leben in der Nähe und kommen regelmäßig zu Aktivitäten der Föderation. Gemeinsam verwirklichen sie ein neues soziales Modell, das auf Solidarität, ehrenamtlichem Engagement, Respekt für die Umwelt und gemeinsamen ethischen und spirituellen Werten basiert.
Luigi Berzano, Professor für Politikwissenschaften in Turin, beschreibt den Einfluss von Damanhur im Valchiusellatal folgendermaßen: „Das Studium Damanhurs erinnerte mich an das, was die Kartäuserklöster und -orden im Mittelalter repräsentierten. Sie wurden in ländlichen Gegenden gegründet und brachten Wohlstand, der ganze Täler belebte. Und ich denke, das ist es, was tatsächlich durch Damanhur passiert. In einem Tal, das alle wirtschaftlichen und sozialen Zeichen der Depression und Alterung trägt, stellt Damanhur in vieler Hinsicht eine Ressource dar. Damanhur hat das Tal in demographischer Hinsicht neu belebt, das Interesse an altem Handwerk wieder aktiviert und die Freude an künstlerischer Produktion in vielen Sektoren angeschoben. Von Anfang an hat Damanhur ein Element sozialer Innovation repräsentiert.”

!n-Ökologie und Selbstversorgung


Wir Damanhurianer betrachten unseren Planeten Erde als ein Lebewesen, das zu respektieren und zu bewahren ist. Diese grundlegende Sicht wird in eine ökologisch bewusste Entwicklung der Siedlungen der Föderation übertragen. Erhebliche Ressourcen wurden für die Wiederherstellung der Umwelt und den Kauf ausgedehnter Waldgebiete aufgewandt, in denen aufgrund jahrelanger Ausbeutung das Unterholz fehlte und aus denen sich die Tiere zurückgezogen hatten. Über Aufforstungsprogramme wurde in Kooperation mit der Fakultät für Forstwirtschaft der Universität Turin versucht, das natürliche ökologische Gleichgewicht der Wälder wiederherzustellen. Selbstversorgung und energetische Nachhaltigkeit wurden konsequent verfolgt. Heute werden 50% des Warmwasserbedarfs über Solarmodule gedeckt, 25% des Strombedarfs über Photovoltaikzellen und 90% des Wärmebedarfs durch Holz aus eigenen Wäldern. 35% der Autos benutzen Bio-Diesel, 40% Methan oder Gas. Damanhur ist damit der größte private Produzent von Solarenergie in der Region. Biologische Landwirtschaft und Nachhaltigkeit beim Anbau von Nahrungsmitteln gehören zu den wichtigsten Zielen Damanhurs, wobei im August 2005 50% des Eigenbedarfs abgedeckt werden konnten. Die Eigenproduktion umfasst Gemüse, Obst, Milch, Käse, Olivenöl, Getreide, Backwaren, Wein und Honig sowie Geflügel, Schweine, Kühe und Fisch. All dies und weitere biologische Produkte werden in der Tentaty-Kooperative vertrieben, dem ersten und bisher einzigen Verteilungszentrum sicherer Bioprodukte im Tal, das stark von der allgemeinen Öffentlichkeit genutzt wird. Alle im Tentaty verkauften Produkte werden in einem eigenen Labor für Molekularbiologie auf gentechnische Modifizierungen geprüft. Das Labor dient auch dazu, mittels einer Saatgutbank und der Organisation von Informationsveranstaltungen Biodiversität zu bewahren und wiederherzustellen.

Solidarisch leben

Für uns, die wir in Damanhur leben, bedeutet das ein vielseitiges und konkretes Engagement. Wir leben eine bodenständige Spiritualität, in der letztlich nur zählt, was jeder tut und umsetzt. Das riecht nach Abenteuer: Dinge anzupacken, die unmöglich scheinen, sich an deren Realisierung zu messen und es zu schaffen – oft mit Kraftanstrengung, aber mit tiefer Befriedigung und viel Vergnügen am Miteinander. In diesem Sinn bedeutet solidarische Politik in der Region, durch ehrenamtliche Tätigkeiten für die Bevölkerung in der Nachbarschaft einen konkreten Beitrag zu leisten.
Ein Großteil der Damanhurianer ist im Katastrophenschutz, im Roten Kreuz, beim Blutspenden und in der Altenbetreuung engagiert. Mit 168 Rotkreuzhelfern und -fahrern war es möglich, in Vidracco eine eigene Rotkreuzstation zu eröffnen, um im Valchiusellatal einen Notfalldienst sowie Krankentransporte für die Talbewohner zu gewährleisten. Katastrophenschutz ist in Italien, anders als in Deutschland, dezentral über Freiwillige organisiert. Das Katastrophenschutzteam Damanhurs vermittelt seine Erfahrungen seit einigen Jahren in lokalen und regionalen Ausbildungsprogrammen. Klimaveränderungen machen sich in dieser Gegend immer häufiger mit extremen Wettersituationen bemerkbar. Seit Jahren sind Einsätze Damanhurianischer Teams bei Überschwemmungen und Waldbränden in angrenzenden Gemeinden Routine geworden.
Solidarität hat natürlich auch eine internationale Komponente: Freiwilligenteams aus Damanhur waren an der Regenbogen-Friedensmission in Albanien beteiligt, um Flüchtlingslager aufzubauen, und nach dem Tsunami auch in Sri Lanka.

Politik, die einen Unterschied macht

Politik muss sich in etwas Nützliches für die Umwelt verwandeln und die Bevölkerung mit ihren Bedürfnissen wahrnehmen sowie den wirtschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Austausch fördern. Deswegen haben wir auch eine politische Bewegung ins Leben gerufen: Con te per il Paese („Mit dir für das Land“), die die sozialen und ökologischen Interessen der Allgemeinheit in den Vordergrund stellt. Auf einem Plakat von „Con te per il Paese“ haben wir unsere Überzeugung so beschrieben: „Der Abstand zwischen unseren Händen und unserer Seele ist kürzer als wir denken. Spirituell zu wachsen, bedeutet auch Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen, für das Wohlsein anderer Menschen, das Wachstum der Gesellschaft. Es genügt nicht, sich hinzusetzen und einige Stunden am Tag zu meditieren, um ein bewusster Mensch zu sein. Man muss hart arbeiten, um die eigenen spirituellen Fähigkeiten in konkrete Aktionen zu übersetzen, die einen Unterschied machen.”
Das Fünf-Jahres-Programm von „Con te per il Paese“ für Vidracco war bereits vor Ablauf der Amtszeit erfüllt und insgesamt so erfolgreich, dass der Bürgermeister, ein Damanhurianer, bei den Komunalwahlen 2004 für eine zweite Amtszeit wiedergewählt wurde und auch ohne die Stimmen der Damanhurianer im Ort eine Mehrheit erlangt hätte. Vidracco ist ein Beispiel für erfolgreiche Kooperation zwischen einem Gemeinschaftsprojekt und der lokalen Bevölkerung (Näheres im Interview mit Roberto Sparagio, Mitglied im Gemeindeparlament von Vidracco).
Auch auf nationaler Ebene haben wir wichtige Erfolge errungen. Über die Kontakte zum italienischen Parlament wurden gemeinsam mit anderen Gruppen Gesetzesinitiativen auf nationaler Ebene durchgesetzt. Eine wesentliche Errungenschaft war die Legalisierung von Gemeinschaften und Ökodörfern im italienischen Vereinsrecht. Das bedeutet, dass nicht mehr nur Sportvereine und kirchliche Initiativen Vergünstigungen als gemeinnützige Vereine erhalten können, sondern auch andere Gruppen, die „ethische oder spirituelle Forschung“ betreiben, staatlich anerkannt werden. Als eine solche Gruppe sind wir und andere Ökodörfer jetzt anerkannt. Diese Änderung ist ein wichtiger Meilenstein des italienischen Netzwerks „CONACREIS“, zu deren Gründungsmitgliedern Damanhur gehört.
Wenn Damanhur ein Modell für gute Lebensbedingungen ist, ist „Con te per il Paese“ das politische Instrument, diese auf kommunaler und regionaler Ebene zum greifbaren Vorteil für die ansässige Bevölkerung umzusetzen.
Anfangs hat sich Damanhur als Experiment definiert. Das ist mittlerweile überholt. Die letzten 30 Jahre haben demonstriert, dass ein anderes Lebensmodell möglich ist. Nachhaltige Veränderung braucht heute diese Art von Revolution. ´

Christine Schneider lebt seit vier Jahren in Damanhur. Ihr beruflicher Hintergrund ist das Change Management, gegenwärtig mit dem Schwerpunkt: Wie funktionieren Gemeinschaften? In Damanhur unterrichtet sie Esoterische Physik und ist Kontaktperson für andere Gemeinschaften.


  Autoren

Schneider, Christine

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