Kosha Joubert berichtet von der Findhorn-Konferenz des Global Ecovillage Network
Vom 1. bis zum 8. Oktober trafen sich im schottischen Findhorn 130 Menschen aus 22 Ländern, um 10 Jahre nach der Gründung des Globalen Ökodorf-Netzwerks Bilanz zu ziehen und gemeinsam einen Blick in die Zukunft zu werfen, aber auch, um sich als Freunde wiederzutreffen, zu bestärken und Mut zu machen, und um neuen Menschen den Einstieg in dieses unterstützende Netzwerk zu ermöglichen.
Wie schon viele vor mir, war ich als frisch gebackene Netzwerkerin von der gegenseitigen Achtung, Freundschaft und Inspiration berührt, die in diesem internationalen Austausch zu spüren waren.
Die letzten 10 Jahre
Der Anfang im Jahr 1995 war von Hoffnung und Begeisterung geprägt: Ökodörfer überall sollten die Antwort auf unsere globale Krise sein. Zum Teil hat sich die Hoffnung realisiert: Es gibt inzwischen überall auf der Erde Gemeinschaften und Ökodörfer. In vielen Ländern haben sie sich zu Netzwerken zusammengeschlossen.
Trotzdem hat sich die Bedrohung des Lebens auf der Erde intensiviert. Die Welt verändert sich vor unseren Augen schneller denn je zuvor. Im tropischen Regenwald werden in jeder Minute Flächen in der Größe von 35 Fußballfeldern abgeholzt. Überschwemmungen, Hurrikane und lange Dürreperioden treten als Folge des Klimawandels öfter und intensiver auf.
Robert Gilman (einer der Gründer der ersten Stunde) drückte es so aus: „In gewissem Sinn arbeiten wir unter der Schwelle dessen, was Radare und Satelliten aufzeichnen können. Die geheime Macht aller Graswurzel-Bewegungen wirkt unter der gesellschaftlichen Oberfläche und bereitet stetig das Feld für einen umfassenden Bewusstseins- und Gesellschaftswandel vor. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem ein einziger Impuls ausreicht, alles in Bewegung zu setzen.“
Das Gleiche gilt leider auch für das „innere“ Ungleichgewicht, das wir als Menschheit im System Erde verursachen. Unsichtbar breitet es sich aus, zeigt sich unregelmäßig in zunehmenden Naturkata-strophen, und irgendwann kann ein einziger Impuls ausreichen, alles in eine zerstörerische Bewegung zu versetzen.
Neue Ansätze der globalen Ökodorf-Bewegung
Also, was tun? Wo ist der Archimedische Punkt, an dem wir als Gemeinschaftsbewegung ansetzen können? Wie kann der Bewusstseinswandel im Mainstream beschleunigt werden? Diese Frage beschäftigte uns während der gesamten Konferenz. Es gilt, unser Bild von „Gemeinschaft“ zu erweitern. Das Bild von einem Ökodorf als Modell, das fernab auf einer grünen Wiese glücklich vor sich hin träumt, ist passé.
Die ursprüngliche Definition eines Ökodorfs, formuliert von Robert Gilman, beschrieb ein Ökodorf als eine Siedlung,
• die kleinräumig ist und so menschlichen Maßstäben entspricht,
• die alle Aspekte des Lebens umfasst,
• in der die menschlichen Aktivitäten sich auf harmonische Weise in die natürliche Umwelt integrieren,
• die einen gesunden menschlichen Wachstumsprozess fördert,
• die zukunftsfähig, weil nachhaltig ist.
Die Definition von Gilman kann auch als Maßstab auf traditionelle Dörfer und Stadtteilbezirke angewandt werden, um zu überprüfen, was ihnen zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit fehlt, um diese Aspekte dann zu stärken.
Auf der Konferenz wurde klar, dass in diesen Bereichen viel mehr möglich ist, als wir denken. In vielen Städten dieser Welt entstehen bereits Wohn- und Gemeinschaftsprojekte, die vielfach behördlich unterstützt werden (z.B. in Sao Paolo, Johannesburg, Dänemark, aber auch in Tübingen und Freiburg). In anderen Ländern gibt es Bewegungen, die traditionell einfach und nachhaltig wirtschaftende Dörfer zu „Ökodörfern” ausrufen und wertschätzen (in Thailand, im Senegal etc.).
Es geht darum, das „klassische Ökodorf“, das als Zentrum für soziale und technologische Experimente nachhaltigen Zusammenlebens und als Ort der Inspiration dient, sich weiter in die Gesellschaft hinein entfalten zu lassen. Das fordert allerdings die Bereitschaft zum öffentlichen Dialog und zur regionalen Zusammenarbeit, darüber hinaus auch die Bereitwilligkeit, zum Studienobjekt zu werden (eine erste Nachhaltigkeitsstudie über deutsche Gemeinschaftsprojekte hat das Forschungsprojekt „Gemeinschaftlich nachhaltig“ an der Universität Kassel erstellt).
Inzwischen haben einige größere Gemeinschaften gezeigt, dass sie dazu fähig sind, eine gesamte Region zu verändern (siehe die Artikel zur Föderation Damanhur in dieser Ausgabe). Besonders wichtig ist es, Ökodörfer immer mehr zu Lebensschulen und Ausbildungszentren werden zu lassen. Durch die Ausbildung von jungen Menschen wirken wir in die Zukunft hinein. Aus vielen Ländern wurde von einer wachsenden Zusammenarbeit mit Schulen und Universitäten berichtet. Im Rahmen der UN-Dekade für Erziehung zur Nachhaltigkeit (2005–2014) wurde in Findhorn „Gaia Education“ als neues GEN-Projekt offiziell bekannt gemacht.
Ein neues Ausbildungsprogramm
Seit zwei Jahren arbeite ich mit der internationalen Gruppe GEESE (Global Ecovillage Educators for a Sustainable Earth) an der Entwicklung einer vierwöchigen Ausbildung zum Aufbau von Ökodörfern. Das fertiggestellte Curriculum wurde jetzt von UNICEF offiziell anerkannt und ist frei im Internet verfügbar. Nächstes Jahr finden die ersten Kurse weltweit statt. Im Ökodorf Sieben Linden wird es von Mitte August bis Mitte September 2006 einen ersten internationalen Kurs für junge Erwachsene geben, die dann als lebendige Samen für neue Projekte wieder in die Welt gehen. Die Ausbildung soll zu einem vierjährigen Universitätsstudium ausgebaut werden. Wer mehr dazu wissen möchte, kann sich bei mir melden. Und wer gar spenden möchte, damit auch Jugendliche aus Südafrika und Tadschikistan teilnehmen können, ist herzlich dazu eingeladen. ´
Kosha Joubert lebt seit fünf Jahren im Ökodorf Sieben Linden und ist hier vor allem in den Bereichen soziale Kommunikation und Gemeinschaftsbildung tätig. Sie ist Mutter zweier Kinder, als Schmuckherstellerin bekannt und seit kurzem Mitglied im Beratungsteam für Gemeinschaftsaufbau „Hand in Hand“.
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