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Editorial
erschienen in Ausgabe 142
Liebe Leserinnen,liebe Leser,

vor kurzem waren wir Haltestelle des „Omnibus für direkte Demokratie“. Ein Wochenende lang stand das weiße Gefährt auf unserem Hof und war Mittelpunkt intensiver Gespräche. Wir Wähler haben ja nun die beiden „Volks“-Parteien an einen Tisch gezwungen. Doch sitzen jetzt Personen am Kabinettstisch, die niemand unmittelbar wegen ihres Könnens oder ihrer herausragenden menschlichen Qualitäten dorthin gewählt hat. Die Plätze sind nach persönlicher Neigung vergeben, wie unter Gleichgesinnten üblich. Gleichgesinnt? Der Verdacht liegt nahe: in Bezug auf die Macht. Aber sind die nun Regierenden auch uns, den Bürgerinnen und Bürgern gleichgesinnt?
Die jüngste Wahl hat vielen gezeigt: Die parlamentarische Demokratie bisherigen Zuschnitts wird den heutigen, weit in die Zukunft reichenden Herausforderungen nicht mehr gerecht. Zuviel bürgerliches Lösungswissen geht für die Gestaltung unserer Gesellschaft verloren, wenn uns nur das gelegentliche „Abgeben“ unserer Stimme bleibt. Direkte Demokratie wäre gewiss ein Schritt in die richtige Richtung. Aber werden bloß andere Methoden in eine bessere Gesellschaft führen, wenn es uns nicht gelingt, auf der geistigen Ebene alten Ballast abzuwerfen?
Unsere Gesellschaft ist keine egalitäre, wertebewusste, sozialverantwortliche Lerngemeinschaft. Genügend Herrschaftsbilder bannen unsere Fantasie und steuern unsere Gedanken von sozialer Ordnung: Schlösser, Kathedralen, Patrizierhäuser, Regierungspaläste – und Industriekomplexe, Freizeitparks, Wolkenkratzer, Atommülldeponien …
Wie sollen wir eine freie, auf Wohlwollen, Nachhaltigkeit und Ausgleich gegründete Gesellschaft schaffen, inmitten all der Symbole der Ungleichheit, des Machtanspruchs, der Naturbeherrschung und der Besitzgier? Wie können wir uns als Gesellschaft von generationenlang eingeübten Mustern lösen?
Vielleicht sollten wir wie Großeltern über die Welt nachdenken: Träumen wir uns als 70-, 80-, 90-Jährige, betrachten wir unsere dann alten Körper, und fantasieren wir, wie jene zukünftige Welt um uns herum aussieht. Wie fühlen sich unsere Enkel an? Was für Gespräche führen sie mit uns? Worüber sind wir gemeinsam mit ihnen glücklich?
Es sind gerade mal 50 Jahre Leben, die einen vom soeben inkarnierten kosmischen Wesen zum Großvater, zur Großmutter machen. Dazwischen liegt ein Kunstwesen: geschaffen von einer Instanz, die wir das menschliche Ego nennen. Es sorgt sich vornehmlich um sich selbst – und prägt diese Gesellschaft, diesen Staat, diese Welt. Wir kommen als Wesen hierher, die sich um das Ganze sorgen, und wenn wir die Ego-Phase hinter uns gelassen haben, rückt wieder das Ganze ins Blickfeld. Ich frage mich, wie eine demokratische Gesellschaft aussähe, in der die Ego-Phase auf die vielleicht unumgängliche Zeit der Pubertät verkürzt wäre?

Herzlich, Ihr
Johannes Heimrath


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Heimrath, Johannes

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