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Editorial
erschienen in Ausgabe 143
Liebe Leserinnen,liebe Leser,

letztes Wochenende hatte ich die Ehre, die „2. Kasseler Gespräche für Bildungsfreiheit“ moderieren zu dürfen. Siebzehn Jahre nach dem historischen Freispruch wegen Nichterfüllung der Schulpflicht (OWi 46 Js 32069/88) scheint in Deutschland eine substanzielle Elternschaft herangewachsen zu sein, die mit derselben leidenschaftlichen Überzeugtheit von der Richtigkeit ihres Tuns und derselben argumentativen Kraft für die freie, selbstbestimmte Entfaltung ihrer Kinder eintritt, wie wir es damals getan haben. Die Hoffnung, eine gesellschaftlich wirksame Größe zu bilden, ist aus dem Reich der Utopie ein Stück näher an die Verwirklichung gerückt.
Freilich wirft Licht auch Schatten. Mit Recht wird in der Debatte um die Aufhebung des Schulzwangs zugunsten der konsequenten Umsetzung des Grundrechts auf selbstbestimmte Bildung die Frage gestellt, wie in einem von staatlicher Normierung befreiten Bildungswesen Fundamentalismus oder dompteurhafter Missbrauch elterlicher Gewalt in Grenzen gehalten, die Vernachlässigung von Kindern vermieden werden kann.
Hier gibt es nur eine Richtschnur für die zukünftige Entwicklung, die tragender Nenner der Konferenz war: die völlige Aufgabe einer Vorstellung vom Kind als einem Objekt von erzieherischem Wollen zugunsten der Einsicht, dass alle Menschen einer freien Gesellschaft sich selbst gehörende -Subjekte sind. Das Kind als Subjekt anzuerkennen, heißt nichts weniger, als den Status Kindheit endlich als eine Lebensphase zu begreifen, die gegenüber dem -Erwachsensein nicht minderen Wert hat, sondern die ihre eigene Vollkommenheit mit äquivalenten Kompetenzen und Bedürfnissen besitzt. Das heißt anzuerkennen, dass der in seiner Würde unverletzte Mensch in jedem Lebensalter sicher weiß, was zu ihm gehört, welchen Weg er zu gehen hat, was ihm gut tut, was er lernen und können will, von wem er das, was ihm fehlt, erfahren möchte, von wem er dort, wo er Kompetenz zu gewinnen sucht, unterstützt und begleitet werden will.
Dies fordert von den Erwachsenen die Heilung ihrer eigenen Kinder- und Jugendzeit, die sie nur selten als sich selbst gehörende Subjekte erfahren haben. Nicht viele Erwachsene konnten schon als Kinder ihre guten, schönen und wahren Potenziale als selbstbestimmte Mitglieder der Lebensgemeinschaft, in die dieser Planet gehüllt ist, zur bessernden Gestaltung der Wirklichkeit einbringen.
Nur die herzfüllende Anerkennung der Tatsache, dass wir Menschen jeden Alters das kostbarste Gut sind, das wir als Menschheit besitzen, wird auf Dauer -garantieren, dass sich unsere Kinder zu würdevollen -Weiterlenkern unseres gemeinsamen planetaren Geschicks entfalten. Vor dieser Chance verblassen die Ängste derer, die wegen ihrer möglichen Schattenseiten am liebsten die ganze Entfaltung verhindern würden.

Herzlich, Ihr
Johannes Heimrath



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