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Brief aus Amerika
erschienen in Ausgabe 143
Widersprüchliches Amerika: „Mother Jones“, Sprachrohr der linksliberalen Alternativ-Szene, widmet sich wieder einmal einem weiterhin brennenden Thema aktueller US-Kultur, dem Patt zwischen Säkularisten und Fundamentalisten in Wissenschaft und Medien. Weltanschauliches Ringen zwischen materialistischer, zufallsorientierter Evolutionslehre und gottgewolltem, vorherbestimmten „Intelligent Design“. Hier scheint zwar die Linke sehr wohl zu wissen was die Rechte tut - aber weder links noch rechts entdecken eine integrierende Perspektive. Dabei werden in anderen Teilen des (nicht nur geografisch) vielfältigen nordamerikanischen Kontinents schon längst innovative Synthesen zwischen naturwissenschaftlicher und spiritueller Weltsicht diskutiert. Ken Wilber und Andrew Cohen widmen sich der Fortentwicklung von Konzepten einer „evolutionaren Spiritualität“ (siehe u.a. www.integrativespirituality.org), wie sie bereits im vorigen Jahrhundert von Sri Aurobindo, Jean Gebser und anderen formuliert wurden. Neurophysiologen präsentieren einem interessierten Publikum in populären Büchern und Filmen (Beispiel „What the Bleep“) neue holistische Betrachtungsweisen.
Die Schauplätze der integralen Experimente und Forschungen sind jedoch meist kleine, noch kaum vernetzte Inseln im Mainstream-Amerika. Viele dieser (kultur-)kreativen Orte sind durch eine dynamische Mischung von Kulturschaffenden, Geld und nicht zuletzt einer unterstützenden geomantischen Infrastruktur ausgezeichnet. Beispiel sind verschiedene Hochschulstandorte an der Westküste. Das California Institute for Integral Studies (www.ciis.edu) in San Francisco bietet, inspiriert von Sri Aurobindos Philosophie, integrale Ansätze in geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Die (Fern-)Universität von Santa Monica (www.gousm.edu) sowie die John-F.-Kennedy-Universität in der kalifonischen Bay Area (www.jfku.edu) sind bekannt für ihre Studienangebote im Bereich transpersonaler und spiritueller Psychologie und Gesundheitspraxis.
Neu in dieser integralen Hochschullandschaft ist die kleine Universität von Southern Oregon (SOU) in Ashland. Hier können Studenten seit einem Jahr landesweit erstmalig eine Art spirituelles Studium Generale belegen. Angeboten werden Kurse in freier Rede und Rhetorik, deren Beherrschung (besonders in angelsächsischen Ländern) von jedem Akademiker erwartet wird. Jaelle Dragomir entwickelte ein inhaltliches und didaktisches Curriculum, das von Erkenntnissen der Quantenphysik über mystische Spritualität bis hin zur praktischen Introspektion und Deutung eigener Träume und Visionen reicht („Finding your Place in the Universe – Inner Journey towards Community and Political Engagement“, Kontakt über dragomij@sou.edu).
Viele Ashlander begingen den Jahresbeginn 2006 im Zentrum einer ehemaligen Religionsgemeinschaft. Die landesweit organisierten „Unitarier“ formieren gewissermassen eine klassisch kulturkreative Synthese von aufgeklärtem, zivilbürgerlichen Engagement und undogmatisch spiritueller Einstellung. Konsequenterweise gaben die Unitarier an einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung ihren (auch in der amerikanischen Gesellschaft durchaus mit Priviligien verbundenden) Kirchen-Status auf und wurden zu einer frei organisierten Gemeinschaft (www.uua.org).
In ihrem geräumigen Ashlander Gebäude also wurde für einen Zeitraum von 48 Stunden vor und 12 Stunden nach Sylvester ein überdimensionaler Labyrinth-Teppich ausgebreitet. Mehr als Tausend Ashlander folgten in diesen besonderen Tagen und Stunden des Jahresübergangs in tiefer Kontemplation oder einfach nur mit sichtbarem Vergnügen den verschlungenen Wegen des Labyrinths. Das buchstäblich innere Ziel dieses Weges wurde oft erst nach mehr als einer halben Stunde erreicht. Nach einer Würdigung dieses Innenraumes ging es den gleichen Weg und in gleicher Zeit wieder zurück. Parallel dazu entfaltete sich auf der Bühne des wunderschön dekorierten Raumes ein (kostenlos angebotenes) Nonstop-Programm zahlreicher musikalischer und tänzerischer Solo- und Gruppendarbietungen. Bestandteile waren u.a. traditionelle indianische Zeremonien und ein berührendes indisches Bajan-Singen. Vielleicht lokale Vorboten einer kommenden globalen Kultur und einer neuen Verbundenheit?
Für Interessierte aus Deutschland bietet sich übrigens in absehbarer Zeit Gelegenheit zum Kennenlernen dieses neuen kulturkreativen Hotspots in den USA. Im Mittelpunkt einer geplanten, ca. 12-tägigen Reise werden transformative Sessions und Kurse ausgewählter Ashlander Heiler und Psychologen stehen. Als eigene Erfahrungsmöglichkeit und für Profis evtl. auch als Fortbildung (www.inlightenthebody.com). Hintergrund bilden die geomantischen und landschaftlichen Highlights dieser Weltgegend, darunter die atemberaubende Pazifikküste und Nordamerikas heiligster Berg, der über 5000 m hohe Mount Shasta. Die erste der Reisen soll im Fruehjahr 2007 stattfinden (nähere Infos über wjsr@gmx.net).
Schon jetzt allerdings, genauer am 9. März um 16.30 Uhr (Wiederholung am 12. März um 17.05 Uhr), kann man einen Blick auf die Heimatstadt der spirituellen Großmeister Gangaji und Eli Jackson-Bear, des Bestsellerautors Neale Donald Walsh und des Spiritual-Cinema-Circle-Gründers Stephen Simon werfen: N-TV sendet eine Reisedokumentation über Ashland und Oregon.
Mit dem vorliegenden Brief endet diese kleine Reihe von Schilderungen kulturkreativer Modelle und Entwicklungen in den USA. Bei aller - berechtigten - Skepsis gegenüber US-amerikanischer Gegenwartspolitik will und wollte sie ein wenig Aufmerksamkeit dafür wecken, dass dieses Land auch Keime einer hoffnungsvolleren Zukunft trägt. Um genau zu sein: Nicht nur eine ökologisch und zivilisatorisch bedrohliche, sondern auch eine ganzheitlich und bewussteinsmäßig weiter entwickelte Zukunft hat schon begonnen. ´

Wolfgang Schmidt-Reinecke studierte Publizistik, Geschichte und Ethnologie an der FU Berlin (MA 1979). Er lebt in Ashland und arbeitet als freiberuflicher Publizist, Fundraiser und PR-Berater.
Kontakt: wjsr @ gmx.net


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Schmidt-Reinecke, Wolfgang

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