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Ich spüre Freude am Wissen
erschienen in Ausgabe 143  PDF-Version (170.53 KB)
Die Kulturwissenschaftlerin Bettina Berger sprach mit dem Wissensmanager und Berater Bernhard Harrer

Bernhard Harrer, Jahrgang 1964. Immer in farbenfrohen, hellen Klamotten, und immer bereit, neue Ideen aufzugreifen und nützliche Hinweise zu geben. Ob im direkten Gespräch oder am Telefon, immer erlebe ich die Begegnung mit ihm als intensiv und anregend.
Als sich im Jahr 1996 die Patienteninformation für Naturheilkunde (PI) auf der Friedensuniversität in Berlin vorstellte, kam ich erstmals mit Bernhard Harrer, ihrem Initiator, ins Gespräch, und es begann eine langjährige Zusammenarbeit. Die PI steht für eine Art des Empowerments von Patienten auf ihrer Suche nach Heilung. Ich arbeitete dort zu ihrer Blütezeit mit zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Berliner Kulturzentrum „ufafabrik“. Heute führt die PI ein eher bescheidenes Dasein.
Wer ist dieser Bernhard Harrer? Was ist aus dem Projekt „Patienteninformation“ heute geworden? Ist er einer derjenigen Kulturell Kreativen, die ständig neue Ideen produzieren, von denen viele wie eine Raupe in ihrem Kokon auf den Augenblick der Transformation warten – zu dem es oft dann doch nicht kommt?
Bernhard Harrer kommt aus Graz, einer Stadt, die auch für ihr avantgardistisches Kulturleben bekannt ist. Bernhard entwickelte dort seine Begeisterung für Improvisationstheater und -musik. Als Kind, das in einer Hochhaussiedlung aufwuchs, fragte er sich oft, wie er die Natur in so ein Umfeld zurückbringen könnte. „Solange ich denken kann, beschäftigt mich die Frage, wie eine ökologische Kultur zu erschaffen wäre,“ erzählt er. In der Lektüre von Ernest Callenbachs „Ökotopia“ fand er als Jugendlicher etwas von dem, wonach er sich sehnte: basisdemokratische Zustände, ein authentischer Umgang miteinander, eine partizipative ökologische Kultur. So wundert es nicht, dass er jahrelang Mitglied und engagierter Mitarbeiter der Alternativen Liste Graz seit ihrer Gründung Anfang der 80er-Jahre an war.

Hinter einer Sache stehen

Als die amerikanische Regierung 1986 versuchte, Muammar al-Gaddafi zu ermorden und damit fast einen Krieg vom Zaun brach, hielt Bernhard Harrer inne: Er erlebte auf einmal, dass es sehr einfach sein kann, die Welt auf den Kopf zu stellen, und das Gefühl für Kontinuität ging ihm verloren. Er gab sein Architekturstudium auf und entschied sich, nur noch Dinge zu tun, hinter denen er voll und ganz stehen konnte. Wenige Monate später geschah die Tschernobyl-Katastrophe, und die Steiermark war durch ihre geografische Lage besonders betroffen. „Damals fiel mir auf, dass die Kirschen und Insekten größer wurden als in allen Sommern zuvor. Ich habe damals als Hilfskraft in einer Bauspenglerei auf Blechdächern mein Geld verdient, und dabei beobachtete ich, wie sich der Himmel in dieser Zeit merkwürdig verfärbte. Das erinnerte mich daran, was ich bei Wilhelm Reich gelesen hatte: Farbveränderungen am Himmel könne man auf eine Übererregung der Lebensenergie in der Atmosphäre zurückführen.“ Reich hatte sich zu Lebzeiten an die Erfindung eines Geräts namens Cloudbuster gemacht, mit dessen Hilfe er glaubte, diese atmosphärischen Störungen beheben zu können. Zu diesem Zeitpunkt beschloss Bernhard Harrer, sich mit dem reichschen Konzept zu beschäftigen. Er dachte, wenn Reich Recht hatte und es wirklich eine Lebensenergie gab, die geschädigt und wieder geheilt werden konnte, dann müsste dieses Wissen doch einen Einfluss auf das Denken der Menschen haben. Es galt also, die Experimente von Reich nachzuvollziehen, und so nahm er zu allen Menschen Kontakt auf, die über Reich forschten. Eva Reich, Wilhelm Reichs Tochter, hatte der Wiener Universitätsbibliothek alle dessen Schriften auf Mikrofilm zur Verfügung gestellt. Während seinem Meteorologiestudium saß Harrer stundenlang vor dem Lesegerät und vertiefte sich in das reichsche Werk. Als ordentlicher Reichianer absolvierte er zudem eine körperorientierte Psychotherapie. 1989 wechselte er nach Berlin, der Stadt der kreativen Subkultur, in der es neben der Reichgesellschaft auch ein Meteorologisches Institut gab. Zur Berliner Kreativität wollte er beitragen – was ihm auch bald gelang: Er begegnete Joachim Hornung, der damals Professor für Methodologie am Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Freien Universität Berlin war. Bei ihm konnte Bernhard Harrer eine Projektgruppe zum Thema „Orgonbiophysik – kritische Evaluation der biophysikalischen Arbeiten von Wilhelm Reich“ aufbauen. Er begann seine Diplomarbeit über das Postulat Reichs, wonach Leuchterscheinungen in Vakuumröhren abhängig seien von lebensenergetischen Einflüssen. Dann jedoch kam eine Enttäuschung nach der anderen: Je genauer seine Experimentaldaten wurden, je mehr Störgrößen ausgeschaltet werden konnten, desto weniger konnten die Erscheinungen auf solche Vorgänge zurückgeführt werden. Eine physikalische Lebensenergie schien auf diese Weise nicht nachweisbar.
Bernhard Harrer ging nun mit der Hartnäckigkeit eines Naturwissenschaftlers an die Texte Reichs heran und unterzog die gesamte Literatur einer nochmaligen kritischen Analyse. Es wurde immer deutlicher: Reich hatte zum Beispiel Temperaturunterschiede auf seinen experimentellen Anordnungen nur deshalb messen können, weil die Sonne auf unterschiedliche Oberflächen fiel. Selbst Elektrosmog wurde von Reich als Lebensenergie interpretiert. Auch der Besuch im Reichmuseum in den USA brachte nur noch die letzte Bestätigung: Die Versuchsanordnungen Reichs waren zu simpel. Die Geräte waren nicht stabilisiert, und einfache Spannungsschwankungen im Stromnetz erklärten das von Reich als Pulsieren von Lebensenergie bezeichnete Flackern in Vakuumröhren. Reich war es nicht gelungen, Lebensenergie physikalisch nachzuweisen.
In der Folge war es die Beschäftigung mit den Theorien von Burkhard Heim und John Eccles, die Harrer halfen, zu verstehen, dass Lebensenergie nicht physikalisch in Erscheinung tritt.„Damals begann ich zu erahnen, dass Lebensenergie aus anderen Bereichen der Wirklichkeit kommt – Bewusstsein steuert das Leben.“ Anhand der Psychosomatik machte er sich deutlich: Das biologische Funktionieren wird von bewussten oder unbewussten seelischen Entscheidungen beeinflusst. So stand für ihn bald fest, dass sich die Arbeit mit dem Cloudbuster von Wilhelm Reich nicht von der eines traditionellen Schamanen unterscheidet.

Ein Polstermöbel für Informationen

An diesem Punkt wechselte Bernhard Harrer seine Aufgabenstellung. Er wollte von nun an systematisch die Postulate der alternativen Szene prüfen und evaluieren. Nur das, was Bestand hat und funktioniert, sollte zur Anwendung kommen. Aus diesem Anspruch resultierte seine Idee des „Datadiwans“ (www.datadiwan.de), einer vernetzten Datenbank für Grenzgebiete der Wissenschaft und die ganzheitliche Medizin, die er bald mit Erfolg umsetzte. Auf dem Datadiwan – der seinen Namen in der Annahme erhielt, dass die teuren Daten auf einer Daten-„Bank“ zu hart sitzen würden – machen es sich heute 15000 Adressdaten, 17000 Literaturdaten und rund 50000 Buchseiten als Volltextarchiv bequem. In der Methodensammlung sind über 660 verschiedene Therapieverfahren beschrieben.
Bei der Verwirklichung trafen zwei komplementäre Ideen aufeinander: Harrers Idee einer Datenbank des unkonventionellen Wissens und Joachim Hornungs Idee einer Patienteninformation für Naturheilverfahren (PI). Der Naturheilkunde-Professor hatte damals zahlreiche Anfragen von Patienten und Journalisten erhalten, welche Verfahren denn nun tatsächlich funktionierten. Hornung wusste, dass eine Patienteninformations-Einrichtung ein professionelles Unterfangen sein musste. Der Grazer Improvisator Bernhard Harrer wagte Ende 1994 dennoch den Sprung ins kalte Wasser nur mit Hilfe von ABM-Mitteln. Fünfzehn Stellen hatte die PI für zwei Jahre finanziert bekommen, und so konnte Harrer dank seiner kompetenten Mitarbeiter (Informatiker, Ärztinnen und Heilpraktikerinnen) professionelle Patientenberatung durchführen und gleichzeitig seine Datenbank aufbauen. Das Projekt war genau nach Harrers Geschmack: „Ich spüre in meinem Inneren so eine große Freude am Wissen und vor allem an diesem unkonventionellen Wissen. Manchmal habe ich das Gefühl, vor Ideen zu explodieren. Ich hatte immer Freude daran, dieses Wissen zur Anwendung zu bringen, und zwar so, dass es Dinge bewegt,“ sagt er heute.
Die wissenschaftliche Evaluation außergewöhnlichen Wissens blieb im Rahmen des Datadiwans nur eine Vision. Inzwischen haben sich zahlreiche Forschungseinrichtungen weltweit dieser Aufgabe angenommen. Bernhard Harrer verschob seinen Tätigkeitsschwerpunkt deshalb in den letzten Jahren mehr und mehr auf die Vernetzung.

Gewinn und Verlust

Die Konzeption des Datadiwans zeigte bald, dass gerade ganzheitliches Wissen mehr als eine Datenbank braucht. Was nötig schien, war ein vernetztes Informations- oder Wissensmanagementsystem. Der Netzwerker Harrer machte sich also an die Umsetzung des ersten datenbankgestützten Patientenberatungsdiensts im deutschsprachigen Raum, eine Einrichtung, die für verschiedene andere Projekte rasch eine Anregungs- und Vorbildfunktion einnahm. Im Rahmen des Berliner Gesundheitspreises 1995 des AOK-Bundesverbandes und der Berliner Ärztekammer wurde Harrer für seine Entwicklung ausgezeichnet.
Dann ist das Geld ausgegangen. Um die Patientenberatung kostenlos betreiben zu können, plante er, mit einem Fachinformationsdienst ein wirtschaftliches Standbein aufzubauen. Als dieses Unterfangen fehlschlug, musste er einen schmerzhaften finanziellen Verlust bewältigen. Die Tatsache, dass er diesen Betrag aus eigener Tasche übernehmen musste, dämpfte Harrers Motivation erheblich, noch weitere Arbeitsmarktprojekte durchzuführen: Das ganze Vorhaben schrumpfte auf seinen Kern zusammen. Seine zwischenzeitlich erworbenen Kompetenzen im Bereich Wissens- und Informationsmanagement setzte er in der Firmengründung „BernhardHarrer.Wissenstransfer“ um.
Die komplexe Beratungsdatenbank wird derzeit nur ehrenamtlich von Harrer genutzt. Hier führt er das Konzept einer ganzheitlichen Patientenberatung fort: Was kann ein Ratsuchender selber tun, um seine Gesundheitsprobleme ganzheitlich anzugehen? Welche anderen therapeutischen Ansätze gibt es für offiziell „austherapierte“ Patienten? Ausgehend von der ursprünglichen Idee, Menschen zu befähigen, selber die Entscheidungen für ihren Heilungsweg zu treffen, möchte Bernhard Harrer darüber informieren, dass man einen Zustand nicht einfach nur mechanistisch betrachten soll: „Das Biologische, das Psychische, das Geistige, die Umwelt, die sozialen Beziehungen – all das will gemeinsam betrachtet werden, wenn man heiler werden und schließlich genesen möchte.“
Für Bernhard sind die ehrenamtlichen Beratungs-gespräche etwas Besonderes: „Wenn das Gespräch auf eine bestimmte Ebene kommt, weil man einen Ratsuchenden wirklich ernst nimmt, passiert manchmal etwas Erstaunliches: Es entsteht plötzlich eine Offenheit, und es kommen Dinge zur Sprache, die die Ratsuchenden vielleicht noch nie einem Therapeuten offenbart haben. Oft ergeben sich neue Ansätze, weil klar wird, wo ein Grund für das Gesundheitsproblem liegen kann. Ich als Berater kann dann darauf hinweisen, dass genau dieses Thema auch schon andere Menschen bewegt hat, und dass schon therapeutische Zugänge dazu entwickelt wurden. Solche Gespräche sind für mich eine wirkliche Freude, ich kann das nur als eine seelische Bereicherung empfinden – selbst wenn so ein Beratungsgespräch über eine Stunde geht. Natürlich braucht der Verein Spenden und Fördermitglieder, aber die Gespräche sind prinzipiell kostenlos. Das, was ich als ganzheitlicher Patientenberater in manchen Gesprächen für meinen Zeitaufwand zurückkriege, ist, einem Menschen wirklich in der Tiefe begegnet zu sein.“
Eine bislang nicht umgesetzte Vision ist die Vernetzung mit anderen Beratungsstellen. In der zukünftigen Beratungslandschaft wird Patienten nur dann effektiv geholfen werden können, wenn sich verschiedene Experten miteinander vernetzen und ihre Kompetenzen in einem Beraternetzwerk gegenseitig verfügbar machen. Dies wäre mit der von Bernhard Harrer entwickelten Software möglich.
Er ist durchaus optimistisch, dass sich die Gesellschaft in den nächsten Jahren so wandelt, dass er sein erarbeitetes Know-How stärker einbringen kann als heute. In der beginnenden Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen sieht er eine große Chance, denn mit dieser Absicherung könnten Therapeuten aus Liebe zu den Menschen, die zu ihnen kommen, tätig sein. Dann würde eine „neue Medizin“ allein schon dadurch entstehen, dass sowohl Patient als auch Therapeut das gemeinsame Gespräch aus vollem Herzen genießen und so miteinander den der Erkrankung zugrundeliegenden Konflikt lösen können.

Selbstfindung

In all den Jahren meiner Zusammenarbeit mit Bernhard Harrer habe ich mich oft gefragt, wo sich eigentlich der Mensch hinter all dem Wissen und all den Daten versteckt. Trotz allem kreativen Austausch ist er lange eine freundliche, unpersönliche Instanz geblieben.
Wenn ich ihn nach den Beziehungen zu anderen Menschen frage, spricht er zuerst über die Verstorbenen, denen er nicht nachtrauern muss, weil er weiß, dass sie anwesend sind. Das Leben erschöpfe sich nicht im materiellen Sein, und er empfinde Dankbarkeit, dass er diesen Menschen zu Lebzeiten begegnen durfte.
Und die Lebenden? Was ist mit den Menschen um ihn herum? Ein Traum, den ich vor Jahren über meinen ehemaligen Kollegen Bernhard Harrer hatte, kommt mir wieder in Erinnerung: Er saß an einem Computer, abgegrenzt von Wänden zu Kammern hin mit anderen Computern … Ein unnahbares Wesen?
Als mein Sohn letztes Jahr geboren wurde, besuchte mich ein Bernhard Harrer, den ich noch nicht kannte: Ein authentischer Mensch, der offen über bedeutende Veränderungen in seinem Leben sprechen konnte, auch über die Heilung von Wunden in seinen familiären Beziehungen. Selbstfindung geschehe im -authentischen, wahrhaftigen Kontakt von Menschen, sagte er, man könne ihr gar nicht entgehen, wenn man offen sei und anfange, ehrlich zu sich selber zu sein. Die für ihn heilsamste Einsicht war die, unterscheiden zu lernen zwischen dem, was uns geschieht, und dem, wie wir das Geschehene interpretieren. ´




Bettina Berger ist Kulturwissenschaftlerin und promoviert derzeit in der Fachwissenschaft Gesundheit der Universität Hamburg zum Thema Patienten- und Verbrauchertrainings.


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Berger, Bettina

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