Entwurf eines utopischen Modells
Wie wäre es, in einer Gesellschaft zu leben, die jeden Menschen ermutigt, die Dinge zu tun und zu lernen, die ihn interessieren? Karen Kern entwirft ein vielleicht gar nicht so utopisches Modell.
In einer Gesellschaft, in der das Lernen nicht hinter geschlossenen Türen stattfindet, in speziellen Institutionen, im 45-Minuten-Takt und nach vorgegebenem Lehrplan, mit Überprüfungen und Bewertungen – wie würde man dort lernen? Könnte das Lernen für alle Menschen zum Alltag gehören, in all seinen Facetten, von spielerisch bis konzentriert, für sich alleine oder in der Gruppe? Eine solche freie Art des Lernens würde die Kreativität und das Wohlbefinden dieser Gesellschaft spiegeln. Lernen beginnt mit der Geburt der Menschen und endet mit ihrem letzten Atemzug. Unentwegt eignen die Menschen sich neues Wissen an. Sie könnten sich dazu in Lerngruppen zusammenschließen, gleichen oder unterschiedlichen Alters. Das Beste dabei wäre: Lernen würde allen Spaß machen ebenso wie das Weitergeben des eigenen Wissen an andere. Ich will im Folgenden eine kurze Skizze einer solchen Gesellschaft mit ihrer reichhaltigen Bildungslandschaft zeichnen.
Es gibt bereits viele öffentliche Bildungsorte: Biblio-theken, Museen, Volkshochschulen, Jugendzentren. Es gibt Parks, Wiesen und Wälder, Städte, Dörfer und Handwerksbetriebe. Jene Orte könnten sich als Lernräume öffnen. Ich stelle mir vor, dass Ateliers zum Ausprobieren verschiedenster Techniken in ehemaligen Fabrikgebäuden eingerichtet würden. Dort könnte eine Fachkraft Einführungen geben und beraten.
In Musikstudios gäbe es nicht nur Instrumental- und Gesangsunterricht, es könnte Musik aller Arten gehört, darüber diskutiert und gelesen werden. Es ließen sich auch Ausflüge zu Museen und Ausstellungen organisieren. In Sprachlabors gäbe es Materialien zum Selberlernen sowie Gesprächsrunden mit Muttersprachlern. Die Menschen könnten sich eigenständig oder unter Anleitung, gemeinsam oder alleine Projekte nach ihrem Maß erarbeiten.
Darüber hinaus wären Räume der Begegnung und solche ohne besondere Festlegung notwendig, beispielsweise eine Bibliothek mit angeschlossenem Computerzentrum und Räumen für Einzel- oder Gruppenarbeit. Hier könnten Gespräche, Vorträge und Diskussionen über Themen aller Lebensbereiche stattfinden.
In frei werdenden Schulen könnten Lehrer Unterricht in ihren Fächern anbieten. Ihre Arbeit hätte hier einen ganz anderen Stellenwert, da die Menschen, die jetzt kommen, etwas lernen wollen, und so wird der ganze Prozess intensiv und schnell vorangehen. Das Fachangebot könnte umfassender sein und der Lehrplan gemeinsam mit den Beteiligten erstellt werden.
Kristallisationsorte dieser Lernlandschaft wären Lernläden und Beratungsbüros. Ich stelle mir das wie eine Mischung aus Bibliothek und Reisebüro vor. Hier kann individuelle Lernberatung über Methoden und Arbeitsweisen stattfinden, und man bekommt von speziell ausgebildeten Beratern Auskunft über Bücher, Lehrgänge, Kurse und Lehrer.
Neben diesen eher vom Staat oder professionellen Anbietern organisierten Zentren könnten sich die Menschen auch privat zusammenfinden, um ihre Bildung gemeinschaftlich zu gestalten. Einzelne könnten in der Nachbarschaft, im Dorf oder im Stadtteil eine Bildungsbörse organisieren. Auf Karteikarten finden sich Lehrangebote neben Lerngesuchen, veröffentlicht im Gemeindeblatt oder im Supermarkt auf einer Anschlagtafel.
Familien könnten nachbarschaftliche Lerngemeinschaften bilden. Sie würden sich, dem jeweiligen Bedarf gemäß, völlig unterschiedlich strukturieren, ob ein- bis zweimal die Woche in Clubs zu verschiedenen Themen (Buchbesprechungen, Fremdsprachen erlernen usw.) oder zu gemeinsamen Exkursionen. Oder sie bilden festere Strukturen und treffen sich täglich. Die Programme würden von allen Beteiligten für einen bestimmten Zeitraum festgelegt. Sicherlich würde sich ihre Kommunikation nicht nur auf den Bereich des Lernens beschränken, sondern die gegenseitige Unterstützung würde sich auf viele Bereiche des alltäglichen Lebens ausweiten, wie auf die gegenseitige Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen, gemeinsame Tierhaltung und Gartenarbeit und vieles mehr. Andere Menschen könnten dazukommen. Die ältere Dame aus der Nachbarschaft etwa bietet einen Kurs in kreativem Schreiben an und der Italiener aus der Pizzeria um die Ecke einen Italienischsprachkurs.
Das Lernen über das virtuelle Netz würde sicherlich noch einen viel größeren Raum einnehmen, egal ob dies in dafür vorgesehen Zentren stattfindet oder vor dem eigenen Computer zu Hause. Die Möglichkeiten in diesem Bereich scheinen unbegrenzt, vom einfachen, spielerischen Umgang mit dem Medium bis hin zu aufwendigen Online-Recherchen, vom Reisen in virtuelle Länder oder dem Besuch virtueller Museen bis hin zu eigenen Internet-basierten Videoproduktionen. Im Internet kann Hilfe bei konkreten Lernproblemen ebenso gefunden werden wie Bauanleitungen, Forschungsberichte oder Kochrezepte. Rege Diskussionen können zu den verschiedenen Themen wie auch zu eigenen Texten geführt werden. Bei der rasanten Entwicklung in diesem Bereich werden die Möglichkeiten für die Nutzer wohl noch zunehmen.
Utopie oder werdende Realität?
Die Erfahrungen in den letzten drei Jahrzehnten in den USA und anderen Ländern, in denen den einzelnen Menschen und Familien mehr Autonomie im Bildungsbereich zugestanden wird, zeigen, dass jene die Freiheit nutzen und eine vielfältige Bildungslandschaft gestalten. Gerade Familien aus der wachsenden Home-Education-Bewegung und Schulen mit Konzepten, nach denen die Kinder und Jugendlichen ihr Lernen weitestgehend selbst bestimmen und in allen Bereiche ein großes Maß an Mitbestimmung haben (beispielsweise die sogenannten Demokratischen Schulen), gehen völlig neue Wege im Bereich der Bildung und setzen hier kreativ gesamtgesellschaftliche Änderungen in Gang, statt abgeschlossene Parallelwelten zu bilden, wie es in Deutschland oft behauptet wird. Viele der oben beschriebenen Zentren gibt es schon, oft von Familien gegründet aus dem Bedürfnis nach Kontakt und dem Wunsch, gemeinsam mit anderen zu lernen. Generationenübergreifendes Lernen gehört in einigen dieser Zusammenhänge zum Alltag. Manche Schulen mit freien Konzepten öffnen sich, so dass Erwachsene und Jugendliche, die zu Hause lernen, dort an Kursen teilnehmen oder die Werkstätten, Bibliotheken und Fachräume der Schulen nutzen.
In Deutschland gibt es in größeren Städten im Bereich der Erwachsenenbildung schon ähnliche Initia-tiven, beispielsweise offene Schreinerwerkstätten, die für den Eigenbau von Möbeln ihr Geräte und das Know-How zur Verfügung stellen. Es gibt Läden, in denen sich Gruppen zusammenfinden, um sich Fähigkeiten in Selbstorganisation zu erarbeiten. Der Bildungsexperte Günther Dohmen hat Konzepte für eine Bildungslandschaft entworfen, in denen Erwachsene sich in eigener Regie weiterbilden können und in den verschiedensten Einrichtungen Anregungen und Infrastruktur zur Verfügung gestellt bekommen. Allerdings gibt es hierzulande noch eine starke Trennung zwischen dem Bereich der Erwachsenenbildung und dem der Heranwachsenden. Für breite Teile der Bevölkerung und für die verantwortlichen Bildungspolitiker ist Lernen ohne die Institution Schule für Kinder und Jugendliche undenkbar. Lernen wird durch die hierarchischen Strukturen in unserem Schulsystem und den dort vorherrschenden Methoden eindimensional als Unterweisung nach vorgegebenem Lehrplan mit Überprüfungen und Bewertungen gesehen. Viele erwachsene Menschen, die nur diese einseitige Art von Lernen erfahren haben, haben daher wenig Lust auf weitere Bildung und können sich selbstverantwortete Wege des Lernens für Kinder kaum vorstellen. Leider weisen aktuelle Entwicklungen im Bildungsbereich nur auf eine Fortführung der beststehenden Verhältnisse hin: Einschulung mit fünf Jahren, flächendeckende Einführung von Ganztagesschulen und die gewollte Kindergartenpflicht.
Dabei ist Schule nur ein Lernort unter vielen in unserer breiten Bildungslandschaft. Nach dem UNESCO-Bildungsbericht von 1972 findet achtzig Prozent des Lernens auf der informellen Ebene statt. Das bedeutet, dass der Großteil des Lernens für jeden Menschen in nicht organisierten und ungeplanten Zusammenhängen geschieht. Die Erfahrung vieler Menschen, gerade auch von Kindern und Jugendlichen in Schulen, zeigt, dass dieses informelle, von den eigenen Interessen ausgehende Lernen in den bestehenden Institutionen kaum Berücksichtigung findet. Das Ernstnehmen individueller Interessen und die Mitbestimmung und -gestaltung bei der Festlegung und Aneignung von Themen ist in der heutigen Praxis immer noch selten anzutreffen. Mit der Erfahrung, dass die eigenen Interessen nicht berücksichtigt werden, können wahrscheinlich oft die vielfältigen Verbindungen zwischen den Ebenen der informellen Bildung und dem formellen Lernen nicht geschaffen werden, unter anderem deswegen, weil auch ungewolltes Lernen mit Langeweile oder Stress verbunden wird. Einer Studie des Deutschen Jugendinstituts zufolge gestalten Kinder und Jugendliche ihre Freizeit wesentlich nach ihren aktuellen Interessen, aber auch nach ihren Interessen im Hinblick auf ihren künftigen Beruf. Im Gegensatz zu dem mit dem „Ernst des Lebens“ verbundenen Geist schulischen Lernens steht hier der Spaß an der Sache im Vordergrund. Leistung ist damit nicht ausgeschlossen. Interessen entstehen durch den Austausch mit Freunden, durch Medien, seltener durch den Austausch innerhalb der Familie. Themen aus dem alltäglichen Schulkontext haben dabei kaum Gewicht. Laut der Studie entstehen durch das Verfolgen der unterschiedlichen Interessen „Lebensprojekte“, in denen sich die Kinder oder Jugendlichen Fertigkeiten und Wissen aneignen. Oft mündet die Beschäftigung mit diesen „Lebensprojekten“ in ein Studium und die Ausübung dieses Berufs. Die Studie zeigt, dass Kinder und Jugendliche sehr wohl fähig sind, in den Bereichen, in denen sie die Freiheit dazu haben, ihr Leben und Lernen zu planen und zu strukturieren. Bedauert wird in der Studie, dass es kaum Verbindung zwischen diesem informellen Lernen im Freizeitbereich und dem strukturierten Lernen in der Schule gibt, ebenso wie es nur eingeschränkte Erfahrungsfelder im beruflichen Bereich gibt.
Bessere Bedingungen schaffen
Über die Forderungen nach offeneren Strukturen und Angeboten im Bereich der Erwachsenenbildung, sowie nach besserer Verknüpfung von Freizeit und Schule bei Kindern und Jugendlichen würde ich gerne hinausgehen. Lebenslanges Lernen und die Verbindung der verschiedenen Bereiche wird auf Dauer gesehen nicht mit immer neuen, „besseren“ Schulkonzepten geschehen. Ein Wandel hin zu einer gänzlich anderen Lernkultur wird nur mit der Umwandlung der Schulpflicht in ein Bildungsrecht geschehen können.
Bestehende Strukturen müssten damit nicht abgeschafft werden. Den Anfang würde das Zulassen von selbstbestimmter Bildung von zu Hause aus und das Zulassen von Schulen mit freien Konzepten bilden. Menschen könnten aus dem vorhandenen Angebot das für sie passende heraussuchen. Es ist die Frage, wie lange Deutschland es sich noch leisten kann, dass Familien, die hier innovative Wege gehen wollen, ins Ausland abwandern, weil sie dort für ihre Lebenskonzepte bessere Bedingungen vorfinden. ´
Literatur:
Günther Dohmen, Das informelle Lernen und seine Unterstützung durch kulturelle Inititativen und Bildungszentren, Juli 2000
• Maria Furtwängler-Kallmünzer und andere: In der Freizeit für das Leben lernen. Eine Studie zu den Interessen von Schulkindern, München 2002
• www.creatinglearningcommunities.com.
Karen Kern, ausgebildete Lehrerin, Mutter von zwei studierenden Töchtern und drei seit vier Jahren entschulten schulpflichtigen Söhnen, beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit selbstbestimmter Bildung und unterschiedlichen Wegen des Lernens.
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