Fritz Vilmar reflektiert aktuelle und historische Entwicklungen
Den Autoren des vorangegangenen Berichts sei Dank gesagt: Ihre Wiedergabe der historischen Kibbuzentwicklung, basierend auf der Erzählung der Leute von Revivim, ist korrekt und widerlegt den tendenziösen Unsinn über die gegen die Araber gerichteten aggressiven Wehrdörfer: Diese waren jahrzehntelang, bis zur Staatsgründung 1948, ausschließlich zur Verteidigung der den osmanischen Großgrundbesitzern abgekauften Landgebiete gerüstet. 1948 haben sie wesentlich dazu beigetragen, den unmittelbar nach der Staatsgründung von fünf arabischen Ländern unternommenen Versuch abzuwehren, den jungen Staat -Israel zu vernichten.
Dass Israel sich später, insbesondere nach dem dritten arabisch-israelischen Krieg, dem „Sechs-Tage-Krieg“ von 1967, zunehmend selbst zu einem militarisierten und teilweise aggressiven Staat entwickelt hat, finanziert von den USA, steht auf einem anderen Blatt. Festzuhalten ist hier, dass die Kibbuzim zwischen 1910 und 1948 die Rolle einer – höchst erfolgreichen – genossenschaftlichen jüdischen Agrarentwicklung gespielt haben. Ihre gleichzeitige Rolle als rein defensive Wehrdörfer muss betont werden, auch gegen „linke“ Antikibbuz-Ideologien, die die arabischen und palästinensischen Positionen unkritisch nachbeten.
Die Kibbuzkrise – komplexer und tiefer
Nicht gerecht werden die Autoren der schweren Existenzkrise der Kibbuzbewegung seit den 90er-Jahren. Diese Krise betrifft nicht nur den Streit um mehr Individualisierung und Liberalisierung des Kibbuzlebens, der seit den ersten Jahren der Bewegung andauert und in dem bekannten Teekocherstreit seinen symbolträchtigen Anfang nahm, als sich streng kollektivistisch orien-tierte Kibbuzniks darüber erregten, dass einige in ihren Zelten sich den individuellen Luxus eines eigenen Spirituskochers leisteten. Etappensiege individueller Lebensgestaltung in einer sozialistischen Gemeinschaft waren schließlich das Telefon, der eigene Fernseher und das eigene Auto.
Als ich in den 80er-Jahren in vielen Kibbuzim und Kibbuz-Bildungsstätten angesichts der Auflösung von immer mehr kollektiven Reglementierungen häufig die Frage von älteren Aktivisten hören musste: „Ist das denn noch ein Kibbuz?“, stellte ich die Gegenfrage: Was ist denn überhaupt das Grundprinzip des Kibbuz?
Es zeigte sich bei diesen Diskussionen nicht nur eine erhebliche Verunsicherung unter den Kibbuzniks, die bis zum heutigen Tag fortbesteht, weil man infolge der jahrzehntelangen Konzentration auf praktische Aufgaben das Nachdenken über die geistigen Grundlagen hochgradig vernachlässigt hatte. Die intensivere geistige Diskussion förderte aber dieses Grundprinzip (wieder) ans Licht. Es ist das Prinzip „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. Also die prinzipielle Trennung des Anteils des Kibbuzmitglieds am gemeinsam erwirtschafteten Ertrag von seiner Leistung für eben dieses Sozialprodukt – die Absage an den Leistungslohn als Quelle gesellschaftlicher Ungleichheit, von privatem Profit ganz zu schweigen.
Man geht im Kibbuz davon aus, dass jeder für die Gemeinschaft so gut arbeitet, wie er kann, und dass die Gemeinschaft deshalb jedem den gleichen Anspruch zubilligt, am Ertrag der Gemeinschaft teilzuhaben.
Genau dies aber halten die kapitalistisch orientierten „Reformer“ in der Kibbuzbewegung für falsch – für die Ursache des angeblichen wirtschaftlichen Rückgangs. Ich sage mit Bedacht „kapitalistisch orientiert“, denn nachweislich ist es das Eindringen kapitalistischer Wirtschaftsregeln (nicht zuletzt importiert von den US-amerikanischen Kibbuz-Einwanderern), die diese Aufgabe des entscheidenden Kibbuzprinzips vorantreiben und bei dreißig bis vierzig Prozent der zur Zeit rund 280 Kibbuzim in Israel damit Erfolg haben. Die Einführung von Leistungslöhnen und individuellen Vermögen, die zunehmende Abschaffung der solidarischen Lebensfürsorge wird beschlossen, hohe Managergehälter werden akzeptiert. Von einer Rotation der Ämter ist keine Rede mehr. Vergessen ist, dass die Erträge der Kibbuzwirtschaft ohne sogenannten Leistungslohn und ohne rigide Kontrollmaßnahmen einen um durchschnittlich 4% höheren Pro-Kopf-Ertrag im Vergleich zur israelischen Gesamtwirtschaft erreichten.
Die Vergiftung des Kibbuzlebens durch diese kapitalistischen Grundsätze der Ungleichbehandlung, der individuellen Profitorientierung und der Wiedereinführung von Klassen- und Führungsschichten auf der Basis finanzieller Ungleichheit: das wäre die tödliche Krise der Kibbuzbewegung. Und wo diese eingeführt worden sind – übrigens ohne wesentliche wirtschaftliche -Erfolge – dort handelt es sich nicht mehr um einen Kibbuz, selbst wenn er sich noch so nennt.
Eine beispielhafte Aussage
Da hier die Details dieser prinzipiellen Auseinandersetzung über den Wirtschaftsstil des Kibbuz nicht erörtert werden können, zitiere ich das exemplarische Beispiel des in dem Kibbuz Massada lebenden Journalisten Ami Ruzansky (in einem ZEIT-Bericht von Gisela Dachs aus dem Jahr 1998): „Das Prinzip der Gleichheit hat jeglichen Ehrgeiz abgetötet. Wer den Kibbuz retten will, der muss es abschaffen.“ Dieser Aussage widersprechen, wie gesagt, die Statistik der Kibbuzwirtschaft, aber auch meine individuellen Erfahrungen in einer Möbelfabrik und einer Plastiktaschenherstellung wie auch in der Orangenplantage und in der Kibbuzgärtnerei: dass nämlich der Ehrgeiz, nicht weniger und möglichst nicht Schlechteres zu leisten als die anderen, einen außerordentlich leistungsmotivierenden Effekt hat.
Der Negativbericht der ZEIT fährt fort: „In den vergangenen fünf Jahren haben vierzig Mitglieder Massada verlassen. Die verbliebenen hundertfünfzig haben sich mit ihren Familien immer mehr in ihre Privatsphäre zurückgezogen; der Kinosaal ist verriegelt, der Speisesaal, einst die Seele des Kibbuzlebens, ist um die Mittagszeit fast leer. Nicht mehr als zwanzig meist ältere Menschen sitzen an den langen Tischen. Anders als bei den Nachbarn von Schaar Hagolan war es in Massada schon keine große Sache mehr, als man vor einem Jahr die Mahlzeiten zu registrieren begann. Davor, sagt der Reformer Ami Ruzansky, hätten die Leute immer so viel Essen aus dem Speisesaal mitgenommen, dass nie genug für alle übriggeblieben sei.“
An dieser Stelle wird der auf den Privategoismus fixierte, sozusagen amerikanisierte Blick offensichtlich neurotisch. Ich habe in den rund 20 Kibbuzim, die ich zwischen 1981 und 1993 besucht habe, trotz aufmerksamer Betrachtung nicht einen einzigen Fall bemerkt, in dem Chaverim (Kibbuzmitglieder) sich derart Essen mitgenommen hätten, dass für später Kommende nichts übrig geblieben wäre.
„Ruzanskys 23-jähriger Sohn Gideon, der gerade von der Ferienarbeit auf dem Feld kommt [...], sieht in Massada gar keinen richtigen Kibbuz mehr. Aber früher oder später, glaubt er, könne sich niemand dem Trend zur Privatisierung und zum Individualismus entziehen [...] Zu den Vorteilen des Kibbuz zählt Ruzansky, dass die Kinder im Notfall bei den Nachbarn gut aufgehoben seien. Allerdings gebe es seit der Vermietung der leer gewordenen Häuschen immer mehr Leute im Kibbuz, die man gar nicht kenne. Seither schließt Ami Ruzansky seine Haustür sorgfältig ab.“
Im Kibbuz gibt es keine Nachbarn, die man nicht kennt, daher auch nicht dieses Regime des Misstrauens. Der Sohn des für die „westliche“ Wirtschafts- und Lebensgesinnung typischen Egomanen hat Recht: Massada ist auf dem besten Weg, kein Kibbuz mehr zu sein.
Blick nach vorn
Nach der kritischen Analyse der gegenwärtigen Kibbuz-Situation stellt sich die mindestens gleichgewichtige Aufgabe, einen strategischen Entwurf zum Aufbau von kommunitären, kibbuzförmigen Modellen zu erarbeiten. Diese Aufgabe stellt sich zumindest demjenigen, der nach dem Zusammenbruch des real-existierenden Sozialismus zu dem Urteil gekommen ist: „Es kann sein, dass der Zusammenbruch des Sozialismus im 20. Jahrhundert unter anderem auch deshalb erfolgte, weil dessen Sieg viel zu sehr als ein großer Durchmarsch – Revolution – Wahlsieg – Massendemonstration – gedacht und versucht wurde.“
Eine klassenlose, herrschaftsfreie Gesellschaft der -Gleichen und Freien kann wahrscheinlich auf diesem Weg nicht erreicht werden, weil er die Menschen zu wenig in Richtung auf solidarische Koexistenz verändert. Wahrscheinlich muss ein radikal reformiertes und reformuliertes Konzept zur Gesellschaftstransformation ins Auge gefasst werden, das an vormarxistische kommunitäre Sozialismuskonzepte anknüpft. Es müsste der Idee der Graswurzelrevolution folgen: Aufbau, Ausbreitung und Kooperation Tausender, Zehntausender von selbstorganisierten Netzen, in teilautonomen Nachbarschaften, vor allem aber in kommunitären, kibbuzförmigen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, die nach dem kropotkinschen Prinzip der gegenseitigen Hilfe und nach dem Grundsatz „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinem Bedürfnis“ funktionieren. Praktische Modelle, in denen sich Sozialismus nicht durch Agitation und Massenbewegungen ausbreitet, sondern durch beispielgebendes Vorleben dessen, was z.B. Attac sich auf die Fahnen geschrieben hat: „Eine andere Welt ist möglich.“
Da das strategische Konzept „Kommune aufbauen – vom Kibbuz lernen“ hier nicht entfaltet werden kann, seien die vier großen strategischen Schritte dahin wenigstens beim Namen genannt:
1) Selbstorganisation weiterentwickeln.
2) Kommunitäre Modelle diskutieren und entwickeln.
3) Kommunitäre Modelle fördern.
4) Eine kommunitäre Gesellschaft entwickeln.
Die zu Unrecht in die utopistische Ecke geschobenen frühsozialistischen Vordenker kommunitärer Sozia-lismusmodelle würden sich dann als wissenschaftlich mindestens ebenso relevant erweisen wie der Marxismus – nicht zuletzt als Antwort auf die zu erwartenden großen gesellschaftlichen Notlagen. Nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark. Oder noch schärfer: Nur gemeinsam sind wir existenzfähig. Solidarität nicht als Luxus, sondern als „Überlebensprinzip vor Ort“. ´
Prof. Dr. Fritz Vilmar ist seit 1975 am Politikwissenschaftlichen Institut der FU Berlin tätig. Seine Schwerpunkte sind die Entwicklung humaner Alternativen und Demokratisierungsstrategien (z.B. „Handbuch Selbsthilfe“) und der deutsche Vereinigungsprozess („Die DDR war anders“). Von 1977 bis 83 war er Mitglied der Grundwertekommission der SPD. 2003 hat er aus Protest die SPD verlassen. Er ist Initiator der Ökologischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft (ÖKOLEA) in Klosterdorf bei Berlin. http://www.fritzvilmar.de
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