Gemeinsam für gesellschaftliche Alternativen. Ein Thesenpapier.
Anlässlich eines Forschungsprojekts zur Nachhaltigkeit von Gemeinschaftsprojekten traf sich ein Arbeitskreis von Kommunen und Lebensgemeinschaften, der eine Reihe von Thesen zu „Lebens-qualität in Gemeinschaften“ entwickelt hat. Wir werden in den nächsten Ausgaben von KursKontakte jeweils eine These zu einem gesellschaftlichen Thema vorstellen. Der Arbeitskreis möchte mit diesen Gedanken Anregungen für alternative Lebensentwürfe geben und sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Am Arbeitskreis beteiligt waren die Kommune Niederkaufungen, die Kommune -ÖkoLea, die Kommune Walterhausen, das Ökodorf Sieben Linden, der Suchthilfe Hof Fleckenbühll, die UFA Fabrik, die Villa Locumuna sowie das ZEGG.
Wir leben seit Jahrtausenden in einer patriarchalen Dominanzkultur, die geprägt ist von Hierarchien, Über- und Unterordnung, Entscheidungen nach dem Mehrheitsprinzip, Gewinner-, Verlierer- und Leistungsdenken.
Die Folgen erleben wir in gewaltvollen, kriegerischen Auseinandersetzungen, in der Zerstörung der Umwelt, in der Auflösung sozialer und solidarischer Strukturen.
Was wir gegenwärtig brauchen, ist die Entwicklung einer partnerschaftlichen, solidarischen Kultur, die auf dem Konsensprinzip basiert, auf der gerechten Verteilung von materiellen und immateriellen Ressourcen sowie auf einer sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Lebensweise.
Mit den folgenden Thesen möchten wir als Gemeinschaftsprojekte zeigen, dass wir Antworten haben auf aktuelle gesellschaftliche Problemfelder bzw. auf dem Weg sind, neue Strategien zu entwickeln. Wir schaffen in den Gemeinschaften ein eigenes Wohlstandsprofil, das sich nicht an der „Einbahnstraße Wirtschaftswachstum“ orien-tiert, sondern an Gerechtigkeit, menschlichen Grundbedürfnissen und ökologischen Rahmenbedingungen. Mitten in einer auf Konkurrenzdenken ausgerichteten „Ellbogen-gesellschaft“ gehen wir neue Wege und orientieren uns an Werten, die uns für eine solidarische und friedvolle Gesellschaft hilfreich erscheinen. In den Gemeinschaften hat sich eine Kultur entwickelt, die reich ist an selbstbestimmter Kreativität, die mit der Verschiedenheit von Menschen und deren kultureller Identität umgeht und so dazu beiträgt, den individuellen Erfahrungshorizont zu erweitern und anderen zu vermitteln.
Wir wissen sehr wohl, dass wir noch nicht all das perfekt leben, was wir in unseren Thesen beschreiben. In der ständigen Auseinandersetzung bilden sich aber in unseren Gemeinschaften Kompetenzen heraus, die uns auf unserem Weg helfen. Mit den Thesen wollen wir aus unserer Sicht die Qualität darstellen, die ein Leben in Gemeinschaft für die Menschen hat. Wir hoffen, damit mehr Menschen Lust darauf zu machen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und in gemeinschaftlichen Strukturen ein zukunftsweisendes gesellschaftliches Modell mitzuprägen.
These 1: Selbstbestimmung zwischen globalerVerantwortung und Egoismus
Gesellschaftlicher Ist-Zustand: Die letzten Jahrtausende patriarchaler Entwicklung haben den Grundstein gelegt für die heutige Ausprägung des Kapitalismus mit seinen Globalisierungstendenzen auf dem Hintergrund von Profitmaximierung und künstlicher Schaffung von Konsumwünschen. Dies stellt die vorläufige Spitze einer rigorosen Ausbeutung der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten dar. In dieser Entwicklung wurde auch der Raum für ein selbstbestimmtes Leben auf allen Kontinenten immer weiter beschnitten. Die Übernahme individueller Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung ist heute praktisch unmöglich. Unsere gesellschaftlichen Zwänge und Konventionen führen zur sozialen Verarmung und zum ökologischen Desaster. Die Isolierung der Menschen in Kleinfamilie bzw. Einpersonenhaushalt nutzen Politik und Wirtschaft, um die Einzelnen gegeneinander auszuspielen und deren Selbstbestimmungsrecht auf einen kleinen Lebensbereich zu beschränken.
Leben in Gemeinschaft: In Gemeinschaften tun sich Menschen zusammen, die sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht arrangieren wollen und statt dessen ihre Lebensumstände weitgehend selbstbestimmt kreieren. Durch die gemeinsame Haltung der Mitglieder entsteht ein Synergieeffekt, der jede Gemeinschaft in ihrer ganz eigenen Ausrichtung prägt. Diese Ausrichtung ist unter den Mitgliedern in freier Vereinbarung ausgehandelt. Die Gemeinschaft kann durch ihre sozialen, ökonomischen, kulturellen und technischen Strukturen sowie über eigene Statuten die Verantwortung für einen menschen- und umweltverträglichen Lebensstil besser übernehmen als Einzelne. Der sich dort ergebende Wertekanon unterscheidet sich grundlegend von den gesellschaftlich vorherrschenden Werten und öffnet ein weites Feld für ein selbstbestimmtes Leben, ohne egoistische oder hedonistische Tendenzen zu bestärken. Es ergibt sich ein kontinuierliches Wechselspiel zwischen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. Auseinandersetzung und Transparenz über die Folgen des eigenen Lebensstils ermöglichen erst die Übernahme von Verantwortung auf lokaler wie auf globaler Ebene – im sozialen wie im ökonomischen oder ökologischen Bereich. ´
|