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Abbruch – Umbruch – Aufbruch
erschienen in Ausgabe 143  PDF-Version (96.41 KB)
Eine Buchbesprechung von Gerhard Breidenstein

Ist die rückläufige Entwicklung in vielen Städten und den meisten ländlichen Regionen in den -neuen Bundesländern nur ein Vorbote dessen, was auf ganz Deutschland zukommt? Von den Chancen des Schrumpfens handelt Hans-Peter Gensichens utopischer „Zukunftsroman Uckermark“, der hier von Gerhard Breidenstein vorgestellt wird.


Deutschland schrumpft. Die Zahl der Arbeitsplätze nimmt stetig ab, und die Zahl der Arbeitslosen wächst. Der Lebensstandard sinkt, die Reallöhne stag-nieren, die Renten und Sozialhilfeleistungen gehen zurück, die Geburtenzahlen schrumpfen. Die Staatseinnahmen gehen zurück (während die staatliche Verschuldung von Jahr zu Jahr zunimmt); die Innenstädte sowie die abgelegenen Dörfer entleeren sich; ländliche wie industrielle Brachen nehmen zu; die Wahlbeteiligung, ein Symptom der politischen Anteilnahme der Bevölkerung sinkt dramatisch; die Kirchen schrumpfen ebenso wie die Gewerkschaften; die Bildung und das Wertesystem verkümmern; und selbst die Wahrnehmung der Natur ist auf den „Röhrenblick der Spezialisten“ eingeengt. Und da sind schließlich die globalen ökologischen Schrumpfungen: Arktis, Antarktis und die Gletscher schmelzen ab; die Ozonschicht wird dünner; die Regenwälder werden abgeholzt; die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen geht drastisch zurück; die Vorräte an Kohle, Erdöl, Uran, Eisen, Nickel, Aluminium gehen zur Neige. „Wir haben es längst nicht mehr mit Einzelphänomenen zu tun, sondern mit einem ganzen Netz [...] von Schrumpfungen. [...] So schwer durchschaubar dieser große Vorgang ist, so unentrinnbar ist er auch. Es schrumpft eine Welt zusammen: die Wachstumswelt – ganz faktisch und tatsächlich und auch als Welt im Kopf, als Weltbild, als Paradigma.“ (Uckermark, S. 21 )
Ist dies nur wieder eine gar nicht so neue Katastrophenbeschreibung, bloß unter anderem Blickwinkel? Gewiss geht es bei diesen Prozessen um eine Katastrophe, jedenfalls für das bisherige Wirtschaftssystem und seine Gesellschaftsform und auch für die zahllosen individuellen Opfer dieser Zusammenbrüche. Aber in diesem Abbruch stecken auch Chancen zu einem Umbruch und erneuerndem Aufbruch.

Eco-Fiction aus der Feder eines 89er-Aktivisten-B1

Das jedenfalls ist die zentrale These von Hans-Peter Gensichen – einem promovierten Theologen und Aktivisten der ostdeutschen Umweltbewegung in seinem Buch „Uckermark Zukunftsroman“. Ihm ist ein in vieler Hinsicht ganz ungewöhnliches Buch gelungen. Schon äußerlich: Spiralheftung und Plastikfolienumschlag, quadratisches Format, sehr schmaler Spaltensatz, im Selbstverlag vertrieben. Ferner ist in seinem unterhaltsam, anschaulich und sogar spannend geschriebenen Roman ein theoretischer Essay „Chancen des Schrumpfens“ kapitelweise eingefügt, indem der Autor eine der Romanfiguren diesen Text schreiben lässt. Schließlich spielt dieser Zukunftsroman – anders als übliche Utopien – in der sehr nahen Zukunft, nämlich im Jahr 2008 aus der Sicht eines rückblickenden Erzählers im Jahr 2010. Nicht nur darin erinnert er an das Kultbuch der westdeutschen Alternativ-Bewegung „Ökotopia“ von Ernest Callenbach aus den achtziger Jahren.
Die Handlung der Erzählung spielt in dem (fiktiven) Dorf Grutzkow in der realen Uckermark, dem nordöstlichsten Winkel Deutschlands, direkt an der Grenze zu Polen. Das Dorf ist äußerlich wie innerlich am Verfallen und schon so geschrumpft, dass die Bahnverbindung eingestellt, Polizei und Feuerwehr abgezogen wurden; der Staat hat sich von dort zurückgezogen und hinterließ eine teils fröhliche, teils schauerliche Anarchie. Ein paar Großstadtflüchtlinge und ein ehemaliger Pfarrer bemühen sich um neues Leben. Aber eine Aufbruchsenergie entsteht erst, als die ferne Kreisverwaltung einen ‚Leersiedlungsbeschluss‘ fasst und durchziehen will. Die verbliebenen Dorfbewohner, eine Ansammlung origineller und irgendwie liebenswerter Menschen, finden sich zusammen, lehnen sich auf und entwickeln eine Fülle kreativer und produktiver Ideen und Projekte für ihr ökonomisches, kulturelles, ja, humanes Überleben. „Aufbruch im Abbruch“ entsteht.
Der Autor Gensichen entgeht dabei der Gefahr einer sozial-romantischen Verklärung von Armut und Brache. Es passieren schreckliche Dinge in diesem abgelegenen Dorf, so dass der Zukunftsroman streckenweise zum Krimi wird. Zugleich erzählt er von zerbrechenden wie neu entstehenden Liebesbeziehungen, von Neonazis wie von Aussteiger-Kultur, und er bettet all das ein in ein poetisches Gemälde einer unendlich weiten Landschaft und ihrer Wolkenbilder. Diese phantasievolle Erzählung kann man an dem eingefügten theoretischen Artikel „Chancen des Schrumpfens“ vorbei lesen, wie man auch diesen faktenreichen, klugen Essay unabhängig vom Roman lesen könnte. Aber beide gehören natürlich zusammen: der Artikel des Ex-Pfarrers Ulrich Wend im Roman stellt das dörfliche Geschehen in den gesellschaftlichen Zusammenhang und reflektiert seine utopische Relevanz; die Erzählung macht die Theorie anschaulich und lebensnah.

Schrumpfpredigt vom Ex-Pfarrer inklusive

Die statistisch belegten, erschreckend vielfachen Schrumpfungsprozesse gipfeln im ersten Abschnitt von Wends Text in den Sätzen: „Wir sind unwiederbringlich im Schrumpfen gefangen. Und es ist unser Schrumpfen – von uns gemacht, ohne doch von uns gewollt zu sein. [...] Wir sind die Produzenten der Patsche, in der wir sitzen und die wir beweinen. Und obwohl das unsere Schrumpfung ist, kommt sie doch ungewollt und ungeplant – wie von außen – über uns.“
Das zweite Kapitel des Essays entlarvt „die Wachstumslüge“. Diese steckt schon in der Wortwahl: Wenn man die exponentielle, das heißt immer steiler ins Unendliche strebende Kurve einer quantitativen Zunahme ‚Wachstum‘ nennt, suggeriert man einen organischen Vorgang. In der Natur aber gibt es kein permanentes Wachstum.“ Dass auf der endlichen Erde unendliches materielles Wachstum möglich sei, wurde 1972 durch die Studie des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ wenn nicht als Lüge, so doch als fataler Aberglaube aufgedeckt. Die dringende Aufforderung dieser Studie, die Anstiegskurven für Bevölkerung, Ressourcenverbrauch, Produktion und Verschmutzung zu einem Nullwachstum abzuflachen, ja tendenziell zu senken, wurde nach kurzer weltweiter Diskussion rasch wieder verdrängt. Zu massiv rüttelten die Einsichten dieses Buchs am pseudoreligiösen Wachstumsglauben.
Wirklich neu und aufregend-anregend werden die Gedankengänge des Essays in seinem dritten Kapitel, wo es um „Neue Koalitionen“ geht, um wechselseitige Verstärkung zwischen den Gruppen der „A-Klasse“: den Alten, den Armen, den Arbeitslosen, den Aussteigern, den Ausländern und Aussiedlern, den Auszubildenden und Alkoholikern. Alte Menschen sind heute schon „Vorreiter der Nachhaltigkeit“ (Zitat). Das illustriert Gensichen mit so vielen beeindruckenden Beispielen, dass es hier nicht referiert werden kann.
Für Leserinnen und Leser der Zeitschrift KursKontakte dürfte besonders die mögliche Koalition zwischen wohlhabenden Umweltschützern und den Armen interessant sein. Zwischen diesen gibt es allerdings außer der materiellen Differenz einen anderen bedeutsamen Unterschied: das Leben der Armen ist zwar faktisch umweltfreundlich, aber erzwungenermaßen; ein nachhaltiger, gar „suffizienter“ Lebensstil von wohlhabenden Intellektuellen ist dagegen freiwillig, motiviert aus moralischer Einsicht. Eine entscheidende Frage für zukünftige Entwicklungen: Könnten beide Gruppen voneinander lernen – auf gleicher Augenhöhe?
In dem Abschnitt „Neues Leben am Rande“ wird es sehr konkret und vielfältig. Die vielleicht bemerkenswertesten Sätze: „Sowohl das Schrumpfen wie auch das Sicheinrichten in der Schrumpfungswelt [...] kommen im Osten wie im Westen vor [...] Das besondere des Schrumpfens und der Peripherisierung im Osten ist nicht, dass dort einmal die DDR war, sondern dass die gesamtdeutsche Zukunft im Osten weiter ist, dass man sie dort früher und drastischer erleben [...] kann.“

Das nächste Kultbuch nach „Ökotopia“?

Im längsten und letzten Kapitel hat Gensichen durch seinen Kollegen im Roman eine „Ordnung des Schrumpfens“ skizziert, eine Sammlung politischer Maßnahmen und radikaler Reformen, die den an der Basis beginnenden Umbruch- und Aufbruch-Prozess begleiten und unterstützen sollten. Da geht es unter anderem um eine grundlegend andere Arbeitsmarktgestaltung, um die Einführung eines Grundeinkommens oder „Bürgergeldes“ anstelle aller bisherigen Sozialleistungen, um eine Maschinen- statt Lohn-steuer und weitere wachstumsunabhängige Steuereinnahmen, um ein Verbot jeglicher Staatsschulden, um ein notwendiges Umsteuern im Umweltschutz, in der Infrastrukturpolitik, im Bildungswesen wie im Wohnungsbau. Das meiste sind Konzepte, die in den letzten Jahren die alternative gesellschaftspolitische Diskussion neu belebten, von Gensichen konsequent in den Dienst einer bewusst gestalteten Schrumpfung gestellt. In der Kürze eines Essays bleibt es verständlicherweise bei Ansätzen, die von kompetenten Fachleuten genauer geprüft und ausgearbeitet werden müssten. Dazu einen massiven Anstoß zu geben, ist sicher der größte Wunsch von Hans-Peter Gensichen. Dass er außerdem und für fast alle Bildungsschichten ein unerwartetes Lesevergnügen bereitet hat, möchte ich ihm jetzt schon bestätigen und ihm dafür danken. Möge es ein neues „Kultbuch“ werden! ´


Bezugsquellen

Zukunftsroman Uckermark, von Hans-Peter Gensichen
ICHVerlAG, Wittenberg 2005, keine ISBN, 17,50 Euro
Buchbestellungen nur auf den folgenden Websites:
www.zukunft-uckermark.de
www.schrumpfen-in-deutschland.de
oder direkt bei:
H.-P. Gensichen, Jüdenstraße 31, 06886 Wittenberg
Ein weiteres Buch des Autors: „tun-lassen“ über ökologische Alltagsethik, www.tun-lassen.de



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Breidenstein, Gerhard

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