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Editorial
erschienen in Ausgabe 144
Liebe Leserinnen,liebe Leser,

das Wissenschaftsforum des Club of Budapest beschäftigte sich jüngst mit dem erwachenden „globalen Bewusstsein“. Glücklicherweise kaschierte die Brillanz der Vorträge kaum die menschliche Normalität der Vortragenden. So lenkte mich wenig von zunehmender Selbstkritik ab: Global Consciousness! – Wie das, wo wir unserer selbst kaum bewusst sind? Wer von uns weiß, woher er kommt, wohin er zielt? Wer hat ein gesundes Familienbewusstsein, ein Bewusstsein für seinen Clan? Region, Volk, Prägung durch gemeinsame Sprache – wie bewusst ist uns das alles? Wie steht es um das Kontinentalbewusstsein?
Der Glanz, mit dem ein „Globalbewusstsein“ den Kulturkreativen lockt, bleibt -Glitter, solange die Universalität der Lebensressourcen nur ein Konzept ist, kein fleisch-durchdringendes Fundament von Fühlen und Handeln. Ist uns bewusst, dass der halbe Liter Luft, die wir soeben ausatmen, beim nächsten Atemzug von dem Menschen, mit dem wir gerade im Gespräch sind, mit dem wir einen Tisch -teilen, ein Büro, ein Trambahnabteil, eine Stadt, ein Land, einen Planeten … eingeatmet wird? Und -umgekehrt?
Ist es wahr, dass die Lebenskraft unseren Atem als Fahrzeug benutzt, dann informiert jeder meiner Atemzüge die Welt über mich in einer Geheimnislosig-keit und Intimität, gegen die -körperliche Nacktheit dicke Panzerung ist. Ist uns bewusst, dass wir dieses ungeschützte Offenbar-sein, diese von innen nach außen geat-me-te Denk-, Fühl-, Blut-, Saft- und Fleisch-nacktheit mit allen Wesen teilen? Mit allem, was stoffwechselt? Mit allem, was als sichtbares Leben aus der unvorstellbaren Potenzialität dieses Planeten in die Materialität hineingefallen ist?
Und ist nicht Gaia selbst auch nur ein -Körnchen im Kosmos? Was ist mit dem von mir informierten Molekül aus meinem Atem, das über den Saum von Gaias Luftkleid hinaussteigt und im Sonnenwind davonsegelt, zu anderen Welten, zu anderen Wesen, mit denen wir den Kosmos teilen? Sitzt nicht der ganze Kosmos an meinem Tisch? Ist es nicht eigentlich der Kosmos, den wir ein- und ausatmen, der uns informiert und den wir wieder informieren? Sind wir uns -dessen bewusst? Welche Information speisen wir gerade jetzt, in diesem Atemzug, in das kosmische Feld? Stärkt sie die Chancen, in diesem Planeten beheimatet zu bleiben, wenn Gaia – wie James Lovelock gerade diagnostiziert hat – demnächst zu fiebern beginnt, um die Verhältnisse neu zu ordnen?
Soll das „globale Bewusstsein“ nicht nur ein Trick sein, mit dem uns unsere Eitelkeit blendet, dann stehen wir vor der Aufgabe, das ganze Bewusstseinsfeld, das diesen Kosmos bildet, von lebensfeindlicher Informa-tion zu reinigen. Das beginnt bei mir und dir, mit meinem Bewusstsein von mir selbst, bei deiner Selbsterkenntnis. Du bist nicht nur Deutschland. Du bist die Welt. Wie wahr.

Herzlich, Ihr
Johannes Heimrath



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Heimrath, Johannes

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