Lara Mallien und Christine Wawra stellen die Geschichtenerzählerin Katharina Ritter und den Filmemacher Claus Strigel vor.
Es war einmal ein Hase. Sein Name war H. Hase H sieht vielleicht ganz niedlich aus, aber glaubt ja nicht, dass er auch niedlich ist, denn Hase H hasst Ostern!“ Ja, er kann nämlich die stressige Osterzeit nicht leiden, weil dann keiner Zeit für ihn hat. Alle schubsen ihn nur herum und schicken ihn los, um Farben zu besorgen. Aber auf der Suche nach der Farbe Rot trifft Hase H die geheimnisvolle Frau M, und dann beginnt eine wunderbare Geschichte …
Katharina Ritter ist Geschichtenerzählerin. „Hase H und das Geheimnis am Ende der Straße“ ist ihr erstes Hör-Bilder-Buch, eine Mischung aus Hörbuch und Bilderbuch, das gerade im Horncastle-Verlag erschienen ist. Sie ist mit ihren Geschichten überall unterwegs, mal auf einer Geburtstagsfeier, mal im Museum, am Strand von Mallorca oder Usedom, im Auftrag des Goethe-Instituts in New York oder auf einem Festival in Malaysia.
Claus Strigel, ihr Partner, erzählt auch Geschichten. Nur dass er dafür wesentlich mehr Technik, Zeit und Geld braucht – ein ganzes Filmstudio. Seine vielen preisgekrönten Dokumentarfilme und experimentellen Spielfilme sind meist abenteuerliche Projekte. Im letzten Jahr hat er an einer Serie für Pro7 gearbeitet, die aber zu stark aus dem Rahmen fiel und erstmal auf Eis liegt. So liest sich seine Ankündigung: „Stellen wir uns vor, wir wären längst Studienobjekt einer fremden, staunenden Spezies, unser Universum läge auf dem Objektträger eines Mikroskops in einem Paralleluniversum. Die Sonde der unbekannten Beobachter geht der Frage nach, was diese Zivilisation der Zweibeiner im Innersten zusammenhält. Wie würden diese Expeditionsberichte aussehen, zu welchen Thesen, Missverständnissen und Erklärungen würden sie kommen?“
Filmischer Widerstand
Die Polarität in der Arbeit der beiden ungleichen Geschichtenerzähler hat sich erst im Lauf des gemeinsamen Wegs entwickelt. Angefangen hat es mit der Zusammenarbeit in Filmprojekten. Claus Strigel betreibt gemeinsam mit Bertram Verhaag seit Ende der 70er-Jahre die Münchener Filmproduktionsgesellschaft Denkmal, in der gesellschaftskritische Filme verschiedenster Couleur entstehen. Seit 1987 gehörte auch Katharina Ritter zum Denkmal-Team.
„Ich wollte eigentlich nur einen Job, um mich zu ernähren und parallel meine Pantomime-Kurse zu besuchen, aber dann bin ich zehn Jahre bei Denkmal geblieben. Wir haben so spannende Filme gemacht, da gab es immer neue Themen, in die ich mich vertiefen konnte. Und nach kürzester Zeit fand ich auch den Claus sehr spannend …“ Im Jahr 1987 stand gerade der große Denkmal-Film „Spaltprozesse“ kurz vor der Fertigstellung, eine Dokumentation über den Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Der Film zeigt ungeschönt den harten Kampf, der damals geführt wurde, aber vor allem macht er Mut, indem er fühlbar werden lässt, wie sich Menschen verändern, wenn sie sich an einem Thema entzünden, und welch revolutionäre Kraft sie dann entwickeln. Diese Kraft war es auch, die Claus Strigel dazu gebracht hat, das Filmemachen ganz in den Mittelpunkt seines Leben zu stellen. Das Medium selbst hat ihn schon von Kindheit an fasziniert.
„Ich war etwa elf Jahre alt, da hatte ein Cousin von mir eine Filmkamera, und das fand ich aus der Ferne spannend. Ich hab sie mir übers Wochenende ausgeliehen und sofort mit einem armen Freund, der den Darsteller abgeben musste, eine Gespenstergschichte gedreht. Seitdem hab ich meine Eltern gequält, bis sie mir schließlich wenigstens eine Super-8-Kamera ohne Ton gekauft haben. Die Bänder dafür waren sehr teuer, und so wurde jeder Filmschnipsel verwertet, um von meiner Welt und der Sicht der Dinge zu erzählen. Als Jugendlicher war Film für mich das Medium, durch das ich von meinem Innersten erzählen konnte. Andere schrieben Gitarrensongs oder Gedichte, und ich drehte eben Filme und führte sie vor sie, das war meine Art der Kommunikation. Letztlich komme ich heute noch so zu meinen Themen – ich finde ein Thema wichtig oder bin fasziniert von einer Geschichte und meine, dass auch andere davon erfahren sollten.“
Zunächst sollte der Film ein Hobby bleiben. Eine normale Filmkarriere in der thematisch flachen Fernsehlandschaft fand Claus Strigel nicht reizvoll. Aber auch sein Studienfach Kommunikationswissenschaften reizte ihn bald nicht mehr sonderlich, und nach zwei Jahren hatten auch die Nebenfächer Psychologie, Pädagogik und Philosophie ihre Faszination verloren. Um diese Zeit, im Jahr 1976, nahm er an einer Studentenversammlung der Uni München teil. „Ich war ganz naiv hingegangen, dachte, man müsse sich auch mal politisch engagieren. Erst als die Versammlung der ca. 500 Studenten von 700 Polizisten umstellt war, habe ich erfahren, dass sie nicht genehmigt war. Alle Studenten wurden einzeln in die Kellerräume der Uni abgeführt, teilweise mit Gewalt, und erkennungsdienstlich behandelt. Das war für mich ein Schock. Ich habe nicht geahnt, dass man so aus der Welt fallen kann, dass man plötzlich mit Polizeigewalt in einen Keller geschleppt und ausgelacht wird, wenn man von einem Rechtsanwalt spricht. Dort, im Keller unter der Oberfläche, war die Demokratie offensichtlich ausgeschaltet. Noch in derselben Nacht habe ich beschlossen, über den Vorfall einen Film zu machen. Er hatte den Titel ‚Angriff auf unsere Demokratie‘, das war ein Zitat von einer Ausstellung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung über die linksradikale Bewegung jener Zeit.“
Der Film war ein großer Erfolg, er lief über 15 Jahre zu jedem Semesterbeginn an den Unis vieler deutscher Städte. So kam es, dass Claus Strigel sein Studium an den Nagel hängte, gemeinsam mit zwei Freunden aus der Filmhochschule einen Schneidetisch kaufte und die Denkmal Filmproduktion gründete. Das war keine gewöhnliche Firma. Man arbeitete zu dritt als Kollektiv ohne eine festgelegte Rollenaufteilung, zeichnete gemeinsam als Autoren und trug gemeinsam die finanzielle Verantwortung. Ein Grundsatz von Denkmal war und ist, ausschließlich Projekte zu realisieren, die den Filmern ein persönliches Anliegen sind. Von den ersten Einnahmen kauften sich die Denkmal-Pioniere schrittweise die Ausrüstung für sendefertige Produktionen. „Man muss alle Produktionsmittel selbst besitzen und beherrschen. Sonst hätten politisch unbequeme Filme wie beispielsweise ‚Spaltprozesse‘ nie entstehen können. Diese Autonomie ist für uns heute noch absolut entscheidend“, meint Claus Strigel.
Unabhängige Wege gehen
Als Katharina Ritter 1987 mit ins Boot kam, entstand eine neue Dynamik im Denkmal-Team. Sie übernahm zunehmend die Rolle der Produktionsleitung, die es vorher bei Denkmal so nicht gegeben hatte – das heißt das gesamte organisatorische und finanzielle Management eines Filmprojekts. Sie behielt die Übersicht und übernahm die Verantwortung dafür, dass alle Fäden am Schluss zusammenliefen. „Die Zusammenarbeit hat einfach geflutscht“, erinnern sich beide.
Aber für Katharina war diese Phase nur eine Zwischenstation. „Ich war gern eine gute Teamarbeiterin, aber ich wurde das Gefühl nicht los: Es ist immer noch nicht meins. Die anderen stehen vorne und bekommen die Preise. Zwar hatte sich mein Kindertraum erfüllt, dass mein Name einmal in einem Film-Abspann auftauchte, aber letztlich erledigte ich nur Zuarbeit, es waren die anderen, die die Geschichten erzählt haben.“
Irgendwann wusste sie, dass sie ihre bisherige Arbeit aufgeben und etwas ganz Neues finden musste. Sie besuchte Theaterworkshops, Kurse in Stimmbildung und überlegte, sich an Schauspielschulen zu bewerben. „Im entscheidenden Moment, der mir den Impuls in die neue Richtung gab, saß ich in der Küche mit einem Freund, der zu mir sagte: ‚Ach Katharina, es gibt so viele arbeitslose Schauspieler in diesem Land, aber einige werden immer überleben, nämlich die, die sich auf eine Obstkiste stellen, eine Geschichte erzählen und dafür nicht abzuspülen brauchen.‘ Da sagte ich mir: ‚Jawohl, ich werde Geschichtenerzählerin.‘ Es gibt keinen konventionellen Weg zu diesem Beruf, alle meine Kolleginnen und Kollegen im Land mussten sich selbst erfinden. Bei mir war es die Obstkiste und die Option, nicht abspülen zu müssen.“
Für Claus war Katharinas Ausstieg aus dem Denkmal-Team nicht einfach. Auch nach fast zehn Jahren ist die Lücke, die sie hinterlassen hat, für ihn noch spürbar.
„Am Anfang unserer Beziehung hätten war gar nicht gedacht, dass es möglich sein könnte, zusammen zu leben und zu arbeiten, das entsprach nicht unserer Ideal-vorstellung. Aber unsere 24-Stunden-Beziehung in der Denkmal-Zeit hat bestens funktioniert“, erinnert sich Katharina. „Als ich wusste, dass ich Denkmal verlassen musste, hatte ich große Angst um unsere Beziehung. Claus hat mir aber nie einen Vorwurf gemacht. Seine Haltung war damals: ‚Als dein Chef sage ich: Du kannst hier unmöglich gehen!‘ Und als dein Lebenspartner sage ich: ‚Mach es, tu es unbedingt, ich unterstütze dich!‘ So habe ich den Schritt gewagt. Die Beziehung ist weitergegangen, und wir haben uns nach wie vor viel zu sagen, wir sind gegenseitig unsere wichtigsten Kritiker.“
Vor ein paar Monaten haben sie wieder einmal zusammengearbeitet, nämlich an der CD für das Hörbuch „Der Hase H“. Jetzt war Katharina die Künstlerin und Claus der Produzent.
Dichte Kommunikation
Wenn Katharina Geschichten erzählt, verwandelt sie ihre Wirklichkeit. Eine ihrer wichtigsten Inspirationsquellen ist das alte Haus in der Theresienstraße, in der sie in München wohnt. Ein Haus, mit ganz normalen Menschen – oder nicht? Wer hat vor dem Fenster der leeren Wohnung eine Satellitenschüssel aufgestellt und die Aufzugtüren bunt gestrichen? Klar, das sind Aliens, die hier heimlich landen und die farbigen Türen als Wegweiser brauchen. Wer trampelt so laut in der Wohnung über ihr? Der neue Nachbar muss ein Nilpferd sein …
„Irgendwann habe ich auch damit angefangen, über mich oder meine Wurzeln zu erzählen. Ich bin in einer Handwerkerfamilie in Vorarlberg mit vielen Geschwistern aufgewachsen. Wir haben uns nachts im Bett Geschichten erzählt, und vor allem die Großmutter hat uns von der alten Zeit erzählt. Ihr Bruder war einer der letzten ‚Schwabenkinder‘, die vom 17. bis 20. Jahrhundert zu Fuß aus den Alpentälern nach Deutschland gewandert sind, um sich im Schwabenland bei den Bauern als Arbeiter zu verdingen. Vielleicht wird aus der Geschichte über sie und ihren Bruder einmal ein Roman. Die Suche nach den eigenen Wurzeln ist ungeheuer spannend. Ich glaube nicht, das man Geschichten erfinden kann, die gar nichts mit einem selbst zu tun haben. Zumindest haben sie mit den Träumen zu tun, die man selber nicht lebt. In den Geschichten, die ich für Kinder erzähle, über Piraten, Haie, Drachen und Monster, bin ich immer eine Abenteuerin.“
Auch die Themen von Claus Strigel haben mit -seiner Biografie zu tun. Auffällig ist das wiederkehrende Thema „Schule“ in der Denkmal-Filmografie z.B. „Der Schüler Tilmann – Rekonstruktion einer erfolgreichen Verweigerung“, „Leerjahre – die Deutschen und die Schule“, die Verfilmung der Abenteuergeschichte über die Summerhill-Schüler „Die Grüne Wolke“ oder „Planet Hasenbergl“, eine Dokumentation über eine ungewöhnliche Lehrerin in der Münchener Bronx.
„Ich hatte eine unglaublich glückliche, geborgene Kindheit, bis ich exakt sechs Jahre alt war und in die Schule kam“, erzählt Claus Strigel. „Mit einem Schlag hatte der Ernst des Lebens angefangen. Wir hatten eine Alkoholikerin als Grundschullehrerin, die weniger gutsituierten Kinder wurden auch geschlagen. Diese Lehrerin hat über mich gesagt: ‚Das Kind ist nicht für eine höhere Schule begabt‘, und so musste ich auf der Hauptschule bleiben. Diese Hauptshule war eine richtige ‚Schlägerschule‘, schon der Schulweg war die Hölle. Der einzige Ausweg erschien mir, entgegen aller Ratschläge ins Gymnasium zu wechseln. Dort hat es noch drei Jahre gedauert, bis ich wieder Vertrauen fassen konnte. Ich weiß noch, wie ich in der Schule vor wohlwollenden Lehrern saß und nicht glauben konnte, dass sie tatsächlich nichts gegen mich hatten.“
Sein Schulfilme versteht Claus aber nicht als Eigentherapie zur Verabeitung eines Traumas. „Die Frage ist eher‚ wo schwinge ich an? Bei welchen Themen weiß ich, worum es geht und erkenne, dass sie wichtig sind?“ Denkmal-Filme haben keinen Zeigefinger, sie wirken durch die Authentizität der Auseinandersetzung des Filmemachers mit seinem Thema. Möchte er denn mit seinen Filmen die Welt verändern?
„Wir haben bei Denkmal immer gesagt: Jeder Film manipuliert. Aber das muss nicht im negativen Sinn wirken, man muss nur als Filmemacher von vornherein klarstellen, dass man trotz der Perspektive als Erzähler und Dokumentator einen Standpunkt einnimmt. Wenn der Zuschauer das weiß, kann er souverän entscheiden, ob er diesen Standpunkt teilen möchte, oder nicht. Freilich ist jeder Schnitt und jede Musik, die ich zu einem Film wähle, hoch tendenziell und hat eine Aussage. Meine Aussage, das geht nicht anders.“
Kann auch das Geschichtenerzählen die Welt verändern? Ja, es ist eine der ältesten Kunstformen der Welt und zugleich Avantgarde, meint Katharina Ritter, weil es eine neue Kultur der Kommunikation in die Welt bringt. „Auf der einen Seite stehe ich mit meiner -Geschichte, mit meiner Wahrhaftigkeit, und mir gegenüber steht der Zuschauer, der mit mir auf eine Reise geht. Das, was zwischen uns schwingt, das Feinstoffliche, das beim Geschichtenerzählen so deutlich im Raum schwebt, weil man aktiv seine Gedanken und Bilder in ein gemeinsames Feld hineingibt, fällt in unserer normalen Kommunikation allzu leicht unter den Tisch.“
Diesen direkten Austausch gibt es beim Medium Film nicht. „Ich muss sämtliche Zuschauer in mir haben,“ sagt Claus Strigel. „Wenn ich am Feinschliff eines Films arbeite, muss ich mich mit den Augen der gesamten Zuschauerschaft sehen, denn den fertigen Film kann ich ja nicht mehr korrigieren. Jedes Publikum sieht den gleichen Film auf eine andere Art, mir kommt es immer so vor, als als gäbe es einen geheimnisvollen Konsens im dunklen Kinosaal, ein Feld, das sich jedesmal anders ausprägt. Vor dem einen Publikum kann ich einen Film von mir sehr schwach finden, und bei einer anderen Vorführung ganz großartig. Auch bei diesem Phänomen haben wir es mit den feinstofflichen Aspekten von Kommunikation zu tun.“
Was eine gute Geschichte und was einen guten Film ausmacht, ist immer ein Geheimnis und wohl auch ein wenig Magie. Für Claus Strigel und Katharina Ritter bleibt das Erforschen des Geheimnisses und das Spiel mit seiner Magie nicht nur ein künstlerisches, sondern ein gemeinsames Lebensexperiment. ´
Weitere Informationen zu Claus Strigel und Katharina Ritter: www.denkmal-film.de, www.geschichtenerzaehlerin.de
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