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| Holismus als Bewegung? |
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Eine Übung in Selbstreflexion.
Die holistische Sicht auf das Leben und die Welt wird zusehends zu einer bestimmenden kulturellen Kraft. Doch kann man deshalb bereits von einer gesellschaftlichen, zunehmend auch politisch wirksamen Bewegung sprechen? Der englische Politikwissen-schaftler William Bloom ist durchaus dieser Meinung und schlägt als Sammel-begriff für die vielen, in Richtung Ganzheit tendierenden Strömungen das Wort „Holismus“ vor. Er warnt vor der Gefahr des Fundamentalismus, die jeder Bewegung innewohnt, und sieht Chancen für den Holismus, sich eben dieser Gefahr rechtzeitig bewusst zu werden.
Kann man Teil einer gesunden und stimmigen spirituellen Bewegung sein und dabei die schlimmen Folgen religiöser und ideologischer Ausschließlichkeit vermeiden?
Diese essenzielle Frage stellte sich mir kürzlich bei einer Konferenz, nachdem ich über Holismus als zunehmend Bedeutung gewinnende zeitgenössische Form der Spiritualität gesprochen hatte. Am gleichen Tag nämlich wandte sich der Herausgeber der englischen Zeitschrift „Resurgence“, Satish Kumar, vom selben Pult aus leidenschaftlich gegen sämtliche „Ismen“:
„Genug der Ismen!“ war sein Plädoyer.
Ich gab ihm selbstverständlich recht. Zugleich schoss es mir durch den Kopf, dass ich soeben erst einen „Ismus“ angepiesen hatte – Holismus.
Gefahren erkennen
Kann die Quadratur des Kreises gelingen, eine Bewegung zu entwickeln, die klar zu ihren Werten steht und dennoch Abgrenzung und Sektierertum vermeidet? Diese Fragestellung ist für den Holismus von besonderer Bedeutung, da es ihm ja schon von seiner Definition her um Wechselbeziehungen geht. Würde eine holistische Bewegung für Polarisierung und Konflikte sorgen und verantwortlich sein, verdiente sie nicht diesen Namen.
Dieser Punkt verdient ganz besondere Beachtung, denn der holistische Ansatz – unter welchem Namen er im jeweiligen Kontext auch immer auftritt – wird zunehmend zu einer bestimmenden kulturellen Kraft. Es gibt substanzielle und wissenschaftlich fundierte Hinweise dafür, dass der Großteil der Bevölkerung der westlichen, demokratischen Industrienationen allmählich eine holistische Weltsicht annimmt. Die Menschen wenden sich in Massen von traditionellen Glaubenssystemen ab und entwickeln eine weitere, umfassendere Einstellung zu den bedeutenden Fragen des Lebens. Mitten in dem fürchterlichen Materialismus der Globalisierung gibt es da diese andere kulturelle Dynamik des „globalen Dorfs“. Diese Menschen lassen ihre konfessionellen Beschränkungen und auf Abgrenzung bedachten Glaubenssysteme hinter sich. Sie entwickeln eine neue Perspektive, in der es vielerlei Zugänge zu Spiritualität und zur Bedeutung des Lebens gibt und in der alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist. Diese Haltung schlägt sich bereits in staatlichen Lehrplänen, in der komplementären Gesundheitsversorgung und nicht zuletzt auch in den Massenmedien nieder. In Norwegen wurde dem Holismus sogar bereits der Status einer offiziellen Glaubensrichtung bzw. einer offiziellen Weltanschauung zuerkannt. Solche Nachrichten sind wichtig für uns, denn in der Regel erfährt man nur von den negativen Ereignissen im Weltgeschehen. Der substanzielle kulturelle Wandel und das ungeheure Potenzial an Verbündeten, das hier zu finden ist, entgeht den meisten.
Diese heterogene Bewegung existiert aber tatsächlich. Sie ist vermutlich deshalb relativ unbemerkt geblieben, weil ihr eine einheitliche Stimme fehlt. Genau das aber würde sie verdienen, und vielleicht ist es deshalb keine schlechte Idee, die Bewegung „Holismus“ zu nennen. Holismus beschreibt eine Haltung, in der wir uns mit offenem Herzen und wachem Geist der Bedeutung und dem Sinn des Lebens zuwenden und anerkennen, dass alles Leben heilig und miteinander verbunden ist, dass alles im Wachstum begriffen ist, hin zur Entfaltung seines vollen Potenzials. Holismus ist ein gutes Wort und ein großartiges Konzept für die moderne Welt. Ursprünglich im Jahr 1926 von dem Staatsmann und Naturkundler Jan Smuts geprägt, wird der Begriff heute bereits viel in Zusammenhängen verwendet, wenn es um die Entwicklung einer humaneren und stimmigeren Medizin, Bildung und Politik geht. Holismus umfasst unsere tiefsten spirituellen Impulse: ein erfülltes und vollständiges menschliches Wesen zu werden, in gesunden und harmonischen Gemeinschaften zu leben – lokal wie global, alle Dimensionen des Lebens zu integrieren und zu pflegen und sich mit dem Sinn und dem Mysterium der ganzen Existenz verbunden zu fühlen.
Ich glaube, dass die Kräfte Gaias und des Kosmos tiefer und stärker sind und letztlich einen längeren Atem haben als die Kräfte des Materialismus und der Globalisierung. Wir sollten mutig anerkennen, dass die Menschheit aus Gaia und dem Kosmos hervorgeht und sich das tief in unseren Zellen und unserer Seele eingewurzelte Bedürfnis nach Gemeinschaft und gegenseitiger Fürsorge manifestieren wird, ungeachtet aller sozialen, ökonomischen und politischen Schwierigkeiten.
Wenn es also tatsächlich eine neue und -kohärente kulturell-spirituelle Bewegung gibt, sollten wir uns umgehend ihren Schattenseiten zuwenden: dem Problem des Aus- bzw. Eingrenzens. Wir haben es hier mit einer elementar menschlichen psychologischen Herausforderung zu tun. Aus der Geschichte kennen wir genug Beispiele, dass selbst Lehren, die von ihrem Ansatz her im besten Sinn integrierend und lebensfördernd wirken wollten, von der Machtpolitik und von persönlichen Ambitionen vereinnahmt wurden.
Den Mut nicht verlieren
Vielleicht liegt die Lösung für den Holismus auf der Hand: Holisten sind dazu aufgefordert, sich in Wort und Tat holistisch zu verhalten. Haltung und Handlung müssen mit den Konzepten übereinstimmen. Das heißt z.B., Menschen anzunehmen und einzubeziehen, mit denen wir nicht einer Meinung sind. Wir dürfen klare Grenzen setzen und uns gegen missbräuchliches Verhalten engagieren, aber wir müssen gleichzeitig jeden und jede Idee in der Gemeinschaft des Holismus willkommen heißen. Ist das nicht die Essenz des Holismus – dass nichts und niemand ausgeschlossen wird? Holisten sollten sich vollständig jener psychologischen Dynamiken bewusst sein, die uns Menschen bestenfalls in Engstirnigkeit und schlimmstenfalls zum Fundamentalismus treiben. Einer der spannendsten Aspekte des Holismus ist nicht nur, dass er Umweltschutz, Feminismus, Politik, Wissenschaft und Spiritualität integriert, sondern auch die Schlüsseleinsichten der zeitgenössischen Psychologie und der Forschungen zur Herzensbildung anerkennt. Selbst wenn der Holismus nicht mehr wäre als das erste Glaubenskonzept, das sich der Schattenseiten spiritueller Bewegungen bewusst ist, wäre schon viel gewonnen.
Während meines Studiums der Politikwissenschaften war eine der wichtigsten Einsichten im ersten Semester der Leitsatz „Du sitzt, wo du stehst“. In anderen Worten: Die grundlegenden psychologischen und sonstigen Neigungen eines Menschen bestimmen seine politische Einstellung. In außenpolitischen Angelegenheiten kennt man das Bild der Falken und der Tauben: Optimisten werden meist Tauben und Pessimisten zu Falken.
Eine ähnliche Polarität gibt es auch in den grünen und holistischen Bewegungen, wo es genauso Optimisten und Schwarzseher gibt. Für die Pessimisten stellt sich jeder weitere „Ismus“ natürlich als echtes Problem dar. Wer die Welt hingegen grundsätzlich hoffnungsfroh betrachtet, erkennt jede neue Bewegung als eine Möglichkeit in Richtung eines positiven und kreativen Fortschritts.
Im Innersten meines Herzens erwarte ich von ökologisch motivierten Menschen und Holisten eine hoffnungsfrohe Einstellung. Vom Samen zur Blume, von zwei Zellen zum Baby, vom Atem zum Kosmos – alles Leben ist erfüllt vom Streben nach Wachstum und Entfaltung. Die mächtige Dynamik der Geburt, die Entwicklung allen Lebens hin zu irgendeiner Art von Erfüllung, die fortwährende Selbstkatalysierung verschiedener Elemente hin zu harmonischen Formen – das alles ist überbordend kreativ und optimistisch. Dieser Optimismus, dieser Glaube an die ungebrochene Lebenskraft verschließt jedoch keineswegs die Augen vor der harten Grausamkeit und dem Leiden unserer Spezies und den daraus folgenden Wirkungen auf die Gesellschaft und das gesamte Leben auf dem Planeten. Die Konsequenzen einer sich explosionsartig vermehrenden Menschheit und der Industrialisierung wirken unmittelbar und verheerend. Es gibt aber deutliche Hinweise darauf, dass sich die Menschheit dieser Tatsachen bewusst wird und die Bereitschaft entwickelt, den Prozess in Zukunft behutsamer zu steuern. Für die alten Hasen der Ökologiebewegung mag das alles viel zu spät und zu wenig sein. Ich jedenfalls habe mich dazu entschieden, große Hoffnung in die sich ankündigende, substanzielle Volksbewegung zu setzten, die aus Intui-tion und Instinkt heraus holistisch ist.
Diese noch sehr undefinierte Bewegung braucht nun die Ethik einer „holistischen Bürgerschaft“ und eines holistischen Aktivismus. Sie muss sich sammeln und erden, ihren Individualismus, ihren Materialismus und ihre Unnachsichtigkeit mäßigen. Zunächst muss sie sich aber selbst entdecken und erkennen – und dabei die Gefahr riskieren, bloß zu einem weiteren „Ismus“ zu verkommen. Wenn die Holismus-Bewegung ihr offenes Herz und ihren offenen Geist bewahrt, wenn sie sich beständig in Herzensbildung und Selbstbewusstheit übt, dann, glaube ich, kann der Holismus ein wirksames und erfolgreiches Agens der globalen Heilung und Transformation sein. ´
Erstmals erschienen in der Mai/Juni-Ausgabe 2005 des Magazins Resurgence (www.resurgence.org) unter dem Titel „The Ecology of Self-Reflection“. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.Übersetzung aus dem Englischen von Jochen Schilk.
William Bloom ist Direktor des neugegründeten Holistic Networks (www.holism.info). Sein Buch „The Holistic Manifesto“ ist im Verlag Hay House erschienen.
Interview mit William Bloom
William Blooms Gedanken bieten viele Ansatzpunkte für Diskussionen, wie wir sie auch im Rahmen der Mediengruppe Kulturell Kreative führen. Per E-Mail hat uns der Autor noch einige Fragen beantwortet:
Wie radikal sehen Sie den Wandel, der von der holistischen Bewegung getragen werden könnte? Ist das lediglich eine reformistische Tendenz, oder zieht dort eine ganz neuartige Kultur am Horizont auf?
Was den Bereich des Religiösen betrifft, leben wir in einer revolutionären Zeit. Mit dem Buchdruck hat das Informationszeitalter begonnen, heute beschleunigt durch Rundfunkmedien und Internet, so dass sich alle Menschen selbständig bilden können. Wo immer sich Demokratie und Moderne ausbreiten, beginnt sich der Würgegriff der religiösen Eliten auf die Spiritualität zu lösen. Eine Studie der Universität von Michigan kommt zum Ergebnis, dass etwa 70 Prozent der Menschen in modernen und demokratischen Regionen ihre traditionellen Glaubenssysteme zugunsten einer umfassenderen Spiritualität aufgegeben haben. Spirituelle Werte wie Unabhängigkeit von Status und Besitz, Liebe und Respekt gegenüber allen Wesen, Freiheit und Gerechtigkeit für alles und jeden werden hier jenseits traditioneller Konfessionen authentisch ausgedrückt. Wir brauchen nur zu erkennen, dass das Universum voller Wunder steckt! Wir fühlen es, und es beeinflusst unser politisches Handeln.
Der holistische Ansatz unterscheidet sich diametral von der Politik des alten Paradigmas. Gibt es überhaupt Möglichkeiten, eine holistische Stimme in die Politik einzubringen?
Es ist wichtig, dass wir anfangen, eine Politik der neuen Spiritualität zu entwickeln – eine Politik, die auf einer sozialen und ökologischen Ethik beruht und die auch in psychologisch-emotionaler Hinsicht gereift ist. Die Quelle dieser Spiritualität ist ein Gespür für die Qualität des Wunderbaren, das unsere Moral oder Ethik tragen kann. Die neue Kultur bedarf deshalb einer umsichtigen Reflexion über all dies und vor allem mehr regionales Engagement der Bürgerschaft. Es gibt in der neuen Spiritualität einen Trend, sich über die Welt zu beklagen und zu meditieren. Ich denke aber, dass es darum geht, sich zu engagieren und zu meditieren!
Alle britischen Medien widmen sich regelmäßig und ausführlich der geistig-körperlichen Gesundheit und der neuen Spiritualität; es gibt eine ganze Reihe von Fernsehsendungen zu diesen Themen. Wir haben es mit einer echten kulturellen Bewegung zu tun, die von einem strukturlosen Netzwerk angetrieben wird. In Großbritannien wollen wir nun effektive Strukturen aufbauen, um die Tendenz zur holistischen Spiritualität in der im Jahr 2011 anstehenden Volkszählung sichtbar werden zu lassen.
Bis dahin konzentrieren wir uns auf den Bereich der Bildung. Wir haben einen „Einführungslehrgang in die zeitgenössische Spiritualität“ konzipiert, den wir probehalber ab diesem Jahr in zwölf Erwachsenenbildungseinrichtungen anbieten. Dazu stehen wir kurz vor Abschluss der konzeptuellen Arbeit an einem universitären Diplom-Seminar in holistischer Spiritualität.
Wie interpretieren Sie die Tatsache, dass die „holistische Bewegung“ so lange Zeit braucht, um sich zu formen?
Vermutlich bedarf es sehr vieler politisch-spirituell engagierter Menschen, um herauszufinden, was all dies bedeutet, und endlich einen Teil der Macht der offiziellen Kirchen und anderer traditioneller Glaubensrichtungen einzufordern. Wir müssen zu einer wahrnehmbaren Stimme in der lokalen und nationalen Politik werden. Christliche Geistliche oder Rabbiner werden oft um ihre Meinung gebeten – warum nicht auch Vertreter des Holismus? Die Menschen dürfen ihre holistische Haltung nicht länger verbergen, sie sollten sie selbstbewusst beispielsweise in lokalen Schul- und Gesundheitsausschüssen einbringen. Menschen mit einer integrativen, geduldigen, ökologischen und spirituellen Haltung können in solchen Körperschaften viel bewirken. ´
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Autoren |
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Bloom, William
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Partner
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