Ein gesellschaftskritisches Kunstprojekt.
Mit öffentlichen künstlerischen Aktionen möchte Dynamik5 Menschen, denen die weltpolitischen und ökologischen Fehlentwicklungen zunehmend Unbehagen -bereiten, ansprechen und sie anfeuern, an einer lebenswerteren Zukunft aktiv und friedlich mitzugestalten. Joachim Pfeffinger stellt hier das Kunstprojekt „Suche den Himmel in dir“ vor, das 2007 in der Schweiz aufgeführt werden soll. Es thematisiert inhaltliche Schwerpunkte der Arbeit von Dynamik5.
Gegenwärtig sehe ich in der Kraft künstlerischer Prozesse, im Wesen der Kunst, Botschaften zu vermitteln, neue Möglichkeiten. Dabei umfasst der Begriff „Kunst“ für mich alle künstlerisch gestaltbaren Lebensbereiche und Medien. Im Kunstschaffen und in der Kunstbetrachtung kann der Mensch zeitweise in einen Zustand gelangen, der ihn aus der mentalen und niederen Natur in seine Mitte bringt; in der Kunst steckt die Kraft der Gegenwart, des Du. Wir werden während des künstlerischen Schaffens ebenso wie beim Genießen von Kunst zum Instrument des göttlichen Geistes, dem wir uns im Vertrauen hingeben. Werden diese Kräfte im übertragenen Sinn dauerhaft im sozialen Feld tätig, entsteht „Lebenskunst“, ein Handeln, das im integralen Bewusstsein, wie es Jean Gebser und Ken Wilber beschreiben, wurzelt. Die Kraft der Hingabe und Selbstüberschreitung findet in der Liebe ihre Vollendung. Das Schillersche Wort „Die Kunst ist die Tochter der Freiheit“ hat eine tiefe Bedeutung, insofern Freiheit geistig verstanden wird. Kunst kann von ihrem Wesen her die Menschen auf einer nonverbalen Ebene „ansprechen“, ganz ohne moralischen Zeigefinger. Alte Botschaften, wie die der Religionen, die heute aus meiner Sicht so aktuell sind wie eh und je, können neu vermittelt werden.
Das Projekt „Suche den Himmel in dir“ ist multimedial: Mit Musik, Bildern, Poesie und gesprochenem Wort sollen zentrale Botschaften zur Entwicklung des Individuums poetisch, ohne moralische Intentionen und mit Humor vermittelt werden. In der einstündigen Performance soll der Zuschauer und Zuhörer in eine künstlerisch-meditative Stimmung versetzt werden. Immer wieder werden Momente der Stille das Geschehen unterbrechen und Zeit zum Nachdenken und Nachfühlen gewähren, und immer wieder soll die Poesie zu Wort kommen, die noch eine weitere Ebene in das Geschehen einbringt.
Die Einleitung soll das gegenwärtige, erschreckende Ausmaß der Zerstörung durch das Handeln der Menschen – auch durch unser Handeln – in Bild, Wort und Livemusik offenlegen, so dass sich die Menschen unmittelbar betroffen fühlen. Dabei soll allerdings immer die Möglichkeit besserer Alternativen durchschimmern. Das Fazit dieser „Ouvertüre“ ist: Wir können und müssen die selbst geschaffenen Verhältnisse ändern, sobald wir sie als lebensfeindlich erkennen.
Der folgende Hauptteil gliedert sich in vier Teile. Im Kern jedes Abschnitts steht ein Dialog, der sich auf Situationen, wie sie im realen Leben vorkommen können, bezieht – übliche Gesprächsthemen verschiedener Personentypen. Eingebettet in Musik und an die Wände projizierte Farben und Bilder, soll der Zuschauer in jedem dieser Teile in die Stimmung einer der vier Jahreszeiten versetzt werden.
Vier Jahreszeiten
Die Frühlingsstimmung (bläulich-hellgrün) mit dem Thema „Erkenne Dich selbst, die speisende Quelle des Brunnens“ schildert die Begegnung zwischen einem „Polterer“ und einem Intellektuellen. Die naive Haltung, man könne nichts ändern, solange „da oben“ noch „die Bösen“ sind, wie sie in der Einleitung zum Ausdruck gekommen ist, wird nun mit der Aussage konfrontiert, dass alles Projizieren nach außen nur ein Ablenkungsmanöver sei: Wer bei sich selbst nachschaut, wird die gleichen Unzulänglichkeiten entdecken, wie sie auch im Großen vorhanden sind. Dabei wird der Zusammenhang zwischen dem eigenen sichtbaren Handeln und der unsichtbaren inneren Gefühls- und Gedankenwelt aufgezeigt. Das genaue Erforschen dieser eigenen Innenwelt wird in dem Bild verdeutlicht, durch trübe, verschmutzte Wasserschichten hindurch die Verbindung zum Grund des Brunnens herstellen zu können: zur speisenden, klaren Quelle.
In der Sommerstimmung (gelblich-rot, orange) mit dem Thema „Empfange das Licht, aus dem Brunnen schöpfen“ treffen der sich ohnmächtig fühlende Alleingelassene und der Optimist aufeinander. Auf die Frage, was einer allein schon ausrichten kann, werden Personen genannt, die als Einzelne viel bewegt haben (Schweitzer, Gandhi, Gorbatschow). Daraufhin wird die Rolle der Politik bei Veränderungen beleuchtet und festgestellt: Alles Handeln – auch Nichthandeln – ist von politischer Tragweite. Es wird die Rolle der Rechtsstaatlichkeit ins Verhältnis zur Freiheit von Menschen gesetzt und festgestellt, dass vollendete Demokratie letztlich auf einer spirituellen Haltung der sie etablierenden Menschen gründen muss. Durch die Verbindung mit dem höheren Selbst, das – repräsentiert durch unsere innere Stimme – identisch ist mit der göttlichen Quelle in uns, kann der Mensch die Notwendigkeit des Strebens nach innerer Freiheit erkennen.
In der Herbststimmung (goldgelb-dunkelrot) mit dem Thema „Schaue um dich, erkenne das Ganze“ begegnen sich ein fortschrittlicher und ein rückständig denkender Wissenschaftler. Nachdem dargelegt wird, dass das Beweisenkönnen nur auf einen kleinen Erkenntnisbereich beschränkt sein kann und die beweisende Instanz (das Denken) sowie grundsätzliche Wesenselemente des Menschen selbst unbeweisbar sind, wird klar: Alles Beweisbare beruht gegenwärtig auf Unbeweisbarem, und die materielle Wirklichkeit ist nur ein kleiner Teil des Ganzen. Sie kann ohne die unmateriellen, unsichtbaren Wirklichkeiten nicht verstanden werden. Dieses Ganze ist wie ein großes Netz, in dem alles mit allem verbunden ist. Unser Sinn für solche Zusammenhänge ist aber erst dann aufgeschlossen, wenn wir den inneren Weg gehen. Dann entsteht der Wunsch, sich einer Gruppierung anzuschließen, um aus Liebe und in Verantwortung für dieses Ganze neue, tragfähige Gesellschaftsstrukturen zu erarbeiten. Eines Tages können diese Gruppierungen zu einer großen Kraft verschmelzen.
Die Winterstimmung (violett-blau) mit dem Thema „Gut-Böse-Besonnenheit“ lässt einen Psychiater und einen Weltverschwörungstheoretiker zusammentreffen. Dass negative Kräfte in der Welt schlimme Verhältnisse schaffen, führt zur Frage nach dem Bösen, das sich einerseits in Gier und schlechter Absicht, aber andererseits genauso auch in fahrlässigem, blauäugigem Handeln äußern kann. Einseitiges, kaltes Denken und naive Gefühlsduselei – beides kann sich zum Schaden für die Welt auswirken. Dabei wird offensichtlich, dass das Böse auch positive Entwicklung fördern kann, indem betroffene Menschen besonnen auf schlechte Taten reagieren und so dem Verursacher keinen Anlass geben, weiterhin sich selbst und andere zu schädigen. Das Böse fordert den Widerstand heraus, es erfüllt ganz offensichtlich einen Sinn innerhalb der Bewusstseinsentwicklung. Be-Sonnen-heit entsteht, wenn der Mensch die denkende und sinnliche Tätigkeit mit dem Gefühl verbindet – das kann man als „Herzdenken“ bezeichnen.
Der abschließende Teil von „Suche den Himmel in dir“ zieht die Bilanz, dass die Verbindung der einen neuen Lebenssinn stiftenden Spiritualität mit der Vernunft zu einem neuen Bewusstsein transformiert die Voraussetzung für die weitere Entwicklung auf der Erde ist, die der individuelle Mensch selbst in die Hand nehmen muss.
Der Weg nach innen
Dynamik5 richtet sein Augenmerk auf zwei Entwicklungslinien, die eng ineinander verwoben sind: die Veränderung politischer und gesellschaftlicher Strukturen und die Entwicklung des Individuums. Politische und gesellschaftliche Strukturen bilden den Rahmen zur Entfaltung der Menschen und allem, was ist (siehe auch die Thesen zu einer kooperativen Wirtschaftsform von Dynamik5). Diese Strukturen sollten die gerechte Verteilung der materiellen Güter, gleiche physische, seelische und geistige Entfaltungs- und Verwirklichungschancen für alle Menschen und eine intakte Natur garantieren, ein Ziel, von dem sich die Menschheit aber zur Zeit eher zu entfernen scheint.
Die äußeren Strukturen sind weitgehend das Abbild der seelischen und geistigen Strukturen des Menschen, wie es etwa Gil Ducommun in seinem lesenswerten Buch „Nach dem Kapitalismus“ schlüssig darlegt. Wir können zum Beispiel über die tristen Bilder der Vorstädte – die in einem direkten Ursache-Wirkungszusammenhang mit politischen Strukturen stehen – noch so traurig sein, aber wenn wir ehrlich sind, zeigen sie auch das Abbild unseres eigenen, auf materielles Wachstum orientierten Konsumverhaltens. Die Produktionsprozesse der von uns gewünschten Güter benötigen einen baulichen Rahmen, der in baukünstlerischer Hinsicht niemals befriedigende städtebauliche Ergebnisse hervorbringen kann. Die Zergliederung der baulichen Umwelt ist letztlich auch das Abbild des innerlich zergliederten Konsum-Menschen und der durch Egoismen dominierten Gesellschaft.
Eine bewusstere individuelle Entwicklung des Menschen ist die Voraussetzung dafür, die heutigen ungerechten, einem destruktiven Wachstumszwang gehorchenden Verhältnisse positiv zu verändern, denn es sind letzten Endes immer individuelle Menschen, die gesellschaftspolitische Strukturen (ab)schaffen. Eine zentrale Rolle wird dabei spielen, wie wir in Zukunft „Lebensqualität“ auffassen. Zielt sie immer mehr auf inneres Wachstum, wird also die spirituelle Sphäre in Freiheit in unser Leben integriert, dann können wir die Kraft finden, aus Einsicht in Notwendigkeiten – aus tiefem Herzen – zu handeln, statt infolge eines Leidensdrucks von außen. Wie Anselm Grün in seinem aufschlussreichen Büchlein „Der Himmel beginnt in dir“ beschreibt, geht es um eine Spiritualität von unten, um Veränderungen bei uns selbst, indem wir uns „erden“. Der Himmel – der göttliche Urgrund aller Dinge – muss nicht außerhalb von uns gesucht werden, denn wir tragen ihn in uns. Indem wir aber zu uns kommen, werden wir zwangsläufig mit uns selbst konfrontiert, mit unseren Schattenseiten und Schwächen. „Willst du Gott kennenlernen, lerne vorher dich selbst kennen!“ formulierte der Wüstenmönch Evagrius Ponticus bereits in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts. ´
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