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Beginn der hellen Jahreszeit
erschienen in Ausgabe 144  PDF-Version (157.78 KB)
Das Jahresrad als symbol für Kontinuität und Entwicklung

Die Kultur unserer keltischen Vorfahren war sehr sensibel für alle Arten von Übergängen. Das alteuropäische Rad des Jahres, wie wir es heute wieder neu kennenlernen, ist unter keltischem Einfluss aus ursprünglich zwei verschiedenen Traditionen zusammengewachsen. In vielen unserer modernen Kalender sind die vier sonnenbezogenen Daten des Jahreslaufs noch oder wieder vermerkt: die Frühlingstagundnachtgleiche (Ostara) oder Frühlingsbeginn, die Sommersonnenwende (Lithe) oder Sommerbeginn, die Herbsttagundnachtgleiche (Mabon) oder Herbstbeginn und die Wintersonnenwende (Jul) oder Winterbeginn. Es deutet einiges darauf hin, dass diese Daten schon den vorindoeuropäischen und eher mutterrechtlich orientierten Bewohnern des alten Europas bekannt waren. Die Kelten, jene zahlreichen europäischen Wanderstämme, die nie zu größeren oder gar dauerhaften Staatsgebilden neigten, müssen wohl eindeutig schon zur patriarchalen Kulturstufe gerechnet werden, wenngleich sie in vielen Aspekten eher wie eine Mischkultur erscheinen. So war der rechtliche Status der Frau bei ihnen dem der Griechen, Römer, des europäischen Mittelalters und des größten Teils der Neuzeit haushoch überlegen und wird gerade erst in einigen Gesellschaften der Moderne wieder erreicht.
Wenn wir uns über dem beschriebenen Kreuz der vier Sonnenfeste ein weiteres Kreuz vorstellen, annähernd, aber nicht ganz diagonal verschoben, finden wir ca. sechs Wochen nach jedem Sonnenfest eines der alten keltischen Vierteljahresfeste vor. Nach Jul folgt das keltische Imbolc, nach Ostara das keltische Beltane, nach Lithe das Schnitterfest Lughnasad und nach Mabon das Neujahrsfest Samhain. Die jeweilige Jahreszeit ist an den keltischen Festtagen zumindest in Mitteleuropa sichtbarer entwickelt und nicht nur für die Eingeweihten, sondern für alle sinnlich wahrnehmbar.
Und so, wie die Kelten den Rhythmus des Tags beginnend mit der Nacht zählten, so beginnt auch ihr Jahr mit der dunklen und kalten Hälfte. Die Hauptachse, die das keltische Jahr in seine „Nacht“ und seinen „Tag“ teilt, orientiert sich an den Polen Samhain und Beltane. Mitten im Zeitraum, in dem die vorliegende Ausgabe dieser Zeitschrift aktuell ist, nämlich in der Nacht vom 31. April zum 1. Mai (auch bekannt als Walpurgisnacht), geht nach keltischem Brauch die dunkle Jahreshälfte vorbei, und die helle, warme Hälfte des Jahres beginnt. Der Frühling ist unübersehbar geworden. Das Grün ist jetzt und nur noch wenige Wochen lang so frisch wie nie. Es ist die Zeit der Blüte. Der Vorfrühling mit seinen zarten Anfängen weicht dem voll entwickelten Frühling und seinen Themen Hochzeit und Fruchtbarkeit.
Einige Traditionen im Wiccakult oder in der Renaissance der mutterrechtlichen Naturreligion Alteuropas sprechen nun in schöner Symbolik von der Wiedervermählung der Göttin (in ihrer jungen, weißen Gestalt) mit dem neugeborenen Herrn des Frühlings und Sommers, mit dem Gehörnten, Cernunnos, dem Herrn der Wälder und wilden Tiere. Und in dieser ersten orgiastischen „Hoch-Zeit“ des Jahres geht es noch nicht um soziale Verantwortung, Strukturen, Ehe und dergleichen (dazu kommt es erst zu Lithe), sondern um pure Lust und Leidenschaft. Das weibliche und das männliche Prinzip begegnen sich in der Verzückung des Lebens in sich und der Sehnsucht des Daseins nach sich selbst.
Man gründet jetzt keine Familie (Mai-Ehen galten unseren Vorfahren als kurzlebig oder leicht gefährdet), es geht nicht um Kinder und gemeinsame Aufgaben. Der Gehörnte und die weiße Göttin trennen sich nach der Vereinigung und beide leben wieder unabhängig voneinander im eigenen Bereich. (Von den sieben verschiedenen Eheformen der Kelten ist denn auch nur die siebte für das ganze Leben ausgelegt, und eine gilt eben nur für die Maienzeit.)
Weit entfernt davon, jetzt die Rekonstruktion der Lebensformen unserer Vorfahren propagieren zu wollen, könnten wir vielleicht doch die Zeit um Beltane zum Anlass nehmen, uns als Frauen oder Männer einmal wieder neu und vielleicht auch im Spiegel des anderen Geschlechts wahrnehmen und begegnen zu lernen. Natürlich geht es an Beltane um Sexualiät und Fruchtbarkeit, aber nicht nur im vordergründigen Sinn. Es geht um die Lebenskraft an sich.
Wenn das, was wir uns an Imbolc vorgenommen haben, verwirklicht werden soll, dann ist nun die Zeit gekommen, unsere Anliegen dem Eros zu weihen. Wir sind als Frauen oder Männer inkarniert und tragen damit das göttliche Geschenk der Schöpfungskraft in uns. Wir wurden kulturell darin trainiert, diese große erotische Spannkraft weitgehend auszublenden und höchstens in geheimen, privaten sexuellen Situationen auszudrücken. Beltane kann ein Anlass und eine Hilfe sein, das eigene Leben und unsere Welt wieder in die Wärme und das Licht des Eros zu stellen, unabhängig davon, in welchen Formen es sich auch immer auszudrücken vermag.
Selbstverständlich dürfen wir als Männer flirten, den Frauen zeigen, dass wir sie schätzen, schön finden usw., auch wenn wir verheiratet sind. Wie gesagt, es geht nicht immer um Sex, es geht darum, diese unsere Welt, unsere Gesellschaft, unsere ganz konkrete Umgebung wieder als einen spannenden Ort, als Verheißung, Herausforderung und Gegenüber anzunehmen und mit unserer ganz persönlichen Schöpfungskraft zu vereinen. ´


  Autoren

Lipinski, Gandalf

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