Claudia Flatten und David Moya berichten vor ihrer Forschungsreise zu Gemeinschaften in Europa.
David Moya und Claudia Flatten, Forschungsreisende in Sachen sozialer und ökologischer Alternativen, sind von einer mehrmonatigen Reise zu anderen Welten in Spanien, Frankreich und Deutschland zurückgekehrt. Dieser erste Bericht informiert über die Motive ihrer Reise und ist der Auftakt zu einer Folge von Reiseberichten.
Eine andere Welt ist möglich!“ – Wie oft haben wir das schon gelesen, vielleicht selbst gedacht, gehofft, gesagt oder gerufen. Freilich ist sie das, nötig ist sie sogar, diese andere Welt. Es bleibt jedoch schwierig, sie zu beschreiben, so zu skizzieren, dass sie gerecht und langfristig tragfähig ist. Viele Welten sind möglich, bessere und schlechtere. Groß ist die Sehnsucht nach konkreten, realistischen Vorschlägen.
Zuerst müssten wir unsere oft aus Bequemlichkeit, Angst oder Frust heraus entstandenen Bedürfnisse auf ihre Kompatibilität mit Modellen einer sozial und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft hin überprüfen, unsere wirklichen Notwendigkeiten kennenlernen.
In unseren Breitengraden definieren sich heute Entwicklung und Fortschritt durch unbegrenztes wirtschaftliches und technisches Wachstum. Diese Sichtweise vernachlässigt oft Werte wie z.B. kooperatives und solidarisches Verhalten, die eine Grundvoraussetzung für nachhaltige Gesellschaftsmodelle sind.
Das etablierte System lässt wenig Raum für Wandel, es beschützt sich selbst und erhält sich dadurch. Wer wirklich etwas in Frage stellen oder gar von Grund auf verändern will, hat meist schlechte Ausgangsbedingungen. Hohe Entscheidungsträger sind normalerweise deshalb an ihrem Posten, weil sie das aktuelle Werte- und Wirtschaftsmodell unterstützen. Sie fungieren als Hüter des Systems, das ihnen wiederum die Macht verleiht. Aber wir brauchen eine neue Sichtweise auf das Leben. „Erst wenn wir die Welt anders wahrnehmen, werden wir anders handeln können“, sagte Fritjof Capra. In Verantwortung gegenüber den folgenden Generationen sollten wir uns Zeit und Raum zum Experimentieren nehmen. Wir sollten uns inspirieren lassen von anderen, bestehenden oder ehemaligen Lebensformen, Ideen und Gesellschaftsmodellen aus unterschiedlichen Kulturen. Es gibt so vieles, das wir wissen oder einst wussten oder das schon von jemandem entdeckt wurde. Eine ganze Zukunft will gestaltet werden. Jede(r) sollte mitmachen, gemeinsam müssen wir nachdenken. Ein gesellschaftlicher Wandel hin zur partizipativen Demokratie ist unabdingbar.
Unser Interesse
Wir sind ein Spanier und eine Deutsche. Wir haben uns schon in unseren Studien, jeder auf seinem Fachgebiet, mit Fragen zu nachhaltigen Lebensmodellen beschäftigt. Bis heute arbeiten wir sowohl wissenschaftlich als auch praktisch. Unsere Arbeitsbereiche sind bisher Ökologie, Kooperation und kulturelle Evolution sowie nachhaltige ländliche Regionalentwicklung und die Verbreitung ökologischer Alltagspraktiken.
Sozial-ökologische Systeme sind höchst komplex; jedes einzelne Puzzleteil und die Verbindungen unter ihnen sind auf der Suche nach nachhaltigen Modellen wichtig. Nur in einer Verbindung von Theorie und praktischer Erfahrung, in einem Zusammenschluss verschiedener Disziplinen, Herangehens- und Denkweisen kann diese Problematik ganzheitlich angegangen werden.
Wir wollen unsere Kenntnisse in diesem -Puzzle immer weiter vertiefen und entschlossen uns, auf Reisen zu gehen. Motiviert brachen wir auf, um zum einen Ökodörfer und Gemeinschaften -kennenzulernen, Menschen, die in aktiver und steter Weise in ihrem Lebensalltag nach neuen Formen des Miteinanders mit Mensch und Natur suchen, die mit großer Intensität völlig neue Wege ausprobieren. Zum anderen suchten wir Institute und Forschungszentren auf, die ihre Arbeit der Suche nach sozialen und ökologischen Entwicklungsperspektiven widmen. Bei den vorgefundenen Forschungsthemen handelt es sich bei weitem nicht nur um technologische oder politische Fragen, sondern unter anderen auch um soziologische und psychologische Aspekte, wie beispielsweise die Frage: „Was bringt Menschen dazu, ihren Erkenntnissen zufolge zu handeln?“ Unser Hauptinteressen waren ökologische Alltagspraktiken und soziale Organisationsformen. Dabei galt unsere Aufmerksamkeit unterschiedlichen Themen wie alternativen Wohn- und Bauformen, partizipativen Kommunikations- und Entscheidungsweisen und -neuen Erziehungs-, Arbeits- und Wirtschaftsmodellen.
Fragen und erste Antworten
Ausgestattet mit einem Aufnahmegerät, Fotoapparat und einem dicken Tagebuch stellten wir Fragen wie:
Welche Gemeinschaftsformen gibt es derzeit in Westeuropa, und warum scheitern manche und andere nicht? Welche Beweggründe haben einzelne Bewohnerinnen und Bewohner zu dieser Lebensform gebracht? Welche Gruppengrößen und welche strukturelle Organisation ermöglichen welche Formen solidarischen Handelns? Wie werden Entscheidungen getroffen? Welcher Grad an Autonomie oder Selbstbestimmung kann oder will erreicht werden? Welche Erziehungsmodelle und ökologische Alltagspraktiken werden in den einzelnen Projekten umgesetzt? Welchen Beitrag zu neuen Formen der Kommunikation zwischen verschiedenen Generationen und Kulturen leisten Gemeinschaften?
Aus den Antworten, die wir bisher auf diese Fragen gefunden haben, zeichnen sich Strategien ab, die teilweise auch auf traditionelle Dörfer oder eventuell sogar Stadtteile übertragen werden können. Die beob-achteten zwischenmenschlichen Umgangsformen, Konfliktlösungsansätze, Formen der Entscheidungsfindung, Erziehungsaspekte oder interne und nach außen gerichtete Kommunikationsweisen haben uns am meisten berührt und beeindruckt. In unseren Gesprächen trafen wir auf Menschen, die die unterschiedlichen sozialen und ökologischen Themen mit reicher Lebenserfahrung und auf menschlicher Ebene angehen. In vielen Gemeinschaften elebten wir den Willen zu teilen, ausgeprägte Solidarität, Liebe zu unserem Planeten und Behutsamkeit im Umgang mit den Ressourcen, eine stete Suche nach „wahrer Demokratie“ und hohe Lebenszufriedenheit.
In Organisationen und Forschungsinstituten suchten wir unter anderem Antworten auf folgende Fragen: Welche gravierenden Unterschiede oder Ähnlichkeiten zeigen sich uns in den drei besuchten Ländern bezüglich sozialer und ökologischer Strategien, Projekten und Untersuchungen, und welche werden vom Staat unterstützt? Welche Untersuchungen dieser Fragestellungen finden an Hochschulen statt? Welche sozial und ökologisch orientierten Institute gibt es, und welches sind ihre Themen, Ziele und Formen der Veröffentlichung?
Es war uns selbstverständlich klar, dass wir in dieser kurzen Zeit nicht auf alle Fragen gleichermaßen Antworten finden konnten. Wir hatten für dieses erste Eintauchen in die Thematik weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch verfolgten wir exakt abgesteckte Studien. Langfristig gesehen möchten wir uns diesen Antworten sowohl angewandt, systemisch als auch wissenschaftlich nähern. Aus unseren Erfahrungen und Beobachtungen wollen wir nachhaltige Strategien entwickeln, die nicht nur in Ökodörfern, sondern auch in der normalen Gesellschaft zu Wandlungen führen können.
Etappen der Reise
Im letzten halben Jahr waren wir neben einigen Wochen in Frankreich hauptsächlich in Spanien und Deutschland unterwegs. Diese Suche nach -Inspiration und Zusammenarbeit bildet den Anfang einer völlig neuen Etappe auf unserem Weg.
Wir hatten die einzelnen Stationen vor der -Abreise so ausgewählt, dass jeder Ort einen neuen Fokus in unserer Suche aufzeigte und sich geografisch für uns eine sinnvolle Route ergab. In Mails stellten wir uns und unser Projekt vor, woraufhin uns fast alle Empfänger zu Gesprächs- oder Interviewterminen einluden, zu einem gemeinsamen Essen, einer Präsentation ihrer aktuellen Arbeiten oder gar zu einem mehrtägigen Aufenthalt. Dank dieser gemeinsamen Tage konnten wir ein wenig miterleben, wie die einzelnen Gemeinschaften organisiert sind, wie dort gelebt wird. Wir waren oft angetan von der Liebenswürdigkeit und Offenheit, mit der wir empfangen wurden. Viele der ursprünglich für einen kurzen Zeitraum geplanten Termine wurden zu langen, intensiven, kreativen und konstruktiven Gesprächen, führten im besten Fall gar zu gemeinsamen Zukunftsprojekten. Leider konnten wir bei weitem nicht alle uns interessant erscheinenden Orte aufsuchen. Aber aufgrund der persönlichen Eindrücke und vielen Gespräche konnten wir doch einen tiefen Einblick in die Thematik gewinnen.
In Spanien waren wir hauptsächlich im Norden unterwegs. Unser Interesse galt in dieser ersten Reisehälfte vornehmlich Gemeinschaften, wie Lakabe, El Molino, Matavenero oder Escanda. Ein wichtiges Ereignis war z.B. das RIE, das Treffen der „Red Ibérica de Ecoaldeas (Netzwerk spanischer und portugiesischer Ökodörfer). Über 400 Menschen trafen sich, um von ihren Heimatorten zu berichten, Neuerungen mitzuteilen, Kurse anzubieten, an Konferenzen teilzunehmen, sich zu treffen und zu feiern. Wir haben auch Kontakt zu einigen NGOs aufgenommen und an einem mehrtägigen Treffen zum Thema Educación popular (Volksbildung) und an einem Kurs über Video als Werkzeug zur Kommunikation teilgenommen.
In Deutschland waren wir einige Tage im Süden in Freiburg, hauptsächlich aber in der nördlichen Hälfte des Landes unterwegs. Wir besuchten Institute und Universitäten, z.B. in Münster, Kassel und Berlin, in denen wir Professoren aus den Bereichen Wirtschaft, Umweltwissenschaften, ökologischer Landbau, Soziologie oder Städtebau trafen. Unsere Aufmerksamkeit galt auch der Permakultur-Akademie und dem Netzwerk GEN (Global Ecovillage Network). Wir besuchten Land- und Stadtgemeinschaften, wie z.B. die Grether Fabrik, S.U.S.I. im Vauban, die Villa Locomuna, die Kommune Niederkaufungen, KoWa, das Lebensgut Pommritz, die ufa-Fabrik, ÖkoLeA, den Wagenplatz Karow, das ZEGG, das -Ökodorf Sieben Linden, die Stadtkommune Alla Hopp, den Lebensgarten Steyerberg und das Zentrum Prinzhöfte, wie auch einige Konferenzen, das Bioenergiedorf Jühnde und das Ökodorf Brodowin. In Frankreich trafen wir Menschen, die sich mit Nachhaltigkeit in der ländlichen Regionalentwicklung beschäftigen und Anhänger der Bewegung „Décroissance“ („Ent-Wachstum“).
Gute Aussichten
Unsere erste Bilanz: es gibt viel zu tun. Wir haben wundervolle Menschen getroffen, vielseitige Unterstützung gefunden, viel gesehen und viel gelernt. Unsere Geldbeutel sind leer, die Köpfe voll. Wir wollen all das Gelernte direkt in unserem Alltag umsetzen, was nicht immer einfach ist. Es gilt nun, die Informationen zu ordnen und sinnvoll zu verbinden.
Unser Wunsch ist, ein multidisziplinäres und -kulturelles Team auf die Beine zu stellen und gleichzeitig Möglichkeiten zu finden, die Ergebnisse auf mannigfaltige Weise zugänglich machen. Wir wollen Menschen aus den unterschiedlichen Bereichen zusammenführen, gemeinsam forschen und gestalten, lernen und weiter-geben. Alternativmodelle sollen erkundet werden, die die Würde des Menschen, ein harmonisches Miteinander mit der Natur und allen Völkern in den Mittelpunkt stellen. Und wir müssen lernen, das Gelernte auch umzusetzen. Wir möchten über die bisherigen und zukünftigen Erlebnisse und Erfahrungen schreiben und in Gesprächen, Workshops oder Ausstellungen berichten. Und wir wollen Treffen zur gemeinsamen Debatte und zum multidisziplinären Arbeiten organisieren. In den folgenden Ausgaben von KursKontakte werden wir von verschiedenen Eindrücken und Details dieser Reise erzählen. Fazit: Andere Welten gibt es schon! ´
Claudia Flatten (32) hat nach ihrer Bildhauerlehre System-design studiert. Seit ihrem Abschluss arbeitet sie im Bereich der nachhaltigen und ländlichen Regionalentwicklung. David Moya (30) hat sich nach dem Studium der -Anthropologie dem Studium des menschlichen Verhaltens gewidmet. Er interessiert sich besonders für die Frage nach den Bedingungen für kulturellen Wandel in Gesellschaften. Kontakt: OISA.info@gmail.com>
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