Peter Roetzer lädt ein zu einem Rundgang durch das Gemeinschaftsdorf Heckenbeck
Im Unterschied zu anderen Dörfern zwischen Harz und Weserbergland, deren Infrastruktur sich ständig verschlechtert, hat sich in Heckenbeck die Entwicklung umgekehrt: In den letzten zehn Jahren hat die Bevölkerung stetig zugenommen, es gibt viele Kinder, und die Infrastruktur verbessert sich ständig. In diesem Dorf mit rund 480 Einwohnerinnen und Einwohnern werden innerhalb der traditionellen Dorfstruktur Ideen und Modelle für eine nachhaltige, lebensfreundliche gesellschaftliche Entwicklung erprobt. Dabei entsteht ein Feld wohlwollender und respektvoller Selbstorganisation. Neu hinzugezogene, an gemeinschaftlichen Lebensformen interessierte Menschen (etwa 60 Erwachsene und 40 Kinder) organisieren sich entsprechend ihren Ideen, Werten, Bedürfnissen und Fähigkeiten. Es haben sich unterschiedliche Gruppen gebildet, die der Kommunikation, der spirituellen oder kreativen Betätigung dienen. Seit den ersten Anfängen des Projekts im Jahr 1984 entstanden vor allem in den letzten fünf bis zehn Jahren viele Initiativen, beispielsweise eine Freie Schule, ein selbstorganisierter Kindergarten, ein soziokulturelles Zentrum mit der sogenannten Weltbühne, verschiedene Gemeinschaftspraxen, ein Meditationshaus, ein Biogartenbaubetrieb und -laden, ein ökologisches Bauunternehmen und andere Handwerksbetriebe. Auch ein „Zentrum für Salutogenese“ im Nachbarort entsteht aus diesem Gemeinschaftsnetzwerk heraus.
lElisabeth, was bringst du in die Gemeinschaft ein?
„Meinen Einsatz für Kommunikation und Kreativität. Ich bin eine Liebhaberin des ‚Forums‘ als Möglichkeit, sich und andere radikal kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Ich bin auch eine Liebhaberin von Theater und Spiel und Mitbegründerin der Weltbühne. Neben Theater-, Kabarett- und Musikveranstaltungen finden hier unterschiedliche Seminare oder Gruppentreffen und Feiern statt. Inzwischen ist die Weltbühne so etwas wie ein Geheimtipp; die Veranstaltungen finden gute Resonanz, und die Heckenbecker waren ganz aus dem Häuschen, als die ‚berühmte Marlene Jaschke‘ hier Benefizkonzerte gab.“
Gleich schräg gegenüber liegt der Schwalbenhof. Hier leben die Menschen eher als WG zusammen. Einer von ihnen ist der ökologisch engagierte Kai (43).
lKai, was hat dich nach Heckenbeck gelockt?
„Ich wohne jetzt seit fünf Jahren hier. Hergekommen sind wir als Familie, auf der Suche nach Gemeinschaft und wegen der Freien Schule, die wir mitgegründet haben. Jetzt leben wir nicht mehr als Familie zusammen.“
lBereust du es, hierher gekommen zu sein?
„Es gab solche Momente. Aber überall, wo Menschen sich so intensiv miteinander und mit sich selber auseinandersetzen, wird eine Beziehung auf die Probe gestellt. Und trotz der getrennten Eltern kann ich mir für meine Kinder im Augenblick keinen besseren Ort zum Aufwachsen vorstellen.“
lWas willst du persönlich hier in Heckenbeck verwirklichen?
„Ich bin mit vielen Träumen und Vorstellungen hergekommen. Wohnprojekt, Obstbau im ‚Biotal Heckenbeck‘, gemeinschaftliche Ökonomie. Einiges ist in der Versenkung verschwunden, anderes beginne ich zu verwirklichen. Das Gute an Heckenbeck ist, dass wir keine gemeinsame Ideologie und keine gemeinsame Ökonomie haben, wenig hohe Ansprüche, an denen wir nur scheitern können. Aber trotzdem gibt es immer mehr Menschen mit ähnlichen Vorstellungen und Träumen, und wenn ich eine gute Idee habe, finde ich auch andere, die sie mit mir zusammen umsetzen. Früher oder später. Im Augenblick habe ich großen Spaß am neuen Verein ‚Heckenrose‘, mit dem wir verschiedene ökologische Projekte voranbringen wollen. Und natürlich bin ich in der Freien Schule engagiert.“
lWie ist die ökonomische Situation in Heckenbeck?
„Die Ökonomie ist eine sehr individuelle Sache. Fast alle Arbeitsplätze, die hier in den letzten 20 Jahren entstanden sind, hat unsere Gruppe geschaffen. Und das wird auch im ‚alten‘ Dorf anerkannt.“
lWie wird Heckenbeck in einigen Jahren aussehen?
„Es wächst. Vor fünf Jahren waren die ‚Neuheckenbecker‘ etwa zehn Haushalte, seitdem sind etwa 20 weitere in und um Heckenbeck dazugekommen. Die Vielfalt wächst, und die Projekte wachsen, neue kommen dazu. Vielleicht ein Altenwohnprojekt, eine Bäckerei, die Möglichkeit, sich mit Freiwilligen aus anderen Ländern in auszutauschen.“
Direkt gegenüber, in der Dorfmitte, liegt die -Villa Kunterbunt, die nur „K1“ genannt wird (wegen der Anschrift Kreuzstraße 1). Das Haus wurde vor eineinhalb Jahren gekauft und renoviert. Sechs Erwachsene und sechs Kinder leben hier in einer großen Wohngemeinschaft zusammen. Weiter die Kreuzstraße entlang komme ich zur WG von Uli und Axel. Beide wohnen noch nicht lange im Dorf. Axel (35) ist „Lehrer“ an der Freien Schule und Uli (34) Umweltpädagogin.
lAxel, was ist dir in deiner Arbeit mit den Kindern in der Schule besonders wichtig?
„Mir geht es darum, dass sich die Kinder zu selbstbestimmtem Menschen entwickeln können. Der Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft handelt wohl eher fremdbestimmt. Ich möchte eine entspannte Atmosphäre verwirklichen, in der Lernen möglich wird und in der die Kinder ihr Potential entwickeln.“
lUli, du bist jetzt ein Jahr hier. Was meinst du, sind wir eine Gemeinschaft?
„Für mich ist Heckenbeck mehr Netzwerk als Gemeinschaft. Es gibt hier kein übergeordnetes Ziel, keine Vereinbarung, die alle hier Lebenden oder ‚Zugereisten‘ miteinander getroffen hätten. Dafür gibt es viele Projekte und Gruppen, die jeweils verschiedenen Ideen und Themen nachgehen. Heckenbeck ist ein Netz aus verschiedenen Projekten, Initiativen und Gruppen mit viel nachbarschaftlicher Hilfe.
lLebst Du gerne hier?
„Klar! Ich lebe gerne auf dem Land, hier lebt man nicht anonym. Ich schätze aktive Nachbarschaftshilfe, die Infrastruktur, besonders den Bioladen und die gute Bahnanbindung in nur vier Kilometern Entfernung. Was mir persönlich fehlt: Ökologie im Alltag und als gemeinsames Thema. Aber dafür haben wir ja mittlerweile den Verein ‚Heckenrose – Verein für ökologische Projekte‘ gegründet.“
Ich gehe auf der Kreuzstraße weiter an der Weltbühne und der Freien Schule vorbei und komme zum Haus von Rike und Jürgen (beide in den späten 50ern).
Rike ist als Krankenschwester tätig, und Jürgen erfreut Festgesellschaften als Dudelsackspieler. Die beiden haben innerhalb von vier Jahren fast alleine ein großes Lehm-Fachwerkhaus gebaut. Hier ist auch der Kindergarten untergebracht.
lWie fühlt ihr euch nach vielen Jahren in Heckenbeck?
„Wir leben nun seit über 20 Jahren hier und haben inzwischen das Gefühl, zu Hause zu sein. Wir genießen die bunte Vielfalt der Bewohnerinnen und Bewohner, die stetig zugezogen sind – die meisten von ihnen mit Visionen von einem Leben mit mehr Austausch. Auch wenn wir uns nicht mehr aktiv an neuen Gruppeninitiativen beteiligen, so freuen wir uns doch über alle Projekte, die neu entstehen, und heißen alle Neuen willkommen. Wir vertrauen darauf, dass sich vieles zurechtlebt und jede(r) ihren (seinen) Platz findet.“
Im Haus von Rike und Jürgen leben auch Kirsten (30) und ihre Familie. Sie betreibt Bio-Gemüseanbau in Heckenbeck.
lKirsten, kannst du deinen Betrieb kurz vorstellen?
„Seit zwei Jahren baue ich auf einer kleinen -Fläche von knapp 3000 qm etwa 25 verschiedene Sorten an und verkaufe oder tausche das Gemüse. Hauptsächlich geschieht das durch die Verteilung über wöchentliche Gemüsekisten und den Dorfladen. Teilweise werde ich im Tausch gegen Gemüse bei der Arbeit unterstützt, der Hauptteil der Arbeit liegt jedoch bei mir. Auch über Heckenbeck hinaus besteht Nachfrage nach leckerem Gemüse, mehr als ich auf der Fläche anbauen kann. Es ist schwierig, an mehr nutzbares Land zu kommen.“
lWas sind deine Visionen und Wünsche für den ökologischen Gemüseanbau in Heckenbeck?
„Zusammenhängendes Land, Gewächshäuser mit eigener Anzucht, Lehrlinge, Wasser, Pferdearbeit, eine Hofstätte mit viel Platz, Zusammenarbeit und Verantwortung teilen.“
lWie fühlst du dich gemeinschaftlich eingebunden?
„Ganz gut eigentlich. Bei spontanen Aktionen finden sich immer Einzelne, die ihre Hände in die Erde stecken wollen, das ist super, und ich habe hier eine Menge sehr dankbarer Kundinnen und Kunden!“
Von Kirsten begebe ich mich weiter zum Königshof, der letzten Station meines Dorfspaziergangs. Hier gibt es die Arztpraxis von Klaus und Sabine sowie die Hebammengemeinschaft von Sandra und Silvia. Ralf, der Ofenbauer, hat eine Scheune ausgebaut und kreiert hier seine Lehmgrundöfen. Hinter dem Königshof steht das Meditationshaus des Vereins „Klang der Stille“.
lSabine, ist Heckenbeck ein spiritueller Ort?
„Weiß ich nicht. Es kommen jedenfalls viele Menschen nach Heckenbeck, deren Herzensanliegen es ist, ihre Kreativität und Gemeinschaftssehnsucht auszuleben, worin sich eine starke Spiritualität ausdrückt. Die Menschen hier gehen viele unterschiedliche spirituelle Wege, und dafür ist eine große Toleranz vorhanden.“
lWelche Rolle spielt das Meditationshaus?
„Immer wieder kam der Wunsch auf, trotz Vielfalt und der unterschiedlichen Praktiken auch etwas gemeinsam zu tun. In die Stille zu gehen, verbindet die meisten spirituellen Richtungen, und dafür bietet das Medita-tionshaus einen Rahmen.“
Zuhause angekommen, interviewe ich meine Freundin Susanne (34), die mit mir und ihrem Sohn Jan-Filip (7) vor gut einem Jahr nach Heckenbeck kam.
lSusanne, warum kamst du nach Heckenbeck?
„Ich wollte zwei grundsätzliche Dinge finden: eine Gemeinschaft als Erfahrungsraum und Wirkungskreis für mich als Individuum und uns als Paar sowie eine Freie Schule, in der Jan-Filip entsprechend seinen Bedürfnissen sein und lernen kann. Meine erste Begegnung mit Heckenbeck war eher enttäuschend: Wir fuhren an einem Sonntag durch ein ‚ganz normales‘ Dorf in Niedersachsen, niemand war auf der Straße. Heckenbeck hat sich mir erst nach vielen Blicken erschlossen, aber schon bald trafen wir auf Gleichgesinnte, und mir war klar, dass es hier einen guten Nährboden für meine Vision von Gemeinschaft gibt. Jetzt, nach einem Jahr im Dorf und vielen Gruppen- und eigenen Erfahrungen, haben wir als Verein ‚LebensSpielWiese‘ ein Grundstück am Dorfrand gekauft. Damit ist die Realisierung meiner Vision schon ein Stück näher gerückt.“
lWodurch entsteht für dich das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft?
„Zugehörigkeit spüre ich beim gemeinsamen Arbeiten und Feiern: Wenn wir Eltern und Kinder uns z.B. auf dem Außengelände der Schule treffen und alle mit anpacken, Laub fegen, Holz hacken, Komposthaufen anlegen – dann entsteht für mich ein Gefühl von Zugehörigkeit. Oder wenn wir uns im Meditationshaus zum Singen von Come-Together-Songs zusammenfinden und ein gemeinsames Schwingen und Klingen entsteht, fühle ich mich zu Hause. Besonders in unserer Projektgruppe spüre ich eine Erweiterung der Kleinfamilie; die Anzahl der Bezugspersonen wächst, auch für Jan-Filip. Das fühlt sich für mich sehr stimmig an.“
Susanne möchte mich auch etwas fragen und nimmt mir das Mikrofon aus der Hand:
lPeter, bist du in Heckenbeck schon angekommen?
„Ich kam mit festen Vorstellungen von Gemeinschaft nach Heckenbeck, die mich dabei behindert haben, die Fülle und die Menschen hier wahrzunehmen. Immer wenn es mir gelang, diese Konzepte abzulegen, fühlte ich mich richtig angekommen. Oft gelang dies aber auch nicht, und ich habe mit Heckenbeck gehadert. Inzwischen spüre ich immer mehr, dass Gemeinschaft kein Konzept oder Ort ist, sondern ein Prozess, der zwischen Menschen und hauptsächlich in mir selbst abläuft. Und wenn ich mich dem hingebe, komme ich an: in Heckenbeck, in mir selbst und wahrscheinlich auch an jedem anderen Gemeinschaftsplatz. ´
Peter Rötzer (41) lebt seit einem Jahr in Heckenbeck und ist gerade dabei, mit anderen das Gemeinschaftsprojekt „LebensSpielWiese e.V.“ in Heckenbeck aufzubauen.
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