Anfang und Wachsen einer Gemeinschaft.
Theo Petzold ist der Pionier von Heckenbeck. Sein Wunsch nach Veränderung führte ihn in den Ort. Er berichtet von den Anfängen und dem Wachstum des Gemeinschaftsnetzwerks.
Vor 22 Jahren habe ich von Hannover aus einen Hof oder Resthof mit möglichst zwei Hektar Land in der Umgebung gesucht. Ich wollte dort mit anderen Menschen zusammen in engerem Kontakt mit der Natur leben sowie eine gute Umgebung für Kinder finden.
Vor dem Hintergrund meiner politischen Aktivität her hatte ich die Vorstellung, dass der Monopolkapitalismus mit all seinen inneren Widersprüchen einem Chaos entgegenstrebt. Ich sah es auch als politische Aufgabe, kleine Inseln einer zukünftigen Gesellschaftsform aufzubauen, von der noch keiner wusste, wie sie aussehen wird – dass also ein großes Suchen und Experimentieren erforderlich war. Es ging meines Erachtens darum, gute zwischenmenschliche Beziehungen zu entfalten, die der Boden für eine neue Kultur sind, eine Selbstreorganisation von der Lebensbasis her. Eine kulturelle wie ökonomische Selbstorganisation, die nicht im Widerspruch zu den Individuen steht, sondern für einen ständigen, die Entwicklung fördernden Energiefluss zwischen Gesellschaftsstruktur und Individuum sorgt.
In meinem Bekanntenkreis hatte ich erlebt, wie einige Gemeinschaftsprojekte nach langen Diskussions- und Planungsphasen scheiterten, als die konkrete Realisierungsphase begann. Da das Gemeinschaftsprojekt, von dem ich träumte, für mich eine ganz neue Erfahrung sein sollte, hatte ich kein klares Konzept und konnte so auch nicht mit anderen verbindlich planen. Für mich war wichtig, sich in der Lebenspraxis zu finden und nicht nur in verbalen Absprachen. Diese können immer nur so gut sein, wie die Menschen mit ihren Gedanken und Worten übereinstimmen. So war es für mich wichtig, das zu tun, was mir für mich selbst richtig erschien, und im nächsten Schritt zu schauen, ob sich Menschen finden, mit denen Gemeinschaft möglich ist.
Als ich mit meinem VW-Bus im Februar 1984 durch Heckenbeck fuhr, nickten mir zwei kleine Mädchen auf der Straße freundlich zu – offenbar kamen hier so selten Autos vorbei, dass man alle grüßte. Das war eine netter und offener Empfang. Als ich den Hof gefunden hatte, sagte mir ein Nachbar, dass der Hintereingang offen sei. Obwohl der Hof schon zwei Jahre leer stand, waren noch alle Fensterscheiben ganz, und innen war nichts zerstört.
Im April 1984 zog ich mit meinem Sohn Jano auf diesen Hof. Rike, Jürgen und ich hatten viele Tiere und machten aus Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch Käse und Butter. Mit unseren Nachbarn und anderen alteingesessenen Heckenbecker Landwirten haben wir uns oft gegenseitig geholfen, z.B. bei der Heu- und Strohernte. Obwohl sie von unserer Ökoart nicht viel hielten, halfen sie uns mit Rat und Tat.
1987 habe ich auf einem weiteren Resthof, dem „Königshof“ (nach der Familie König benannt) meine neue Arztpraxis eröffnet. Über der Praxis wurde später ein großer Gruppenraum gebaut, der zum zentralen Treffpunkt vieler Gruppen der Gemeinschaft geworden ist.
Rainer, ein alter Freund, hat uns einen schönen großen Lehmgrundofen gebaut. Inzwischen lebt in Heckenbeck Ralph, der sich als Ofenbauer selbständig gemacht hat und ebenfalls wunderschöne Öfen baut. Ein Lehmofen gehört schon fast zum Heckenbecker Wohnstil.
Mit weiteren, neu hinzugezogenen Familien gründeten wir dann die „Grundstückseigentümergemeinschaft zur gemeinsamen Hand, Brennessel-GbR“ mit dem satzungsgemäßen Zweck als Minimalkonsens: „die Schaffung, Förderung und Nutzung von Möglichkeiten zum Leben und Heilen, zur Selbstfindung, Selbstverwirklichung und Selbstversorgung sowie die Verwaltung des Grundstücks …“.
Ein für mich wie auch für die Gemeinschaftsbildung wichtiges Ereignis war, dass Elisabeth im Oktober 1995 zu uns zog. Elisabeth war ein begeisterter Fan des Forums, einer Kommunikationsmethode, wie sie in der Gemeinschaft ZEGG entwickelt wurde. Sie hat starke Ausdrucksqualitäten und stellte die Kommunikation in den Mittelpunkt der Gemeinschaftsaktivitäten. Das bereicherte und dynamisierte das Gruppenleben kräftig.
In dieser Zeit wechselten noch einige Familien auf dem Brennesselhof, bis sich dann für fast 10 Jahre eine stabile Besetzung gefunden hatte. In dieser zweiten Dekade wurde die „kritische Masse“ der Selbstorganisation überschritten: die Kreativität explodierte und fand in vielen Projekten ihren Ausdruck. ´
Theo Petzold (57, zwei erwachsene Kinder) ist Buchautor („Gesund-heit ist ansteckend!“ u.a.) und baut derzeit als Arzt und Psychotherapeut zusammen mit anderen ein „Zentrum für Salutogenese“ auf (von lateinisch salus = gesund und genere = entstehen lassen).
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