Ein versteckter Waldsee in Nordhessen bei Nacht. Drumherum 13 Frauen. Rasseln, Trommeln, Töne und Singen erfüllen den Wald. In rhythmischem An- und Abschwellen wird ein Energienetz gewebt. Dann tritt Schweigen ein. Reihum leuchten Lichter auf, bis der Kreis um den kleinen See geschlossen ist. Die Frauen sprechen persönliche Wünsche und Danksagungen – still für sich oder laut in die Runde. Sie lösen den Kreis auf und beenden den Abend mit einem Festgelage am Feuer...
So war es vor 20 Jahren bei der Premiere der „Blickershäuser Frauenfeste“. Warum habe ich sie ins Leben gerufen?
Als Yogalehrerin und Körpertherapeutin hatte ich schon einige Jahre in verschiedenen Richtungen nach meiner ureigenen Form der Spiritualität gesucht. Erst, als ich die Göttin entdeckte in ihren vielen Gestalten – gleichsam das personifizierte Naturgeschehen –, hatte ich das Gefühl, zu Hause anzukommen: Eine Naturreligion, die das Leben heiligt, bringt endlich auch die Frau mit ihrem ganzen Wert zur Geltung; sie ist die Vertreterin der Göttin im Hier und Jetzt. Als Wegweiserinnen zum Wissen über die lebensfreundliche „Religion“ dienten mir die amerikanische Ritualfrau Starhawk, die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth, die bayrische Schamanin Luisa Francia u.v.a.
Wir experimentierten viel. Ein Ritual als Göttinnendienst zu feiern, war uns ja völlig neu. Befremdlichkeit und Scheu erfüllten uns anfangs, wenn wir die Göttin anriefen, ihre Kräfte herbeiriefen. Wir erspürten Kraftplätze, erprobten uns im Schutzzauber, erforschten die Energien von Pflanzen, Bäumen und Steinen, erlernten magisches Handwerkszeug. Wir bastelten Puppen, denen wir symbolisch unsere Störungen und Blockaden anhefteten. Sie wurden Wind und Wetter ausgesetzt, damit sie sich – hoffentlich – langsam auflösten. Wir machten uns die Dunkelheit zur Freundin und fühlten uns beschützt durch Sterne und Mondin. Das Feuer, um das wir tanzten, hatte mal reinigende, mal bestärkende Wirkung. Wir unterstützten uns gegenseitig in unseren Visionen und Vorhaben. Doch ebenso leidenschaftlich übten wir uns zu behaupten und konstruktiv miteinander zu streiten. Die Nähe, die nach so viel Turbulenzen entstand, war wunderschön – nährend und heilsam. Ich könnte mit meinen Erinnerungen ganze Bücher füllen …
Unsere Methoden sind mit den Jahren feiner und differenzierter geworden. Meine Ausbildung in Systemaufstellungen hilft mir sehr für unsere Ritualarbeit. Wir erleben den Frauenkreis immer öfter als Teil von einem „wissenden Feld“, wie es mein Ausbilder A. Mahr nennt.
Das heißt, um voll und ganz in die Kraft als Frau zu kommen, ist es gut, sich in der eigenen Frauenlinie zu beheimaten. „Ich bin eine von Euch“ – eine in der langen Generationenfolge von Frauen. Wenn dieser Lösungssatz tief empfunden wird, kann Heilung stattfinden.
Und es ist mittlerweile selbstverständlicher geworden, eigenmächtig eigene Wege zu gehen, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Um in unserem System zu bleiben: Wir sind zum „Medium der Göttin“ geworden.
Was stellen wir uns darunter vor? Zu allererst: Die Göttin ist nicht das weibliche Pendant zum Herrgott/zu Gottvater! Sie ist das ganzheitliche, allumfassende Naturgeschehen, das Leben schafft, erhält und zerstört. Wenn wir in ihrem Sinne handeln wollen, heißt das Verantwortung zu übernehmen für die angenehmen wie die unangenehmen Schritte, die das Leben verlangt. Sie ist die Heilerin, die uns wieder in die alltäglichen und kosmischen Zusammenhänge des Lebens einbindet. Sie übt Einfluss auf unseren Alltag aus, indem sie Bewusstheit schenkt. Sie ruft Respekt für alles Lebendige wach. Und sie lässt die Verbindung zu den Ahninnen und dem zukünftigen Leben spüren. Wir begreifen uns als Teil des Ganzen, und wir beeinflussen durch unsere Lebenspraxis wiederum das Ganze.
Ist diese Arbeit noch zeitgemäß? Nach ca. 30 Jahren politischer und spiritueller Frauenbewegung scheinen sich die Frauennischen aufzulösen. Man meint, das große Angebot esoterischer Zirkel biete allen Platz. Ich halte es trotzdem nach wie vor für wichtig, Frauenräume zur Verfügung zu stellen, um immer wieder die Eigenmacht zu stärken und aufzufrischen. Um unsere Verschiedenheit zu spüren. Auch – und gerade – in spiritueller Praxis. Mir geht das Herz auf, wenn ich die Frauen blühen und gedeihen sehe – und mich mit ihnen.
Augenzwinkernd möchte ich bemerken: diese matriarchale Aktivität bereichert sowohl die Partnerschaft mit meinem Mann als auch die Begegnung mit Männern überhaupt. Unsere Therapiegruppen für Frauen und Männer leite ich mit viel Freude.
Vom 25. bis 27. August 2006 soll das 20jährige Bestehen der Blickershäuser Frauenfeste begangen werden. Alle interessierten Frauen sind herzlich eingeladen!Infos und Anmeldung: Brigid van der Tuuk, Zentrum für Yoga, Therapie und Matriarchale Heilkunst, Altes Forsthaus, D-37217 Witzenhausen-Blickershausen, Tel. (05545) 1212, www.blicki.de
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