Farah Lenser porträtiert Nicolette Waechter, die „Frau vom Mondsee“.
Ich stelle es mir romantisch vor, einen See mein eigen zu nennen, der auch noch Mondsee heißt, und bin neugierig auf die Frau, von der ich gelesen habe, dass ihr ein ganzer See gehört.
Eines Tages weile ich anlässlich einer Konferenz in Österreich, als mir plötzlich klar wird, dass der Mondsee gleich hinter dem nächsten Berg liegt, und mache mich am nächsten Tag mit Freunden auf den Weg durch das -idyllische Salzkammergut mit seinen bizarren Bergen und wunderschönen Seen. Der Höribachhof befindet sich zwischen der Drachenwand und dem Mondsee am Rand eines kleinen Waldes, wo uns die Mondseefrau höchst persönlich begrüßt. Rote Haare hat sie – das passt zu meiner märchenhaften Vorstellung –, und ihre spontane und offene Art macht sie mir sogleich sympathisch. Sie lädt uns ein, mit ihr im lauschigen Innenhof in der Sonne zu sitzen und erzählt, dass dieser Meierhof einer von dreien ist, die allesamt früher zu einem großen landwirtschaftlichen Besitz gehörten, in dessen ehemaligem Zentrum heute das Schlosshotel am Mondsee liegt. Das sogenannte Schloss war ursprünglich ein Kloster, im Jahr 784 in der benediktinischen Tradition gegründet. Europäische Kultur auf höchstem Niveau verband sich dort mit der Landwirtschaft, zu der auch die Fischerei auf dem Mondsee, die Bewirtschaftung der drei Meierhöfe, Viehhaltung, Almen und Gärten gehörten. Schon seit Generationen gehört dieses Anwesen der Familie Almeida; den portugiesischen Namen verdankt die Familie einem Ur-Urgroßvater, der aus Brasilien eingewandert war.
Nicolette Waechter, geborene Almeida, führt uns durch das Gelände, wo Teiche glitzern und Bäche mäandern, Hecken und Alleen bedrohten Pflanzen und Tieren Lebensraum geben, und wir entdecken immer wieder kleine Kunstwerke, wie die Skulptur eines Buddhas zwischen Heil- und Zauberpflanzen. „Agrarkulturweg“ nennt sie diese landschaftliche Gestaltung, die sich an den biologisch-dynamischen Prinzipien von Rudolf Steiner orientiert und zum Ziel hat, die Landschaft behutsam zu regenerieren. Der Rundgang führt uns auch an einem Bienenhaus vorbei und endet schließlich im Hofladen, in dem nicht nur der selbst produzierte Honig und andere hoch veredelte Produkte aus eigenem Anbau verkauft werden, sondern auch Literatur zu Themen aus Kultur und Natur, ausgewählte Kinderbücher und Besonderes aus aller Welt vertrieben wird.
Zwei Monate später bin ich wieder am Mondsee, die wunderschöne Landschaft hat mich Berliner Stadtkind verzaubert, und außerdem findet dort ein Kongress über Schamanismus und Heilen statt, ausgerechnet im Schlosshotel am Mondsee. Der Höribachhof liegt im Zentrum des Geschehens: Eine Woche zuvor hatten sich die Schamaninnen und Schamanen dort zu einer Klausur getroffen, und während des Kongresses bietet der Hof einen Ort zum Rückzug und für -verschiedene -Rituale. Auch eine große indianische Schwitzhütte ist dort aufgebaut. Nicolette Waechter, von allen Niki genannt, ist immer da, wo sie gebraucht wird, und scheint über unglaubliche Energiequellen zu verfügen. Nie sehe ich sie erschöpft oder müde, und ich frage mich, wie sie das bloß alles schafft. Am Ende des Kongresses, als die meisten Schamaninnen und Schamanen abgereist sind, findet sie sogar noch die Zeit, sich mit mir für ein langes Gespräch zusammenzusetzen.
Freiheit und Grenzen
Ihre Kindheit beschreibt sie als Paradies, denn das ehemalige Klostergelände mit seinen verschlungenen Wegen bot viel Raum für die Abenteuer-lust der vielen Kinder, die sich dort tummelten. Das waren nicht nur die beiden jüngeren Brüder, sondern hauptsächlich die Kinder der zahlreichen Angestellten im Feudalreich ihres Großvaters, der patriarchalisch, aber locker und souverän das große Anwesen mit Land- und Viehwirtschaft, Wäldern, Fischerei, handwerklichen Betrieben und den drei Meier-höfen regierte. Da gab es wunderschöne Gärten und riesige Kuh- und Ochsenställe, die, wenn die Ochsen und Kühe im Sommer auf die Alm gebracht wurden, einen luftigen Raum für Federballspiele mit der Freundin boten. Nikis Sonderstellung aufgrund ihrer Herkunft war ihr unangenehm, obwohl sie mit ihrem Vater, der Mutter und den beiden Brüdern in einem eher bescheidenen Seitentrakt des Schlosses wohnte.
Als sie sieben Jahre alt ist, stirbt der Großvater. Mit dem Tod des feudalen Regenten brechen massive Konflikte in der Großfamilie aus. Ihr Vater, des Großvaters ältester Sohn, nimmt sich schließlich das Leben. Da ist Nicolette gerade elf Jahre alt.
Ihre Mutter verlässt daraufhin mit den drei Kindern das Anwesen, und nach kurzer Zwischenstation in Salzburg ziehen sie alle nach Starnberg in die Nähe von München. Dort erlebt und genießt sie die aufregenden und befreienden sechziger Jahre. Sie spielt in einer kleinen Theatergruppe am Gymnasium, liebt Jazz, interessiert sich für bildende Kunst und entdeckt ihre Leidenschaft für das Fotografieren, das sie sich selbständig mit einem Handbuch beibringt. Das Lesen aber bleibt ihre größte Leidenschaft, die ihr Großvater mütterlicherseits in ihr entzündete, als er ihr zur Erstkommunion einen Gedichtband mit dem Titel „Der ewige Brunnen“ schenkte. Mit diesem Geschenk begann ihre Liebe zur Lyrik, so dass sie fortan unter der Bettdecke verbotenerweise Gedichtbände verschlingt. Dieser Großvater, ein Arzt aus der deutschen Industriestadt Essen, der auch Gedichte schrieb, stirbt, als sie neun Jahre alt ist – ein großer persönlicher Verlust für sie, denn von diesem Mann fühlte sie sich verstanden. Sie spürte eine seelische Resonanz, und rückblickend glaubt sie, ihr Leben wäre vielleicht leichter verlaufen, wenn diese Verbindung nicht so abrupt beendet worden wäre.
Nach dem Abitur geht sie 1967 für ein halbes Jahr als Au-pair-Mädchen nach Paris, entdeckt dort das Kino als Kunstform und genießt die aufregende Stimmung, die schon den heißen Mai 1968 ankündigt. Als die soziopolitischen Proteste losbrechen, ist sie allerdings schon wieder abgereist und studiert in Wien, das sie im Gegensatz zu Paris als verstaubt und langweilig erlebt. Mit der Struktur des Studiums kommt sie überhaupt nicht zurecht und wechselt schließlich nach Freiburg, wo sie das Studium der Romanistik und der Erziehungswissenschaften abschließt und sich auch jung verheiratet.
Eine größere Kraft erfahren
Die Geburt ihrer Kinder beschreibt sie als einen persönlichen Wendepunkt, der ihr die Ahnung einer anderen Dimension des Seins vermittelt. Schon während ihrer ersten Schwangerschaft hat sie besondere intuitive Wahrnehmungen und Träume. Sie weiß, dass es ein Bub ist, dass er blonde Haare hat, dass er früher kommen wird, als geplant, und die Geburt sehr leicht sein wird. „Es hat auch alles gestimmt. Er kam vier Wochen zu früh, und die Geburt war ganz leicht. Ich hatte auch vorher schon von Fabian geträumt, wie er als goldenes Kind aus dem Meer steigt; das war ein starkes Bild. Als ich ihn dann bei der Geburt gesehen habe, war mein erster Gedanke: Ach, dich kenne ich schon seit Ewigkeiten. Das war wirklich unglaublich.“
Das zweite Kind wird ein Mädchen. Wieder ist es eine sehr leichte Geburt, aber die Schwangerschaft ist schon überschattet von der schwierigen Ehe, aus der sie sich befreien möchte. Doch dieser Moment der Freude, als sie ihr wunderbares Baby in Embryonalstellung vor sich liegen sieht, bleibt für sie die schönste Erinnerung ihres Lebens.
Für die ganze Familie belastend wird die Geburt des dritten Kindes, das mit Down-Syndrom und einem schweren Herzfehler zur Welt kommt. Ihr bricht heute immer noch die Stimme, als sie erzählt, dass die kleine Sophie mit acht Monaten nur vier Kilo gewogen hat. Doch gibt ihr eine tiefe Erfahrung mit diesem Kind die Gewissheit, dass hinter der alltäglichen Realität noch andere Dimensionen des Seins zu entdecken sind: Nach einer schweren Bronchitis stirbt die kleine Sophie, öffnet aber kurz vorher noch einmal ihre Augen. „Und dann ist sie – das kann man glauben oder nicht – auf einmal ganz aufgewacht und hat sich von mir mit einem strahlenden Lächeln verabschiedet. Das sage ich im Rückblick, denn ich habe es nicht sofort verstanden. Aber sie ist aus diesem völligen Benommensein, denn sie bekam starke Schmerzmittel, plötzlich völlig aufgewacht. Ich habe das so verstanden, gehört – sie konnte ja noch nicht sprechen, sie war erst acht Monate alt, dass sie gesagt hat: ‚Ich gehe jetzt, danke, es war wunderschön‘.“
Diese tröstende Gewissheit versöhnt Nicolette mit diesem Schicksalsschlag und bedeutet für sie den endgültigen Durchbruch hin zu einer spirituellen Entwicklung. Die Erfahrung einer größeren Kraft ist mit der Erkenntnis verbunden, einen eigenen, besonderen Lebensweg vor sich zu haben, und gibt ihr auch den Mut, sich aus ihrer Ehe zu lösen. Für kurze Zeit lebt sie allein mit ihren beiden Kindern und einem Pflegesohn zusammen, bevor sie sich wieder in einen Mann verliebt, mit dem sie dann dreizehn Jahre lang das Leben teilt. Auch dies ist keine leichte Beziehung, doch ist sie geprägt von vielen schönen Momenten.
Die Trennung, die dieses Mal von der anderen Seite ausgeht, ist für Nicolette nur schwer zu verkraften, zumal sie mittlerweile schon angefangen hat, den Meierhof am Mondsee in eigener Regie zu übernehmen – ihre Mutter war aufs Altenteil gegangen und hatte ihr den Hof vorzeitig übergeben. Den Mondsee hatte ihr der jüngere Bruder vererbt, der 26-jährig viel zu früh an Krebs verstorben war und als ursprünglicher Alleinerbe sein Erbteil an die Familie weitergereicht hatte. So war sie, die von der Familie nie als Erbin vorgesehen war, da für die Familientradition eine Frau als Erbin nicht in Frage kam, doch noch zur Trägerin dieser Tradition geworden.
Schon in den 80er-Jahren war der Höribachhof von einer Gruppe von Künstlern im Sommer immer wieder für wechselnde Kunstausstellungen genutzt worden. Jetzt entschließt sie sich ohne jedes Zögern, dieses Konzept nach einer Vision, die sie schon vor Jahren in einer Selbsterfahrungsgruppe innerhalb der Ausbildung zur Gestalttherapeutin erlebt hatte, weiterzuentwickeln. Es erscheint ihr, als ob all ihre Kapazitäten, ihre verschiedenen Interessen, Ausbildungen und künstlerischen Begabungen mit der Umsetzung dieser Vision zur vollen Entfaltung kommen und sich verwirklichen können.
Kulturgut Höribachhof
Als erstes beginnt sie Mitte der 90er-Jahre, die Landschaft rund um den Hof herum, die größtenteils aus Wiesen besteht, vorsichtig umzugestalten. Dabei kommt es ihr zugute, dass sie sich während ihrer Ausbildung zur Waldorflehrerin intensiv mit Landschaftsregeneration beschäftigt hat. Sie beginnt, Hecken anzupflanzen, Erdwälle auszuheben, Teiche anzulegen und die Bäche wieder frei mäandern zu lassen und experimentiert mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, die bestimmte Kompostpräparate anwendet und bei Aussaat und Ernte die Gestirnkonstellationen berücksichtigt. Die Beziehung zur Natur ist für sie der Königsweg zur Spiritualität: „Mein ganzer Bezug zur Natur ist ein spiritueller, ich erlebe die Natur als sehr wesenhaft und habe einen unmittelbaren Zugang zu den Pflanzenwesen. Ich bin nicht hellsichtig, aber ich kann mit Bäumen kommunizieren.“ Sie kann eine sogenannte Störzone in der Landschaft erspüren und weiß, dass an einer bestimmten Stelle ein Stein fehlt. Ihre Wahrnehmung einer Belebtheit der Landschaft durch Naturwesen reicht ihrem ästhetischen und künstlerischen Empfinden die Hand.
Nachdem auch die beiden Gebäudeteile aufwendig renoviert und Abstellräume und ehemalige Viehställe nutzbar gemacht worden sind, so dass schließlich neben dem Wohnhaus ein großes Gewölbe für Kunstausstellungen und Feste, ein Dachboden als besonderer Seminarraum und eine Tenne als Sommerraum für große Formate entstanden sind, entwickelte sich der ehemalige Meierhof zum „Kulturgut Höribach“.
Kunstausstellungen thematisieren fremde Kulturen oder dokumentieren den besonderen Bezug zur Natur, Konzerte machen vertraut mit Weltmusik und Feiern zur Winter- und Sommersonnenwende begleiten den Rhythmus der Jahreszeiten. Es gibt auch besondere Programme für Kinder, und die schönen Räume werden für Hochzeiten und andere Festivitäten oder Seminare vermietet. Unterstützt wird sie dabei von einem Kreis von Menschen, mit denen sie sich als Team freundschaftlich verbunden fühlt. Darunter sind sowohl eine langjährige Freundin als auch David, der seine Heimat Nigeria verlassen musste und nun als ehemaliger Farmer nicht nur in der Landwirtschaft hilft, sondern auch als Musiker und Trommler die Feste begleitet.
Die Quelle ihres Wohlstands, der all diese Aktivitäten erst möglich macht, ist der See, denn alle Nutzer des Mondsees zahlen dafür eine Art Pacht. Ihre Stellung als Besitzerin des Mondsees setzt Nicolette Waechter gezielt ein, um diesen zu schützen, denn der -boomende Tourismus verlangt nach bequemen Straßen und Hotelanlagen mit entsprechender Nutzung des Sees. Den Bau einer Straße kann sie mit ihrem Einspruch vorläufig verhindern. Ein Motorbootverbot, für das sie jahrelang zusammen mit einer grünen Bürgerinitiative gekämpft hatte, kann zunächst nicht gegen die massiven Interessen der Lobbyisten durchgesetzt werden. An diesem Punkt entschließt sie sich, ihre Macht auszuspielen und Motorboote auf ihrem See zu verbieten, woraufhin sie von der Republik Österreich verklagt wird. Der anschließende Prozess geht verloren und kostete sie eine Menge Geld. Doch wird überraschenderweise danach doch noch ein Motorbootverbot von der Landesregierung erlassen, wenn auch mit vielen Ausnahmen. Besitzerin eines Sees zu sein, empfindet sie als besondere Herausforderung und Verantwortung, denn sie wird oft von verschiedenen Interessengruppen angegriffen. Es sei schwer, als Frau in dieser Position Anerkennung zu finden, und sicher gäbe es auch einige, die sie für ein bisschen verrückt hielten, aber man zolle ihr auch Respekt. Da sie prinzipiell nie lüge, gebe ihr das Sicherheit in ihrem Auftreten und Glaubwürdigkeit. Bei der Bewältigung dieser Aufgabe helfe ihr eine gewisse Reife, die sie als eine Folge ihrer spirituellen Entwicklung betrachtet. Dadurch habe sich bei ihr eine Klarheit und Selbstverständlichkeit bei Entscheidungen eingestellt, ohne sich ständig fragen zu müssen: „Mache ich das jetzt, oder nicht?“
Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit astrologischen Studien und betrachtet die Astrologie als einen kreativen Weg der Selbsterkenntnis im Sinne einer künstlerischen Form der Hermeneutik. Ihr astrologi-sches Sonnenzeichen befindet sich in der Ekliptik der 360 Tierkreisgrade an einem Punkt, der mit dem Symbol „Kampf zwischen Fackeln und Schwertern“ beschrieben wird. „Mit diesem Bild fühle ich mich vollkommen verstanden. Die Fackeln sind das Geisteslicht, die Spiritualität. Das ist die eine Seite, und die andere Seite ist das Schwert – das Kämpferische in mir. Übersetzt ist das die Rolle des heiligen Kriegers, der versucht, zwischen diesen Extremen die Balance zu wahren.“ ´
Weitere Informationen: www.hoeribachhof.at
Farah Lenser ist Sozialwissenschaftlerin und freischaffende Journalistin. Ihr Schwerpunkt als Moderatorin ist die Wiederbelebung der Gesprächskultur. www.farah-lenser.de
|