Was man zu Hause über das Wesen des Lernens erfahren kann.
Wer etwas über das Wesen des Lernens verstehen möchte, darf nicht in Schulklassen, sondern muss in freien, informellen Zusammenhängen forschen, so die Erkenntnis des Erziehungswissenschaftlers Alan Thomas. Hier berichtet er über seine aufschlussreichen Studien.
Wie lernen Menschen am besten? Diese Frage hat mich schon immer beschäftigt. Als Erziehungswissenschaftler sollte ich darauf fundierte Antworten geben können. Doch selbst während meiner Lehrtätigkeit an der Universität blieb sie für mich nach wie vor offen. Mehr noch, ein tiefes Gefühl sagte mir, dass da irgendetwas mit meiner eigenen schulischen Entwicklung nicht in Ordnung gewesen sein musste, und ich begann, der Frage, wie Kinder eigentlich lernen, noch grundsätzlicher nachzugehen.
Der Rückblick auf die Erkenntnisse klassischer Philosophen und pädagogischer Denker war mein erster Vorstoß, um im Rahmen meiner Forschungstätigkeit Licht ins Dunkel zu bringen. Das Ergebnis der Untersuchung, die einen Zeitraum von zwei Jahrtausenden einschließt, ist die einhellige Meinung der „Experten“, dass es am besten sei, Kinder individuell zu unterrichten. Unter dem Titel „Individualisierter Unterricht“ veröffentlichte ich meine Ergebnisse (1992, Individualised Teaching, Oxford Review of Education, No. 18).
Ein erfolgreicher Unterricht bedingt, dass man zunächst erfahren muss, was jedes einzelne Kind weiß und wie es denkt. Nur so kann man es angemessen begleiten. Sogar in der heutigen Zeit verweisen Pädagogen auf Einzelunterricht als ideale Form des Unterrichtens. In einem Klassenzimmer mit 30 Schülern ist es schlicht nicht möglich, Kinder individuell zu betreuen. Selbst wenn in den Broschüren mancher Schulen steht:„Unser Ziel ist es, Ihr Kind entsprechend seinen persönlichen Interessen und Bedürfnissen zu unterrichten“, kann das in der Praxis überhaupt nicht geleistet werden.
Jenseits des Unterrichtens
Kurz nach der Veröffentlichung meines Artikels „Individualised Teaching“ traf ich meinen Kollegen Roland Meighan, der über unterschiedliche Bildungssysteme forscht. Das war eine für mich wegweisende Begegnung, die mit einer Irritation begann: Als ich ins Zimmer kam, hörte ich ihn zufällig zu jemand anderem sagen: „Ah, der Alan Thomas hat diesen Fimmel mit dem Unterrichten …“ Verwirrt fragte ich mich, was denn am Unterrichten so falsch sein sollte. Nachdem wir uns ein wenig unterhalten hatten, zeigte er mir einen Brief von einer Familie, deren Kinder sich von zu Hause aus bildeten. Darin wurde angefragt, ob nicht jemand bereit wäre, eine Woche bei ihnen zu leben, um hautnah zu erfahren, wie sich das abspielt. So kam ich erstmals in Kontakt mit dem Phänomen des informellen Lernens. Ich verbrachte eine ganze Woche mit dieser von zu Hause aus lernenden Familie. Am ersten Morgen kam ich früh aus meinem Zimmer. Ich frühstückte, putzte mir die Zähne und setzte mich mit meinem Klemmbrett auf dem Schoß hin. Nichts geschah. Irgendwann lief dann ein Junge mit einem Buch vor der Nase an mir vorbei. Er las und ignorierte mich vollständig. Und so ging es die Woche über weiter. Ich bot an, den Kindern Wahrscheinlichkeitsrechnung beizubringen, und die Mutter antwortete sehr höflich: „Na, vielleicht später in der Woche.“ Am Freitagmorgen sagte sie, „vielleicht heute Nachmittag.“ Und am Nachmittag: „Jetzt ist es zu spät. Es lohnt sich nicht, jetzt noch anzufangen.“ Sehr sanft hat sie mich vom Unterrichten abgehalten.
Aber am Mittwoch ereignete sich etwas Zufälliges. Die Familie saß in der Küche um den Tisch, und alle gingen den Projekten nach, die sie interessierten. Die Mutter kochte, und ich saß da mit meinem Klemmbrett. Die Unterhaltung reichte vom Politischen bis zu „können wir Hefeschnecken zum Tee haben?“ Alle möglichen Themen kamen auf den Tisch. Ich dachte, wow, das ist Lernen durch soziale Unterhaltung! Mitten im Gespräch vermittelten sich kleine Häppchen von Lernen, ohne dass sich jemand das bewusstmachte.
Meine nächste Veröffentlichung trug den Titel „Lernen durch Konversation“ (1994 Conversational Learning, Oxford Review of Education). Das ist eine weitere Praktik, die an einer Schule nicht eingeübt werden kann, da dort außer Gesprächen mit Altersgenossen kaum sozialer Austausch mit Menschen stattfindet, die mehr wissen als man selbst. Mein Artikel endete mit dem Fazit, dass man nur durch Studien über Kinder, die ohne Schule leben und lernen, mehr über das Wesen des Lernens erfahren könne. Dabei bezog ich mich auf das wunderbare Buch von Barbara Tizard mit dem Titel „Young Children Learning at Home and in School“. (Tizard, B. & Hughes, M. (1984) London, Fontana). Darin beschäftigt sich die Autorin mit Kindern, die die Hälfte ihrer Zeit in der Kindereinrichtung und die andere Hälfte zu Hause verbringen.
Es ging ihr beispielsweise um Unterschiede zwischen der Sprache der Kinder zu Hause und in der Schule. Zu ihrem Erstaunen wurde ihre ursprüngliche Erwartung, dass das Sprachniveau der Mittelklasse-Kinder zu Hause höher als in der Schule sein würde, das Sprachniveau der Kinder aus der Arbeiterklasse in der Schule hingegen besser als in ihrem häuslichen Umfeld, in keiner Weise erfüllt. Unabhängig vom gesellschaftlichen Stand war das sprachliche Niveau, auf dem die Eltern und Kinder zu Hause miteinander kommunizierten, weitaus höher als das der in der Schule verwendeten Sprache. Doch damit nicht genug: Die Kinder waren zu Hause auch viel besser in der Lage, ihre eigenen logischen Überlegungen und Gedankengänge zu entwickeln und eine komplexe Argumentation aufzubauen.
In den frühen 90er-Jahren interviewte ich eine Vielzahl von Familien, in denen Bildung ohne Schul-besuch stattfand. Was als Untersuchung in sehr kleinem Umfang begonnen hatte, gedieh zu einer Studie mit hundert Familien aus Australien und England. Ich fand ein breites Spektrum von Ansätzen: von äußerst formal (in einer Familie wurde um 9 Uhr morgens eine Glocke geläutet, und die Kinder kamen zum Beginn des Unterrichts vom Garten herein) bis hin zum anderen Extrem, wo die Kinder taten, was ihnen gefiel, ohne irgendwelche ersichtlichen Strukturen. Nur wenige dieser Familien hielten sich sorgfältig an den schulischen Ansatz. Die Mehrzahl arbeitete morgens überwiegend strukturiert und hielt sich den Nachmittag frei. Eine kleine Anzahl schließlich ging völlig informell an die Sache heran. Ich möchte mich derzeit nicht festlegen lassen, welcher dieser Ansätze der beste sei. Ein guter Ratschlag für Familien, die Bildung von zu Hause das erste Mal ausprobieren und sich daher unsicher fühlen, ist vermutlich, mit einem strukturierten Ansatz zu beginnen und ihn im Lauf der Zeit an die jeweils individuellen Bedürfnisse aller Beteiligten anzupassen.
Ich war besonders an denjenigen Eltern interessiert, die mit einer eher formalen Praxis begonnen hatten und allmählich eine informellere Herangehensweise entwickelt hatten, denn meist begründet dies ein Handeln aus eigener Erfahrung und entspricht nicht irgendeiner Ideo-logie. Oft begannen Familien beispielsweise mit vorbereiteten Unterrichtsstunden, aber irgendwann hörten sie auf, Stundenpläne aufzustellen, denn man machte einfach an der Stelle weiter, wo man vorher aufgehört hatte. Auch das Benoten und Bewerten erwies sich als überflüssig, denn sie wussten immer genau, wo ihr Kind gerade stand. Bald merkten die Eltern auch, dass ihre Kinder sehr viel außerhalb des formalen Systems lernten, und beschränkten das Unterrichten oder strukturiertes Lernen deshalb bald auf eine oder zwei Stunden am Morgen. Häufig hörte ich Sätze wie: „Ich weiß nicht, wo sie das her haben, sie wissen es einfach“ oder sogar: „Wir machen einen Mathekurs, aber der größere Teil des Mathelernens scheint nebenbei stattzufinden.“
Manche Eltern erzählten mir auch, dass sie eine sehr interessante Unterrichtsstunde vorbereitet hatten und die Kinder sich dagegen sträubten, auf diese Weise zu lernen – ihre Körpersprache zeigte, dass sie an dem Thema nicht interessiert waren. Hier liegt nun ein entscheidender Unterschied zwischen der Schule und dem Lernen zu Hause. In der Schule muss man mit dem Unterricht weitermachen, ohne Rücksicht darauf, wer zuhört und wer nicht. Aber zu Hause ist die Rückmeldung, die man von den Kindern bekommt, unmissverständlich. Wenn das Kind nicht interessiert ist, finden es die Eltern sinnlos, ihren Unterricht nach einem vorgefertigten Schema fortzuführen, und finden gemeinsam mit dem Kind neue, kreative Wege.
In diesem Zusammenhang noch ein Wort zur Lese- und Schreibfähigkeit. Zunächst fand ich es seltsam, dass mir Eltern berichteten, ihre Kinder hätten irgendwann zwischen zwei und elf Jahren lesen gelernt. Diejenigen Kinder, die spät zu lesen begonnen hatten, beispielsweise erst mit neun Jahren, brauchten den Eltern zufolge nur ein halbes Jahr, um auf dem Niveau eines Erwachsenen zu lesen, und hatten dabei größtes Vergnügen. Das kann man von Schulkindern, denen entgegen ihrem Interesse mühsam als kleine Kinder das Lesen beigebracht wurde, leider nicht immer sagen.
Wie verstehen wir informelles Lernen?
Untersuchungen zum informellen Lernen von Erwachsenen beschreiben diese Lernprozesse als „schwer fassbar“, „implizit“, und sehr, sehr schwierig dokumentierbar. Überall nimmt man diese kleinen Stückchen von neuem Wissen, neuen Erkenntnissen und Erfahrungen auf. Wie um alles in der Welt verbindet ein Kind das alles in seinem Gehirn zu einem zusammenhängenden Wissensbild? Doch andererseits – wir machen uns auch nicht groß Gedanken darüber, wie Kinder eigentlich sprechen lernen. Sie lernen eben sprechen. Manchmal erhält man kleine Einblicke in diesen Lernprozess, aber keinesfalls werden die Kinder im Sprechen unterrichtet. Informelles Lernen besteht freilich nicht ausschließlich aus unbewussten Lernprozessen. Häufig findet auch zielorientiertes Lernen statt, beispielsweise wenn sich ein Kind nach einem Film dazu angeregt fühlt, etwas über das Leben im alten Rom in Erfahrung zu bringen.
Ich hatte das große Glück, beim Schreiben meines ersten Buchs eine Mutter kennenzulernen, die geradezu darauf versessen war, das ganze informelle Lernen ihres Kindes zu dokumentieren. In ihren Aufzeichnungen äußert sich zuweilen auch Unsicherheit: „Ich weiß nicht, wo all dies hinführt. Manche Fäden führen hierhin, andere Fäden führen dorthin, und manche scheinen überhaupt nirgends hinzuführen. Manchmal ist mir danach, zu sagen, ‚so, jetzt holen wir das Lehrbuch raus und lernen mal anständig!‘“ Aber sie tat es nicht, und ihre Tochter lernte dennoch weiter. Sie lernte alles mit Ausnahme dessen, was ihre Mutter ihr beizubringen versuchte, nämlich das Einmaleins. Das kam erst, als sie zehn oder elf Jahre alt war. Aber die 20er-Reihe hatte sie vor allen anderen gelernt, weil sie herausgefunden hatte, dass man durch Rückgabe von Pfandkästen im Supermarkt 20 Cent verdienen konnte. So beherrschte sie mit gerade mal fünf oder sechs Jahren die 20er-Reihe. Mit elf Jahren entsprach ihr Wissensstand dem ihrer Altersgenossen, die zur Schule gingen.
In Zusammenarbeit mit der Anthropologin Harriet Pattison bin ich auf einige sehr interessante Forschungen im Bereich des informellen Lernens bei Erwachsenen gestoßen. Darin berichten eine Reihe von Berufstätigen, wie Ärztinnen und Ärzte, Rechtsanwälte, Sozialarbeiter etc., dass sie einen großen Anteil ihres Wissens „tröpfchenweise“ aufgeschnappt haben, ohne sich dabei bewusst zu werden, dass sie jeweils lernten, hauptsächlich, indem sie Zeit mit Kollegen verbrachten (Garrick, J. (1998) Informal Learning in the Workplace: Unmasking Human Resource Development. London, Routledge).
Einen Anwalt, der in dieser Studie zu Wort kam, möchte ich gerne zitieren: „Während meiner ganzen Laufbahn war ich mit informellem Lernen beschäftigt, ohne mir dessen bewusst zu sein; mit dem, was ihr Forscher informelles Lernen nennt. … Es ist nichts, worüber man nachdenkt, während man es tut, es scheint einfach tröpfchenweise stattzufinden. Wenn mir etwas begegnet, was mir vorher noch nie begegnet ist, kann ich einfach einen Kollegen fragen, weil der mehr Erfahrung hat. Natürlich kann man nicht den ganzen Tag herumsitzen und sich mit Leuten unterhalten, aber es ist wichtig, sich mit Menschen auszutauschen, dem Raum zu geben, nicht nur für berufsbezogene Angelegenheiten – und manchmal bekommt man eine kleine Zugabe, die man niemals erwartet hätte.“
Wer eine neue Arbeit anfängt, greift viele der dafür notwendigen Informationen in einem informellen Rahmen nebenbei auf. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Studie mit brasilianischen Zimmerleuten, die, ohne jemals einen Kurs besucht zu haben, ein besseres Verständnis von Mathematik in Bezug auf Zimmermannsarbeiten hatten, als Lehrlinge, die gerade erst in diesem Fach unterrichtet wurden. Man lernt offenbar sehr effektiv an der Seite von anderen, die etwas besser können als man selbst (Carraher, D.W. & Schliemann, A.D. , Reasoning in mathematics education: realism versus meaningfulness, in: D.H. Jonassen & S.M. Land (Hrsg.) Theoretical Foundations of Learning Environments. New Jersey, Lawrence Earlbaum Associates).
Es existieren nur sehr wenige Studien über frühkindliches informelles Lernen. Die meisten Pädagogen gehen immer noch davon aus, dass auch bei sehr kleinen Kindern das Lernen letztlich von Erwachsenen gesteuert ist. Doch meine Forschungen betonen eher das selbstgesteuerte Wesen des informellen Lernens. Kinder lernen, was sie in ihrer Kultur an Fähigkeiten benötigen. Wir sind von unserem Wesen her darauf ausgerichtet, unsere Kultur zu erlernen. Wenn diese Kultur nun intellektuelle Elemente beinhaltet, wie grundlegende Kenntnisse in Mathematik oder die Fähigkeit, sich differenziert zu artikulieren, dann wird auch dieses Wissen erworben. Wir sind beispielsweise ständig von Wörtern umgeben, z.B. von Firmen- oder Straßennamen, und die Kinder sehen, wie die Erwachsenen sie lesen und möchten das auch können. Kleine Kinder von drei oder vier Jahren tun so, als könnten sie schreiben, weil es eine kulturelle Fähigkeit ist, die sie von sich aus erwerben wollen. Allein schon dadurch, dass Eltern ihren Kindern vorlesen, lernen viele Kinder lesen, ohne darin „unterrichtet“ zu werden. Das ist wirklich schockierend für einen professionellen Pädagogen. Der leitende Schulinspektor des OFSTED (Central Government’s Office for Standards in Education – zentrales Regierungsamt für Bildungsstandards in Großbritannien) erklärte kürzlich:„Die Vorstellung, dass Kinder das Lesen durch Osmose lernen können ist schlicht und einfach verrückt“ („Teaching in 1960s crackers, says inspector“ in: Rebecca Smithers, The Guardian, 6. Oktober 2004). So etwas ärgert mich, weil ein gebildeter Mensch es besser wissen sollte. Solche Aussagen entspringen einer simplen Ideologie, die keine anderen Möglichkeiten zulassen will.
Lernen im Spiel
Sich mit dem Spielen von Kindern zu beschäftigten, ist für die Frage, wie Kinder lernen, äußerst aufschlussreich. In Großbritannien gibt es eine Debatte zwischen den Befürwortern des freien Spiels und den „Bildungsmanagern“, die behaupten, dass jegliches Spiel, das nicht ordentlich geleitet wird und keine Lernziele enthalte, wertlos sei. Dennoch hat man beobachtet, dass Kinder, die einfach ihrem Spiel überlassen wurden, in ihren Aktivitäten die gesamte Welt, die sie erleben, rekonstruieren. Sie kochen, sie putzen, sie polieren, sie planen, sie reisen, sie forschen, sie werden krank, sie gehen ins Krankenhaus und erholen sich wieder, sie unterrichten, sie schimpfen, sie bestrafen, sie verlieben sich, sie heiraten und bekommen Kinder. Es gibt so gut wie keinen Lebensbereich, der im Kinderspiel nicht wiedergefunden werden kann. Spiel ist eine Möglichkeit, das Sein in der Kultur zu üben (Hall, N. (1994) Play, Literacy and the role of the teacher, J.R. Moyles (Hrsg.) in: The Excellence of Play. Philadelphia, Open University Press).
Wir wissen, dass Kinder auch nachdem sie das Schulalter erreicht haben, weiterhin spielerisch lernen, und doch wird es in Schulen als Zeitverschwendung angesehen, dem lediglich Erholungswert zukommt. Dabei gibt es zahllose Beispiele, wie Kinder im Spiel recht komplizierte Dinge gelernt und ausprobiert haben.
Wie lernen Kinder nun ganz konkret von Minute zu Minute? Zum einen durch Beobachtung, indem sie zuschauen, was Menschen tun. In Australien gab es einen herrlichen Werbespot im Fernsehen, der darauf ausgerichtet war, den Alkoholkonsum zu verringern. Gezeigt wurden zwei kleine Kinder, die ihre Eltern nachspielten. Die „Mutter“ war zu Hause, und der „Vater“ kam herein mit den Worten: „Oh, was hatte ich für einen schweren Tag!“ Und dieser kleine Junge von drei oder vier Jahren lief schnurstracks zum Kühlschrank und tat so, als hole er sich sein Bier. Und das kleine Mädchen sagte: „So, ich genehmige mir ein Glas Wein.“ Die Bildunterschrift lautete „Sie sehen alles, was du tust … und lernen es!“
Eine weiteres Lernverfahren, dem wir begegnet sind, war das Üben. Sie denken vielleicht: „Oh nein, das klingt langweilig, das tun Kinder in der Schule!“ Aber wir entdeckten, dass informell lernende Kinder sehr viel üben. Ein kleines Mädchen war mit uns im Auto unterwegs und sagte aus heiterem Himmel: „In sechs Jahren bin ich dreizehn“, und ihre Mutter fragte: „Das ist richtig, wie hast du das herausbekommen?“ Das Mädchen antwortete: „Ich rechne immer Plus und Minus in meinem Kopf.“ Sie übte. Nicht, weil ihr jemand gesagt hatte, sie solle es tun, sondern sie tat es von selbst, um ihr Mathematikverständnis zu verfeinern und zu erweitern.
Als Drittes erwähne ich noch die „intellektuelle Nachforschung“ (intellectual search) als eine der Lernmethoden, die wir beobachteten. Tizard und Hughes (Young Children Learning at Home and in School, Fontana, London 1984) verwenden diesen Ausdruck in ihren Forschungen. Kleine Kinder stellen unablässig Fragen, während sie entweder alleine oder mit ihren Eltern einen logischen Gedankengang verfolgen. Wenn Kinder erwachsen werden, setzt sich dieser Trend fort, indem sie gezielte Nachforschungen zu einzelnen Themen anstellen. Diesem Bedürfnis kommt entgegen, dass ältere Kinder, die sich zu Hause informell bilden, ihre Interessen ohne Zeitbeschränkung so lange verfolgen können, wie sie möchten. Ein Junge, den ich im Rahmen meiner Studien begleitete, hat sich beispielsweise ein ganzes Jahr lang ausschließlich mit Chemie beschäftigt. Das ist fortgeschrittene intellektuelle Nachforschung.
Schlussfolgerungen
Was schließen wir aus all dem? Zum einen: Soweit intellektuelle Fähigkeiten und intellektuelles Wissen einen wesentlichen Bestandteil der Kultur bilden, geschieht die Aneignung während des Aufwachsens, ohne dass dieses Lernen von den vielfältigen sozialen Zusammenhängen, in denen die Menschen stehen, abgegrenzt werden müsste. Zum anderen: Die Art des Lernens, die während der ersten Lebensjahre stattfindet, kann über das Ende der frühen Kindheit hinaus fortgesetzt werden. Professionelle Pädagogen erkennen dies nicht an. Nach der Einschulung vollzieht sich ein Schnitt, nach dem die Kinder plötzlich einer völlig anderen Art von Pädagogik ausgesetzt sind. Die frühe Pädagogik ist selbstgesteuert und informell. Die zweite folgt dem Schema „Ich werde dir zeigen, was du lernen musst.“ Beide sind sehr, sehr unterschiedlich.
Die meisten Eltern, die ich in meinen früheren Studien befragt habe, sagen heute, dass sie das Lernen zu Hause gerne noch etwas informeller gestaltet hätten – ein interessanter Aspekt, dem ich in weiteren Studien und Veröffentlichungen nachgehen möchte.
Aus meinen bisherigen Arbeiten kann ich in Bezug auf die Entwicklung der Kinder eine Reihe verschiedener Ergebnisse ableiten. Einige dieser Kinder erreichen höchste Punktzahlen bei den Eingangstests der Universitäten, andere liegen eher im Mittelfeld. Was ihnen allen gemeinsam zu sein scheint, ist eine klare Vorstellung von ihrer Zukunft. Oft führt ihr Weg nach der Prüfung für die Hochschulreife nicht zwingend an eine Universität, sondern sie gehen eigene, kreative Wege. Sie haben gelernt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und selbst Entscheidungen zu treffen. ´
Dr. Alan Thomas ist Gastprofessor an der Universität London. Er veröffentlichte seine Studien zu über 100 Familien aus Großbritannien und Australien, die ihre Kinder zu Hause unterrichteten, in seinem Buch „Educating Children at Home“ (Continuum Intl Pub Group, Sydney 1998). Derzeit arbeitet er mit Harriet Pattison an einem neuen Buch: „How Children Learn at Home“, das seinen Fokus auf das Wesen des informellen Lernens legt.
|