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Partizipation als Heilmittel
erschienen in Ausgabe 145  PDF-Version (308.54 KB)
Demokratischer Aufbruch und Viergliederungsbewegung.

Die Integration von Spiritualität in die Gestaltung von Wirtschaft, Gesellschaft und -Politik darf nicht eine Rückkehr zur Theokratie bedeuten. Sangeet Gil stellt diese wichtige Unterscheidung und die aktuelle Vernetzung von Gruppen und Themen dazu aus der Sicht eines Dynamik5-Aktiven dar.


Es gibt einen grundsätzlichen Widersacher jeder spirituell-emanzipierten Entwicklung. Dieser Widersacher bekämpft die Bewusstwerdung der Menschheit ebenso wie die Bildung einer gewaltfreien, selbstbestimmten und für alle Menschen befriedigenden Kultur des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Die Rede ist weder vom Teufel, noch von Bill Gates oder dem internationalen Finanzkapital und auch nicht von irgendwelchen Figuren einer angeblichen „Weltverschwörung“. Es ist überhaupt keine Person gemeint, sondern ein Prinzip. In der Physik heißt dieses Prinzip „Entropie“. Gemeint ist die Trägheit der Materie. Wenn Materie keine Energie zugeführt wird, zerfällt ihre Struktur. Zurück bleibt Chaos.
Dies ist das Los der Menschen im unteren Teil der Zweidrittelgesellschaft. Sie werden nach und nach aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und in Armut und Bedeutungslosigkeit zerrieben. Im oberen Teil der Zweidrittelgesellschaft entsteht ein entgegengesetzter Prozess mit dem gleichen Ergebnis. Wenn die Materie oder eine Struktur zu schwach sind, um die zugefügte Energie aushalten zu können, zerfallen sie ebenso wie im oben genannten Beispiel. Bei zuwenig Energie sackt sie zusammen, bei zuviel fällt sie auseinander. Das Ergebnis ist das gleiche.
Aufgrund der eigenen Trägheit verhindern die Gewinner der gegenwärtigen Machtverhältnisse, dass nach einer Gesellschaftsreform wieder ein gesunder Energiefluss in alle Schichten stattfinden könnte. Die modernen Medien erhalten den Zustand der Lethargie bei den Menschen kontinuierlich aufrecht. Die größte Angst der Menschen ist das Chaos – der Verlust der eigenen Stabilität. Doch das Ergebnis wird eben dieses Chaos sein, indem die Gesellschaft aufgrund ihrer Unausgewogenheit mehr und mehr zerfällt.
Der Verlust einer gemeinsamen Identität der Menschen dieser Gesellschaft ist ein Nebenprodukt der industriellen Revolution. Unsere Arbeits- und Lebensprozesse werden mehr und mehr mechanisiert und gleichgeschaltet. Aber dieser Mechanismus ist eine evolutionäre Erstarrung, die den Zerfall unausweichlich macht. Die überwiegende Masse der Menschen verliert ihr kreatives Ausdruckspotenzial – und ist damit der Sinnlosigkeit ausgeliefert.

Eine spirituelle Gegenbewegung

Es gibt vielfältige Konzepte, um dem entgegenzuwirken, und einige davon sind sehr vielversprechend. Aber sie gehen an die Wurzel des jetzigen -Systems und haben aus eben diesem Grund bisher -keine Chance, sich durchzusetzen. Statt dessen versuchen -große Teile der politischen und wirtschaftlichen -Elite, das gegenwärtige System der Vereinheitlichung der Machtstrukturen immer weiter auszubauen. Die Gewinner der Verhältnisse folgen einem kollektiven Traum, ihr mechanisches – sprich neoliberales – Weltbild bis zur Vollkommenheit zu installieren. Dies ist in ihren Augen eine angenehme Vision, aber sie kann nicht funktionieren. Sie nehmen damit den Menschen ihre kreative Lebenskraft.
Ende Januar dieses Jahres trafen sich 21 Personen aus unterschiedlichen politischen Zusammenhängen zur Tagung „Neue Demokratie – neue Ökonomie“ in Bad Honnef. Ziel der Tagung war es, die Philosophie der Viergliederung der Demokratie (siehe auch Holon-Seiten in KursKontakte 142) mit den vielfachen Initiativen für einen regionalen Aufbruch in Verbindung zu bringen. Die Teilnehmer waren bunt gemischt. Dynamik5 Deutschland e.V.(einschließlich Netz Vier) und das Forum Kirche und Politik e.V. waren die einladenden Organisationen. Außerdem waren Vertreter von Initiativen für Regionalgeld und Geldreformen anwesend. Im Anschluss an das Treffen haben sich einige neue Bündnisse gebildet, von denen zwei besonders erwähnenswert sind:
@Aktion zur Einführung der dreistufigen Volksgesetzgebung in Deutschland:
Diese Aktion wird von gesellschaftlichen Kräften getragen, die das Anliegen unterstützen, dass die stimmberechtigte Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland künftig die Möglichkeit haben soll, Gesetzesinitiativen zu ergreifen und sie gegebenenfalls über Volksbegehren mit Volksentscheid zu beschließen (dreistufige Volksgesetzgebung). Sie möchte die Volksvertretung dafür gewinnen, ein entsprechendes Gesetz nicht in Gestalt eines Parteienkompromisses – in diesem Fall eine eher schlechte Lösung – zu beschließen, sondern die Entscheidung dem Volk selbst zu überlassen, wie es sein Souveränitätsrecht elementar ausgestalten will.
In Deutschland gibt es seit mehr als zwanzig Jahren Bestrebungen zur Einführung der Volksgesetzgebung durch die Ermöglichung von Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid. Dessen verfassungsrechtliche Grundlage ist der Artikel 20 des Grundgesetzes, der das Prinzip der Volkssouveränität festlegt: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, das sie „in Wahlen und Abstimmungen“ ausübt. Demokratie führt demnach einerseits in die Ordnungen des parlamentarischen Systems, das wir seit der Gründung unseres Gemeinwesens praktizieren. Andererseits sollte es nach der Verfassungsnorm daneben auch das Element eines plebiszitären politischen Prozesses geben, der bisher jedoch im Hinblick auf die Teilnahme des Souveräns an der Gesetzgebung nicht geregelt war.
Häufig wenden sich die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Interessengruppen mit Appellen, Lobbyarbeit oder Petitionen an den parlamentarischen Gesetzgeber, aber sie können nie in Erfahrung bringen, ob sich in ihren Forderungen nur Gruppeninteressen äußern oder ob sie vom Mehrheitswillen getragen sind. Das kann nur durch eine Volksabstimmung ermittelt werden. Weitere Informationen dazu finden Sie auf www.volksgesetzgebung-jetzt.de.
@Die zweite Initiative, die ich hier anführen möchte, ist die Kandidatur des Berliner Sozialforschers Johannes Heinrichs als Spitzenkandidat für die Humanwirtschaftspartei bei der Landtagswahl im September.
Durch den Bankenskandal ist gerade Berlin reif für den Sprung aus dem Teufelskreis der neoliberalen Pseudoreformen. Die Partei wird mit einem Programm zur Einheit von Demokratie- und Geldreform antreten. Mit Johannes Heinrichs ist eine Person gefunden, die das gut begründete Konzept zur „Revolution der Demokratie“ entwickelt hat und vielen Berlinern noch als Nachfolger von Rudolf Bahro an der Humboldt-Universität in guter Erinnerung ist. Seine Hauptforderung lautet: Viergliederung des parlamentarischen Systems in ein gestuftes Kompetenzen-System von unabhängig gewählten Teilparlamenten für die Bereiche Wirtschaft, Politik im engeren Sinne, Kultur und Grundwerte.
Konkret formuliert er dies folgendermaßen: „Es gibt schon jetzt eine ganze Reihe spiritueller Gruppen (darunter Dynamik5) und auch mehrere spirituelle Parteien wie ‚Die Violetten‘, die auf Gestaltung der Politik aus spirituellen Werten zielen. Was diese meines Erachtens einsehen müssen, ist, dass es dabei nicht um eine neue Art von Theokratie gehen kann und darf, das heißt nicht um unmittelbare Gestaltung des ganzen gesellschaftlichen und staatlichen Lebens aus der jeweiligen spirituellen Sicht heraus, sondern um Integration durch Differenzierung. Das bedeutet Freilassung der anderen Ebenen der Gesellschaft (Wirtschaft, Politik und Kultur) zu ihrer Eigengesetzlichkeit. Das Spirituelle darf nur den Grundwerte-Rahmen vorgeben, innerhalb oder unterhalb dessen sich die Sachlogik der anderen Ebenen nach eigenen Gesetzen und Einsichten entfalten kann.
Das ist ein grundsätzlich anderer Ansatz als etwa die islamische Scharia oder die altabendländischen Theokratien ‚von Gottes Gnaden‘. Diesen Grundwerte-Rahmen zu schaffen, wäre die Aufgabe des Grundwerteparlaments. Zugleich wird damit ein weltanschaulicher, ethischer, religiöser und spiritueller Pluralismus eröffnet, ohne den ein modernes Leben weder möglich noch wünschenswert wäre. ‚Modern‘ heißt in sozialphilosophischem Sinn gerade: Differenzierung der Systemebenen voneinander und Pluralismus auf jeder dieser Ebenen.“ (Vgl. auch: http://forum.netz-vier.de)

Halt finden und Wurzeln schlagen

Vom 23. bis 25. Juni trifft sich Dynamik5 auf der Burg Ludwigstein bei Kassel, um über diese Kampagnen und das weitere Vorgehen zu diskutieren. Die Veranstaltung findet gemeinsam mit der Mitgliederversammlung der Violetten – Partei für spirituelle Politik, dem Holon-Netzwerk und der Konvergenz-Gesellschaft statt und ist offen für alle. Der Part von Dynamik5 bleibt dabei die Arbeit an einem politisch-spirituellen Aufbruch. Dieser Aufbruch muss deshalb spirituell sein, weil nur die Spiritualität in der Lage ist, dem modernen Menschen den Halt zu geben, der für die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer echten individuellen Freiheit nötig ist – und damit der Entropie entgegen wirken kann.
Der freie Mensch ist nicht an seinem Ego orientiert, sondern an etwas Höherem, das ihn befähigt, über sich selber hinauszuschauen und hinauszuwachsen. Dies gibt ihm die Perspektive, die Zusammenhänge zu erkennen und individuelle und höhere Wahrheit auseinanderzuhalten. Spirituelle Bewusstseinstechniken können Neurosen und Zwangsvorstellungen im Zuge einer energetischen Aufarbeitung auflösen. Dies gibt dem Menschen seine Unabhängigkeit im Denken und Handeln zurück. Unabhängigkeit und Freiheit sind nur mit tiefen Wurzeln möglich. Ein wurzelloser Mensch kann nicht frei sein.
Ich spreche von vier Bereichen, in denen Menschen verwurzelt sind:
@finanzielle Wurzeln: eine ausreichende materielle Versorgung,
@soziale Wurzeln: einen guten und unterstützenden Kontakt zur Familie und zu Freunden,
@kulturelle Wurzeln: eine kulturelle Identität, die sich z.B. in Sprache und Kunst ausdrückt, und
@spirituelle Wurzeln, die durch einen gemeinsamen Ritus und eine regelmäßige Praxis, z.B. von Yoga und Meditation, aufrechterhalten werden
Die drei erstgenannten Punkte neigen dazu, den Menschen zu separieren. Finanzielle Mittel häufen sich an bestimmten Punkten und fehlen andernorts. Soziale Kontakte sind nur mit einer begrenzten Anzahl Menschen möglich. Kulturelle Identität scheint regionale oder nationale Abgrenzung zu bedingen. Allein die spirituelle Komponente hat die Tiefe und Weite, die für ein gemeinsames Gruppenbewusstsein der gesamten Menschheit nötig sind. ´


Sangeet Gill lebt in der Nähe von Frankfurt a.M. und bietet Yogaunterricht und Sat Nam Rasayan an, eine Entspannungstechnik des Kundalini-Yoga. www.sangeetsingh.de


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Gill, Sangeet

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