Das Jahresrad als Symbol für Kontinuität und Entwicklung
Dies ist die Zeit der Rose, der Blüten und der Stacheln, des süßen Duftes und des Blutes. Heute ist der längste Tag, das Licht triumphiert, und doch beginnt der Abstieg in die Finsternis. Der reife Sonnenkönig umarmt die Sommerkönigin mit der Liebe, die Tod bedeutet, da sie so vollkommen ist, dass sich alles in einem einzigen Gesang weltenbewegender Ekstase auflöst … Wir drehen das Rad und teilen sein Schicksal, denn wir haben die Saat unserer eigenen Wandlung gesät, und um wachsen zu können, müssen wir auch das Hinscheiden der Sonne bejahen.“
Mit diesen Worten begrüßt Starhawk, die wohl wichtigste Protagonistin der naturreligiös-tiefenökologischen „Reclaiming“-Bewegung in den USA den Sommer.
Kalendarisch geht zur Sommersonnenwende der Frühling in den Sommer über. In den Tagen oder Wochen davor aber lebt im späten Frühling eine ähnliche Unruhe wie vor der Wintersonnenwende. Viele von uns fühlen sich innerlich zerrissen oder unausgeglichen und suchen Erklärungen dafür in ihrem persönlichen Leben. Dabei kann es auch die Divergenz von irdischem und kosmischem Geschehen sein, die wir zum Sommeranfang erleben.
Kosmisch gesehen ist Lithe oder der Tag der Sommersonnenwende der längste Tag des Jahres. Danach werden die Tage wieder kürzer. Auch wenn man es angesichts der blühenden Natur kaum glauben mag, geht es also wieder dem Dunkel der kalten Zeit entgegen. Irdisch betrachtet, geht nun aber der Sommer erst richtig los. Seit Monaten bereits neigt sich die Nordhalbkugel unserer Erde wieder mehr und mehr der Sonne zu. Licht und Wärme haben auf die Meere und Landmassen eingewirkt, so dass diese nun, auch wenn die Sonne aufgrund der Bewegung der Erdachse wieder allmählich nach Süden wandert, die gespeicherte Wärme noch über Monate halten und abgeben werden.
Wir erleben also eine Zunahme der Wärme, während gleichzeitig das Licht wieder abnimmt. Und wenn es in unserem persönlichen Leben tatsächlich Unausgeglichenheiten gibt, können diese zu einer solchen Zeit mitunter vor dem Hintergrund der eben beschriebenen „objektiven“ Divergenzen als besonders heftig erlebt werden. In der immer wiederkehrenden rituellen Rückbindung an die großen Rhythmen des Jahres haben unsere Vorfahren das Wissen um diese Zusammenhänge für den Einzelnen wie für das Kollektiv aufbewahrt.
Auch heute tun wir gut daran, in allem materiellen Wachstum, wie es der Sommer ja aufs anschaulichste darstellt, auch stets den Stachel des Vergänglichen zu erkennen, den wir im Schwinden des Lichts erleben. Nur ein ganz sich selbst und der Natur entfremdetes Denken kann sich permanentes Wachstum als auch nur halbwegs mit gesundem Leben vereinbar vorstellen.
Natürlich werden wir in den nächsten Wochen zuerst einmal die immer prächtigere Entfaltung des Sommers erleben. Am 2. August ist dann Zeit für das zweite große Sommerfest des Jahresrades, das Schnitterfest oder keltisch Lughnasad genannt. Ähnlich wie der Frühling zu Beltaine, so ist auch der Sommer zu Lughnasad unübersehbar geworden. Noch einmal Starhawk:
„Dies ist das Fest des Lug, des Sonnenkönigs, der mit dem niedergehenden Jahr stirbt; des Kornkönigs, der stirbt, wenn das Getreide geschnitten wird. Wir stehen nun zwischen Hoffnung und Furcht, leben in der Zeit der Erwartung. Auf den Feldern ist das Getreide gereift, aber noch nicht geerntet. Schwer haben wir gearbeitet, damit viele Dinge zur Reife gelangen, aber die Früchte unseres Tuns sind uns noch nicht sicher …“
In der keltischen Mythologie ist die Göttin zu dieser Zeit die Schnitterin, die Leben nimmt und dadurch nährt, sie wird den Sonnenkönig zur Wintersonnenwende unter dem Weltenbaum wiedergebären.
Und noch einmal sei betont: Auch wenn die wenigsten von uns heute ein der Landwirtschaft nahes Leben führen, können wir die poetische Symbolik dieser Bilder nutzen, um unser Leben und Handeln in die richtige Spannung zwischen dem Aufbau eines intelligenten Willens und der Demut gegenüber den uns nicht immer ganz eingängigen Ratschlüssen des großen Lebens selbst zu bringen.
Als Netzwerk, als Gemeinschaft von Gruppen und Einzelnen, haben Holon und Dynamik5 in Deutschland beschlossen, gemeinsam mit der Konvergenz-Gesellschaft den Rhythmus der eigenen Tagungen ein wenig mehr dem großen Rhythmus des Jahresrades anzugleichen. So sollen die Themen, die wir als Menschen in unsere Zusammenkünfte hineintragen, sich mit den Themen der großen Rhythmen, die im Hinter- oder Untergrund mitwirken, harmonisch verbinden können.
Zur Frühlingstagundnachgleiche hat die erste gemeinsame Frühlingskonferenz aller drei Organisationen stattgefunden. Zu Lithe, zur Sommersonnenwende laden wir nun gemeinsam mit den Violetten auf die Burg Ludwigstein im grünen Herzen Deutschlands ein. Und zu Lughnasad findet, wie schon seit drei Jahren, wieder die große gemeinsame Sommertagung aller drei Organisationen statt. Eine Woche lang kommen Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen am Thuner See in der Schweiz zusammen, zur Entwicklung gemeinsamer Strategien, um sich menschlich kennenzulernen und um den Sommer zu genießen. ´
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