Artikel
Kulturkreatives Spektrum (108)
Andere Welten (55)
Freie Gesundheitsberufe (22)
eurotopia (166)
Matriarchale Perspektiven (35)
Holon (77)
Editorial (30)
Briefe aus Amerika (6)
Anders Lernen (47)


Ausgabe 166 (12)
Ausgabe 165 (12)
Ausgabe 164 (12)
Ausgabe 163 (13)
Ausgabe 162 (13)
Ausgabe 161 (15)
Ausgabe 160 (12)
Ausgabe 159 (11)
Ausgabe 158 (13)
Ausgabe 157 (11)
Ausgabe 156 (15)
Ausgabe 155 (13)
Ausgabe 154 (12)
Ausgabe 153 (16)
Ausgabe 152 (12)
Ausgabe 151 (13)
Ausgabe 150 (14)
Ausgabe 149 (14)
Ausgabe 148 (16)
Ausgabe 147 (13)
Ausgabe 146 (13)
Ausgabe 145 (13)
Ausgabe 144 (11)
Ausgabe 143 (13)
Ausgabe 142 (12)
Ausgabe 141 (13)
Ausgabe 140 (15)
Ausgabe 139 (14)
Ausgabe 138 (12)
Ausgabe 137 (11)
Ausgabe 136 (14)
Ausgabe 135 (12)
Ausgabe 134 (8)
Ausgabe 133 (6)
Ausgabe 132 (9)
Ausgabe 131 (9)
Ausgabe 130 (10)
Ausgabe 129 (8)
Ausgabe 128 (9)
Ausgabe 127 (8)
Ausgabe 126 (6)
Ausgabe 125 (8)
Ausgabe 124 (9)
Ausgabe 123 (6)
Ausgabe 122 (7)
Ausgabe 121 (7)
Ausgabe 120 (3)
Ausgabe 119 (5)
Ausgabe 118 (1)
Ausgabe 115 (1)
Ausgabe 114 (11)

Zuletzt besucht
Artikel: Wandel aus der Stille

Artikel: Spiritualität und Arbeit

Artikel: Heimat heute?

Artikel: Maßwirtschaft der Lebensfülle

Artikel: Entwurf für eine Kooperative Wirtschaftsordnung


Über uns
Impressum
Andere Welten gibt es schon!
erschienen in Ausgabe 145  PDF-Version (164.93 KB)
Claudia Flatten und David Moya berichten vor ihrer Forschungsreise zu Gemeinschaften in Europa. Teil 2.

David Moya und Claudia Flatten waren auf einer Forschungsreise zu Gemeinschaften und alternativen Modellen in Spanien, Frankreich und Deutschland unterwegs. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen in ländlichen Projekten der Bretagne.

Im ersten Teil unseres Berichts haben wir bereits angefangen, von unserer Forschungsreise durch Spanien, Deutschland und Frankreich im letzten Jahr zu erzählen. Hier im Süden Frankreichs, in Montpellier, haben wir uns nun fürs erste niedergelassen und provisorisch ein Büro eingerichtet. Wir nennen uns OISA, das „Observatoire Itinérante des Systèmes Alternatifs“, was man mit „Reisende auf der Suche nach sozio-ökologischen Systemen“ übersetzen könnte. Wir suchen nach konkreten ökologischen Alltagspraktiken und sozialen Organisationsformen, aber auch nach Formen der gemeinschaftlichen Kommunikation und Ko-operation, die die verschiedenen Vorschläge meist überhaupt erst möglich bzw. auf lange Sicht stabil machen. Ziel dieser Erkundungsreisen ist es, sozio-ökologische Handlungs- und Konstruktionsformen verstehen zu lernen und viele unterschiedliche, real existierende andere Welten kennenzulernen. Die gesammelten Informationen fassen wir anschließend zu Themenberichten zusammen und geben sie in Form von Artikeln, Seminaren, Ausstellungen, Filmen oder Workshops weiter. Darüber hinaus organisieren wir interdisziplinäre Treffen und Arbeitsgruppen, die sich mit den verschiedenen Praktiken und Themen auseinandersetzen. Konkrete Zukunftsperspektiven sollen gestaltet, und über neue Ideen soll nachgedacht werden. Unser persönliches Ziel ist es dabei, diese Erkenntnisse nach und nach selbst umzusetzen. Langfristig wollen wir Forschungsarbeit zu diesen Themen und Fragestellungen leisten.

Vereinte Kräfte zur Wiederbelebungder bretonischen Landkultur

Wir begannen unsere Frankreichreise in der Bretagne. Hier fanden wir eine breite Spanne unterschiedlicher Vorschläge, Ansätze und Projekte, die sich der Suche nach sozio-ökologischen Lebensformen auf unterschiedliche Art und Weise nähern. Unsere besondere Aufmerksamkeit galt diesmal Aktivitäten und Vernetzungsinitiativen auf dem Land sowie der Wiederbelebung traditioneller Praktiken und Lösungen für den Erhalt landwirtschaftlicher Kleinbetriebe. So besuchten wir z.B. das Festival „agri-culturel“ in Concoret in der Bretagne, welches einmal jährlich von den Mitgliedern eines Vereins zur Belebung des ländlich-agrarischen Raums Soutien organisiert wird. Die Charta des Vereins ASPAARI (Association de Soutien aux Projets et Activités Agricoles et Ruraux Innovants) verlangt, dass alle teilnehmenden Projekte auf der Basis von Solidarität entwickelt werden. Das heißt, dass jedes Mitglied nicht nur Hilfe und Unterstützung in seinen eigenen Unternehmungen erhält, sondern auch anderen Mitgliedern des Verbunds seine Kompetenzen, sein Wissen und seine Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellt. Der Verein bringt jeweils diejenigen Projektträger zusammen, die sich gegenseitig in ihrem Aufbau helfen oder ergänzen können. So entsteht ein starkes soziales Netz unter den Menschen der Region und letztlich auch ein faires Wirtschaftsverhalten.
Der 1999 gegründete Verein ASPAARI feiert seit vier Jahren ein großes Festival. Alle Mitglieder sind eingeladen, sich in ihren Zelten, Bussen oder Campingwägen auf dem Gelände einzufinden und für die Dauer dieser Woche in Gemeinschaft zu leben. Zuvor wird eine Freiküche, eine kleine Bar, Komposttoiletten, ein Sonnenschutz über dem Ess- und Lesebereich und eine kleine Rezeption errichtet. Das Programm gestaltet sich von selbst, indem die Mitglieder von ihren Kleinbetrieben und Projekten erzählen, in Workshops neu entdeckte Praktiken vorstellen, Sorgen und Freuden austauschen oder Fragen zur Diskussion stellen, die einer alleine nicht beantworten konnte. Manchmal entstehen so gegenseitige Aufträge und Kooperationen. Auch interessante Projekte von Außenstehenden werden vorgestellt, um auf diese Weise eventuelle Partner und verwandte Projekte kennenzulernen. Küchen- und Kochdienste werden verteilt, große Marmeladentöpfe für das Frühstück gekocht, Brote gebacken, traditionelle Rezepte und Kochweisen weitergegeben, traditionelle Getreide- und Obstsorten vorgestellt, Cidre aus dem eigenen Anbau und überhaupt Nahrungsmittel von den unterschiedlichen Landwirten angeboten. Man bringt interessante Bücher und Broschüren mit und stellt diese der Allgemeinheit zur Verfügung. Alles geschieht unter dem Aspekt der Freiwilligkeit und Eigenverantwortlichkeit. Ziel des Festivals ist hauptsächlich, dass die Mitglieder sich untereinander nicht fremd bleiben, auch wenn der Verein mittlerweile fast 300 Mitglieder zählt. Neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer können hier in den Kreis aufgenommen werden. Ein großer Teil der Anwesenden ist zwischen 30 und 40 Jahre alt, doch selbstverständlich sind auch die Kinder der Mitglieder eingeladen. Jede und jeder ist aufgerufen, mit seinem Können zur musikalischen Abendgestaltung beizutragen. Dann wird unter freiem Himmel getanzt, gesungen und gefeiert. An einem Abend erzählte eine Teilnehmerin auf dem Feld Märchen für Groß und Klein: über den Mann, der die Welt erst mochte, als sie schon verschwunden war, oder über den Jungen, der von einem Tiger aufgefressen wurde, weil er unfähig war, sein Glück zu erkennen.

Tiger und Traktoren

Erklärtes Ziel von ASPAARI ist es, innovative ländliche, künstlerische, handwerkliche oder kulturelle Projektentwicklungen konkret zu fördern. Es soll im Kollektiv gedacht werden, sowohl innerhalb des Vereins als auch in Kooperation mit anderen Einrichtungen. Die so entstandenen, meist sehr attraktiven Projekte werden dann der Öffentlichkeit präsentiert, um letztlich wieder Fördermittel für neue Aktivitäten zu erhalten.
Eine Mitgliedschaft bei ASPAARI hilft bei den unterschiedlichen Fragen im Verlauf einer Projektgestaltung, angefangen beim Verfassen der Vereinsstatuten, beim Finden von geeignetem Land und Fonds oder anderen Formen der finanziellen Unterstützung. Mittels gezielter Ausbildung zu den verschiedenen landwirtschaftlichen Tätigkeiten sowie durch Vermittlung von Produktionsgütern (Traktoren, Saatgut etc.) soll den Teilnehmern in ihrem Projekt geholfen werden.
Neben dem Netzwerk, das alle Vereinsmitglieder und Experten der Region umfasst, organisiert der Verein Treffen zur Weiterbildung zu Themen wie Permakultur, Pflanzenkläranlagen, Motorantrieb mit Pflanzenöl etc. Der pädagogische Bauernhof wird für die Ausbildungseinheiten benutzt, die die unterschiedlichen Aspekte zum Start eines ländlichen Betriebs behandeln. Aufgrund des großen Mangels an Ausbildungsplätzen auf dem Land hat der Verein hiermit eine Möglichkeit der lokalen Weiterbildung geschaffen, die direkt auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer abgestimmt ist.
Mehrmals im Jahr erscheint ein internes Infoblatt, und jedes Mitglied erhält das jährlich aktualisierte Adressbuch, in dem alle Teilnehmer und deren Projekte, Anfragen und Vorschläge aufgeführt sind. Unter den Angeboten findet man unterschiedliche Käse- und Fleischsorten, Milchprodukte, Blumen, traditionelle Saat- sowie unterschiedliche Getreide- und Brotsorten, Gemüse, Heilkräuter und Duftpflanzen, Soja, Schafwolle, Obst und Früchte, Wein und Honig. Auch Menschen aus den Gebieten der Landschaftsplanung, der Kunst, der alternativen Medizin oder dem ökologischen Baugewerbe sind aufgeführt.
In einem Interview sagte uns eine Teilnehmerin, dass sie es manchmal ein wenig bedauern würde, dass die Mitglieder nicht näher beieinander wohnen und die große Gemeinschaft nicht noch viel stärker auch im privaten Alltag zum Tragen kommt. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt mit ihren Kindern in den Gebäuden von ASPAARI. Vorher arbeitete sie in einem Gemeinschaftsgarten, wie man sie in Frankreich häufiger findet. So gibt es z.B. den 5000 qm großen Park „Ar Skoazell“ in Brest. Dort wird den Bewohnerinnen und Bewohnern eines Stadtviertels durch Einführung in die Gartenarbeit der biologische Gemüseanbau nähergebracht. Wie die in Göttingen entwickelten „Internationalen Gärten“ dienen die meisten jardins collectifs auch der Integra-tion von Randgruppen und Migranten.

Ein Kompass zur Qualitätssicherung

Eine Gewohnheit der ersten Biobauern in der -Bretagne war es, sich regelmäßig in einer lokalen Kommission, der COMAC, Commission Mixte d’Agrément et de Contrôle, zu treffen, damit sich Produzenten und Konsumenten kennenlernen, Praktiken ausgetauscht und umweltgerechtes Handeln vermittelt werden konnten. In Anlehnung daran haben sich ASPAARI und Nature et Progrès (Natur und Fortschritt – ein Netz verschiedener Organisationen von Konsumenten, Biobauern und dem weiterverarbeitenden Handwerk) zusammengetan und gemeinsam NESO entwickelt.
NESO dient der lokalen und selbstorganisierten Qualitätssicherung, ist aber kein Label, da es hier um die Selbstkontrolle und den gegenseitigen Austausch gehen soll und nicht um einen offiziellen Wettbewerb. NESO stellt einen symbolischen Kompass dar, der mit den vier verschiedenen Himmelsrichtungen N (Nord, Norden): Natur, E (Est, Osten): Energie, S (Sud, Süden): Soziales und O (Ouest, Westen): Origine (Ursprung) auch die ethische und soziale Qualität der Produkte, deren Herstellung und Verkaufsweisen aufzeigen soll. Die Teilnehmenden sind aufgerufen, anhand des Kompasses ihre eigenen Ziele und Aktivitäten in regelmäßigen Abständen zu hinterfragen.
Dieses Programm beinhaltet, dass eine Kommission alle zwei Jahre jedes Mitglied in seinem kleinen Biobetrieb besucht und dieser vor Ort die jeweiligen Arbeitsweisen und -abläufe vorstellt. Jeweils zwei technische Mitarbeiter, mindestens ein Produzent und ein Konsument – alle jeweils Mitglieder der COMAC – betrachten die Arbeits- und Handlungsweisen nach den vier Orientierungsrichtungen des Kompasses. Am Ende stellen sie auf Wunsch und bei positiven Ergebnissen auch ein Zertifikat aus. Ein sogenanntes Synthese-Papier wird allen Mitgliedern zur Einsicht bereitgestellt. In einer Sitzung wird anschließend abgestimmt, was im jeweiligen Betrieb besser gemacht werden könnte. Der Landwirt wird daraufhin ein Jahr lang unterstützend begleitet.
Beim Aspekt „Ursprung“ im Kompass werden z.B. Distanzen zwischen Anbau und Verkauf gemessen, die Frische der Produkte oder der Einsatz herkömmlichen Saatguts. Der Aspekt „Soziales“ betrachtet die solidarische Wirtschaftshaltung, die Integration in das lokale Netzwerk, die Arbeits- und Landaufteilung oder die Transparenz und Offenheit des Projekts der Öffentlichkeit gegenüber. Der Energiesektor umfasst neben dem direkten Energieverbrauch auch die Fragen der Müllverwertung und der Bauweise (Energiebilanz). Der Punkt „Natur“ soll unter anderem die Artenvielfalt schützen, wie auch die Fruchtbarkeit des Bodens und die Reinheit des Grundwassers und Rücksicht auf das landschaftliche Gesamtbild nehmen. Aus anderen Regionen Frankreichs zeigt sich bereits Interesse an eigenen Gründungen von lokalen NESO-Kompassen.
Neben dem Festival „agri-culturel“ finden über die ganze Region verteilt viele andere Treffen und Feste statt, so zum Beispiel das zweitägige „rencontres ruraux et société“. Auch diese Treffen und Zusammenkünfte dienen dem Austausch von Ideen, Erfahrungen und Praktiken der ländlichen Entwicklung. Ziel ist immer die Autonomie und Eigenständigkeit der Menschen; der Mut zum Aufbau eigener Projekte soll gefördert werden.
Wir sehen uns also auch durch unsere Erfahrungen in Frankreich in unserer Behauptung bestätigt: Andere Welten gibt es schon! – Es gilt jedoch auch, diese zu entdecken. ´


Claudia Flatten (32) hat nach ihrer Bildhauerlehre System-design studiert. Seit ihrem Abschluss arbeitet sie im Bereich der nachhaltigen und ländlichen Regionalentwicklung.
David Moya (30) hat sich nach dem Studium der -Anthropologie dem Studium des menschlichen Verhaltens gewidmet. Er interessiert sich besonders für die Frage nach den Bedingungen für kulturellen Wandel in Gesellschaften. Kontakt: OISA.info@gmail.com



  Autoren

Claudia Flatten, David Moya

Partner
sge-button
© by Human Touch Medienproduktion GmbH, info@kurskontakte.de