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Über uns
Impressum
Urbanes Zentrum für gemeinschaftliche Visionen
erschienen in Ausgabe 145  PDF-Version (177.07 KB)
Das Stuttgarter Jugend- und Kulturzentrum Forum 3 besteht seit 1969.

In der Anonymität und Vereinzelung der Großstadt ist eine Alternative zum Fluchtweg in den Konsum und in die Gewalt besonders für junge Menschen von großer Bedeutung. Das Forum 3 bietet nun schon seit 37 Jahren einen vielfältigen Ort sozialer und kultureller Begegnung an. Ulrich Morgenthaler ist einer der ständigen Mitarbeiter des vierzehnköpfigen Forum-Teams.


Mitten im mit Abgas und Feinstaub gefüllten Kessel der Stuttgarter Innenstadt, dicht an dicht mit dem Straßenverkehr, zwischen Banken, Läden und dröhnenden Disco-Bars liegt das Gebäude des Forums 3. Zwei neuere Anbauten mit burgähnlicher Klinkerarchitektur umrahmen sein Jugendstil-Mittelstück, das immer noch die Gewehrfeuerspuren aus dem 2. Weltkrieg trägt. Es ist das einzige alte Haus in der Gegend. Einmal durch das schmiedeeiserne Tor eingetreten, empfangen Foyer, Treppenhaus, Nischen und Räume den Besucher mit warmer, farbenfroher Klarheit. Abhängig von der Tageszeit ist man zumeist einer unter vielen, und das Haus summt von Menschen, die ihren Weg ins Café, Theater, zu Diskussionen, künstlerischen Kursen, Seminaren, Studien- oder Aktionsgruppen suchen.
Es begann 1969: Künstler, Lehrer, Kaufleute, Studenten – ganz unterschiedliche Menschen – suchten in Stuttgart ihren Beitrag zum Aufbruch, zur Frage nach einer neuen Gesellschaft. Sie waren inspiriert von der Idee eines offenen Forums für soziale und spirituelle Erneuerung, eines Freiraums auch für die Jugend, die an der Grenze des Erwachsenwerdens ihren eigenen Weg ins Leben sucht, voller neuer Ideen und Fähigkeiten für die Welt. Die kleine Gruppe brauchte einen Ort zur Begegnung mit Andersdenkenden, die sich wie sie im Aufbruch befanden, und auch Räume für ihre Arbeit. Sie entdeckte ein Abbruchhaus, mieteten darin zwei Stockwerke und übernahm später nach und nach das ganze Gebäude. Im Lauf der Jahre, durch Renovierung und Erneuerung, wurde daraus das heutige selbstverwaltete Jugend- und Kulturzentrum, ganzwöchig geöffnet, mit 2000 qm Nutzfläche auf fünf Stockwerken, unterstützt von der Stadt und mit einem gemeinnützigen Verein als Rechtsträger.
Dieses Forum ist aus der Begegnung von Menschen entstanden, aus dem Austausch über ihre eigentlichen Anliegen im Leben. Was sich daraus entwickelt hat, entsprang nicht abstrakter Planung, sondern weiteren Begegnungen, der Pflege der Impulse und dem Zuhören, insbesondere der Kritik. Dementsprechend stellten wir ein Wort von Ingeborg Bachmann als Leitmotiv über unsere Broschüre zum 30-jährigen Bestehen: „Denn es ist Zeit, ein Einsehen zu haben mit der Stimme des Menschen …“ In dieser Weise hat das Forum in den letzten fast vier Jahrzehnten viele Veränderungen gesehen, sich ablösende Jugendgenerationen erlebt und war und ist bis heute Teil vieler sozialer und spiritueller Bewegungen wie der Umweltbewegung, der Friedensbewegung, der Bewusstseinsbewegung, der Menschenrechtsbewegung und der globalisierungskritischen Bewegung. Dabei hat sich das Forum 3 nie an kurzfristigen Trends der Zeit orientiert. Stets stand die langfristige Perspektive der Entwicklung von Menschen im Vordergrund: den Einzelnen zu ermutigen, ihn zu befähigen, seinen innersten Kern zu erreichen und initiativ zu werden, um die Welt aus einem vertieften Verständnis des Menschen zu gestalten. „Zukunft ist häufig nur die Fortsetzung der Gegenwart mit anderen Mitteln – wirkliche Zukunft als Bewegung der Veränderung und Erneuerung kann nur eintreten, wo man einen Sinn für sie hat, wo Menschen sich selbst in Bewegung setzen und ihr entgegengehen“ (aus unserer Broschüre).

Offen für alle Richtungen

Von Anfang an haben die Mitarbeiter des Forums 3, besonders die Mitglieder seines Trägerkreises, ihre Orientierung in den sozialen und kulturellen Impulsen gefunden, die durch Rudolf Steiner als Anthroposophie bzw. Geisteswissenschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt worden sind.
Jedoch, obwohl sie sich persönlich und beruflich von der Anthroposophie tief inspiriert erleben, wollen die Mitarbeiter des Forums 3 nicht deren Missionare sein. Überzeugt von der Bedeutung für jede Gemeinschaft, in einer eigenen internen Sprache eine vertiefte Möglichkeit für Austausch und gegenseitiges Verständnis zu finden, wissen sie auch, dass Lernen und Entwicklung nur dann wirklich stattfinden kann, wenn Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenkommen und sich wechselseitig geistig befruchten. Die Lösung unserer heutigen schwierigen Probleme wird niemand alleine zustande bringen, weshalb bis zum heutigen Tag Menschen aus den verschiedensten spirituellen und politischen Richtungen das Forum 3 in dieser Hinsicht genutzt haben. Auch aus diesem Grund wurde das Forum 3 eben als Forum entworfen und mitten in der Innenstadt verankert, wo Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten es auch finden können. – Der ehemalige Bürgermeister Rolf Lehmann erinnert sich gerne an seine Begegnungen im Forum 3: „Nicht konsumieren, bezahlen und zum nächsten Konsumangebot laufen – nein: Dabei sein, ganz dabei sein. Ganzheitlich. Dieses etwas andere Angebot ist mitten in der Stadt zu einer Heimat geworden für Menschen, die nicht nur Konsumenten, sondern Menschen sein wollen. Eine Einrichtung mit Erfolg. Mit großem Erfolg. Mit Erfolg im Sinne des Menschseins.“
Gegenwärtig bietet das Forum 3 seinen Besuchern vier miteinander integrierte Bereiche:
– ein Café als zentralen Treffpunkt des Hauses mit Balkon und Hinterhof, über 100 Sitzplätzen, Ruhe- wie auch Gesprächsbereichen, vorwiegend kontrolliert biologischen Speisen und Getränken, Live-Musik, Ausstellungen, Lesematerial und Spielen;
– ein Theater mit 150 Plätzen, professionell und ambitioniert im dramatischen Schwerpunkt, offen für innovative Gruppen und ungewöhnliche Persönlichkeiten;
– ungefähr 35 Abendkurse und verschiedene Wochenendworkshops: künstlerisch (Schauspiel, Clownerie, Tanz, Bildhauerei, Malerei, Musik), Bewegung (Akrobatik, Fechten, Selbstverteidigung, Bogenschießen), handwerklich-praktisch (Drehtöpfern, Nähen, Buchbinden, Fotografie) sowie Gruppen mit sozialen, biografischen und spirituellen Themen zur Selbstverwirklichung und Transformation;
– Vorträge, Diskussionen, Seminare und Gruppen zu vielen gesellschaftspolitisch und geistig relevanten Themen: Gesellschaft und Soziales, internationale Politik, Technik und Umwelt, Philosophie, Psychologie und Spiritualität, Lebensgestaltung und Lebenshilfe.
Im Jahr 2005 arbeiteten 14 feste Mitarbeiter im Forum 3, darunter sieben Zivildienstleistende und Praktikanten. 32 regelmäßige Kurs- und Gruppenleiter waren auf Honorarbasis tätig. Im selben Jahr wurden 106030 Besucher verzeichnet.

Selbstverwaltung in Dreigliederung

Die Selbstverwaltungsstruktur des Forums 3 ist an dem Grundsatz orientiert, dass jeder an dem Ort, der Sache und dem Zeitraum mitberaten und mitentscheiden kann, wo er sich fest mit einer Aufgabe verbunden hat und so auch die Folgen seiner Entscheidung mitträgt. Auf dieser Grundlage hat sich im Lauf der Jahre eine soziale Struktur entwickelt, die intern die gesellschaftlichen Bereiche der Kultur, des -Sozial-Gemeinschaftlichen und der Wirtschaft spiegelt. Selbstverwaltung in dieser Form ist nie vorgegeben und fertig. Sie muss ständig neu erfunden, getan, überprüft werden.
Quelle der nun schon seit Jahrzehnten weithin ausstrahlenden Wirkung des Forums 3 ist dessen sozial-spiritueller Impuls, wie er von der kleinen Gruppe der Mitarbeiter im Forum 3 getragen und gepflegt wird. Dies geschieht einerseits durch regelmäßige gemeinsame gedankliche und auch meditative Arbeit an den spirituellen Grundlagen, ergänzt durch persönliche Motivationsgespräche und gegenseitige Spiegelung anhand der konkreten Arbeitsabläufe und Arbeitsergebnisse. Das schafft Verbundenheit in der geistigen Zielsetzung, erhöht das gegenseitige Vertrauen und fördert die individuelle Leistungsbereitschaft zum Wohle des Ganzen.
Andererseits geschieht dies durch genauso regelmäßigen und gemeinsamen Austausch über das erlebte global-gesellschaftliche Gegenwarts- und Zeitgeschehen. Immer wieder wird dabei in zwei Richtungen gefragt: „Was erleben wir/was erlebe ich persönlich in und an der Welt?“ und „Was ist unsere/meine Antwort, was ist unser/mein Beitrag dazu?“ Aus dieser Arbeit entsteht das Bedürfnis nach direkten Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, die ihre spirituellen und sozialen Impulse in das Forum 3 hineintragen oder dorthin eingeladen werden. Sowohl im persönlichen Gespräch als auch in organisierten öffentlichen Veranstaltungen (Workshops, Aufführungen, Diskussionen) wird dabei etwas vom Puls der Zeit erlebbar. Neben persönlichen Anregungen kommt es dadurch für alle Beteiligten immer wieder zu neuen Kontakten, aus denen neue Gruppen und sogar Bürgerinitiativen hervorgehen.
Die einst mit Bedacht gesuchte Lage des Forums 3 mitten im Zentrum der Innenstadt ist in diesem Sinn ein wesentlicher Ausdruck des Impulses des Forums 3: sich an einen Ort zu begeben, wo man nicht nur gut erreichbar ist, sondern sich in der Auseinandersetzung mit der Welt wie an einem Brennpunkt erlebt, aus dem heraus man Neues gestalten möchte. Dieser kreative Ansatz ist zugleich aktive, sinnstiftende Gewaltprävention. „Der Erwerb von Sozialkompetenz und Gesprächsfähigkeit ist ein wirksamer Schutz gegen jede Form sprachloser Gewaltanwendung. Schulung der Ausdrucksmöglichkeit als Prävention vor Isolation und Entfremdung, vor möglichen Quellen potenzieller Gewalt. Nur wer sagen kann, was ihm fehlt, kann gehört werden und muss nicht gewaltsam auf sich aufmerksam machen“ (aus unserer Broschüre).
Mit Blick auf die Zukunft stehen zwei ernste Probleme im Vordergrund. Das eine betrifft die Frage, wie heute die Jugend wirklich erreicht werden kann. Die allnächtliche Erfahrung mit hunderten von jungen Leuten, die die zahlreichen Disco-Bars in den angrenzenden Straßen besuchen, zeigt, wie wenige von ihnen den Weg in das Forum 3 und zu seinen Angeboten finden. Die, die kommen, begrüßen die Atmosphäre, das Programm, die Motivationen, die sie durch die verschiedenen Aktivitäten erfahren, und auch die Aufmerksamkeit, die ihnen individuell entgegengebracht wird. Aber sie klagen auch oft darüber, dass es innerhalb ihrer eigenen Altersgruppe nur wenige sind, die wirklich ein tieferes Interesse am Leben und seinen vielen Fragen zeigen.
Das andere Problem ist das Geld. Die laufenden Kosten (Jahresbudget 2005: 1,348 Millionen Euro) werden bis zu 67% aus Eigeneinnahmen (einschließlich Spenden) und unbezahlter Eigenleistung gedeckt. Erst zu dieser nachgewiesenen Eigeneinnahme gibt die Stadt einen Zuschuss, der nominell bis zu 50% betragen kann, in 2005 aber nur 33% betrug. Obwohl kein Mangel an Ideen für Projekte oder Aktivitäten herrscht und auch der Wille zur gemeinschaftlichen Arbeit unvermindert engagiert lebt, ist die Beschaffung der notwendigen Finanzen mehr und mehr zu einer ernsten Zukunftssorge geworden. Zwar hat das Forum 3 im letzten Herbst für die kommenden Jahre vom Gemeinderat – parteiübergreifend! – eine kleine Zuschuss-erhöhung bewilligt bekommen, doch damit kann gerade mal ein Teil der größten Löcher gestopft werden. Denn die Wirkungen des Neoliberalismus in der globalen Ökonomie zeigen sich auch auf kommunaler Ebene: Weil die Konzerne weniger Steuern zahlen, sind die öffentlichen Haushalte verschuldet, und durch den Verlust an Realeinkommen und den Abbau der Sozialsysteme haben die Menschen selbst weniger Geld zur Verfügung.
Es war jedoch immer die Erfahrung im Forum 3, dass die wirklichen Herausforderungen nie nur von außen gekommen sind. Solange seine Mitarbeiter von ihrem unternehmerischen Impuls inspiriert sind, sie den Grundsatz auf sich anwenden können, dass man selbst die Veränderung sein muss, die man in der Welt sehen will, und dass diejenigen etwas erreichen können, die zur richtigen Zeit ihre Fähigkeiten mit anderen vereinigen, lebt das Vertrauen, dass immer ein fruchtbarer Weg durch jede Schwierigkeit gefunden werden kann und dass auch Hilfestellungen und neue Möglichkeiten sich unerwartet zeigen können. Dies gründet in der Überzeugung, dass eine zentrale Kraft in dem Entschluss liegt, die eigenen besten Möglichkeiten zur Lösung der uns allen gemeinsamen, brennenden Probleme unserer Zeit anzubieten. ´


  Autoren

Morgenthaler, Ulrich

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