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Über uns
Impressum
Wo Himmel und Erde sich begegnen
erschienen in Ausgabe 145  PDF-Version (246.39 KB)
Der Hof Erdenlicht stellt sich als Beispiel einer alternativen ländlichen Entwicklung vor.

Die Altmark im nördlichen Sachsen-Anhalt: Eine stille, weite Landschaft, in der nur wenige Menschen leben – und von den wenigen gehen immer mehr fort. Die Dörfer entleeren sich, es ist nichts mehr los: keine Arbeit, keine Ausbildungsplätze, keine coolen Freizeitangebote. Doch gerade deswegen kommen andere hierher. Was möglich wird, wenn eine kleine Gemeinschaft von Menschen sich ganz auf die Potentiale ihres Platzes und ihrer eigenen Fähigkeiten und Träume einlässt, erfahren wir in diesem Bericht der Menschen vom Hof Erdenlicht.


Im Jahr 1997 kamen wir auf einen Platz, der sieben Jahre lang keine Menschen mehr aufgenommen hatte. Eingerahmt von zwei großen Scheunen und einer alten, unbelebten, wunderschönen Feldsteinkirche empfing uns ein Raum, der überwuchert war von wildem Gras, übersät von unzähligen Strohballen-Schnüren, Schnapsflaschen und Müll. Wir standen da und fühlten Wärme, Liebe und Heimat. Dies war der Impuls, der uns in dieses kleine ungewöhnliche Dorf in die Altmark rief – nach Depekolk.
Wir zogen die Stricke aus dem Boden, sammelten Flaschen und zerbrochenes Glas ein, pflanzten Weiden und massierten den Leib unseres Anwesens mit Schaufeln, Händen und Füßen. Steine gibt es hier so viele, und es tat gut, sie in den Händen zu fühlen und zu bewegen. Und unter jedem bewegten Stein war nun ein kleiner Garten. Durch die mannshoch gewachsenen Wiesen begannen sich Pfade abzuzeichnen. Einer führte zum Wasserhahn einer freundlichen Nachbarin, einer zum entstehenden Garten, einer zum Haus, aus dem wir inzwischen die ersten rostigen Nägel zogen und gebrochene Balken schienten.
Der Platz dankte uns mit seinen blühenden Gräsern und Kräutern und seiner sich wandelnden Schönheit. Er zeigte uns mehr und mehr sein Wesen. Wie wir selbst, so fühlte er auf seine Art, drückte sich aus, rief uns, hielt uns zurück und wollte erkannt und gestaltet werden. Als uns das bewusst wurde und wir uns entschieden, das Wahrgenommene in unserem Tun und Sein zu achten, bekam unsere Gemeinschaft eine tiefere Verbindung und Bestimmung.

Eine Kirche für Gesänge

Unser Raum weitete sich. Wir bekamen die Erlaubnis, die verlassene Feldsteinkirche zu reinigen und zu nutzen.
Bald wärmten die ersten Klänge und Taizégesänge das Gemäuer. Die Gesänge in der kleinen Feldsteinkirche entwickelten sich zur Veranstaltungsreihe „Die Einheit hinter den Gegensätzen – Taizélieder und Gesänge aus verschiedenen Religionen und Traditionen der Welt“. Auch die Konzertreihe „Hörlandschaften“ wurde geboren.
Die Kirche begann tiefer zu atmen, und auch wir atmeten tiefer. Dieses gemeinsame Spüren in die Erde, in die Steine, in die Pflanzen, in das Dorf und in die Umgebung, sowie unsere Hingabe ans Gestalten verwurzelten uns immer stärker. An Abenden saßen wir mit Menschen aus dem Dorf zusammen, teilten Wahrnehmungen, sammelten Dorf-Geschichte, spürten Wesenhaftem nach: Warum ist unser Dorf sowenig Dorf? Warum suchen oft Menschen das Dorf auf, um nach einiger Zeit wieder zu gehen? Warum fand die Freie Schule, die für Wandlung im Bildungswesen steht, ihren Platz hier? Wovon bezog unser 150 Besucher zählendes erstes Hoffest seine integrierende Kraft? Es überbrückte die Grenzen zwischen Einheimischen und Zugezogenen, alternativ und konventionell Lebenden, zwischen jungen und alten Menschen.
Wolfgang Schneider, ein erfahrener Geomant und Schüler von Marko Poga?cnik, kreuzte unseren Weg und half uns, unsere Antennen zu verfeinern. So wurde deutlich, was wir bereits ahnten. Da wo die alten Eschen neben der Kirche unseren Hof berühren, fanden wir einen Platz, den Wolfgang Schneider die „schwarze Göttin“ nennt, eine weibliche, in der Landschaft verankerte Kraft der Wandlung. Intuitiv war von Frauen hier schon ein halbes Jahr zuvor ein Kraftplatz angelegt worden.
Die Wandlung ist derjenige Teil, den zu würdigen uns Menschen am schwersten fällt. Die Göttin der Wandlung bereitet den Menschen nicht selten schmerzliche Probleme. Ihre Kraft führt jedoch auch zu nachhaltiger, lichtbringender Veränderung. Dies also war die Antwort auf unsere Fragen.

Die Gemeinschaft wächst

In unserer Gemeinschaft rüttelte es an den Grundfesten. Wir waren bisher außerhalb unseres Hofs in Anstellungen tätig, aber unser Traum war ein anderer. Wir wollten Leben und Arbeiten an einem Ort miteinander verbinden. Der Traum wurde von Tag zu Tag wacher, und er nahm wie ein guter Freund seinen Raum. Er besuchte uns in den Nächten und begleitete uns an den Tagen, bis wir anfingen, ihm Nahrung zu geben. Im Jahr 2004 war es soweit. Wir lösten uns von unseren Anstellungen und gaben einer kleinen Demetergärtnerei mit Permakulturansatz und Lichtwurzelanbau, der Holzkunstwerkstatt „Kambium“ und der Bekleidungskunstwerkstatt „Frauenmantel“ ihre Wurzeln.
Und es geschah ein kleines Wunder. Wir bekamen ein 1 Hektar großes, an unseren Hof angrenzendes Stück Land geschenkt – ein Vermögen, das wir selbst nicht hätten aufbringen können. Das Land war gerade erst von hunderten Tonnen Beton und Asbest beräumt worden und fühlte sich so fest an wie die Steine in der Altmark. Diesem Land schenken wir seitdem einen Teil unserer Zeit. Inzwischen wachsen dort 500 Bäume, Sträucher und Obstgehölze. Ein großer Schwarzdornkreis behütet ein aus Lehm geformtes Mutter-Erde-Gesicht, das Zentrum unseres Gartens. Dieses Gesicht verwittert im Verlauf jedes Jahres, so wie wir Menschen im Laufe unserer Lebenszeit altern, spannt einen Bogen von der Geburt und Erneuerung (Frühjahr) bis zum Vergehen und Tod (Winter). In jedem Frühjahr glätten wir das Gesicht, auf dass ein neuer Zyklus beginnen kann.
Jetzt leben auf Hof Erdenlicht vier Erwachsene und zwei Kinder. Wir wohnen traditionell in familiären Strukturen, doch mit sehr intensivem Gemeinschaftsleben. Wir haben gute Erfahrungen gemacht, den Kleinststrukturen Vorrang zu geben. Der Frieden in der kleinen Struktur ist eine gute Basis für das größere Miteinander. Wir teilen Mittagsmahlzeiten miteinander, stimmen uns montags für die Woche ein und haben einen Spielenachmittag für uns und die Kinder sowie einen Besprechungs- und einen Wohlfühlabend für uns Erwachsene reserviert. Als kleine Gemeinschaft fühlen wir uns verbunden mit dem großen Menschenkreis, unserem Planeten, und wir hinterlassen achtsam unsere Spuren.

Regionale Vernetzung und Regionalwährung

Seit Jahren schon sind wir im Austausch mit Nachbarn und nahestehenden Freunden: Wir verleihen Autoanhänger, helfen mit dem Traktor, pflegen schon mal Haus, Tiere und Pflanzen in der Urlaubszeit, erledigen Einkäufe im Krankheitsfall, massieren müde Schultern und, und, und … Gesellschaftlich gesehen, sind das ganz alte Traditionen, die in den letzten Jahrzehnten oftmals nur noch innerhalb der eigenen Familie gepflegt wurden.
Von Tauschringen und Regionalwährungen hatten wir früher auch schon gehört bzw. diese mitgestaltet. Als sich dann die ersten „Urstromtaler“ durchs Land reichten, wurden auch wir vom Sinn und der Kraft der entstehenden zinsfreien Regionalwährung in Sachsen-Anhalt berührt. Wir sind seitdem selbst Ausgabestelle, akzeptieren den Urstromtaler als Zahlungsmittel für unsere Waren und Dienstleistungen und stärken so den Initiatorenkreis.
Um die Regionalwährung bekannter zu machen und auch andere Anbieter aus der Umgebung kennenzulernen, haben wir im letzten Juni zu einem Urstromtalermarkt auf unseren Hof geladen. Neben einem reichen Angebot konnten auch Kuchen und Getränke mit den Talern bezahlt werden. Wer noch keine besaß, konnte am Eingang Euro gegen Urstromtaler eintauschen. Nun wird es im Juni wieder einen solchen Urstromtalermarkt geben. Der Wunsch, den Urstromtaler als normales Zahlungsmittel zu nutzen und damit die Region und uns selbst zu stärken, lebt in uns. Das Wirtschaften in kleinen Kreisläufen macht nicht nur Freude, es erdet und verbindet uns Menschen auch wieder miteinander. Nachbarschaften entstehen, Anteilnahme und gegenseitiges Wahrnehmen können wachsen.
In Bewusstheit Feste zu feiern war immer ein Bestandteil unseres gemeinsamen Alltags. Es ist uns wichtig geworden, innezuhalten, um Veränderungen in unserem Lebensgefüge wahrzunehmen, zu ehren und dann weiterzugehen. Als vor fünf Jahren in unserer Lebensgemeinschaft die erste Hochzeit stattfand und uns und allen Gästen Tiefe, Verbundenheit mit Mutter Erde und innerer Berührung, erlebbar wurde, war ein erstes Samenkorn gelegt. Fragen tauchten in uns auf, die wie von selbst nach Antworten suchten. Woher bekommt so ein wichtiges Fest seine Kraft? Welche Ablösungen finden statt? Worin möchte sich das Neue ausdrücken? In der Auseinandersetzung mit diesen und ähnlichen Fragen keimte die Idee, Menschen in ihrem Feiern zu begleiten.

Das Projekt Hochzeiten und Feste

Diese Idee zeigte sich über die Jahre immer deutlicher. Einen Anstoß gab uns ein alter, pferdegezogener Zigeunerwagen, der mit einer vielgereisten Familie zu uns kam. Eine wunderschöne „Hochzeitskutsche“ stand nun auf unserem Hof und wirkte still in unseren Geist. Wann würden wir ihre Botschaft in uns erkennen?
Inzwischen ist die Kutsche weitergezogen, doch der Same, den sie gelegt hat, ist aufgegangen. Die neue Pflanze setzt gerade ihre Blüten an. Bald wird sie blühen. Was also heißt es für uns, ein Fest zu feiern?
Der Kreislauf des Lebens bringt uns Menschen immer wieder Umbrüche: Abschied und Neubeginn sind ständig Teil unseres Daseins. Manche Veränderungen werden von uns Menschen besonders gewürdigt. Es gibt Feiern, um Neu-geborene willkommen zu heißen, Riten zur Begrüßung -eines zur Frau gewordenen Mädchens, Initiationsfeiern, „runde“ Geburtstage, Hochzeiten und Trauerfeiern. Erntedankfeste, Ostern, Weihnachten binden uns in den Jahreskreis und die jeweilige Kultur ein. Je nachdem, in welcher Kultur wir uns bewegen, gibt es verschiedene Formen der Würdigung. In unserer Zeit sind jedoch viele ehemals fest im gesellschaftlichen Leben verankerte Traditionen verlorengegangen oder zur sinnentleerten Phrase verkommen.

Gegenpol zur Arbeitswelt

Unserer Vorstellung nach setzt ein Fest einen Gegenpol zu unserer arbeitsorientierten Alltagswelt. Wie eine Insel außerhalb des Alltäglichen spricht eine Festlichkeit die Menschenseele an. Indem wir feiern, geben wir uns selbst Zeit für bestimmte Inhalte. Menschen, die feiern, agieren. Sie gestalten bewusst und betonen ausgesuchte Aspekte. Hier zeigt sich der Mut, einen bestimmten Schritt im Leben zu tun – aus Absicht, nicht im Vorbeigehen.
Indem wir uns konfrontieren und einlassen auf die tieferen Inhalte von Festen, uns im Innersten berühren lassen, erfahren wir auch eine Anbindung an den Fluss des Lebens, der uns nährt und trägt. Jeder Augenblick, in dem ein Fest gefeiert wird, hat eine Bedeutung für unsere Außenwelt, für die Erde, das Fortschreiten des Naturkreislaufs und unsere Innenwelt, unsere Seele. Diese Augenblicke gemeinsam mit anderen Menschen zu verbringen, hat einen ganz besonderen Wert. Energien verstärken sich, wenn sie von vielen geteilt werden. Feiernde betreten gemeinsam ein bestimmtes, ausgerichtetes Feld. So wird es dem Einzelnen bei bestimmten Anlässen erleichtert, zu trauern und wirklich Abschied zu nehmen. Auch feierliche, kraftvolle, ekstatische Energien verstärken sich, wenn Menschen gemeinsam feiern und ihre Aufmerksamkeit und Gedankenkraft den gewählten Inhalten schenken.
Unser Anliegen ist es, Menschen behutsam zu ihrer eigenen Form des Feierns, Berührtwerdens, sich Öffnens zu führen. Es geht um Tränen, Freude und Liebe, um das Miteinander und das Teilen. Wir möchten helfen, dem uralten Bedürfnis, Augenblicke unseres Lebens besonders zu würdigen, nachzugehen und ihm Tiefe zu geben. Wir fühlen uns nicht an kulturell festgeschriebene Traditionen gebunden. Diesen Freiraum gilt es zu nutzen, in Freude und Liebe.

Gerade jetzt: Feiern im aufgegebenen Land!

Das Projekt, Hochzeiten zu begleiten, ist eine wunderbare Möglichkeit, Menschen zu einer gemeinsamen Aufgabe zu vernetzen. Hier, wo die Dörfer und Städtchen sich langsam leer wohnen, weil keine Autobahn das Land zerteilt, die die vielen Arbeitssuchenden als Pendler in die Nachbarländer bringen könnte, wächst still und kraftvoll ein neues Miteinander. Viele Menschen schlagen ihre Zelte hier auf, um ihre Träume ins Leben zu rufen. Die Töpferin mit rakugebrannten Hochzeitskelchen, die Buchbinderin, die Stein- und Schmuckwerkstatt, die Gewandschneiderin, die kraftvolle natürliche Hochzeitskleidung näht, Musiker, Anleiterinnen der Tänze des universellen Friedens, Künstler, die große Zelte nähen, Ökoköche, Biogärtner. – In einem Hochzeitsfest lassen sich viele Gewerke vereinen. Seit kurzem besteht bei uns am Hof zudem die Möglichkeit zur „inneren Einkehr“; hier bieten wir eine Rückzugsmöglichkeit für alle Menschen, die eine Auszeit vom Alltag brauchen.
Wir fühlen uns als Gemeinschaft heute mitten im Leben und sind froh, unserem Mut gefolgt zu sein. Gemeinsame Ökonomie wächst langsam mit dem Vertrauen und der Tiefe unserer Verbindung. Wir unterstützen uns gegenseitig. Es gibt gemeinsame und individuelle ökonomische Projekte, und sie bündeln ihre Energie in der Vision der Hochzeitsfeste.
Manchmal haben wir alle das Gefühl, über ein Seil zu balancieren, und manchmal spüren wir wieder den Wind im Rücken. Manchmal sind es Ängste und Muster, die uns am Ufer festhalten, und dann wieder wachsen Mut und Vertrauen in uns. Frei zu sein und in der Mitte des Stromes zu schwimmen, ist nicht immer die leichteste Übung. Doch unsere Kraft, verbunden mit unserem Traum, öffnete viele Tore. ´


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Hof, Erdenlicht

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