„David gegen Goliath“ wurde 20 Jahre alt. Der ehemalige Münchner Stadtrat Bernhard Fricke zieht eine nachdenkliche Zwischenbilanz.
In den letzten Jahren hat es eine ganze Reihe von Parteigründungen gegeben, die dem transmateriellen Bewusstseinswandel Rechnung tragen wollen, indem sie ihr politisches Engagement explizit (auch) auf die Grundlage eines spirituellen Selbstverständnisses und einer spirituellen Ethik stellen: Die Bundespartei „Die Violetten“ und das europäische Gesellschaftsprojekt „Dynamik5“ sind nur zwei solcher Beispiele. In München aber existiert eine derartige Gruppierung bereits seit zwei Jahrzehnten. Bernhard Fricke saß für die von ihm maßgebliche mitgestaltete Bürgerinitiative „David gegen Goliath (DagG)“ sogar zwölf Jahre lang als Abgeordneter im Stadtrat. Das heißt: Zum Sitzen kam er in all der Zeit eher selten …
Mein Interview findet im Garten eines kleinen Münchener Krankenhauses statt, denn Bernhard Fricke hat sich beim Volleyballspielen die Achillessehne abgerissen. Der Jurist, Journalist, Polit-Profi und Heilpraktiker deutet diese Verletzung als unmissverständliches Zeichen dafür, dass er sich in typisch menschlicher Hybris ungebührlich viel Verantwortung auf die eigenen Schultern geladen hat; außerdem weise diese Gesundheitskrise für ihn auf den Beginn eines neuen persönlichen Zeitabschnitts hin. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Wandel auch mit dem kürzlich gefeierten runden Jubiläum von „David gegen Goliath“ zusammenfällt. Doch der Anlass, der Fricke und seine Mitstreiter damals ihre „Umwelt-,Menschen- und Tierrechtsorganisation“ gründen hat lassen, jährte sich im vergangenen Monat ebenfalls zum zwanzigsten Mal, und da sei es wohl unangemessen, von einem „Jubiläum“ zu sprechen: Am 26. April 1986 ereignete sich der Super-GAU von Tschernobyl, ein Ereignis, das der damalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow heute die„größte Menschheitskatastrophe“ nennt, eine Katastrophe, die noch mindestens einige zehntausend Jahre anhalten wird.
Durch die Katastrophe aufgeweckt
Während die meisten Menschen die anhaltende Gefahr der Atomanlagen schon damals recht bald wieder relativierte, neutralisierte und ignorierte, geriet Tschernobyl für die „Davids“ zum nachhaltigen Erweckungserlebnis. Sie waren bereit, mit allen ihren Kräften dazu beizutragen, dass sich eine derartige Katastrophe auf keinen Fall wiederholen kann. Da der Mensch offenbar ein „strukturell fehlerhaftes Wesen“ ist und die Nuklear-technologie eine Vielzahl untragbarer Risiken birgt, kann die einzig vernünftige Folgerung damals wie heute nur lauten, ohne Umschweife aus der Nutzung der Atomenergie auszusteigen. Dies war zunächst das einzige Anliegen der neugegründeten Bürgerinitiative, und man merkt es Bernhard Fricke an, dass es ihm heute noch ebenso sehr am Herzen liegt wie damals: „Da gab es gar keine Frage über Kompromisse und längere Laufzeiten – alles Pipikram! Wir wollten und wollen den Ausstieg aus tiefstem Herzen jetzt und sofort und radikal. Denn wenn das, was dort passiert ist, hier passiert, dann kann man seine Lebensplanung, sein Geld und seine materiellen Güter in dieser Form vergessen, dann ist alles verstrahlt und entwertet, und nicht nur das Leben der Menschen!“ In Bayern sah man das bei der CSU jedoch auch kurz nach Tschernobyl völlig anders. Die Partei verkündete umgehend, an ihrer Atompolitik festhalten zu wollen. Auf der anderen Seite sammelte David gegen Goliath in einer ersten Aktion innerhalb kürzester Zeit 200000 Unterschriften gegen den Weiterbau der Wiederaufberei-tungsanlage in Wackersdorf – was jedoch in den Worten Frickes „am bayerischen Bewusstsein abprallte“: Bei der darauffolgenden Landtagswahl segnete die Bevölkerung die Atom-Positionen der CSU mit einer komfortablen Mehrheit ab. Doch lässt sich die Atomtechnologie kontrollieren, wenn die Befürworter dies nur lange genug beschwören? Dazu Fricke: „Ich habe den Hochmütigen und Technikfixierten immer geraten: Geht einmal wöchentlich abends über den Friedhof und schaut euch den Sternenhimmel an, dann bekommt ihr vielleicht ein Gefühl für die Zeit und für eure Proportion in der Milchstraße, die nur eine von hunderttausend Milchstraßen ist …“ Die Vorstellung eines authentischen Naturerlebens als Bewusstseinskorrektiv wurde in dieser Artikelreihe bereits einmal aufgeworfen, als es um den Anblick der Erde aus dem Weltall ging (KursKontakte Ausgabe 130). Vielleicht würde mancher Politiker aber auch schon anders denken, wenn er nur seine Bibel ebenso gut zu deuten wüsste, wie die Aktivisten von DaGG. Denn: Tschernobyl – das bedeutet in der russischen Übersetzung „bitterer Wein“ bzw. „bitteres Wasser“. Und kündigt nicht einer der Todesengel in der Offenbarung des Johannes die Vergiftung des Wassers als ein Zeichen für den Anbruch der Apokalypse an? Die „Davids“ jedenfalls leisten ihre Arbeit fortan in dem ständigen Bewusstsein einer drohenden endzeitlichen Situation, die jeder sehen kann, wenn er nur hinsieht.
DaGG and cover!
Recht früh also steht das Engagement der „Davids“ auch vor dem Hintergrund eines spirituell beeinflussten Weltbilds. Er habe nie einen Hehl aus seiner Überzeugung gemacht, so Fricke, dass die Bergpredigt die Essenz aller ethischen Regeln enthalte, die für ein faires und verantwortliches Miteinander nötig sind. Auch das Grundgesetz biete einen brauchbaren Regelkanon, wenn man nur den Artikel 1, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, auf die Würde der Tiere und Pflanzen erweitere.
Dem Einwand, dass das alttestamentarische „David gegen Goliath“ als Name für eine ganzheitlich ausgerichtete Gruppe doch ungewöhnlich negativ formuliert sei, kennt Bernhard Fricke: „Der Name will natürlich ausdrücken: Klein und aussichtslos und trotzdem erfolgreich. In unserem eigenen Bewusstseinsprozess nach vier oder fünf Jahren ging uns natürlich auf, dass es eigentlich David gewinnt Goliath heißen müsste oder David mit Goliath.“ Das Schwarzweiß-Schema „klein = gut und groß = schlecht“ habe sich bald als Fehleinschätzung erwiesen. Vielmehr stellten die Aktivisten immer wieder fest, dass es im Lager der „Goliaths“ genauso Menschen gab, die für das Schicksal der Erde Sorge tragen, wie sich unter den kleinen „Davids“ egozentrische und selbstsüchtige Wesenszüge finden. Aus Marketinggründen wollte man sich jedoch nicht zu einer Namensänderung durchringen – dafür waren die „Davids“ schon zu dieser Zeit zu sehr Polit-Profis.
Dieser Umstand mag wiederum Bernhard Frickes (Jahrgang 1950) Einfluss zu verdanken sein, der seine Arbeit mit DaGG im Rückblick als „Verdichtung“ seiner zuvor absolvierten politischen Lehrzeit bezeichnet: Schon als Jugendlicher in der Schülermitverwaltung und Schülerzeitung engagiert, unterbricht er sein Jura-, Politik- und Psychologiestudium immer wieder für ausgedehnte Reisen in alle Welt. Nach einer Hospitanz beim Bayerischen Rundfunk wird er zum Landtagswahlkampf 1979/80 persönlicher Mitarbeiter des SPD-Visionärs und Grünen-Vordenkers Erhard Eppler. Fricke koordiniert Epplers Wählerinitiativen aus dem politischen, kirchlichen und ökologischen Bereich und knüpft nach Gründung der grünen Partei noch einige Jahre lang wichtige Kontakte in deren Dunstkreis. Warum hebt er dann 1986 eine neue Umweltschutzorganisation aus der Taufe? „Es war schon bald nach Gründung der Grünen zu erkennen, dass dort diejenigen, bei denen eine spirituelle Komponente in der persönlichen Lebensführung und im Weltbild eine Rolle gespielt hat und denen das Schicksal dieser wunderschönen Erde eine wirkliche Herzensangelegenheit war, von den machthungrigen ‚Alphatieren‘ aus den linken Studentenorganisationen zurückgedrängt wurden.“ Aus der Bürgerinitiativarbeit für Erhard Eppler wusste Fricke, dass ein Großteil der Bevölkerung eine Aversion gegen Parteien hegt. DaGG wollte deshalb all jenen eine Sammlungsbewegung sein, die an der Verwirklichung von grundlegenden Veränderungen mitarbeiten wollten, sich jedoch von bestehenden Organisationsformen – das heißt Parteien – nicht angesprochen fühlten.
Angesichts des Wahlergebnisses der Nach-Tschernobyl-Landtagswahl und ihrer ins Leere gelaufenen Unterschriftenaktion mussten die frisch geborenen „Davids“ schnell einsehen, dass die Atomenergie offenbar nicht im Sturm abgeschafft werden konnte. Es hieß deshalb, eine längerfristig angelegte grüne Bewusstseinsarbeit in die Bevölkerung zu tragen. Den Aktivisten wurde auch bald bewusst, dass sie an vielen der katastrophalen Situationen, die sie im Außen beklagten, durch das eigene Handeln selbst beteiligt waren. Wo trage ich selbst zur Wasserverschmutzung und zum Verkehrskollaps bei, und wie kann ich das vermeiden, fragte man sich zunehmend. Die „Davids“ verfassten eine Broschüre mit elf Umweltgeboten, die jedermann über seinen freiwilligen persönlichen Handlungsspielraum zum Schutz der Schöpfung aufklärte, ohne in den alttestamentarischen Befehlston des „Du sollst …!“ zu verfallen. Der Text findet auf den DaGG-Veranstaltungen bis heute guten Absatz und steht kurz vor Überschreitung der Millionenauflage (www.davidgegengoliath.de).
Freilich ist das (zumindest theoretische) Wissen um die eigenen ökologischen Handlungsspielräume heute vielerorts Allgemeingut. Doch war dies in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre eben erst der Anfang einer umfangreichen kritischen Selbstüberprüfung, der man sich bei der Münchner Bürgerinitiative unterzog. Die Erfahrungen in anderen Organisationen hatten nämlich gezeigt, dass diese zwar vorgaben, für den Frieden zu sein, jedoch in ihrem Verhalten tatsächlich alles andere als ein friedliches Bild abgaben. Nach einer Vielzahl von nach außen gerichteten DaGG-Aktionen kristallisierte sich immer mehr die Erkenntnis heraus: Willst du die Welt verändern, so verändere dich selbst! Die äußeren Vorgänge sind nicht getrennt von unserem inneren Sein, sondern sie spiegeln diese wider. Spätestens im Kontext dieser Prozesse wurde deutlich, dass sich die eigene Haltung keinesfalls darin erschöpfen könne, gegen etwas zu sein – weshalb David gegen Goliath nun beginnt, sich fortan als eine Bewegung pro Solarenergie zu profilieren. Zunehmend perfektionieren die „Davids“ ihre spezifische Aktionsform, die stets darauf abzielt, Themen zuzuspitzen und der Öffentlichkeit bestimmte Zusammenhänge mit plakativen Bildern aufzuzeigen.
Außerirdischer Lokalpolitikermit globalem Bewusstsein
Nach vier Jahren reger Präsenz im Münchener Stadtbild mussten sich die Aktivisten allerdings eingestehen, dass sie zwar viele Bürger mit ihrer Botschaft erreicht, aber in der offiziellen Politik letztlich „null Resonanz“ ausgelöst hatten. „Es hat uns irgendwann nicht mehr gereicht, wenn wieder mal ein gutes Photo über eine DaGG-Ak-tion in der Zeitung gebracht wurde. Wir hatten vielmehr das Gefühl, dass uns die Zeit wegläuft, in der wir zu den Veränderungen beitragen können, die notwendig sind, um die Endzeit doch noch von der Menschheit abzuwenden“, erzählt Bernhard Fricke. „Also haben wir uns gesagt: Wir müssen ja nicht anstelle einer Bürgerinitiative den politischen Weg gehen – wir machen beides! Wir gehen in die entsprechenden Gremien und versuchen, die Veränderung, die wir bis dahin in den leeren Raum hineingeworfen haben, selber umzusetzen. Was wir hier realiseren, soll dann in andere Gegenden ausstrahlen.“
Im Jahr 1990 beteiligen sich die „Davids“ an den Wahlen zum Münchener Stadtrat. Als prominentes Unterstützungsteam für den Wahlkampf, in dem sie den Wählern „eins zu eins sagen, was notwendig ist“, können sie unter anderem Ottfried Fischer, Hans-Peter Dürr und Barbara Rütting gewinnen. Was sie wollen, ist klar: Abschaffung der Atomenergie und eine andere Verkehrspolitik. Sie fordern damit eigentlich nichts anderes als SPD und Grüne. „Der Unterschied war nur“, fügt Fricke lachend dazu, „wir wollten das wirklich!“ Ihre „grenzenlose Naivität“ geht so weit, dass sie insgeheim ein Ergebnis jenseits der 5 Prozent erhoffen – ein Erfolg, der in weiterer Folge die Teilnahme an Landtags- und Bundestagswahlen in Aussicht gestellt hätte. Deshalb ist Fricke über sein schließlich mit 1,9 Prozent Stimmenanteil gewonnenes Stadtratsmandat letztlich maßlos enttäuscht. Doch auch wenn in den folgenden beiden Wahlen nie mehr als 2,2 Prozent zu holen sind, beginnt für die „Davids“ und ihren Frontmann Fricke nun eine im Kleinen durchaus erfolgreiche, zwölfjährige Periode als Minipartei. Mit Fliegermütze und im Solarmobil sitzend zieht Bernhard Fricke in den Stadtrat ein. Der Mann, der gerne zugibt, dass ihm die Wertediskussion und die -Vision wichtiger sind als die Politik des Ist-Zustands, wird im Stadtparlament durch seinen medienwirksamen Auftritt vom ersten Tag an als eine Art Außerirdischer wahrgenommen. „Ich hatte für die anderen Stadträte so viel Fremdheit, dass sie annehmen konnten, dass ich noch nicht Teil des Systems war. Und doch war ich ihnen nie fremd genug, als dass ich es ihnen leicht gemacht hätte, mich als Spinner abzutun“, erinnert sich Fricke. „Ich habe eben versucht, mit großer Ernsthaftigkeit, aber auch mit einem Augenzwinkern und viel Ironie gerade die konservativen Leute immer wieder zum Nachdenken anzuregen.“
In der ersten Legislaturperiode ist Fricke gleich das Zünglein an der Waage in der mit einer Stimme Mehrheit regierenden „Regenbogenkoalition“. Bald erwirbt er sich in den städtischen Behörden einen Ruf als Nervensäge, die zu allen erdenklichen Sachverhalten die entsprechenden Statistiken abfragt. Wenn sein Gewissen es verlangt, zahlt er lieber ein Ordnungsgeld, als dass er an unsinnigen oder unethischen Abstimmungen teilnimmt, und wenn immer es darum geht, die großen Themen auf die lokale Ebene zu übersetzen, nutzt er den Stadtrat virtuos als Bühne.
So stellt Bernhard Fricke Anfragen zu den Überflugrechten des nahegelegenen Atomkraftwerks Ohu ebenso, wie er etwa einen Pflichtbesuch der Münchener Schüler im Schlachthof anregt.
Als in der Innenstadt 40 schöne, alte Bäume einem Prestigebauprojekt zum Opfer fallen sollen, besetzt er einen davon für 36 Stunden – -Kettensägenkommando, Bürger und Presse schauen zu. Für Fricke gerät die spontane Protestkletterei zu einem eindrucksvollen Resonanzerlebnis mit dem als Bruder erlebten Baum. Immerhin erreicht er, dass für jeden gefällten Baum fünf neue gepflanzt werden. Und er ist sich sicher: „Der Baum hat gewusst, dass da ein Mensch zu seiner Rettung auf ihm sitzt, und er war – anschmiegsam. Er hat alles dafür getan, mir meinen Aufenthalt da oben leicht und angenehm zu machen.“
Parallel zur parlamentarischen Arbeit in den 90er-Jahren gehen die Aktionen der Bürgerinitiative weiter. Der hinter DaGG stehende Aktivistenkreis organisiert neben spontanen Protest- und Mahnaktionen eine jährlich stattfindende Parade von Solarmobilen und macht den Münchner Bürgern eine Photovoltaikanlage zum Betrieb des Glockenspiels auf dem Rathaus zum Geschenk. Dank der 1500 Mitglieder gelingt es auch immer wieder, ganzseitige Zeitungsanzeigen zu finanzieren, in denen wichtigen Themen eine große Öffentlichkeit finden.
Wohin führen die neuen Wege?
Im Rathaus muss Stadtrat Fricke erkennen, dass er sich zunehmend lauter, schriller und spektakulärer gebärden muss, um von Presse und Abgeordneten überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Als es bei der Wahl im Jahr 2002 trotz gleichbleibender Stimmenzahl nicht mehr für ein Mandat reicht, ist Fricke fast ein wenig erleichtert, dass dieses Experiment nun zu Ende geht. Seine Empörung über das Wählerverhalten ist ihm dennoch auch vier Jahre später noch anzumerken:
„Wir haben die Erfahrung machen müssen, dass man kein ausreichendes Mandat erhält, wenn man den Leuten klipp und klar die Gefahren der heutigen Zeit vorlegt. Da gibt es viele spirituelle Menschen, die sich von jeder politischen Handlung zurückgezogen haben, weil sie glauben, dass das System nicht reformierbar ist. Die haben selbst wir nicht mehr erreichen können. Anderen wiederum erschienen wir in unserer Aktionsumsetzung zwar ganz attraktiv. Aber in unseren Forderungen waren wir ihnen zu radikal. Bei den anderen Parteien haben sie gewusst, was ihnen passiert, wenn sie die wählen: nämlich gar nichts! Die haben ihnen nicht wehgetan.“ Um das 5Prozent-Ziel zu erreichen, fasst Fricke zusammen, hätten die „Davids“ einen populistischen Wahlkampf machen und sich zu „Edel-Grünen“ entwerten müssen.
Auch heute, vier Jahre nach dem Ende des parlamentarischen Experiments, haben die „Davids“ ihren zukünftigen Weg noch nicht vollends gefunden. Dass an klassischen Aktionsfeldern kein Mangel herrscht, liegt auf der Hand: So organisiert man weiterhin Veranstaltungen, z.B. mit dem österreichischen Permakultur-Pionier und „Agrar-Rebellen“ Sepp Holzer, forstet in Eigenfinanzierung und Eigenarbeit kahle Berghänge auf und setzt sich vor Gericht für einen wirkungsvollen europäischen Tierschutz ein. Bernhard Fricke glaubt nach wie vor daran, dass solche praktischen Aktionen grundlegende Veränderungen herbeiführen können. Mindestens ebenso wichtig sei es aber, „dass wir uns bemühen, uns in der Meditation und im Gebet an die unendliche kosmische Kraft anzuschließen und dieses Feld mit anderen Menschen zu teilen.“ Er denke an die verschiedenen Initiativen, die während der Frühphase des letzten Irakkriegs weltweit dazu aufgerufen -hatten, zu bestimmten Zeiten gemeinsame Gedanken des Friedens und der Liebe auszusenden. Anstatt wie früher Politik hauptsächlich von außen nach innen zu machen, wolle er es heute lieber andersherum versuchen. Auf jeden Fall spüre er die Notwendigkeit, weiterhin „intensiv und fröhlich“ an sich zu arbeiten, ohne dabei jedoch so lange um sich selbst zu kreisen, bis er den „solaren Heiligenschein oder so etwas“ habe.
Bis sich dieser doch noch einstellt, kann Bernhard Fricke seine wehe Achillessehne in der Chiemgauer „Sonnen-Arche“ kurieren. Vor fünf Jahren hat David gegen Goliath diesen alten Bauernhof als vereinseigenes Umwelt- und Begegnungszentrum gekauft. Der Ort soll stressgeplagten und selbsterfahrungshungrigen Großstädtern aus dem nahen München als temporäres Refugium dienen und ihnen eine lebenstaugliche Spiritualität sowie den achtsamen Umgang zwischen Mensch und dem Rest der Schöpfung vermitteln. In dem großen alten Haus ist ein Veranstaltungs- und Meditationsraum untergebracht, und mittlerweile hat auch Fricke seinen Hauptwohnsitz zu den etwa 130 Tieren an den Chiemsee verlegt. Der neue Ort inspiriert zu neuen Visionen: Fricke denkt nun an ein gemeinschaftliches Leben auf dem Land, bei dem die Mitglieder durch ihr Wohnen, Arbeiten und ihre Dienstleistungen ein möglichst autarkes regional-ökonomisches Netzwerk bilden. – Vielleicht werden wir im eurotopia-Teil dieser Zeitschrift ja bald von einer aufstrebenden Sonnen-Arche-Gemeinschaft lesen können? ´
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