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Liebe Leserinnen,liebe Leser,
gestern Nacht hat es bei uns nach langer Trockenheit zum ersten Mal wieder geregnet. Man vergisst schnell, wie sich die Tage zuvor angefühlt haben, kaum dass sich der Organismus wieder in seinem Normbereich angekommen glaubt. Heute lese ich in der Zeitung: der heißeste Juli seit Beginn der Messungen, ein außergewöhnlich trockener Juli, aber ob es insgesamt ein Rekordsommer werden würde, könnten die Forscher noch nicht sagen …
Rekordsommer – als letzter wurde (nach 1994) derjenige des Jahres 2003 ausgerufen. Das Rekordgeschreibe der Medien klingt, als hätten es die Sportredaktionen verfasst: Hurra, endlich ist der alte Rekord gefallen, die Latte wieder ein Stück höher gerückt!
Absurd! – Im Schweiße seines Angesichts lässt sich der Mensch von Phänomenen, die Indikatoren bedrohlichster globaler Entwicklung sein könnten, nicht anders beeindrucken als von der Kraftmeierei gentlemanliker Boxchampions, testosterongeschwängerter Pedalritter oder 1019 PS starker Spielzeugautos: Mann, was ’ne Hitze! Irre! Sowas von geschwitzt! …
Würden nicht einige von uns gern mal andere Rekorde sehen? „Rekordbewusstseinswandel – Menschheit macht Riesensatz nach vorn“: Jubel allerorten! In einem gemeinsamen Rekordversuch ist es der Menschheit gelungen, die für unumstößlich gehaltene Marke von 10 Milliarden Tonnen bei der jährlichen Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes zu überspringen. Nun will die Weltbevölkerung noch mehr: Neue Herzensbildungsmethoden sollen die Leistung im nächsten Jahr um wenigstens 10 Prozent steigern. Bei diesem Bewusstseinswandel sind die Klimagase in drei Jahren Geschichte.
Oder: „Rekordabrüstung – Waffenvernichtung außer Rand und Band“: Auf absolutem Höchststand seit Beginn der offiziellen Zählungen in den 60er-Jahren liegt der Abrüstungsfaktor bereits nach den ersten sieben Monaten des Jahres 2006. In einem beispiellosen Rennen sichert sich die Menschheit den Gesamtfrieden in Weltbestzeit. Es wird damit gerechnet, dass das Team Israel/Libanon die letzten Waffen am kommenden Sonnabend vernichtet. Damit erringen die Wettkämpfer aus der Levante hinter denen aus Eurasafrika und Ameralien einen ehrenvollen dritten Platz – und eine spannungsvolle Epoche geht endgültig zu Ende.
Oder: „Rekordwohlstand – Weltsattheit schlägt über alle Stränge“: Noch nie in der Geschichte des Planeten waren soviele Menschen so satt wie im vergangenen Monat, der damit einen einsamen Spitzenplatz in der All Time Hall of Fame einnimmt. Einziger Wermutstropfen: Kliniken aus der ehemals dritten Welt müssen die Abteilungen für Hungerödeme schließen. Für das freiwerdende Personal wird jedoch beim globalen Rekordversuch „Ein gutes Leben für alle“ mit Sicherheit in neuer Bestzeit gesorgt werden.
Herzlich, Ihr
Johannes Heimrath
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Heimrath, Johannes
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