Buchbesprechung
Ein Märchenbuch? Wohl kaum. Der verblüffende Untertitel dieser Neuerscheinung aus dem letzten Jahr deutet an, dass es um weit mehr geht, als um ein neues Vorlesebuch für Kinder: „Die großen Göttinnenmythen Mitteleuropas und der Alpen, neu erzählt von Heide Göttner-Abendroth“ – Frau Holle ein Göttinnenmythos? Wer hätte schon gewusst, dass sich hinter der vermeintlichen Grimm’schen Märchengestalt der Frau Holle tatsächlich die uralte Muttergöttin weiter Teile des alten Mitteleuropa verbirgt? Und wer würde vermuten, dass die verschiedenen überlieferten Frau-Holle-Episoden (es gibt derer viel mehr als nur das allseits bekannte „Goldmarie und Pechmarie“) richtig zusammengefügt eine umfangreiche und faszinierend tiefgründige spirituelle Mythologie offenbart?
Auf den ersten Blick ist diese Dimension aus den fragmentierten schriftlichen Überlieferungen auch nicht mehr herauszulesen, denn die mündlich tradierte Geschichte der Frau Holle erfuhr in vielen göttinfeindlichen Jahrhunderten einige gravierende Veränderungen. Zuletzt wurde sie von volkskundlichen Mythensammlern wie den Gebrüdern Grimm vollends im patriarchalen Sinne uminterpretiert, so dass von ihrer ursprünglichen Aussage für den normalen Leser nichts oder nicht mehr viel zu erkennen ist. (Man kann sich das vielleicht so vorstellen, als ob ein neues Regime alle Bibeln verbrennen lassen würde und es über das Leben Jesu nurmehr eine schlecht gemachte, tatsachenverdrehende Verfilmung gäbe, die zwar alle paar Monate im dritten Programm wiederholt wird, die aber niemanden mehr hinter dem Ofen hervorzulocken vermag. Die ursprüngliche christliche Botschaft samt ihres historischen Kontexts ließe sich bald nur noch erahnen …)
Vermutlich gibt es heute kaum eine Handvoll Menschen, deren Wissen um und über die matriarchale Kultur Alteuropas umfassend genug ist, um verstehen zu können, was uns die verstreuten und verdrehten Holle-Episoden aus den Märchenbüchern eigentlich sagen wollen. So können wir froh sein, dass die Begründerin der modernen Matriarchatsforschung, Heide Göttner-Abendroth, sich dieses reichhaltigen mythologischen Schatzes unserer mitteleuropäischen Ur-Urahnen angenommen und die Fragmente in den richtigen kulturhistorischen Zusammenhang und in eine sinnvolle Reihenfolge gesetzt hat. Ausgehend von den schriftlich überlieferten, jedoch patriarchal umgedeuteten Holle-Texten machte sich die Autorin daran, den alteuropäischen Göttin-Mythos in einer Jahreskreiserzählung auf solche Art (neu) zu erzählen, so dass der zugrundeliegende matriarchale Kern deutlich hervortritt. Wo es sein muss, fasst sie Episoden zusammen oder schreibt die Schriftfassung des alten Stoffs so um, dass die Erzählung hinsichtlich der spezifischen Besonderheiten der matriarchalen Ursprungskultur und der historischen Gegebenheiten Sinn ergeben. Das tut sie jedoch niemals, ohne ihre Schritte im Anhang ausführlich und schlüssig zu rechtfertigen und weitere interessante Zusammenhänge zu erläutern. (Es ist auf jeden Fall lohnend, diese oftmals äußerst scharfsinnigen kurlturgeschichtlichen Deutungen nach der Lektüre jedes einzelnen Kapitels im Anhang nachzuschlagen.)
Was an den spannend zu lesenden Holle-Geschichten neben ihrer spirituellen Dimension so fasziniert, ist ihre erstaunlich detaillierte Auskunft über jene Zeit, als die matriarchale Kultur Alteuropas von den kriegerischen keltischen und germanischen Einwanderern be- und verdrängt wurde. Um diese Aussage der Mythe hervorzuheben, hat die Autorin dem Zyklus des magisch-matriarchalen Holle-Jahres eine zweite Episodenstaffel zur Seite gestellt, die davon kündet, wie es mit der Göttinverehrung in Mitteleuropa nach den patriarchalen Einfällen immer weiter bergab ging – so weit, bis sich Frau Holle schließlich mitsamt ihrem Volk ganz aus ihrem angestammten Reich zurückzog.
Wie in den früheren Veröffentlichungen der Autorin drängt sich auch bei der Lektüre dieses Buchs die Vermutung auf, dass die heute vollends entfesselte patriarchale (Un-)Kultur nur so etwas wie eine kulturevolutionäre Fehlentwicklung sein kann. Dies wird fast noch deutlicher in der anschließenden Neufassung der Mythe vom „Feenvolk der Dolomiten“, die vom kleinen norditalienischen Volk der Ladiner über die Jahrhunderte hindurch tradiert worden war, bis sie zuletzt 1957 in schriftlicher Form von Karl Felix Wolff festgehalten wurde. Bereits andere Forscherinnen vor Heide Göttner-Abendroth hatten auf den offensichtlich matriarchalen Hintergrund dieser ebenfalls stark patriarchalisierten Überlieferung hingewiesen. Was die Autorin in dem vorliegenden Buch jedoch aus diesem Text gemacht hat, ist wirklich faszinierend! Ich hatte während des Lesens wiederholt das Gefühl, dass diese Geschichte schon in literarischer Hinsicht jeden Fantasy- und Herr-der-Ringe-Liebhaber überzeugen müsste – nur eben, dass es sich bei der „Fanes-Sage“ der Dolomiten wie schon beim Holle-Mythos keinesfalls um ein Fantasy-Märchen handelt, sondern in ihrem Kern um eine größtenteils authentische Überlieferung von realen historischen Vorgängen, die so (oder so ähnlich) einstmals fast überall auf der Welt geschehen sind.
Das Wissen, das man als Leserin oder Leser von Heide Göttner-Abendroths Neuerzählungen alter Mythen und ihrer kulturhistorschen Deutungen erlangt, wirkt tatsächlich subversiv: Wer sich mit den revolutionären Ergebnissen der modernen Matriarchatsforschung auseinandersetzt, ist wohl fortan für die patriarchale Perspektive unserer Zeit zunehmend verloren. Mit den Bildern dieser Mythen im Kopf fällt es leicht, den nicht unterzukriegenden Traum vom kulturellen Wiederaufleben des „kleinen Volkes“ mitzuträumen – solange, bis die Beziehungen zwischen Erde und den Menschenkindern unter anderen (möglicherweise uralten) Vorzeichen zu neuer Blüte gelangen können.
So wünsche ich diesem Buch eine größtmögliche Leserschaft und freue mich schon auf die Lektüre der neuerzählten Göttinnenmythen Sumers, Ägyptens, Griechenlands und des keltischen Raumes, die Heide Göttner-Abendroth ebenfalls im Ulrike-Helmer-Verlag herausgegeben hat.
Heide Göttner-Abendroth: „Frau Holle – Das Feenvolk der Dolomiten. Die großen Göttinnenmythen Mitteleuropas und Alpen“,Ulrike-Helmer-Verlag, Königstein 2005, 350 Seiten, ISBN 3-897411-67-9, 24,95 Euro
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