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Auf der Suche nach Unbegrenztheit
erschienen in Ausgabe 146  PDF-Version (220.37 KB)
Lara Mallien porträtiert Werner Küppers, der seit fünf Jahren den „Omnibus für direkte Demokratie“ fährt.

Im Herbst letzten Jahres näherte sich unserem Dorf eine erstaunliche Erscheinung. Ganz langsam kam sie über die holperige Plattenstraße herangeschaukelt, viel zu groß und viel zu weiß, um als Allerweltsfahrzeug identifiziert und nicht weiter beachtet zu werden. Der große Schriftzug aus schmalen, hohen Lettern, grün unter einem goldglänzenden, umlaufenden Messingband auf der Seite des schneeweißen Ungetüms prangend, zerstreuten den letzten Zweifel: Der „Omnibus für direkte Demokratie“ hatte sich erstmals nach Klein Jasedow gewagt. Da stand er nun, der liebevoll gepflegte Doppelstock-Oldtimerbus und pustete einen abschließenden Druckluftseufzer in den stillen Abend. Wer würde jetzt aus dem Fahrzeug aussteigen?
Das leicht irrationale Gefühl, für einen Moment in eine Fantasiegeschichte versetzt worden zu sein, in der ein inspirierter Erzähler ein schneeweiß-grün-goldenes Zaubermobil an die seltsamsten Plätze fliegen lässt, verstärkte sich, während wir die Omnibus-Besatzung begrüßten. Dem Gefährt entstiegen drei höchst unterschiedliche Gestalten: ein buntgekleideter, offenherzig strahlender Schülerpraktikant, eine selbstbewusst und zugleich etwas in sich gekehrt wirkende junge Frau und ein hochgewachsener Mann, dessen braungebrannte Schultern einem weiten, schwarzen Leinenoverall Halt gaben, der die weißen Haare und die meerblauen Augen des so ungewöhnlich Bekleideten noch heller erscheinen ließ. Es hätten fahrende Theaterleute sein können, die gleich mit ihrem Schauspiel beginnen.
In gewissen Sinn sind sie das auch. Werner Küppers und sein ständig wechselndes Team fahren von März bis November in einem umgebauten ehemaligen Berliner Doppelstock-Linienbus von Stadt zu Stadt, um mit Menschen über direkte Demokratie ins Gespräch zu kommen. Ein Zuhause kennt Werner nicht; wie ein Schausteller ist er immer unterwegs und verkriecht sich nur in den Wintermonaten in wechselnden Quartieren, während der Bus eine Generalüberholung genießt. Wenn er sich mit seinem Team auf einem Marktplatz postiert, wird die Stadt, in der er gerade ist, zur temporären Heimat und der Platz vor dem Bus zur Bühne seines Gesamtkunstwerks „Omnibus“. Omnibus, lateinisch, das heißt „für alle“ oder „mit allen“. Mit seiner Arbeit möchte Werner Küppers die Menschen nicht nur über den Kopf erreichen, sondern ganzheitliche Bewusstseinsprozesse in Gang setzen, und das erreicht man am besten über das Medium Kunst. Deshalb kommt hier kein abgenudelter Polit-Agitationsbus mit Lautsprecher angefahren, sondern der elegante, weiße Omnibus mit seiner „Krone der Souveränität“, wie Küppers das umlaufende goldene Metallband nennt.
Nachdem wir die „Omnibauten“ im Dorf herumgeführt haben und bereits vielen Stunden über die Rolle der direkten Demokratie im derzeitigen Wandel der Gesellschaft, über Vernetzung und Gemeinschaftsprojekte und vieles mehr gesprochen haben, kommen wir schließlich zu Werners Lebensgeschichte.
Extreme sind offenbar sein Lebenselixier. Den Zustand, den unsere Gesellschaft „Normalität“ nennt, hat Werner Küppers schon in seiner frühen Kindheit nicht ertragen. „Aus meiner Kinderzeit erinnere ich in erster Linie das ‚Moses-im-Körbchen-Gefühl‘“, erzählt er. „Ich habe mich in meiner Familie umgeschaut und gedacht: ‚Wie um alles in der Welt bin ich hier gelandet?‘“ Den Eltern wäre es lieber gewesen, wenn ihr Sohn ein durchschnittlicher Junge gewesen wäre und kein Ausnahmeschüler an der dörflichen Schule, der mit 13 Jahren bereits die gesamte örtliche Bibliothek durchgelesen hatte und in seinem Lerneifer kaum zu bremsen war. Er sollte bloß nichts Besonderes werden und nicht studieren – so dass ihm nach der Schule nur eine Lehre zum Industriekaufmann blieb. „Ich wurde zwar in diesen Beruf hineingezwungen, aber ich habe mich eigentlich immer in allen möglichen Zusammenhängen gut zurechtgefunden. Nach einem guten Abschluss hätte ich Karriere machen können. Man bot mir an, die kaufmännische Leitung einer Großbaustelle für ein neues Kraftwerk in Griechenland zu übernehmen. Aber in diesem Land herrschte damals eine Militärdiktatur, deshalb konnte ich das Angebot nur ablehnen. Stattdessen wollte ich die schmutzigste Arbeit in dieser Firma tun, ich wollte die Wirklichkeit der Arbeiter dort sinnlich erfahren. Man hat mich schließlich in die Versuchsstation versetzt, wo ich verfahrenstechnische Anlagen säubern durfte. Es war eine interessante Erfahrung, die Irritation meiner Vorgesetzten und früheren Kollegen zu erleben, die mich jetzt im Blaumann auf dem Hof stehen sahen und nicht wussten, ob sie mich grüßen sollten.“
Werner Küppers ist 1950 geboren, 1968 war er 18 Jahre alt. Vieles an seiner Lebensgeschichte klingt typisch für eine 68er-Karriere. Untypisch ist, dass sie nicht in einem „Marsch durch die Institutionen“ erlahmt. Und untypisch ist auch die Konsequenz, die der Alt-68er bei der Umsetzung seiner Erkenntnisse in eine zunehmend autonome Lebenswirklichkeit zeigt.
Für seinen Zivildienst sucht er sich eine Stelle an der Uniklinik Düsseldorf, wo er in der beschäftigungstherapeutischen Abteilung Kinder betreuen soll. Damals will er Kunsttherapeut werden und befasst sich intensiv mit Pädagogik und Psychologie. „In dieser Arbeit mit den Kindern bin ich völlig aufgegangen,“ erinnert er sich, „aber im Lauf der Zeit wurde mir klar, in welchem rechtlichen Zustand man sich während des Wehrersatzdiensts befindet. Es gilt die Wehrgerechtigkeit, und das bedeutet, dass auch bei Ersatzdienstleistenden die Grundrechte eingeschränkt sind. Sie können im Zweifelsfall zur Unterstützung von kriegerischen Handlungen herangezogen werden, und ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ist während des Dienstes eingeschränkt“. Gemeinsam mit zwei Freunden beschließt Werner Küppers, den Wehrersatzdienst zu verweigern. Sie tauchten unter, werden als dienstflüchtig verfolgt und begeben sich auf die Suche nach einem Rechtsanwalt mit großem Namen, mit dem sie ihren Fall als Präzendenzfall durchfechten könnten. „Damals sind wir zu vielen Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen gegangen, um ihnen das Problem des Ersatzdiensts bewusst zu machen und Geld für den Prozess einzusammeln. Auch bei Joseph Beuys haben wir geklingelt – zu dieser Zeit war er in Düsseldorf eine Person des öffentlichen Lebens. Von seiner Kunst habe ich damals nicht viel verstanden, aber als Person war er für mich glaubwürdig. Er hat sofort begriffen, worum es uns ging, hat in seine Westentasche gegriffen, 300 Mark herausgezogen und uns viele wertvolle Tipps gegeben. Das hat mich sehr beeindruckt.“
Doch der Plan, einen Präzedenzfall für die Ersatzdienstverweigerung zu schaffen, erweist sich als unrealisierbar. Der richtige Rechtsanwalt lässt sich nicht finden, und die Strafandrohungen häufen sich. Um noch die restliche Zeit abzuleisten, will sich Werner wenigstens wieder mit Kindern beschäftigen und übernimmt den Aufbau eines Kindergartens in einem Odachlosenprojekt. Die Gruppe von 30 Kindern aus schwierigsten Verhältnissen überfordert den knapp 20-Jährigen. Der Körper rebelliert. Werner steckt sich bei den Kindern mit Gelbsucht an und beschließt diesen Lebensabschnitt mit einer schweren Krankheit, die erst nach einer sechsmonatigen Phase in der Isolierstation endet. Ein befreundeter Künstler versorgt ihn dabei mit Literatur, so dass er diese Zeit wenigstens für intensives Lesen nutzen kann. Nach seiner Genesung beginnt er mit diesem Künstlerfreund eine längere Zusammenarbeit.
Ob er selbst mit dem Gedanken gespielt hat, sich an einer Kunsthochschule einzuschreiben und das „Künstler-Sein“ selbst zum Beruf zu machen? „Erstens hätte ich für ein Studium das Abitur nachholen müssen, aber gegen einen solchen Weg sprach vor allem mein Problem mit dem konventionellen Kunstbegriff: dass nur im geschlossenen System der Kunst deren Freiheits- und Qualitätsmerkmale gelten sollten. Mein Empfinden ging eher in Richtung von Joseph Beuys’ Aussage: ‚Jeder Mensch ist ein Künstler.‘ Damit ist nicht gemeint, dass jeder ein Maler oder Tänzer sei, sondern jeder Mensch kommt mit dem ganzen Potenzial des Künstlers auf die Welt, und dieses Potenzial kann nur dann frei werden, wenn er seine Bestimmung findet. Auch das Studieren selbst war mir suspekt. Alle meine Freunde studierten irgendetwas, und ich war oft empört, wie wenig wissbegierig sie waren, wie wenig sie lernten und wussten. Ich habe einige Abschlussarbeiten für Studenten geschrieben, die auch sehr gute Noten bekommen haben.“

Die Frauenrolle erleben

Um Geld zu verdienen, lässt sich Werner Küppers in einer von Frauen gegründeten Zeitarbeitfirma für Bürokommunikation anstellen. „Das war eine sehr interessante Erfahrung. In dem Unternehmen arbeiteten nur Frauen – und ich mit meinen langen Haaren. Während ich in den verschiedensten Firmen, für die wir als Vertretung arbeiteten, die typischen ‚Frauenarbeiten‘ verrichtete, gewann ich mehr und mehr die Einsicht, dass die Frauen im Grunde alles Wichtige in diesen Unternehmen tragen. Besonders aufschlussreich war die Reaktion der Männer, sie waren immer gehemmt, mich darum zu bitten, all die Besorgungen zu machen, die sie sonst von ihrer Sekretärin verlangten.“
In dieser Zeit interessieren Werner Küppers insbesondere die alternativen Lebensformen – Kommunen und Gemeinschaftsexperimente aller Art, die ihm auf den gemeinsamen Reisen mit seinem Künstlerfreund durch Europa und Amerika begegnen. Schließlich stößt er in Österreich auf ein Gemeinschaftsprojekt, das radikal anders ist als alles, was er bisher erlebt hat: die heute berüchtigte AAO-Kommune von Otto Muehl in Wien. Die Faszination ist so groß, dass er sich rückhaltlos auf dieses Experiment einlässt. „Ich habe mein gesamtes Eigentum und meine gesamte Arbeitskraft dort eingebracht. Dieses Kommune-Experiment schien mir radikal genug, um tatsächlich etwas Neues entstehen zu lassen. Zwei Jahre lang konnte ich dort hochinteressante Erfahrungen mit einer Gruppe von 60 bis 100 Menschen machen. Zum Glück habe ich die Gruppenprozesse gleichzeitig auch mit einer gewissen Distanz beobachtet. Seltsame Dinge sind da passiert, ein bisschen wie im ‚Herrn der Fliegen‘. Gott sei Dank habe ich nach zwei Jahren den Absprung geschafft. Es war nicht einfach, auszusteigen, ich hatte nur meine Kleider und einen Aktenkoffer mit geistigem Eigentum.“
Werner Küppers zieht an den Niederrhein in seine Heimatgegend, findet aber nicht wirklich Anschluss an seine alten Kreise und bleibt in einem Schwebezustand. „Die Begegnung mit einem kleinen Mädchen hat mich dann gerettet. Sie war noch kein Jahr alt. Ich bin mit der Mutter dieses Mädchens zusammengezogen.“ Die folgende Phase des „Vaterseins“ durchlebt er sehr intensiv. „Die Begriffe Verbindlichkeit und Orientierung fallen mir spontan ein, wenn ich an diese Zeit denke – im Umgang mit Kindern finde ich beides sofort. Wie die Kinder war ich immer auf der Suche nach dem Unbegrenzten.“ In der Kleinfamilie übernimmt Werner wiederum die weibliche Rolle, denn seine Partnerin arbeitet. „Jetzt musste ich kochen lernen, und bald konnte ich stricken, weben, putzen, den Garten anlegen, auf dem Markt einkaufen etc. Ich engagierte mich in einer Elterninitiative, und als meine Tochter in die Schule kam, war ich der Klassen-Papi, weil ich bei allen Veranstaltungen und Ausflügen immer mit dabei war. Stundenlang bin ich mit den Kindern umhergezogen und habe dabei gemerkt, wieviel Wissen in unserer Generation verlorengegangen ist. Kinder fragen nach allem, nach den Pflanzen, Vögeln, dem Wetter, der Erde – ich musste das selbst alles lernen, um ihre Fragen beantworten zu können.“ In Werners Erinnerung stellt diese Lern- und Lebensphase einen ungeheuren Luxus dar.
Doch irgendwann ist das Hausmann-Dasein ausgelebt, und die Sehnsucht, ein Studium zu beginnen, wird übergroß. Die Suche nach einer wirklichen Herausforderung, nach einer beruflichen Perspektive führt ihn auf eine Abendschule, um das Abitur nachzuholen. Doch das geht schief: „Die Lehrer in den ‚Gesinnungsfächern‘ Philosophie, Geschichte und Deutsch haben mir den Notendurchschnitt versaut“.
Schließlich bleibt er beim Beruf des „Schreibers“ hängen, wie er ihn bereits in der Zeitarbeitfirma praktiziert hat, und macht sich selbständig. In seinem Betrieb geht es um Massentextverarbeitung; Dokumente aller Art werden getippt, lektoriert und korrigiert. Das Geschäft läuft gut, doch die geringe Verbindung mit den Texten macht daraus keinen Lebensinhalt.

Die Bestimmung finden

Anfang der 90er-Jahre bekommt Werner eine Eintrittskarte zu einer großen Beuys-Ausstellung in Zürich geschenkt. „Erst dort habe ich schlagartig begriffen, was Beuys mit dem ‚erweitertem Kunstbegriff‘ gemeint hat. Ich habe ja mein Leben lang Kunst gemacht, fotografiert, gemalt und geschrieben, aber ich konnte nie etwas mit der konventionellen Künstlerrolle anfangen. Politik hat mich schon immer interessiert, aber für ein politisches Engagement fehlte mir ein sinnvoller Ansatzpunkt im bestehenden Parteiensystem. Beuys brachte nun beides zusammen, indem er zeigte, wie Kreativität im umfassenden Sinn in die Gestaltung des Gemeinwesens einfließen kann. Bei dieser Ausstellung wurde mir klar, welch weitreichende Forschungs- und Entwicklungs-arbeit Beuys bereits geleistet hatte, die man nur aufzugreifen und konsequent fortzusetzen brauchte. Mir wurde auch erneut bewusst, wie stark meine frühere Begegnung mit Beuys in Düsseldorf bereits einen wesentlichen Keim für meinen Weg gelegt hatte.“
In der Folge besucht Werner Küppers eine Reihe von Symposien, die sich mit Joseph Beuys’ Themen befassen. Dort begegnet er dem Künstler und Gesellschaftskritiker Johannes Stüttgen, der von Beginn seines Studiums an mit Joseph Beuys eine sehr enge Verbindung hatte. „Johannnes schien mir derjenige zu sein“, meint Werner, „der dafür sorgte, dass der Faden der Arbeit am ‚erweiterten Kunstbegriff‘ weitergesponnen wird. Das fand ich so wichtig, dass ich zu ihm sagte, was ich auch zu Beuys gesagt hätte, wenn ich damals die Dimension seiner Arbeit bereits verstanden hätte: ‚Brauchst du jemanden, der dir die Schuhe zuschnürt, der dafür sorgt, dass deine Vorträge gut organisiert sind und alles reibungslos läuft?‘ In den folgenden Jahren, in denen ich Johannes begleitete, hatte ich die Möglichkeit, bei ihm eine Art ‚inoffizielles Meisterstudium‘ zu absolvieren. Wir sind tausende von Kilometern gemeinsam im Auto gefahren, und ich habe hunderte seiner Vorträge gehört.“
Werner Küppers schmerzt, dass Johannes Stüttgens Vorträge meist vergängliche Kunstwerke sind. Wenn Stüttgen in der Vergangenheit Mitschriften von Vortragsmanuskripten zum Lektorat vorgelegt wurden, war das Resultat nach langer, quälender Arbeit meist ein eher kopflastiger Text, dem die „oratorische Wärme“ des Vortrags verlorengegangen war. Werner gelingt es, Vortragsmitschriften selbst redaktionell so weit zu bearbeiten, dass ein immer noch mit persönlicher Wärme aufgeladener, aufschlussreicher Text entsteht, an dem Johannes selbst kaum noch arbeiten muss.
Im Zug dieser Zusammenarbeit kommt Werner Küppers mit Initiativen wie dem „Mehr Demokratie e.V.“ in Kontakt, die sich im Sinn von Joseph Beuys für eine direkte Demokratie in Deutschland engagieren. Dabei trifft er auf Brigitte Krenkers, auf die der erste, damals noch blaue „Omnibus für direkte Demokratie“ zurückgeht, der von 1987 bis Mitte der 90er-Jahre in Deutschland unterwegs war. Politische Arbeit auf der Straße ist für Werner zunächst fremd. Als Brigitte Krenkers ihn eines Tages anruft und meint, „es geht um ein Volksbegehren in Bayern, du musst mitkommen und Unterschriften sammeln“, spürt er einen inneren Widerstand. Aber gleichzeitig weiß er, dass er über diese Schwelle gehen muss. Und siehe da, er findet vollständig in sein Element. „Es hat mir wider Erwarten jede Menge Spaß gemacht. Wir fuhren im Mai bei wunderbarem Wetter durch wunderbare Landschaften und waren immer im Gespräch mit Menschen. Während einer solchen Fahrt tauchte plötzlich der Gedanke in mir auf, dass ich den Omnibus für direkte Demokratie, von dem gerade eine Neuauflage in Planung war, fahren könnte.“
Der neue, weiße Omnibus, den Werner Küppers heute fährt, geht auf die Initiative einer jungen Frau zurück: auf Claudine Niehrt, die bereits als Schülerin von dem ersten Omnibus so begeistert war, dass sie beschloss, später selbst mit einem eigenen Bus unterwegs zu sein. Das Volksbegehren in Thüringen im Jahr 2000, das erste in einem neuen Bundesland, war schließlich der Anlass, diesen Plan in die Tat umzusetzen. „Jetzt oder nie, hieß es damals. Claudine hat den Omnibus gekauft, ausgebaut und in kürzester Zeit den Führerschein gemacht. Das war ein Wahnsinns-Kraftakt unter enormem zeitlichen Druck“, erinnert sich Werner. Einen Monat vor der Abstimmung rollt der Bus tatsächlich durch Thüringen. Werner Küppers begleitet Claudine auf der Jungfernfahrt als Copilot. „Biografisch ist bei mir in dieser Zeit irgendetwas ‚eingerastet‘“, meint er, „da war das instinktive Gefühl, als ziele mein Leben genau auf diese Aufgabe hin, ohne dass sich das bereits konkretisiert hatte. Denn der Omnibus war nach wie vor Claudines Projekt.“
Wenige Monate später ruft Claudine bei Werner an: Sie sei schwanger und wisse nicht, wie ihre Arbeit am Omnibus in der Zukunft aussehen könnte. Er sei jetzt an der Reihe. Das ist für Werner an diesem Punkt ganz selbstverständlich. Offenbar hat auch der Bus von Anfang an gewusst, zu wem er gehören würde: „Ursprünglich sollte der neue Omnibus elfenbeinfarben gestrichen werden, aber das wäre nichts für mich gewesen. Ich lebte in einer ganz weißen Wohnung und mag keine abgetönten Farben. Niemand konnte sich erklären, warum entgegen der ursprünglichen Farbvorgabe ein schneeweißer Bus aus der Lackiererei gekomen ist …“

Verantwortlich handeln

Fahrer des „Omnibus“ zu werden, bedeutete für Werner, sein ganzes bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Mit ihm würde der Bus nicht nur für einzelne Kampagnen unterwegs sein, sondern kontinuierlich von Stadt zu Stadt ziehen. Er würde seine Wohnung kündigen und seine Firma aufgeben. Hatte er denn keine Angst vor diesem Schritt? „Ich habe mich schon gefragt, wie ich unter solch beengten Verhältnissen überhaupt zurechtkommen würde, denn ich bin jemand, der viel Raum um sich braucht. Meine frühere Wohnung war sehr groß, und Camping konnte ich noch nie leiden. Aber der Bus ist anders als Camping. Es ist eher vergleichbar mit dem Gefühl, auf einem Schiff zu sein. Im Grund hat sich mein Raum durch das Leben im Bus noch erweitert.“
Trotz allem ist der Schritt aus dem bisherigen Leben in die neue Omnibus-Existenz kein einfacher. „Ich musste durch einen Nullpunkt, durch einen Todespunkt hindurchgehen“, berichtet Werner aus dem Winter vor seinem ersten Busfahrerjahr. „Alles war zwar nur noch eine Frage des Wie, aber ich habe das Wie nicht gesehen, und das hat mich regelrecht zur Verzweiflung getrieben. Die größte Schwierigkeit war, die Strukturen zu klären, wie ich den Omnibus im Rahmen der bestehenden Zusammenhänge selbstverantwortlich übernehmen könnte. Für mich war klar, dass ich selbst die Verantwortung dafür trage, ob das Projekt funktioniert oder nicht, auch in Hinblick auf die Finanzierung. Wenn man nicht auch unternehmerisch denkt, ist das alles nur Kitsch.“
Der Omnibus lebt heute durch einen Kreis von rund 3000 Unterstützern, die ermöglichen, dass jeden Tag auf der Straße irgendwo in Deutschland über direkte Demokratie diskutiert wird. Werner Küppers versteht diese Arbeit als Bewusstseinsbildung im umfassenden Sinn. „Man könnte meinen, bei dieser Arbeit ginge es in erster Linie ums Sprechen und Informieren, stattdessen geht es viel mehr ums Zuhören. Die Herausforderung besteht darin, die Beurteilungsmaschinerie, die alle Menschen in ein Raster von Sympathie-Antipathie presst, innerlich so weit zum Schweigen zu bringen, dass man jedem die gleiche Stimme einräumt. Das ist die innere Übung der Demokratie. Wenn das gelingt, tun sich Welten auf, dann kommen die Geschichten aus den Menschen heraus. Jetzt kann man in den Gesprächen bei der Selbstschätzung ansetzen, denn erst, wenn ich mir selbst eine Stimme zugestehe, werde ich sie auch politisch fordern. Um darüber mit Menschen sprechen zu können, muss ich das erst selbst mit Authentizität tun.“
Das klingt nach einer Arbeit, bei der es eher um langsame Bildungsprozesse als um schnelle Erfolge geht. Empfindet er das nicht manchmal als ermüdend? „Mit der Zeit bin ich viel ruhiger und gelassener geworden“, meint Werner Küppers. „Ob ich die Einführung der bundesweiten Volksabstimmung noch erlebe, ist für mich immer weniger wichtig. Das erste Gesetz dieser Art wird sowieso weit vom Ideal entfernt sein – wenn es ein solches geben sollte, wird die Arbeit erst richtig anfangen. Die Entwicklung unserer Mündigkeit ist etwas, das nie aufhört“, ist Werner Küppers überzeugt. „Es lohnt sich auf jeden Fall, ein permanentes Gespräch über die Idee der Demokratie zu führen. Viele unserer Gespächspartner haben sich noch nie Gedanken dafüber gemacht. Wenn wir sie dann nach Jahren zufällig wieder treffen, erzählen sie, dass das Thema viel in ihnen bewegt hat.“
Kaum jemand glaubt heute noch an das Parteiensystem, viele wünschen sich eine „ganz andere“ Politik, nur niemand weiß, wie das funktionieren soll, und so grassieren Ratlosigkeit und Politikverdrossenheit. Nicht so bei Werner Küppers. Er sieht „das Neue“ schon überall entstehen. Besonders freuen ihn die neuen Verbindungen zwischen der Bewegung für direkte Demokratie und der globalisierungskritischen Bewegung. „Sie haben realisiert, dass unter der Prämisse der Gewaltlosigkeit direktdemokratische Mittel die einzigen sind, die uns überhaupt zur Verfügung stehen.Viele Bürgerentscheide beschäftigen sich mit globalen Themen, beispielsweise ist Crossborderleasing erst durch direkte Demokratie überhaupt ins öffentliche Bewusstsein gekommen. Die Bürgerproteste haben mittlerweile Auswirkungen bis in die Gesetzgebung Amerikas.“
Auch in Werner Küppers’ Omnibus-Leben spielen Kinder und Jugendliche nach wie vor eine wichtige Rolle. Seit einigen Jahren nimmt er regelmäßig Schülerpraktikanten mit auf die Reise. „Es ist jedesmal eine wunderbare Erfahrung, wie sich die jungen Leute voll auf die Themen einlassen. Wir nehmen sie als Partner in unser Team auf, und sie lernen ganz von selbst, zu sich zu stehen und frei zu den Menschen zu sprechen. Die Gesprächspartner am Omnibus sind oft sehr beeindruckt, dass sich schon 17-Jährige so engagieren. Manche der Schüler werden sogar zu regelmäßigen Mitarbeitern. Diese Erfahrungen mit den jungen Leuten gehört mit zum Schönsten, was wir im Omnibus erleben.“
Dann ist er also glücklich mit seinem Zigeunerleben? „Während ich mit dem Omnibus unterwgs bin, mangelt es mir an gar nichts. Was mich ernährt, ist das Gefühl, ganz nah am Puls des Lebens zu sein. Zwar habe ich keine Privatsphäre und nur eine dünne Haut zwischen mir und der Außenwelt. Die Leute auf der Straße können mir jeden Tag auf den Frühstückstisch schauen, aber das macht mir nichts aus.“ Tatsächlich vermittelt Werner das Bild eines in sich ruhenden Menschen, der sein Zent-rum in seinem Inneren gefunden hat. Gewisse äußere Rituale scheint er aber doch zu brauchen, damit alles im Lot bleibt: Unsere Einladung zum Frühstück im Grünen lehnt er ab, denn sein rituelles Bus-Frühstück, das er in immer genau gleicher Weise zelebriert, ist als Fixpunkt des Tages nicht wegzudenken … ´


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Mallien, Lara

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