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Cyborg Park
erschienen in Ausgabe 146  PDF-Version (327.01 KB)
Eine satirische Betrachtung über die babylonische Kommunikationsverwirrung im Digitalzeitalter.

Als Medienmuffel bekannt, geht Gandalf Lipinski in diesem zweiteiligen Artikel auf Gegenkurs zum Mainstream. Nicht im Internet oder in den E-Mails an sich sieht er das Problem, sondern in der Bewusstseins-trübung, die sich als Folge eines zu unkritischen Gebrauchs abzeichnet. Er sieht ihre Funktion als Trainingsfeld für ein immer stromlinienförmigeres Kommunikationsraster im Dienst neoliberaler Ideologien.


Beginnen wir mit etwas Alltäglichem! Neulich beschwerte sich ein Freund darüber, dass ich keine Post mehr von ihm annehmen wolle. Was war geschehen?
Zuerst war da das Schreiben, welches beim Öffnen meinen Schreibtisch versengte. Ich öffnete das Briefkuvert, und mit leisem Fauchen entwich eine unbekannte Substanz. Sie fraß ein Loch in Größe des Briefumschlags in meine Schreibtischplatte. Das herausgeätzte, gebrannte Stück Schreibtisch fiel heiß und scharfkantig auf meine unbekleideten Füße. Dann folgten mehrere leere Umschläge, schließlich einer, beschrieben in einer mir völlig unbekannten Sprache. Noch bevor ich dazu kam, telefonisch nachzufragen, was das denn alles bedeute, kam der nächste Brief von meinem Freund. Dieser explodierte, sobald er mit dem Schreibtisch in Berührung kam. Wichtige Papiere und Unterlagen, an denen ich gerade arbeitete, brannten sofort lichterloh. Meine Arbeit von Monaten war vernichtet. Ich hatte gerade den Löscheinsatz beendet, als der Postbote zwei große Pakete ablieferte. Als ich diese sehr vorsichtig und vor der Haustür öffnete, fand ich lediglich hunderte oder tausende an mich adressierte Briefe vor. Ich wagte, einen zu öffnen. Nichts geschah! Lediglich ein Satz vom Absender besagte, der Inhalt der vielen anderen Briefe sei sicher sehr interessant für mich. Todesmutig öffnete ich vier weitere Briefe. Zwei davon waren leer, einer wieder in jener unbekannten Schrift, und der vierte bestand aus der bedeutungsschweren Mitteilung: „Ihre unsachgem..x..yzbrrffft! Bitte allezzzurtxschsyolnkvwouhgrf...“. Ich genehmigte mir einen guten Brandy und ein Buch und ging zu Bett. Am nächsten Morgen weckte mich meine Frau empört, was ich denn da bestellt hätte; sie käme jetzt nicht mehr mit dem Auto aus der Garage. Und wirklich, die Fahrer von drei Lastzügen waren gerade damit beschäftigt, dutzende von schweren Paletten voller ähnlicher Pakete wie am Vortag vor unserem Grundstück abzuladen. Auf allen waren Zettel mit meiner Adresse. Auf meine Beschwerde entgegnete einer der Männer, ich solle doch froh sein, nie zuvor hätte ich früher von der alten Post soviele Briefe an einem Tag erhalten. Außerdem ginge es jetzt viel schneller. Schneller als man telefonisch mit dem Absender Kontakt aufnehmen könne, würden nun Pakete mit tausenden von Briefen nachgeliefert. Der Vorteil läge auf der Hand. Ich bräuchte sie ja nicht sofort lesen, könne sie in Ruhe auch später anschauen und beantworten, wann ich wolle. Auf meine Frage, wie ich denn nun herausfände, welcher Brief wirklich wichtig sei, meinte er nur voller Enthusiasmus, das Porto bei dieser Versandfirma würde pro Brief nur noch bei 0,001 Cent und bei denen aus den auf Paletten gestapelten Kisten auf nicht ganz 0,00013 Cent kommen.
An dieser Stelle will ich der Versuchung widerstehen, die Geschichte immer weiter zu treiben. Wenn ich nun noch schildern würde, was mein Freund alles sagte, der ja darauf bestanden hatte, dass wir nur noch über diese neue Versandfirma miteinander kommunizieren, könnte daraus schnell ein Buch werden. Zusammengefasst liefen seine Vorwürfe darauf hinaus, dass ich wohl zu nostalgisch veranlagt, persönlich auf unseren alten Postboten fixiert und vielleicht sogar technikfeindlich sei. Ich müsse ja nur die achthundert Seiten Kleingedrucktes im neuen Kommunikationsversorgungsvertrag lesen, ein oder zwei Spezialkurse besuchen, meinen inneren Widerstand aufgeben – und so weiter und so fort.

Der einzige Weg der Kommunikation?

Bezogen auf echte Briefe mag die ganze Geschichte zugegebenermaßen etwas skurril und an den Haaren herbeigezogen sein, bezieht man sie dagegen auf E-Mail-Kontakte, so ist sie auf einmal schrecklich banal. Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin kein Technik- oder Fortschrittsfeind. Ich kritisiere hier die Arroganz der neuen Stromlinienförmigkeit, die eine gesunde Skepsis gegen allzu blauäugige und kritiklose Euphorie über die neuen Medien schnell auf die Person des Kritikers oder Mahners zurückwirft und als dessen private Macke entwertet.
Ja wirklich, es gibt diese Unsäglichkeiten „in echt“, wenn ich etwa nach Wochen von jemandem höre: „Ich hatte keine E-Mail-Adresse von dir, deswegen wusste ich nicht, wie ich dich erreichen kann.“ Wurden da seit der Zeit der Buschtrommel, der Rauchzeichen und der Brieftaube nicht noch andere Wege ersonnen? Dann sind da noch die Sprüche: „Du solltest dir endlich mal eine E-Mail-Adresse zulegen, sonst können wir anderen irgendwann eben nicht mehr mit dir kommunizieren!“ oder „Also gerade wenn du Menschen ansprechen oder etwas in der Öffentlichkeit bewegen willst, musst du übers Internet gehen!“

Nur so dahingesagt …

Und da ich in mehreren Organisationen mitarbeite, wo sich noch Gruppen von Menschen „in echt“ zusammensetzen, erlebe ich immer wieder das gleiche Ritual: Ein ansehnlicher Teil der gemeinsamen Sitzungszeit besteht in den mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen, die Missverständnisse und Kommunikationsunfälle der Zwischenzeit aufzuklären, die im elektronischen Bereich entstanden. Ja es gibt sogar Konflikte, die speziell aus der elektronischen Kommunikationsform erwachsen. Worte und Formulierungen werden in Mails oft wie in mündlicher Sprache gehandhabt. Das schafft Verletzungen. Da sie nicht gesprochen werden, fehlen den Worten die notwendigen „Begleitinformationen“, welche die gesprochene Sprache auszeichnen. Da sie aufgeschrieben werden, suggerieren sie oft die magische Pseudo-Objektivität des geschriebenen Wortes. Die Worte werden aber oft einfach „vor sich hin gelabert“ und entbehren meistens der Sorgfalt, der wir uns bei echten Briefen befleißigen. Einige der daraus entstandenen Missverständnisse konnten ganz leicht geklärt werden, nachdem ich den Kontrahenten ein persönliches Telefonat nahegelegt hatte. Andere sind zu „Staatsaffären“ ausgeufert, weil es ja über Mailing-Listen und ähnliches so wahnsinnig leicht gemacht wird, jeden privaten Furz gleich hunderten von zunächst Unbeteiligten aufzudrängen.
Manchmal bin ich dann Zeuge, wie ein echter Experte, also jemand, der wirklich wie ein Fisch im Wasser mit den neuen Medien kommuniziert, einem Skeptiker oder auch nur einem Ungeübten zeigen will, wie einfach es doch geht. In mehr als der Hälfte der Fälle funktioniert es dann ausgerechnet in diesem Fall nicht. Vorführeffekt? Schwarze Magie von Maschinenstürmern? Große Fragezeichen also von mir an die Mär von der Einfachheit für Jedermann und vor allem an das Märchen vom Zeitgewinn.
Und dann noch der Mythos, Kommunikation via neue Medien sei billiger als Post und Telefon! Da könnte man jetzt gut mit dem Beispiel von den Kosten des Autofahrens kommen. Auch hochintelligente Akademiker habe ich schon argumentieren hören, mit den Benzinkosten müsse die Sache doch abgegolten sein, weil man doch sowieso das Auto besitze. Ja, wenn man so denkt, dann mag es hinkommen mit der Billigkeit der Versandkosten einer einzigen E-Mail. Doch was ist mit den Anschaffungskosten für Hard- und Software, deren Kompatibilität sich mit beschleunigter Fortentwicklung rasant minimiert, mit Virenschutzprogrammen, Updatings, Kurskosten, Reparaturkosten, anfallenden Folgekosten bei zusammenbrechenden Systemen und den theoretischen Summen, die entstünden, wenn man die eigene Arbeitszeit, die nur in den Aufrechterhalt der sensiblen „Kommunikationssysteme“ investiert wird, mitberechnen würde? Manch wackerer Autofahrer, der hier sehr präzise rechnet (und dabei doch den Straßenbau, Unfallfolgen und Umweltbelastungen „vergisst“) und dabei zu beachtlich geringen Kilometerpauschalen kommt, übersieht dennoch gerne einen großen Teil der tatsächlichen Kosten, die ihm bei seinen „neuen Medien“ entstehen.
Nun kann ich mir gut vorstellen, wie bei dem einen oder anderen Leser der Gedanke entsteht: „Worauf will er denn nun hinaus? Wir können doch gar nicht mehr ohne diese Technologie! Es gibt keinen Weg zurück!“ Und genau darum geht es! Es geht um wollen und können. Wie wollen wir es denn bitteschön wirklich? Und welche Chance haben wir, die Medien in selbstbestimmter Weise zu nutzen? Weniger in den technischen Möglichkeiten, sondern in den gesellschaftlichen Rastern und unserem Bewusstsein schläft das Problem. Könnte es sein, dass unser Bewusstsein, jedenfalls in der Breite, noch nicht reif ist für den sinnvollen Umgang mit der modernen Informationstechnologie? Und könnte es außerdem vielleicht sein, dass uns ein wirklich selbstbestimmter Zugriff auf technische Möglichkeiten bewusst vorenthalten wird, damit wir das kaufen, von dem andere wollen, dass wir es kaufen? ´


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Lipinski, Gandalf

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