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Männlichkeit und Vergänglichkeit
erschienen in Ausgabe 146  PDF-Version (208.49 KB)
Das Jahresrad als Symbol für Kontinuität und Entwicklung

In alten Zeiten musste der König zuerst das Land heiraten, bevor er sich eine Frau nehmen durfte. Und wenn es einmal ganz schlecht aussah für Land und Leute, dann war es die heilige Pflicht und das Privileg des Königs, sich als Opfer hinzugeben, um den Segen der göttlichen Kräfte wieder auf das Land zu ziehen. Der König als Heros der Göttin, dessen vornehmste Pflicht es ist, der Gemeinschaft zu dienen. Ein Abglanz dieses alten keltischen Mythos lebt noch in einigen Fassungen der Artus-Sage.
Lughnasad, das Schnitterfest, oder Lammas Anfang August ist in der irischen Tradition auch das Fest des Königs. In jenen Tagen, da auf der grünen Insel noch viele Kleinkönigreiche in Dauerfehde miteinander lagen, soll um diese Zeit ein Fest von bis zu zwei Wochen Dauer die Krieger der verschiedenen Stämme zu friedlichen Wettkämpfen geeint haben.
Das Fest des Hochkönigs im Herzen des Sommers steht auch symbolisch für die volle Entfaltung des männlichen Prinzips im Verlauf des Jahresrads. Für eine kurze Zeit ist er nun an der Seite der Göttin in seiner höchsten Potenz getreten. Das phallische Prinzip auch in der Natur überstrahlt fast für einen kurzen Moment den dauerhaften Glanz seiner unsterblichen Gemahlin. Bald darauf kehrt der Herr des Sommers in die Nacht zurück. Er gibt sich hin und wandert dann wieder auf den Pfaden des Todes, von wo aus er an Jul als neuer Lichtimpuls wiedergeboren wird.
Aber auch die Göttin wandelt sich. Ihre fruchtbarste Zeit beginnt jetzt und wird zur Herbsttagundnachtgleiche an Mabon mit der Verwandlung zur schwarzen Göttin, zur Mutter von Nacht und Wiedergeburt enden. Während das weibliche Prinzip im Lauf des Jahresrads sich von der jungfräulichen, weißen Jägerin über die rote Königin der Fruchtbarkeit zur schwarzen, alten Weisen wandelt, muss das männliche Prinzip vergehen, um aus dem Schoß der Nacht neu entstehen zu können.
Welch eine Herausforderung an das männliche Bewusstsein gerade unserer Tage! Welche Herausforderung an unsere Kraft zur Hingabe und unser Vertrauen gegenüber dem Leben! Was könnte eine solche männliche Haltung für die heutige Zeit bedeuten?
Andererseits: Haben wir denn nicht allen Grund, keinerlei Zeit mit solchen alten Mythen zu verschwenden und uns stattdessen lieber auf die katastrophalen Entwicklungstendenzen unseres Planeten und unserer Gesellschaft zu verweisen?
Und doch! Gerade jener Teil der kulturell Kreativen, der nun mit wachsender Wachheit die Prozesse in unserer Gesellschaft verfolgt und sich wieder aufgefordert fühlt zu verantwortungsbewusstem Handeln, gerade jene positiven männlichen Kräfte in uns also, die die „Königsverantwortung“ im alten Sinn wieder in sich spüren, tun gut daran, auch das Mysterium der Vergänglichkeit wieder gelassen wahrzunehmen. In diesem Mysterium liegt ein gegenläufiger Impuls zum Anhäufen von Macht und Reichtum, wodurch das patriarchale Europa nun Jahrhunderte lang geprägt wurde.
Es ist ja kein Zufall und nicht nur dem praktischen Umgang mit den verschiedenen Ferienterminen geschuldet, dass die Holon-Sommertagungen stets zu Lughnasad stattfinden. Nur wenn wir einwilligen in das Prinzip von Werden undVergehen können wir auch ernten! Und: Der Erfolg all unserer Bemühungen ist nicht einklagbar. Er bleibt ein Geschenk.
So ist es ebenfalls kein Zufall, wenn die gemeinsame Herbsttagung von Holon und Konvergenz jeweils zu Mabon, zur Herbsttagundnachtgleiche stattfindet. Auch wenn die wenigsten von uns noch in einen landwirtschaftlichen Alltag eingebettet sind, greifen wir doch damit das Prinzip des Erntedanks auf und wollen so unsere kreativen, künstlerischen, geistigen, praktischen und politischen „Produkte“ oder Erfolge nicht einfach sang- und klanglos einkassieren, sondern sie feiern und dafür danken.
Während wir zu Lughnasad auf der Holon-Tagung gemeinsam das „Zehnjährige“ des Holon-Netzwerks gefeiert haben, so ist nun auf der Herbsttagung an Mabon das „Zehnjährige“ der Konvergenz-Gesellschaft an der Reihe! Gemeinsam laden wir vom 22. bis 24. September ins Gästehaus Leestahl in der Lüneburger Heide ein. Im „Cafe Sommerland“ möchten wir die Arbeit der letzten zehn Jahre und die Menschen, die sie trugen, würdigen. Themen, Vorhaben und die Sinnlinien dieser Zeit sollen reflektiert und weiterentwickelt werden. Zudem möchten wir das Projekt „Sommerland“ vorstellen und den Herbstbeginn rituell gemeinsam feiern. Wir laden dazu alle Kräfte ein, die uns wohlgesonnen sind und uns bisher schon unterstützt haben, um uns bei ihnen zu bedanken. Wir laden aber auch ganz konkret die Menschen ein, die die Konvergenz-Gesellschaft in den verschiedensten Phasen und auf die verschiedensten Arten und Weisen getragen und weitergebracht haben. Selbstverständlich sind auch alle Mitglieder von Holon und alle weiteren Menschen eingeladen, mit uns gemeinsam einen goldenen Herbstbeginn zu genießen und einen wohlwollenden Blick in die Zukunft des Gemeinschaftsprojekts Sommerland zu werfen. ´


  Autoren

Lipinski, Gandalf

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