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Andere Welten gibt es schon!
erschienen in Ausgabe 146  PDF-Version (190.02 KB)
Claudia Flatten und David Moya berichten vor ihrer Forschungsreise zu Gemeinschaften in Europa. Teil 3.

In der letzten Ausgabe haben die beiden Forschungsreisenden Claudia Flatten und David Moya ausführlich über die Aktivitäten der französischen Initiative ASPAARI, eine Art Tausch- und Wissensbörse für die ländlichen Regionen der Bretagne, berichtet. In dieser Ausgabe geht es um weitere interessante Netzwerke in Frankreich.


Netzwerke entstehen in Frankreich aus dem starken Bedürfnis heraus, Kontakte auszutauschen und sich in einer Region über die Familie hinaus zu vernetzen. Wie wir am eigenen Leib erfahren konnten, ist die Bereitschaft groß, jemanden weiterzuvermitteln, wenn dieser irgendetwas sucht. So gibt es zum Beispiel Projekte zum Austausch von Übernachtungsmöglichkeiten, Service-, Wissens- oder Informationsbörsen unterschiedlicher Art, soziale Stadtviertel-Vereine, jede Menge Foren zu unterschiedlichen Themen und auch viele solidarische Projekte für ländliche -Gebiete. Meist handelt es sich um individuelle bzw. -Familienprojekte oder kleinere Gruppen mit einer großen Tausch- und Hilfsbereitschaft. So entsteht ein vernetztes Kollektiv, in dem jedoch jeder Einzelne den Grad der Nähe selbst bestimmt.

Tauschbewegung mit eigener Währung

Ein sehr bekanntes Netzwerk-Projekt ist etwa SEL’idaire, eine weitreichende Tauschbewegung mit eigener „Währung“. Im Jahr 1995 aus Übersee nach Frankreich gebracht, findet man heute viele verschieden ausgerichtete SEL’idaire-Initiativen im ganzen Land. Lokale Zahlungseinheit ist der graine (Samenkorn), der nicht gegen Euro eingelöst werden kann. So wird z.B. für eine Stunde Sprachunterricht eine bestimmten Menge graines „bezahlt“, für die der Unterrichtende später ein anderes Angebot seiner Wahl einlösen kann. Wie viele graines für welche Dauer und Art der Dienstleistung oder Ware angerechnet werden, hängt von den Vereinbarungen der jeweiligen Gruppe ab. Durch das System einer solchen lokalen Währung können Menschen ihr Wissen und Können auch außerhalb des öffentlichen Wirtschaftssystems anbieten bzw. Angebote wahrnehmen, die sie sich sonst nicht leisten könnten. In Deutschland kennen wir ähnliche Projekte der Lokalwährung, wie z.B. den „Roland“ in Bremen oder den „Chiemgauer“ in Bayern. Alleine in der Region um Montpellier gibt es an die zehn unterschiedliche SEL’idaire-Gruppen. Einmal jährlich findet ein landesweites Treffen der SEL-Mitglieder statt, auf dem man den jeweils neuen Katalog mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und deren Tauschangeboten erhält. Die „Route des SEL“ ist ein Tauschring für private Übernachtungsmöglichkeiten, teilweise auch mit Verpflegung. Dank dieses Konzepts können Mitglieder nicht nur eine Nacht „kostenlos“ in einer fremden Region bei anderen Teilnehmern übernachten, sondern manchmal sogar deren Ferienhäuser außerhalb der Saison oder deren leerstehende Wohnung während der Ferienzeit nutzen. Auf diese Weise sind wir selbst einmal in -Avignon sehr nett und freundlich untergekommen. Kurzfristig wurden wir eingeladen, einen Wochenendkurs über den Eigenbau von Solaröfen zu geben. Die Übernachtung bei einem SEL-Mitglied war die Rettung auf der Suche nach einer Schlafmöglichkeit zu Messe-Zeiten in Avignon. Außerdem hatten wir so nicht nur einen gemeinsamen schönen Abend mit interessanten Gesprächen, sondern auch zusätzlich jemanden zur Seite, der uns mit viel Vergnügen durch Avignon führte.
Über die „Route des Stages“ werden Kurse, Seminare und Praktika angeboten. Sowohl die Angebote der Netzwerke der Route des SEL als auch die der Route des Stages sind auf deren Homepage oder der entsprechenden SEL-Liste einsehbar. Die „SEL’idées“ umfassen Dokumentationen zu innovativen Tausch- und Gemeinschaftsnutzungsstrategien, wie z.B. Carsharing oder Lebensmittelkooperativen. In der „Echanges“, der Zeitschrift von SEL’idaire, werden die Neuigkeiten des Gesamtnetzwerks bekanntgegeben.
Eine „Caravane des SEL“ findet in den Sommermonaten statt und soll dazu beitragen, dass sich SEL-Mitglieder und -Projekte aus unterschiedlichen Regionen kennenlernen; außerdem wird auf diese Weise auch die Route des SEL und die Route des Stages belebt.

Alternative Bildung und Information

Es gibt einen bekannten nationalen Verein zur Förderung der Education populaire (Volksbildung) mit dem Namen RELIER, (Réseau d’Expérimentations et de Liaisons des Initiatives en Espace Rural). Ziel des 1984 gegründeten Vereins ist es, Orte des Austauschs und die Bildung von Netzwerken im ländlichen Raum zu schaffen und anzuleiten. Dank der direkten Verbindung mit diversen offiziellen Einrichtungen verfügt RELIER stets über die neuesten Informationen. Auf der Internetseite des Projekts findet man Texte zu unterschiedlichen Initiativen im ländlichen Raum und in einem Anzeigenteil Job- und Landangebote. RELIER versteht sich als „Netzwerk zum Experimentieren“ und setzt sich ein für die Förderung von Projekten, die einer sozialen und solidarischen Wirtschaftsidee folgen.

Produzenten-Konsumenten-Gemeinschaften

Ein weiteres interessantes Programm für den Erhalt kleiner Bio-Landwirtschaftsbetriebe bietet der Verein AMAP (Association pour le Maintien d’une Agriculture Paysanne). Entsprechend der Devise „Lokal produzieren und konsumieren“ bildet er die Verbindungsstelle zwischen einer Gruppe Konsumenten und einem landwirtschaftlichen Betrieb, meist an Stadtrandgebieten gelegen. Die Käufer entscheiden gemeinsam mit dem Landwirt, welche Produkte angebaut, wie die Lieferungen an den Kunden organisiert werden, wieviel ein jährliches Abonnement kosten soll und welche Anbaumethoden eingesetzt werden. Um den Preis eines Abonnements zu errechnen, werden alle Ausgaben des Landwirts inklusive Gehälter, Investitionsgüter, Arbeitsmaterial oder Transportkosten berücksichtigt und unter den AMAP-Mitgliedern aufgeteilt. Alle nehmen teil an den administrativen Tätigkeiten des Vereins. Die Käufer bezahlen bereits im Voraus für jeweils sechs Monate ihre Rationen, damit der Landwirt mit diesem Geld wirtschaften kann. So kann er seine Tätigkeiten planen, ohne Angst vor eventuellen Schulden, weil z.B. eine Ernte schlecht verlaufen könnte. Im herkömmlichen Konzept des Direktverkaufs oder der Abo-Gemüsekörbe kann die Unregelmäßigkeit der Käuferzahl unter Umständen zu katastrophalen Konsequenzen für den Landwirt führen. Hier wird dieses Risiko unter allen Beteiligten aufgeteilt. Im Gegenzug dazu verpflichtet sich der Landwirt zur Produktion hochwertiger ökologischer Ware und dazu, seinen Hof so transparent wie möglich für alle Vereinsmitglieder zu gestalten.
Die AMAP „Lamalou“ beispielsweise erscheint einmal wöchentlich im Zentrum Montpelliers mit einer Busladung frischer Ware aus den Cevennen. Die Produkte werden zwischen allen anwesenden Mitgliedern aufgeteilt. Oft erhält man auch ein kleines Infoblättchen mit den Neuigkeiten vom Hof oder Rezepten für die jeweils saisonale Lieferung. Außerdem organisiert das AMAP-Komitee Ausflüge zum Hof, so dass die Mitglieder den Landwirt, dessen Betrieb und die jeweiligen Arbeitsabläufe auch persönlich kennenlernen. AMAPs unterstützen zudem die Umstellung konventioneller Kleinbetriebe in Bio-Betriebe. Nicht nur das soziale Netz unter den Käufern, sondern auch die Verbindung zwischen Stadt und Land werden gefördert, was gerade für Kinder und Jugendliche pädagogisch sehr wertvoll sein kann. Oft werden auf dem Hof Kinder-Nachmittage, Thementage oder traditionelle Kochkurse angeboten, und auch das persönliche Mitarbeiten ist möglich. Durch die eigene Erfahrung in der landwirtschaftlichen Tätigkeit erkennen die Mitglieder in der Regel auch ästhetisch nicht perfekte Ware als gesundes und einwandfreies Nahrungsmittel an. Es wird insgesamt weniger Abfall produziert und Verpackungsmaterial benötigt. Die ersten AMAPs entstanden in den 60er- und 70er-Jahren in Japan unter dem Namen Teikei (Beziehung). In Frankreich floriert diese Idee erst seit dem Jahr 2001, hat aber seitdem schon fünfzig AMAPs im Lande hervorgebracht.

Soziales statt materielles Wachstum

In Frankreich ist das Wort développement durable (nachhaltige Entwicklung) in aller Munde – wenn es auch immer weniger bedeutet: selbst Autohersteller werben mittlerweile mit diesem Begriff. So hat sich in den letzten Jahren eine parallele und neue Bewegung entwickelt: die „Décroissance“ („Ent-Wachstum“ im Sinne von Schrumpfen). Sie versteht sich als eine persönliche und kollektive Lebenshaltung, die auf dem Verzicht von überflüssigen Konsumgütern und dem dafür notwendigen Raum-, Energie- und Dienstleistungsverbrauch basiert. Die Anhänger dieser Bewegung fordern ein wirtschaftliches Schrumpfen, eine Neuorientierung in der gesellschaftlichen Ziel- und Erfolgsdefinition. Wachsen sollen lediglich die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Zahl der Gemeinschaften, die Zeit, die man sich für sich und andere nimmt, Gesundheit und Sicherheit. Die Bewegung richtet sich hauptsächlich an die bevorzugten Industriestaaten unseres Planeten, in denen 20 Prozent der Erdbevölkerung 80 Prozent der globalen Ressourcen für sich beanspruchen. Das Ent-Wachstum versteht sich dabei nicht etwa als ein gescheitertes Wirtschaftswachstum oder als Krise, sondern als ein bewusst vollzogener Paradigmenwechsel. Lokale Wirtschaftssysteme sollen verbreitet und unterstützt werden. Erstes Ziel der Bewegung ist es, den gesellschaftliche Diskurs anzuregen. Hierfür organisieren sogenannte colporteurs de la décroissance (etwa: „Botschafter der nachhaltigen Wachstumsrücknahme“) Konferenzen, Debatten, Nachbarschaftstreffen, lokale Aktionen, Bürgercafés, Umfragen oder Ausstellungen, um Gespräche über alternative Lebens- und Wirtschaftsformen zu fördern.

Ideen durch das ganze Land tragen

Der Wander-Colporteur François Schneider ist letztes Jahr mit seinem Esel Jujube unter der Überschrift „Marche de la décroissance“ durch die Lande gezogen und hat solche Konferenzen ausgerichtet. Auf diese Weise kam er auch nach Montpellier, wo wir ihn kennenlernten. Zuerst legte er in seiner Veranstaltung anhand von Schautafeln einige Fakten zur aktuellen Weltsituation dar und machte auf Ursachen dieser Missstände aufmerksam. Im Anschluss an eine Diskussion über seinen Vortrag und seine Handlungsvorschläge teilte er die Zuhörerschaft im Saal in Diskussionsgruppen auf. In einer ersten internen Vorstellungsrunde präsentierten Einzelne ihre Ideen, die sie jeweils im Laufe ihrer bisherigen Suche nach Alternativen entdeckt oder entwickelt hatten. François ist anschließend im Sommer letzten Jahres unter dem Projekttitel „Marche de la décroissance“ mit vielen Anhängern aus dem ganzen Land mehrere Wochen durch Südfrankreich gewandert, um mit den Menschen über die Ideen des Ent-Wachstums sprechen zu können und diese auf direkte Art und Weise erlebbar zu machen.
Die Bewegung der Décroissance vertritt die Ansicht, dass politische Entscheidungen Angelegenheit aller sind. Ihre Zeitung wendet sich somit an ein möglichst breites Publikum. Sie versucht, jede Initiative zur freiwilligen Einfachheit zu unterstützen. Es besteht für die Mitglieder kein Zweifel daran, dass ökologische und soziale Fragestellungen eng miteinander verbunden sind. Es wird kein konkretes Modell angepriesen, da die Vertreter der Bewegung davon überzeugt sind, dass eine gerechtere und ökologischere Gesellschaft nur gemeinsam entwickelt werden kann und somit erst noch entdeckt und erarbeitet werden muss. ´


Claudia Flatten (32) hat nach ihrer Bildhauerlehre System-design studiert. Seit ihrem Abschluss arbeitet sie im Bereich der nachhaltigen und ländlichen Regionalentwicklung. David Moya (30) hat sich nach dem Studium der Bio-logie der Anthropologie, dem Studium des menschlichen Verhaltens und des kulturellen Wandels gewidmet.Kontakt: OISA.info@gmail.com.>




Weiterführende Informationen:

zur Tauschbewegung:
www.selidaire.org
zur alternativen Bildung und Information:
www.relier.info
zu den Produzenten-Konsumenten-Gemeinschaften:
www.fr.wikipedia.org/wiki/AMAP
oder www.alliancepec.free.fr/Webamap/index.php
zur Decroissance:
www.decroissance.info
und http://de.wikipedia.org/wiki/Nachhaltige_Wachstumsrücknahme.


  Autoren

Claudia Flatten, David Moya

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